G’schamster Diener

G’schamster Diener (heute auch gschamster; manchmal kschamster; früher selten kaschamster, besonders in Ungarn[1] und Slowakei/Mähren[2]) ist eine österreichische Begrüßungs- wie auch Verabschiedungsformel.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

G’schamster kommt nicht von sich schämen. Die Etymologie verweist auf das jiddische šam(m)es, was „Synagogendiener, dienstbeflissener Mensch“, aber auch „Liebhaber, Geliebter“ bedeutet.[3][4] Dies hat sich zur heutigen Form verschliffen.

Die ganze Floskel entspricht auf Hochdeutsch in etwa dem „Ihr gehorsamster Diener“.[5] (Ihr) gehorsamster Diener war eine übliche Unterschrift im Briefwechsel des nachrevolutionären 18. und 19. Jahrhunderts (so wie das heutige Hochachtungsvoll) und wurde vom sozial niedriger Gestellten verwendet, etwa zusammen mit der Anrede Hochwohlgeboren vom Bürgerlichen gegenüber dem Adeligen.

„[…] und bin ewig mit der : größten Ehrerbietung : Ihr gehorsamster Diener :: Schütz“

Christian Gottfried Schütz: Brief an Immanuel Kant, Jena d. 23. Jun. 1788[6]

„Euer Hochwohlgeboren : gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer :: F. Schiller“

F. Schiller: Brief an Goethe, Jena, 13. Juni 1794[7]

Umgangssprachlich wird daraus „g'horsamster Diener“[8], „g’horsamster Deañer“ (Oberösterreich)[9], teilweise auch, vor allem in alter Schreibweise „ghorsamster“ wie etwa „biß in den tod, ghorsamster underthanigster getrewer diener“ (Philipp Hainhofer an August II. im Oktober 1646[10]).

Verwendung

Eine frühe Erwähnung in gedruckter Form findet sich beispielsweise 1844.[11] Manchmal wurde der „Diener“ auch weggelassen,[12] wie etwa zu Beginn des folgenden vermuteten Telefonats eines Gerichtspräsidenten in Krakau kurz nach der Jahrhundertwende: „Zu dienen, Herr Oberlandesgerichtspräsident, Euer Exzellenz kaschamster, was geruhen zu wünschen?“[13]

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat es sich im Wienerischen als Höflichkeitsfloskel im Gastgewerbe erhalten, gehört zum Image eines perfekten Kaffeehaus-Obers[14] und wurde von Hans Moser wieder populär gemacht. Meist wird es zur Begrüßung oder zur Verabschiedung gebraucht, kann aber durchaus bei passender Gelegenheit zwischendurch verwendet werden. Unter alten Männern im Weinviertel war es bis in die 1950er Jahre ein häufiger Verabschiedungsgruß.[15] Heute wird es als einfache Grußform mit humorvollem Lokalkolorit benutzt, etwa im Fiakerwesen.

Ableitungen

Abgeleitet ist ein G’schamster, Gschamster ein Verehrer, Geliebter, Freund, oder böse gesprochen auch ein Speichellecker.[16] Ein wenig moderner, aber teilweise auch schon als veraltet gekennzeichnet, und ohne letzte negative Bedeutung ist der G’schamsterer, Gschamsterer oder Schamsterer.[17]

In Altbayern und teilweise auch in Tirol gibt es den Dschamsterer bzw. Tschamsterer, was ebenfalls Liebhaber, Gspusi, Freund bedeutet, aber auch einen eifrigen, aber nicht überall wohlgelitten Menschen bezeichnen kann.[18] Im Sächsischen gibt es den Schamstrich als Liebhaber/Bräutigam.[19]

Im Tschechischen wurde aus dem G’schamster der šamstr, was entweder etwas veraltet „Verehrer, Liebhaber“ bedeutet oder auch „Verbeugung“. Im deutschen Schlesisch findet es sich als Schamster für „Geliebter, Bräutigam“. Und im polnischen Teschener Dialekt wurde daraus szamster, was „hübscher Kavalier“ (ładny kawaler) bedeutet.[3]

Siehe auch

Quellen

  1. Antal Herrmann: Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn, Band 2-3, Buchdruckerei Thalia, 1891, S. 106
  2. Jégé, Vladimír Petrík: Výhody spoločenského života, Tatran, 1979, S. 130: Kaschamster, S. 131: Kschamster
  3. a b szamster, in: Thomas Menzel, Gerd Hentschel, mit Pavel Jančák und Jan Balhar (Autoren), Rainer Grübel Gerd Hentschel (Hrsg.): Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Teschener Dialekt des Polnischen, 2., ergänzte und korrigierte elektronische Ausgabe 2005 von Studia Slavica Oldenburgensia, Band 10, Oldenburg 2003
  4. Wiener slavistisches Jahrbuch, Band 49, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2004, ISBN 3-7001-3307-3, S. 280
  5. Wolfgang Teuschl: Wiener Dialektlexikon. 1990, ISBN 3-900392-05-6, Seite 96.
  6. Briefwechsel 1788. In: Das Bonner Kant-Korpus – I. Kant, AA X: Briefwechsel Band I. 1747–1788. IKP, Universität Bonn, S. 543. (online)
  7. In: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Diderichs, 1905. Hanser, 2005, ISBN 978-3-446-20625-0.
  8. Johann Nestroy: Nur Ruhe (1843) 1. Akt
  9. Karl Anton Kaltenbrunner: Oesterreichische Feldlerchen: Lieder und Gesänge in obderennsischer Mundart („Ob der Enns“), v. Ebner, 1857, S. 85: „In der Stadt“ (Online in der Google Buchsuche
  10. Joachim Lüdtke: Die Lautenbücher Philipp Hainhofers (1578-1647), Vandenboeck & Ruprecht, 1999, ISBN 3-525-27904-3, S. 70
  11. Portfolio eines Oesterreichers, 1. Band, Philipp Reclam jun., Leipzig 1844, S. 4 (Online in der Google Buchsuche)
  12. Hermann Broch (1886-1951): Dramen, Suhrkamp, 1979, S. 334, 350, 357: "Gschamster, Herr Chef", "Gschamster, Herr Wessely"
  13. Interpellation des Abgeordneten Ernst Breiter und Genossen an die Herren Minister für Landesverteidigung und des Inneren und an den Herrn Leiter des Justizministeriums betreffs der Affäre Matejko-Windischgraetz, 14. Februar 1906, in: Stenographische Protokolle über die Sitzungen des Reichsrats, Abgeordnetenhaus, 1906, S. 34193 (Online bei Alex)
  14. Jakob Eber: Wie sagt man in Österreich?, 2. Auflage, Bibliographisches Institut, 1980, ISBN 3-411-01794-5, S. 79 (Kellner, Verabschiedung)
  15. Walter Deutsch, Anton Hofer: Volksmusik in Niederösterreich: Sprüche, Spiele und Lieder der Kinder, Böhlau Verlag Wien, 2004, S. 225 (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche)
  16. Edith Salburg (1868 - 1942): Doppelhochzeit: Roman, Ullstein, 1918, S. 89
    Richard Billinger (1890-1965): Romane, Band 1, Stiasny, 1955, S. 224
    Kurt Weill (1900-1950, Autor), Lotte Lenya (1898-1981, Autor), Lys Symonette (Übers.), Kim H. Kowalke (Übers.): Sprich leise wenn du Liebe sagst: der Briefwechsel Kurt Weill/Lotte Lenya, Kiepenheuer & Witsch, 1998, ISBN 3-462-02748-4, S. 253, 446, 449, Worterklärung: S. 515
  17. Peter Wehle: Sprechen Sie Wienerisch?, Ueberreuter, 1980, ISBN 3-8000-3165-5, S. 148: Gschamsterer
    Herbert Fussy: Auf gut Österreichisch, öbv & hpt, 2003, ISBN 3-209-04348-5, S. 52 Gschamsterer, Markierung: veraltet
    Trude Marzik (*1923): Zimmer, Kuchl, Kabinett: Leben in Wien, Zsolnay, 1976, ISBN 3-552-02828-5, S. 158: Gschamsterer
    Ludwig Roman Fleischer (*1952): Aus der Schule, oder, Europaanstalt Mayerlingplatz: Roman, Sisyphus, 1999, ISBN 3-901960-00-7, S. 81: Gschamsterer
    Claudia Erdheim (*1945): Längst nicht mehr koscher, 2. Auflage, Czernin, 2006, ISBN 3-7076-0208-7, S. 290: G’schamsterer
    Erich Lifka (*1924): Der P.D.: Wie Österreich den Dritten Weltkrieg auslöste, Rundblick-Verlag, 1988, ISBN 3-900809-00-3, S. 65: Schamsterer
  18. Was bedeutet das Wort "Dschamsterer"?, aus der Reihe „Host mi?“, Bayerischer Rundfunk, 27. November 2009
    Peter Gauweiler: Der Dialekt stirbt aus!, Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 24/2008
    Wolfgang Fritz (*1947 in Innsbruck): Zweifelsfälle für Fortgeschrittene, S. Fischer, 1981, ISBN 3-596-22318-0, S. 85
    Tiroler Bemerkung zu „Haberer“ in: Gregor Retti: Datenbank zur deutschen Sprache in Österreich. 1998-2009
  19. Gunter Bergmann: Kleines sächsisches Wörterbuch, C.H. Beck, 1987, ISBN 3-406-31407-4
    Sylvia Koch: Dialektwörter Q - Z