Gertraud Knoll

Gertraud Knoll, verheiratete Knoll-Lacina[1] (* 7. Dezember 1958 in Linz) ist eine österreichische ehemalige evangelische Pfarrerin und Politikerin (SPÖ).

Inhaltsverzeichnis

Leben

Gertraud Knoll (Geburtsname unbekannt) war nach ihrer Aussage ein sogenanntes „Dazwischenkind“ von drei Geschwistern. Ihr Vater wollte eigentlich aus Liebe eine Katholikin heiraten, dies wurde ihm aber von seinen evangelischen Eltern verwehrt. Als er seine Frau – die spätere Mutter von Gertraud und ihrer Geschwister – heiratete, war sie erst neunzehn Jahre alt. Konflikte in der Ehe der beiden seien immer schwierig gewesen, da sich beide Großfamilien, mütterlicher- wie väterlicherseits, eingemischt und Partei ergriffen haben, und jeweils die drei Kinder des Ehepaars auf ihre Seite bringen wollten. 1972 zerbrach die Ehe der Eltern der damals dreizehnjährigen Gertraud. Nach Meinung von Knoll war es die erste Scheidung in Oberösterreich, in der das Sorgerecht für die Kinder auf den Vater überging. Sie selbst betreffend, sei es ihre „eigene, ganz klar zum Ausdruck gebrachte Willensäußerung“ gewesen. „Es war für mich sonnenklar: Mit meiner Mutter allein hätte ich nicht leben können.“ Dadurch lernte sie bereits in Kindestagen „[v]iele Widersprüche, die in einem Menschenleben möglich sind“, dass ihr die eigene persönliche Freiheit ohne Abhängigkeiten wichtig sei und lernte ihre „hartnäckige Konfliktfähigkeit“.[2]

Nach der Volksschule besuchte sie das Gymnasium.[3] 1977 maturierte sie und heiratete im selben Jahr Otmar Knoll.[4] In Wien studierte die nunmehrige Gertraud Knoll evangelische Theologie und diplomierte zur Magistra. Von 1982 bis 1983 war sie Universitätsassistentin für Systematische Theologie an der Universität Wien.[5]

Evangelische Funktionsträgerin

Von 1983 bis 1985 war Knoll als Lehrvikarin in Stoob, Lutzmannsburg und Weppersdorf tätig. Am 25. Juni 1985 hatte sie in der Pfarre Weppersdorf ihre Amtseinführung als erste Pfarrerin der Diözese Burgenland. Am 28. April 1994 wurde sie von der Superintendentialversammlung der Diözese Burgenland zu Österreichs erster Superintendentin gewählt und trat dieses Amt im Oktober desselben Jahres an[3]. Im Zusammenhang mit der Nationalratswahl im Oktober 2002 legte sie alle kirchlichen Ämter zurück, um für die SPÖ in die Politik zu gehen[5] (siehe Abschnitt SPÖ-Politikerin).

Bekannt wurde Gertraud Knoll Anfang 1995 durch ihre Predigt am Grab der vier von Franz Fuchs in Oberwart durch eine Sprengfalle ermordeten Roma. Von 1995 bis 1997 beherbergte Knoll sechs afghanische Geschwister, zunächst im Kirchenasyl und danach als Pflegeeltern gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann, weil diese elternlose Flüchtlingskinder aus der Bundesbetreuung herausgefallen waren.

Am 20. Juni 1999 hielt sie zum 28. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart den Abschlussgottesdienst.[6]

Politik

Parteilos

Noch als evangelische Superintendentin kandidierte Gertraud Knoll als parteiunabhängige Kandidatin bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl 1998 und erreichte mit über einer halben Million Stimmen bzw. 13,6 Prozent den zweiten Platz. Wegen ihrer Kandidatur zur Bundespräsidentin wurde ein Abwahlantrag als burgenländische Superintendentin eingebracht. Dieser wurde jedoch mit klarer Mehrheit abgelehnt.[5]

Dass sie irgendwann für eine Partei für ein politisches Amt antreten werde, schloss sie 1998 noch kategorisch aus.[5] In weiterer Folge verstärkte sie hingegen ihr politisches Engagement. Nach der Nationalratswahl 1999 trat sie am 19. Februar 2000 als Rednerin auf der Großkundgebung unter dem Titel „Widerstand gegen Schwarz-Blau, gegen Rassismus und Sozialabbau“ auf, die gegen die am 4. Februar angelobte (erste) schwarz-blaue Regierung unter Wolfgang Schüssel gerichtet war (siehe Donnerstagsdemonstrationen). Für diesen Auftritt wurde Knoll, die in der Rede „scharf […] die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei (FPÖ) in Österreich, der Partei des Rechtspopulisten Jörg Haider [kritisierte]“,[4] vor allem aus dem rechten Lager heftig angefeindet. Nach massiven Drohungen, die sich auch gegen ihre Kinder gerichtet hatten, trat sie einen Sonderurlaub an. Sie sei damals auch von FPÖ-nahen Polizisten bespitzelt worden.[5] 2002 war sie eine der Proponentinnen des Sozialvolksbegehrens.

2001 wurde Knoll von insgesamt vier Vereinen für die Wahl als Vertreterin des ORF-Publikumsrates aufgestellt. Bei der Direktwahl für den Bereich Eltern und Familien erreichte sie 29.605 der insgesamt 62.105 gültigen Stimmen und galt danach als SPÖ-nahe Vertreterin in dem ORF-Gremium.[4]

SPÖ-Politikerin

Nach dem Bruch der Bundesregierung Schüssel I im Herbst 2002 und dem Rücktritt von Viktor Klima wurde Alfred Gusenbauer zum SPÖ-Parteiobmann gewählt. Für sein Team einer künftigen Regierung trat Knoll im November 2002 als SPÖ-Kandidatin für das Amt einer Staatssekretärin für neue soziale Fragen auf.[7] Da aus einer SPÖ-geführten Regierung nach verlorener Nationalratswahl nichts wurde (es folgte die Bundesregierung Schüssel II), verkündete Gusenbauer in der ORF-Pressestunde am 28. April 2003, dass Knoll „in einem neuen, sehr spannenden Bereich“ arbeiten würde und kündigte für den Mai 2003 die Veröffentlichung für ihr neues Arbeitsgebiet an: „Sie werde nicht im Dienst der SPÖ stehen, so Gusenbauer, jedoch mit der Partei enger kooperieren.“[4] Demnach wurde sie 2003 mit der Leitung der SPÖ-Plattform Zukunfts- und Kulturwerkstätte (ZUK),[8] betraut, die sie bis 2007[9] (nach anderer Quelle bis zur Schließung der ZUK Anfang 2008[10]) ausübte.

Vom 18. November 2005 bis zum 6. November 2007 war Gertraud Knoll von der SPÖ nominiertes Mitglied im Bundesrats,[9] wobei sie das aufgrund der Landtagswahlergebnisse in Wien vom 23. Oktober 2005 verlorene FPÖ-Mandat von John Gudenus übernahm.

Nachdem die SPÖ-Mandatarin im Europäischen Parlament, Maria Berger, in die am 11. Jänner 2007 neu gebildete Bundesregierung Gusenbauer eintrat, hätte Knoll als Nächstgereihte das EU-Mandat übernehmen können; sie verzichtete jedoch, da sie der Familie mit drei minderjährigen Kindern wegen in Österreich bleiben wollte. Damit verblieb sie in ihren damaligen Funktionen als Mandatarin im Bundesrat (bis November 2007, siehe oben) und als Leiterin der Zukunfts- und Kulturwerkstätte.[11] Ab 2007 war sie geschäftsführende,[9] von März 2009 bis 2010 amtierende Bezirksvorsitzende der SPÖ-Alsergrund.[12]

Vom 7. November 2007 (nach dem Rücktritt von Caspar Einem[13]) bis war sie bis zum Ende der Gesetzgebungsperiode am 27. Oktober 2008 SPÖ-Abgeordnete im Nationalrat.

Ehrenamt

Gertraud Knoll gehörte seit zumindest Oktober 2007[14] als gewähltes Mitglied dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags an. Diese Funktion legte sie um die Jahreswende 2007/2008 aus persönlichen Gründen zurück.[15]

Privat

Gertraud Knoll war von 1977[4] bis 2004 in 27-jähriger Ehe mit dem evangelischen Theologen (Pfarrer im Schuldienst[3]) Otmar Knoll verheiratet. Mit ihm hat sie zwei Töchter (* 1991 und * 1993) und einen Sohn (* 2001).[4] Im Oktober 2006 gingen Gertraud Knoll und der ehemalige Finanzminister Ferdinand Lacina an die Öffentlichkeit und bestätigten, dass sie ein Paar seien und in gemeinsamer Wohnung wohnen. Lacina lebte zu diesem Zeitpunkt von seiner Ehefrau, mit der er zwei erwachsene Kinder hat, „freundschaftlich getrennt“.[16] Zwischenzeitlich sind Gertraud Knoll-Lacina und Ferdinand Lacina miteinander verheiratet.[1]

Am 13. November 2008 wurde bekannt, dass Knoll aus der evangelischen Kirche als „Ausdruck [ihrer] protestantischen Identität“ ausgetreten ist. Als Grund gab sie den Hirtenbrief des Kärntner Superintendenten Manfred Sauer an, der in den evangelischen Gottesdiensten am Sonntag verlesen werden musste. In dem Brief zum Todestag Jörg Haiders lobte Sauer den verstorbenen Landeshauptmann als „charismatischen und leidenschaftlichen Politiker mit Leib und Seele, der wie kein anderer das politische Geschehen der Zweiten Republik mitgeprägt und gestaltet hat.“ Er sei „ein äußerst zuvorkommender, herzlicher und einfühlsamer Mensch“ gewesen, der „oft sehr spontan und unbürokratisch geholfen“ hätte.[17] Knoll kritisierte gegenüber der Zeitschrift News den Superintendenten mit seinem Hirtenbrief, dass man „nicht ein bisserl gegen Antisemitismus sein oder dazu schweigen [könne], dass Haider Asylwerber auf eine Kärntner Alm verfrachtete oder Angehörige der Waffen-SS als anständige Menschen bezeichnet hat.“[18] In einer Aussendung nannte Knoll den Hirtenbrief eine „Unselige Pseudoseligsprechung Haiders“.[19]

Auszeichnungen

Literatur

  • Predigt über Jesaja 58,7-12 im Rahmen der Fastenpredigtreihe 2009 „Gerechtigkeit erhöht ein Volk“. Gehalten von Pfarrerin Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Fulda, am 5. April 2009, S. 4f.[22]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Vgl. Abfrage auf der Website des österreichischen Parlaments, Die ParlamentarierInnen seit 1918, Buchstabe K: „Knoll-Lacina Gertraud, Mag. siehe Knoll Gertraud, Mag.“ Abgerufen am 13. März 2012. (Seit wann Gertraud Knoll-Lacina und Ferdinand Lacina verheiratet sind geht daraus nicht hervor.)
  2. Station C: Gertraud Knoll stellt sich vor. In: Anke Rüdinger (Red.): Marthas Fest. Frauen Leben Gottesdienst. Hrsg. vom Büro der Frauenbeauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart 2005, S. 16f. (Volltext (PDF; S. 17f.) Abgerufen am 13. März 2012.)
  3. a b c Mag. Gertraud Knoll. Eintrag in Club Carriere, ohne Datum (vor/um 2004; vgl. Abschnitt Privat). Abgerufen am 13. März 2012.
  4. a b c d e f g h Gertraud Knoll mit Preis "Das unerschrockene Wort" geehrt. („Damit wurde das Eintreten der 44-Jährigen gegen Antisemitismus, Fremdenhass und Rassismus in ihrer Heimat gewürdigt.“) In: religion.ORF.at, 28. April 2003. Abgerufen am 13. März 2012.
  5. a b c d e Gertraud Knoll: Zweiter Anlauf zur politischen Karriere. In: religion.ORF.at, 29. Oktober 2002. Abgerufen am 13. März 2012.
  6. APD – Informationen des Adventistischen Pressedienstes (Hrsg.): Deutscher Evangelischer Kirchentag wird 50. Stuttgarter Kirchentag hilft Kindersoldaten und Opfern des Menschenhandels. In: Adventist Press Service. Zentralausgabe für Deutschland, 3/1999, März 1999, 16. Jahrgang. Abgerufen am 13. März 2012.
  7. Montag: Welche Reformen braucht unser Gesundheitssystem? APA-OTS-Presseaussendung der SPÖ Wien, 14. November 2002. Abgerufen am 13. März 2012.
  8. Eintrag über Zukunfts- und Kulturwerkstätte im Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie abgerufen am 13. März 2012
  9. a b c Laut Biografie auf der Website des österreichischen Parlaments zum Stand 3. September 2008. Abgerufen am 13. März 2012.
  10. SPÖ schließt ihre Zukunftswerkstatt. In: KPÖ-Wien-Newsletter, 4. Februar 2008: „… ‚Geld‘, so die Leiterin Gertraud Knoll, ‚müsste her, das aber nicht da ist. Die Partei spart.‘“ Abgerufen am 13. März 2012.
  11. Berger-Nachfolge: Knoll verzichtet auf EU-Mandat. In: burgenland.ORF.at, 11. Jänner 2007. Abgerufen am 13. März 2012.
  12. Eintrag über Gertraud Knoll im Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie abgerufen am 13. März 2012
  13. Gertraud Knoll statt Einem im Nationalrat. In: burgenland.ORF.at, 13. Oktober 2007. Abgerufen am 13. März 2012.
  14. Das Präsidium. Die Mitglieder. (Version vom 25. Oktober 2007 im Internet Archive) „Derzeit gehören dem Präsidium an: […] Gertraud Knoll, Mag., Wien […]“
  15. Matthias Honold: Zwei neue Mitglieder im Kirchentagspräsidium. In: Die andere Welt - Online, 7. März 2008. Abgerufen am 13. März 2012.
  16. "profil": Ex-Finanzminister Lacina und Gertraud Knoll, Leiterin der SPÖ-Zukunftswerkstatt, sind ein Paar. Utl.: Knoll: "Plötzlich und eindeutig ist eine Liebe daraus geworden." APA-OTS-Presseaussendung der Zeitschrift profil, 2. Oktober 2006. Abgerufen am 13. März 2012.
  17. Protest gegen Lob für Jörg Haider: Knoll tritt aus Kirche aus In: Die Presse/APA, 13. November 2008. Abgerufen am 13. März 2012.
  18. Gertraud Knoll wegen Haider-Hymne aus der evangelischen Kirche ausgetreten. In: News, 13. November 2008. Abgerufen am 13. März 2012. (Print: Heft 46/2008.)
  19. Gertraud Knoll aus der Kirche ausgetreten. In: burgenland.ORF.at, 13. November 2008. Abgerufen am 13. März 2012.
  20. Israelitische Kultusgemeinde Wien verleiht am 27. November die Friedrich Torberg-Medaille. APA-OTS-Presseaussendung der Israelitischen Kultusgemeinde, 24. November 2000. Abgerufen am 13. März 2012. Die Medaille wird verliehen „[f]ür beispielhafte Haltung und Solidarität im Ringen um Wahrheit und Menschenwürde“ (siehe Abbildung der Rückseite der Medaille. Abgerufen am 13. März 2012.)
  21. AMOS-Preis 2001: Gertraud Knoll und Beatrix Spreng. Jury würdigte Eintreten gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. In: Website der OFFENEN KIRCHE, Evangelische Vereinigung in Württemberg, ohne Datum. Abgerufen am 13. März 2012.
  22. Fastenpredigt 2009 von Pfarrerin Dr. Ellen Ueberschär: Volltext (PDF), ab 3. Absatz auf Seite 4: „Ich will aktuelle [Beispiele] nehmen: […] Eine andere Geschichte ist die von Gertraud Knoll. Einer mutigen Frau aus Österreich, der ersten Bischöfin. […]“