Geschichte Niederösterreichs

Das niederösterreichische Wappen symbolisiert die republikanische Mauerkrone und die fünf habsburgischen Erblande.

Die Geschichte Niederösterreichs deckt sich, da Niederösterreich das Kernland der heutigen Republik Österreich bildet, in vielen Epochen mit der österreichischen Geschichte. Dieser Artikel zeigt die regionsspezifischen Eigenheiten und die Entwicklung zum heutigen Bundesland auf.

Inhaltsverzeichnis

Erdgeschichtliche Zeiten

Hauptartikel: Erdgeschichte Niederösterreichs

Das Gebiet des heutigen Niederösterreichs lag über Millionen Jahre in und am Randmeer Paratethys, an der Bruchlinie zwischen Laurasia und Gondwana, den Urkontinenten, die sich aus dem letzten Superkontinent Pangaea gebildet hatten. Prägend für die Geologie Niederösterreichs war die Alpidische Gebirgsbildung.

Vorgeschichte

Hauptartikel: Urgeschichte Österreichs, Urgeschichte Bayerns

Die ersten vorgeschichtlichen Vertreter der Gattung Homo wie der Homo habilis, der vor ca. 2,5 bis 1,5 mya in Ostafrika lebte, verbreiteten sich vermutlich nicht bis nach Europa; erst vom Homo erectus an lassen sich Funde – deren älteste in Dmanissi 1,8 mya alt sind – in Europa nachweisen.

In der Epoche des Mittelpaläolithikums lebte auch in Niederösterreich vor etwa 130.000 Jahren der Neandertaler, der bis spätestens vor 30.000 Jahren endgültig vom modernen Menschen (Homo sapiens) abgelöst wurde. Dieser hatte sich vor 160.000 Jahren in Afrika entwickelt und etwa vor 45.000 Jahren Europa erreicht. Neandertaler und Homo sapiens lebten also etwa 15.000 Jahre lang parallel, vorwiegend entlang der Flussläufe.

Die Gegend um die Donau war in der Urgeschichte Lebensraum von Jägern und Sammlern. Bei Krems wurde die älteste Grabstelle Österreichs, die aus der Eiszeit stammt und ca. 27.000 Jahre alt ist, gefunden. Die beiden Säuglingsskelette, bedeckt mit dem Schulterblatt eines Mammuts und Grabbeigaben, waren im Lößboden gut erhalten geblieben. In Stratzing bei Krems wurde die älteste Frauenstatue der Welt, die Venus vom Galgenberg gefunden.[1] Die 30.000 Jahre alte, 7,2 cm große Schiefer-Skulptur stellt eine tanzende Frau dar. Einer der bedeutendsten Funde aus der Steinzeit ist die kostbare Venus von Willendorf aus Willendorf in der Wachau. Die 11 cm hohe Statue entstand vor 25.000 Jahren.

Im 6. Jahrtausend v. Chr. wurden die Menschen in Niederösterreich sesshaft. Die Neolithische Revolution machte aus ihnen Ackerbauern und die Bandkeramische Kultur entwickelte sich.

In vielen Gemeinden Niederösterreichs wurden jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Beile und Speerspitzen aus der Urnenfelderzeit und der Hallstattzeit gefunden. So wurde im Weinviertel bei Schleinbach bronzezeitliche Gräber aus dem Aunjetitzer Kulturkreis entdeckt, deren Fundstücke im Museum für Urgeschichte in Asparn an der Zaya verwahrt werden.

Die ältesten und genauesten Einblicke in die Lebensumstände dieser Zeiten im Alpenraum bietet uns aber der sensationelle Fund des Ötzi aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. in Tirol.

Die Verwendung des Wagens als Transportmittel im 3. Jahrtausend v. Chr. belegen Fundstücke der Badener Kultur. Zu dieser Zeit wurde das relativ weiche Kupfer bereits zur Herstellung von Schmuckgegenständen verwendet, für die Werkzeugproduktion ist es ungeeignet.

Frühgeschichte und Antike

Römische Provinzen und Orte auf dem Gebiet des heutigen Österreichs

In der Frühgeschichte und Antike im 2. Jahrhundert v. Chr. lebten Kelten im niederösterreichischen Voralpenraum und errichteten mit Noricum das erste und einzige keltische Staatsgebilde. Die keltischen Völker mussten dem wachsenden Einfluss des Römischen Reichs im Alpenraum nach und nach weichen und wurden schließlich nach dem Pannonischen Aufstand um das Jahr 8 n. Chr. endgültig unterworfen. Die Region des heutigen Niederösterreichs südlich der Donau wurde in die römische Provinz Pannonia eingegliedert, im Lauf des 1. Jahrhunderts n. Chr. wuchs die Garnisonsstadt Carnuntum zur Hauptstadt der Provinz heran. Bis heute sind die Ruinen eine Touristenattraktion. Das Heidentor bei Carnuntum ist der einzige oberirdisch erhalten gebliebene Bau aus der Römerzeit. In dieser Zeit entstand auch entlang der Donau der Limes als Verteigungswall gegen Norden. Auch da gibt es einige erhaltene Reste wie in Tulln oder Zeiselmauer.

Der römische Einfluss ging mit der Völkerwanderung zurück und verschwand im ausgehenden 6. Jahrhundert vollständig.

Mittelalter

Entstehung der Marcha Orientalis

Hzm. Bayern mit der Provinz Marcha Orientalis im 10. Jh.

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs hatten ab dem 6. Jahrhundert das asiatische Volk der Awaren sowie die von den Awaren bedrängten Slawen aus dem Osten bzw. Südosten kommend die ehemaligen römischen Provinzen Pannonia und Noricum teilweise besiedelt. Etwa gleichzeitig bildete sich ab Mitte des 6. Jahrhunderts mit den Agilolfingern die erste bairische Stammesdynastie, die von ihrem Herrschaftssitz in Regensburg aus ihr Hoheitsgebiet bis Mitte des 8. Jahrhunderts nach Osten bis zur Enns und nach Süden bis ins heutige Südtirol erweiterten.

Der Frankenkönig Karl der Große verleibte im Jahr 788 das bis dahin selbstständige Herzogtum Baiern in sein Reich ein. Östlich davon errichtete er um 800 die sogenannte Awarenmark sowie südlich davon die Mark Karantanien, die, als Lehen vergeben, zum Schutz seines Reichs gegen die von Osten vordringenden Awaren dienen sollten. Nach den Erbfolgekonflikten unter Karls Nachfolgern und dem daraus resultierenden Vertrag von Verdun 843 gehörte das Herzogtum Baiern mit den beiden Marken schließlich dem Ostfrankenreich an. Die auf dem Gebiet der vormaligen Awarenmark eingerichtete Provinz Marcha Orientalis („Mark im Osten“) reichte beiderseits der Donau von der Enns im Westen bis zur March und Leitha im Osten.

Die ostfränkischen Könige mussten sich im 10. Jahrhundert gegen die aus Osten nach Mitteleuropa vordrängenden Magyaren wehren, bis diese sich nach der Niederlage in der Schlacht auf dem Lechfeld 955 zurückzogen.

Ostarrîchi unter den Babenbergern

Leopold III. der Heilige vor Klosterneuburg. (Babenberger Stammbaum, um 1490, Stift Klosterneuburg)

Zwanzig Jahre später, um 975, etablierte sich in der Marcha Orientalis die Dynastie der Babenberger; es wird vermutet, dass der Begründer dieser Dynastie, Liutpold, Graf des Donaugaues, von Kaiser Otto II. als Belohnung für seine Treue während des bairischen Aufstandes 976 zum Graf der Marchia Orientalis ernannt wurde. Liutpold und seine Nachfolger – die Babenberger regierten bis 1246 – dehnten ihr Herrschaftsgebiet auf Kosten vor allem der Ungarn sukzessive aus. Die Markgrafschaft wurde auch als Ostarrîchi (spätere Schreibweise: Österreich) bezeichnet, was als volkssprachliche Übersetzung für Marchia Orientalis gilt.

Besonders Markgraf Leopold III. (später heiliggesprochen, heute Landespatron) erwarb sich durch seine Klostergründungen (vor allem das Stift Klosterneuburg) große Verdienste um die Urbarmachung des Landes. Die Gewinnung von Raum im Bereich des Wienerwaldes und östlich davon drückte sich auch in der Verlegung der Residenz der Markgrafen aus, die von Pöchlarn zuerst nach Melk, dann nach Klosterneuburg verlegt wurde, ehe 1142 Heinrich II. Wien zur Hauptstadt der Markgrafschaft erhob. 1156 wurde Ostarrîchi durch das Privilegium Minus zum Herzogtum erhoben. Mit der Ausdehnung der Babenberger Herrschaft 1192 auf die Steiermark begann auch für große Gebiete westlich der Enns die Geschichte Österreichs.

Mit dem Tode des letzten Babenbergers, Herzog Friedrichs II. des Streitbaren in der Schlacht an der Leitha im Jahr 1246 kam es zum Erbfolgestreit zwischen seiner Schwester Margarete und seiner Nichte Gertrud, die in Alland im Wienerwald residierte. Margarete siegte letztlich durch ihre Heirat mit Ottokar II. Přemysl, der dadurch die babenbergischen Länder mit Böhmen vereinigen konnte. Ottokar setzte die Kolonisierung des Landes fort, unter anderem durch Neugründung von Städten.

Niederösterreich wird habsburgisch

Kaiserwappen des HRR (Habsburg)

Im Jahr 1278, nach der Schlacht auf dem Marchfeld, kam das Gebiet unter habsburgische Herrschaft und wurde zu deren Kernland. Da die Habsburger in der Goldenen Bulle übergangen worden waren, versuchten sie auf andere Weise eine den Kurfürsten ähnliche Stellung zu erlangen. Herzog Rudolf IV. ließ mit dem Privilegium Maius eine Fälschung anfertigen, in dem das Land zu einem Erzherzogtum erhöht wurde. Anerkannt wurde dies aber erst am 6. Jänner 1453 von Kaiser Friedrich III., der selbst Habsburger war.

Ansätze zu einer administrativen Teilung des Herzogtums Österreich entlang der Enns finden sich bereits bei Ottokar Přemysl, doch erst unter den Habsburgern etablierten sich eigene Stände für das Land ob der Enns in Linz. Durch einen Erbvertrag wurde nach dem Tod von Ladislaus Postumus im Jahr 1458 Friedrich III. Österreich unter der Enns, das heutige Niederösterreich, zugesprochen, während sein Bruder Albrecht VI. Österreich ob der Enns (heutiges Oberösterreich) erhielt. Gleichwohl galten beide Territorien bis zum Februarpatent 1861 als zwei Teile desselben Erzherzogtums, erst dann wurde Österreich ob der Enns ein eigenständiges Erzherzogtum.

Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit war der niederösterreichische Raum ständig von Unruhen betroffen, angefangen mit den Erbstreitigkeiten der Habsburger um 1400, über die Hussitenkriege und die ständigen Behauptungsversuche Friedrichs III., bis zu den Invasionen des Ungarnkönigs Matthias Corvinus im 15. Jahrhundert. Viele dieser Kämpfe verselbständigten sich und das „Fehdewesen“ wurde allgemein als Landplage empfunden, das die öffentliche Ordnung an den Rand der Auflösung brachte. Erst Ferdinand I. konnte die Ordnung wiederherstellen, allerdings zu einem hohen Preis: Den Städten wurde jegliche Selbstverwaltung genommen und Proteste wurden wie beim Wiener Neustädter Blutgericht im Keim erstickt.

Im Jahr 1349 führte die Pest zur Reduktion der Bevölkerung in Niederösterreich um rund 20 % und viele Siedlungen wurden im Zuge von Restrukturierungen der herrschaftlichen Besitzungen aufgegeben.[2]

Neuzeit

Der Prager Fenstersturz war 1618 ein Auslöser des Dreißigjährigen Krieges und führte zum De-facto-Ende des HRR im Jahr 1648
Abraham a Sancta Clara – der bedeutendste Prediger des Barock, um 1700 in Wien

Zu Beginn der Neuzeit, Niederösterreich befand sich weiterhin unter der Herrschaft des Hauses Habsburg, waren zwei Ereignisse für die weitere Entwicklung des Landes maßgebend: Die mit Beginn des 16. Jahrhunderts aufkommende Reformationsbewegung – der Protestantismus fand gerade in Niederösterreich besonders breite Resonanz – sowie die Bedrohung durch die Osmanen.

Das Land war 1529 bei der Ersten Türkenbelagerung Wiens stark betroffen. Dabei wurde das Umland Wiens von den Akıncı, einer etwa 20.000 Mann starken Reitertruppe im Dienst der Osmanen, schwer heimgesucht. Ein drastischer Bevölkerungsrückgang in ganz Niederösterreich war die Folge.

Die Gegenreformation setzte in dem protestantisch gewordenen Land erst ab den 1570er Jahren ein, dann aber mit aller Vehemenz. Protagonisten waren vor allem die Jesuiten, die Schulen und Universitäten übernahmen. Eine wichtige Figur der Rekatholisierung war Kardinal Melchior Khlesl, der Sekretär des späteren Kaisers Matthias. Zur Wahrung ihrer politischen und religiösen Freiheiten schlossen die protestantischen Stände 1619 ein Bündnis mit den Ständen des Königreichs Böhmen (Beitritt zur Confoederatio Bohemica), das gegen den habsburgischen Landesherren Kaiser Ferdinand II. gerichtet war. Zuvor hatten sie allerdings mit der so genannten Sturmpetition versucht ihn zum Abschluss eines Friedens mit den aufständischen Böhmen und zu Zugeständnissen in Glaubenssachen zu nötigen. Zunächst blieb daher nur die katholische Minderheit blieb dem Kaiser treu. Die militärische Niederlage der Protestanten in der Schlacht am Weißen Berg machte auch in Niederösterreich den Weg für die gewaltsam erzwungene Gegenreformation frei. Die untertänige Bevölkerung musste in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts ausnahmslos wieder zum katholischen Glauben wechseln. Verschont blieben nur wenige protestantische Adlige, die sich nicht am Aufstand gegen den Kaiser beteiligt hatten. Die übrigen evangelischen Herren und Ritter mussten, wenn sie nicht konvertierten, das Land verlassen. Ihr Besitz wurde an katholische Parteigänger des Kaisers vergeben. Der Klerus gewann durch die Gegenreformation wieder an Bedeutung, wichtige Klöster waren das Stift Melk, Klosterneuburg und das Stift Göttweig.

Der Dreißigjährige Krieg schien Niederösterreich lange Zeit wenig zu berühren, lediglich zu Beginn dieses langen Krieges, als Graf Heinrich Matthias von Thurn mit dem Heer der aufständischen Böhmen auf Wien vorrückte, wurden einige Orte entlang der heutigen Brünner Straße geplündert. Gegen Ende des Krieges kam es jedoch weit schlimmer: Bei Jankau in Böhmen, etwa 60 km südöstlich von Prag, fand die letzte große Schlacht des Dreißigjährigen Krieges statt. Am 6. März 1645 besiegte ein schwedisch-protestantisches Heer unter Feldmarschall Lennart Torstensson die kaiserlich-habsburgischen Truppen unter Feldmarschall Melchior Graf von Hatzfeldt, womit für die Schweden der Weg nach Wien offen stand. Die schwedischen Truppen verwüsteten große Teile des Weinviertels, etliche Burgen wie Staatz und Falkenstein sind seitdem Ruinen. Der Markt Gaunersdorf, also das heutige Gaweinstal, wurde vollständig niedergebrannt.[3]

Nach der Schlacht bei Mohács 1526 und dem darauf folgenden Zusammenbruch des ungarischen Königreiches wurde Niederösterreich zum Grenzgebiet des Heiligen Römischen Reichs und blieb es bis 1683, als die Osmanen nach der erfolglosen Zweiten Belagerung Wiens zurückgedrängt wurden. Da die Bevölkerung durch die mehr als 300.000 Mann umfassende türkische Armee fast völlig ausgerottet war – Wien hatte zu dieser Zeit etwa 20.000 Einwohner –, kam es zur Neubesiedlung weiter Teile Niederösterreichs durch Köhler, Holzknechte und Bauern aus der Steiermark, dem Salzkammergut, Oberösterreich, Tirol, Bayern und Schwaben, etwa in St. Corona, Klausen-Leopoldsdorf, Hochstraß und Pressbaum.

In dieser Zeit wurden die Herrschaftssitze des Landadels im Barockstil neu errichtet oder ausgebaut; so z.B. das Schloss Artstetten, das um 1710 stark erweitert wurde, oder Schloss Hof, das Prinz Eugen 1726 aufgekauft und vergrößert hatte.

Villa des Fin de siècle in Neuhaus

Auch nach dem Wegfall der Bedrohung durch die Osmanen blieb Niederösterreich von Schlachten und Kriegen nicht verschont. Neben den Verheerungen durch die Kuruzen zu Beginn des 18. Jahrhunderts und den späteren Einfällen der Preußen – zuletzt 1866 – waren vor allem die Napoleonischen Kriege von 1805 und 1809 für Niederösterreich von Bedeutung. Im Vor- und Umfeld der niederösterreichischen Schlacht von Aspern und Schlacht bei Wagram kam es zu Plünderungen und Vergewaltigungen der nach wie vor vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung.

Im Zuge der Industriellen Revolution in der Gründerzeit ab etwa 1850 wurde das Eisenbahnnetz mit dem Zentrum in Wien errichtet. Die Semmeringbahn erschloss das Bergbaugebiet in der östlichen Steiermark, Ostbahn und Westbahn verband dieses mit den entstehenden Industrien in Böhmen, Ober- und Niederösterreich und dem agrarwirtschaftlich geprägten Ungarn. Das Land profitierte von der Nähe zur k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Kaiser Franz Josephs I. und wurde dadurch zum Kristallisationspunkt des geistigen und künstlerischen Potentials Mitteleuropas. Das Fin de siècle prägte das Land architektonisch und kulturell. Noch heute lebt diese Atmosphäre z. B durch die Tragödie des Thronfolgers Kronprinz Rudolfs in Mayerling, die Jugendstilbauten in Neuhaus, Villen am Semmering oder die Biedermeierbauten in Baden fort.

Standeswesen, Verwaltung

Mit der administrativen Trennung Oberösterreichs vom Kernland Österreich hatte Ottokar II. Přemysl das spätere Bundesland Niederösterreich Ende des 13. Jahrhunderts als Verwaltungseinheit geschaffen.

Während aber die Babenberger bis 1246 und Ottokar bis 1278 ausschließlich das Gerichtswesen an Hof- und Landtaidingen delegiert hatten, entwickelten sich diese im Laufe des 14. Jahrhunderts zu ständischen Landtagen die den Fürsten auch in militärischen und steuerlichen Belangen berieten. Dieser Rat hatte Beschwerde- und Petitionsrecht und die Möglichkeit zu Gesetzesinitiativen. Die Gesetze selbst wurden allerdings per Patent vom Fürsten selbst erlassen.

Neben den landesfürstlichen Erbämtern Marschall, Kämmerer, Truchsess und Mundschenk entstanden Verwaltungsbehörden der Landstände. Die Mitglieder der Landtage der Landschaft des späten Mittelalters und der Neuzeit waren einerseits adelige, grundbesitzende Herren und Ritter und geistliche Würdenträger wie Pröpste und Äbte im Prälatenstand. Auch der Vierte Stand war in der Ständeordnung durch Bürgermeister, Klostervorsteher oder Stadtrichter vertreten.

Im Jahr 1513 kauften die niederösterreichischen Stände von den Liechtensteinern ein Palais, das heutige Palais Niederösterreich, in der Herrengasse in Wien , das zum Landhaus und Verwaltungszentrum umgestaltet wurde. Die Stände verloren Mitte des 18. Jahrhunderts durch Maria Theresia und die Josephinischen Reformen viele ihrer Kompetenzen, die sie nur zum Teil unter Leopold II. (1790-92) wiedererlangten.

Nach den Napoleonischen Kriegen, dem Wiener Kongress 1814/15 und dem metternichschen System im Biedermeier, brachte die Märzrevolution von 1848 den Rücktritt von Kaiser Ferdinand I., das Ende der ständischen Vertretung und die Rückkehr zu Zentralismus und Absolutismus- die Restauration der Monarchie unter dem neuen, jungen Kaiser Franz Joseph I. brach an.

Im Erzherzogtum Österreich unter der Enns trat am 6. April 1861 der erste gewählte Landtag von Niederösterreich zusammen. Durch das Zensuswahlrecht, das an eine bestimmte Steuerleistung des Wählers gebunden war, wählten kaum zehn Prozent der Einwohner Niederösterreichs die 66 Mitglieder des Landtages. Grundlage von Verfassung, Landesordnung und Landtagswahlordnung war das kaiserliche Februarpatent des gleichen Jahres, das die alten Befugnisse der Landtage zugunsten des Reichsrates stark beschnitt, und im Wesentlichen bis zum Ende der k. u. k. Monarchie im Wertewandel des Ersten Weltkriegs galt.

Zeitgeschichte

Nach dem Fall der Monarchie 1918 wurde Niederösterreich zum größten und bevölkerungsreichsten Bundesland der neuen Republik, das auf Grund der Zugehörigkeit Wiens zum Land einen sozialdemokratischen Landeshauptmann, Albert Sever, wählte. Um die Dominanz in der föderalen Struktur abzubauen und den Gegensatz zwischen überwiegend roten Hauptstädtern und schwarzen Bauern zu beheben, wurde im am 1. Oktober 1920 beschlossenen und am 10. November 1920 in Kraft getretenen Bundes-Verfassungsgesetz Wien von diesem Tag an als eigenes Bundesland definiert; es beschloss an diesem Tag auch seine eigene Stadt- und Landesverfassung. Der Wiener Bürgermeister war nun auch Landeshauptmann von Wien.

Nach etwa ein Jahr dauernden Trennungsverhandlungen, die sich auf öffentliche Einrichtungen und bisher gemeinsamen Liegenschaftsbesitz konzentrierten, trat Sever im November 1921 zurück. Ende Dezember 1921 beschloss der niederösterreichische Landtag (zum letzten Mal in seiner bisherigen Struktur inklusive Wiener Abgeordnete) das Trennungsgesetz, das am 1. Jänner 1922 in Kraft trat (das historische niederösterreichische Landhaus in der Wiener Herrengasse ging erst 1995 in das Alleineigentum Niederösterreichs über). Somit hatte Niederösterreich keine offizielle Hauptstadt mehr, obwohl die Landesverwaltung weiterhin in Wien blieb.

Niederösterreich war 1918 Grenzland geworden. Die neuentstandene Tschechoslowakei forderte die Abtretung niederösterreichischen Gebietes und bekam dieses 1919 im Vertrag von Saint-Germain auch zugesprochen: Die Stadt Feldsberg, wo sich die Niederösterreichische Weinbauakademie befand, musste abgetreten werden und eine Reihe von Ortschaften im nordwestlichen Waldviertel ging verloren, weil der Bahnknotenpunkt bei Gmünd beansprucht wurde. Die traditionellen wirtschaftlichen und Verkehrsverbindungen nach Böhmen und Mähren wurden beeinträchtigt, was sich negativ auf die fragile Nachkriegswirtschaft auswirkte.

Das deutsch besiedelte Südmähren (aus dem die späteren österreichischen Bundespräsidenten Karl Renner und Adolf Schärf stammten) wollte sich 1918 an Niederösterreich anschließen, doch wurde der Landesteil sehr rasch von tschechischen Truppen besetzt. In St. Germain wurde dann definitiv bestimmt, dass Südmähren ungeachtet der Muttersprache der Mehrheitsbevölkerung zur Tschechoslowakei zu gehören habe. Dies wirkte sich negativ auf die politische Stabilität und die Zufriedenheit der Bevölkerung aus.

Zwei zur gesamtösterreichischen Geschichte gehörige Ereignisse haben zwischen erstem und Zweitem Weltkrieg in Niederösterreich stattgefunden: der Korneuburger Eid, mit dem dem demokratischen Parlamentarismus und dem Parteienstaat der Kampf angesagt wurde und das Anhaltelager Wöllersdorf, wo der Ständestaat Gegner gefangen hielt.

Reichsgaue und Generalgouvernement 1944
Zweiter Weltkrieg, Tote am Schöpfl – Mahnmal an der Straße St. CoronaKlausen-Leopoldsdorf

In der Zeit des Nationalsozialismus 1938 bis 1945 musste jeder Bezug zum österreichischen Namen verschwinden, das Land hieß gemäß dem Ostmarkgesetz vom 14. April 1939 Niederdonau. Wien blieb zwar der Verwaltungssitz, Krems wurde aber zur „Gauhauptstadt“ erhoben. Von Mai 1938 bis zum Ende des Krieges war Hugo Jury Gauleiter des Gaues Niederdonau. Durch die Bildung von Groß-Wien 1938 verlor Niederösterreich die Wiener Umlandgemeinden, die die wirtschaftlich stärksten Gebiete waren, an Wien. Das nach dem Münchner Abkommen 1938 ins Deutsche Reich aufgenommene Südmähren gehörte vom 15. April 1939[4] bis zum 8. Mai 1945 zum Gau Niederdonau. Hitler ließ das Burgenland auflösen; die Städte Eisenstadt und Rust und die Bezirke Eisenstadt, Mattersburg, Neusiedl am See und Oberpullendorf wurden per 15. Oktober 1938 ebenfalls dem Gau Niederdonau zugeschlagen und verblieben dort bis Kriegsende.[5]

Im Waldviertel wurden viele Menschen rund um Döllersheim ausgesiedelt, das Gebiet zum Heeressperrbezirk erklärt und der größte Truppenübungsplatz des Deutschen Reiches errichtet. Hier wurden Kampfverbände für den Osten zusammengestellt und Sammellager für Beutegut angelegt. Hierfür wurden Landbesitzer enteignet. Entlang der Thermenlinie wurde auf Grund strategisch günstiger Position die kriegswichtige Schwerindustrie, wie der Flugzeugbau, angesiedelt, die im Zweiten Weltkrieg 1944/1945 von den Alliierten stark bombardiert wurde. In der Nähe dieser Betriebe wurden auch Lager für Zwangsarbeiter eingerichtet. Die abschließende sowjetische Offensive gegen die deutschen Truppen fand in der ersten Aprilhälfte 1945 statt.

Die Rote Armee besetzte zuerst Wien und danach ganz Ostösterreich. Die alliierten Siegermächten vereinbarten, Niederösterreich der sowjetischen Besatzungszone zuzuschlagen und machten aus Wien – in den Grenzen von 1937 – eine Vier-Sektoren-Stadt. 1946 beschlossen Wien, Niederösterreich und der Nationalrat, viele der 1938 Groß-Wien eingemeindeten Ortschaften wieder an Niederösterreich zurückzugeben. Auf Grund eines Vetos der sowjetischen Besatzungsmacht konnte dieses Gesetz erst 1954 kundgemacht werden und in Kraft treten.

Der Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 war vor allem in Ostniederösterreich mit schweren Heimsuchungen verbunden. Bombardierungen, Kampfhandlungen, Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen sowie vereinzelte Verhaftungen und Entführungen politisch missliebiger Personen durch sowjetische Kräfte prägten die ersten Nachkriegsjahre. Dies sowie die zehnjährige sowjetische Besetzung und die Eingliederung vieler Betriebe in die USIA-Gruppe komplizierten und verlangsamten den Wiederaufbau. Niederösterreich geriet dadurch gegenüber den westlichen Bundesländern ins Hintertreffen. Erst nach Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen 1955 nach dem Abschluss des Österreichischen Staatsvertrags war eine freie politische und ökonomische Entwicklung möglich.

Anfang der sechziger Jahre wurde unter Landeshauptmannstellvertreter und gleichzeitig Newag-Generaldirektor Viktor Müllner südlich von Mödling die Südstadt errichtet. Der Name bezog sich auf Wien, nicht auf Mödling. In der Südstadt errichteten NEWAG und Niogas, später zu EVN fusioniert, ihre Hauptsitze. Ein Sportzentrum dient u.a. zum Aufbau von Spitzensportlern (Liese Prokop trainierte dort). Wohn- und Reihenhäuser im Grünen komplettierten die nahe der Triester Straße (B17) gelegene Siedlung, die zur Gemeinde Maria Enzersdorf gehört.

Der Aufholprozess führte erst um 1975 unter Landeshauptmann Andreas Maurer zu einem annähernden Gleichziehen mit jenen Bundesländern, die unter westalliierter Besatzung gestanden waren, und verursachte eine grundlegende Veränderung der Wirtschafts- und Sozialstruktur des Landes. Der Anteil der Landwirtschaft sank stark, während der Dienstleistungs- und Industriesektor im Umland der Städte enorm anwuchs.

Auch die dadurch entstandene Landflucht in die Ballungszentren Wien und Linz ließ das Fehlen einer eigenen Landeshauptstadt immer mehr als Mangel empfinden. Der Landtag entschloss sich 1986 unter der Führung von Landeshauptmann Siegfried Ludwig zur Durchführung einer Volksbefragung, um die Hauptstadtfrage Niederösterreichs zu lösen. St. Pölten wurde schließlich nach einer ausgedehnten Werbekampagne und der positiv verlaufenen Volksbefragung zur Landeshauptstadt erhoben. Renommierte Architekten, darunter Hans Hollein und Klaus Kada, entwarfen ein neues Regierungsviertel sowie das Kulturzentrum mit Museum und Festspielhaus. Die niederösterreichischen Behörden wurden Zug um Zug nach St. Pölten umgesiedelt, die Landesregierung selbst übersiedelte 1996. Gustav Peichl errichtete in St. Pölten ein neues ORF-Landesstudio. Mit der Entscheidung für eine eigene Landeshauptstadt blieb mehr Geld im Land, und es wurde – ebenso wie wenig später durch den Fall des Eisernen Vorhangs – die Prosperität Niederösterreichs gefördert.

Einzelnachweise

  1. Eintrag zu Venus vom Galgenberg in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online  (auf AEIOU)
  2. Manfred Rosenberger in der Zeitung Au-Blick des Nationalpark Donau-Auen Ausgabe Nr.35
  3. Walter Kalina, Ferdinand III. und die bildende Kunst. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts (Dissertation Universität Wien 2003), 16.
  4. deutsches Reichsgesetzblatt 1939, S. 745 f., Gesetz vom 25. März 1939
  5. Gesetz über Gebietsveränderungen in Österreich, GBlLÖ Nr. 443/1938

Siehe auch

Literatur

  • Niederösterreichische Bibliographie.
  • Karl Gutkas: Landeschronik Niederösterreich. 3000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern. Brandstätter, Wien 21994, ISBN 3-85447-254-4.
  • Karl Gutkas: Geschichte Niederösterreichs = Geschichte der österreichischen Bundesländer. Hrsg. Johann Rainer. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1984, ISBN 3-7028-0209-6.
  • Walter Kohl (Hrsg.), Andreas Weber: Erlebte Geschichte Niederösterreich. NP-Buchverlag, St. Pölten, Wien, Linz 2004, ISBN 3-85326-359-3.
  • Gerhard Stenzel (Hrsg.): Niederösterreich. Geschichte und Kultur in Bildern und Dokumenten. Otto Müller Verlag, Salzburg 1982, ISBN 3-7013-0637-0.

Weblinks

Die zentrale wissenschaftliche Einrichtung zur Dokumentation der Geschichte Niederösterreichs findet sich im

Dies ist ein als lesenswert ausgezeichneter Artikel.
Dieser Artikel wurde am 1. April 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.