Großorient von Österreich

Der Großorient von Österreich (GOÖ) ist eine Dachorganisation von Freimaurerlogen, die nach den Grundsätzen der Straßburger Deklaration des CLIPSAS vom 22. Jänner 1961 als gerechte und vollkommene Logen gegründet wurden. Sein Ziel ist es, diesen Logen als Großloge im Sinne der liberalen Freimaurerei einen größtmöglichen Entfaltungsraum einzuräumen.

Der Großorient von Österreich versteht sich als pluralistisch. Unterschiedliche freimaurerische Rituale sind in Männer-, Frauen- und gemischten Logen gleichberechtigt nebeneinander möglich. Der Großorient von Österreich vereint in seinen Logen Freimaurer beiderlei Geschlechts ohne Unterschied von Herkunft, Religion und Weltanschauung.

Der Großorient von Österreich ist Gründungsmitglied des CLIPSAS (Centre de Liaison et d’Information des Puissances maçonniques Signataires de l’Appel de Strasbourg, 22 janvier 1961). Er bekennt sich in dessen Sinne zur absoluten Gewissensfreiheit und zur Toleranz. CLIPSAS ist ein Verbindungs- und Informationszentrum der Freimaurerischen Signatarobödienzen der Straßburger Deklaration, in dem mittlerweile über 60 Obödienzen weltweit verbunden sind.

Geschichte

Zu Beginn der 1950er Jahre forderte die Vereinigte Großloge von England von der Großloge von Wien für Österreich als Preis für die Anerkennung unter anderem das Ende jeglicher Beziehungen zu „irregulären“ Brüdern, so auch z. B. zu solchen, die dem Großorient von Frankreich (GOdF) angehörten. Im Herbst 1952 erfolgte die formelle Anerkennung. Eine Gruppe vorwiegend jüngerer Brüder, fast alle aus der Wiener Loge Zukunft kommend, wollte diesen anbefohlenen Kurswechsel jedoch nicht mittragen.

Sie arbeiteten ab Herbst 1953 unter freiem Himmel, also außerhalb der Großloge von Wien für Österreich, und begannen, eine zeitgemäße Form der freimaurerischen Arbeit zu entwickeln. In einer eingehenden Ritualdiskussion stellten sie alle Riten und Symbole in Frage mit dem Ziel, sie zu entstauben. Der Tempel sollte wieder zur Bauhütte werden.

Am 24. September 1955 wurde die Unabhängige Freimaurer Loge Wien (UFML) gegründet, die Verbindung zu anderen Logen (mit ähnlicher Geschichte) in Europa aufnahm. Im Dezember 1960 wurden durch Teilung der UFML die Logen Van Swieten und Sonnenfels gegründet, am 12. Jänner 1961 die Loge Tradition und von diesen drei Logen am gleichen Tag der Großorient von Österreich gegründet.

Am 22. Jänner 1961 war der Großorient von Österreich eine der 11 Obödienzen, die den Appell von Straßburg unterschrieben und so den Dachverband CLIPSAS gründeten, der jene Obödienzen, die durch die Anerkennungsverhältnisse der Vereinigten Großloge von England (UGLE) ausgeschlossen waren, wieder zusammenführte.

Zwar musste der Großorient nach wenigen Jahren wieder „schlafen gelegt“ werden, doch arbeiteten die verbliebenen Brüder in der Loge UFML weiter. Zu den Grundsätzen der UFML gehörte von Anfang an ein Verständnis von Freimaurerei, das auch auf die früheren gesellschaftspolitischen Wirkungsmöglichkeiten zurückgreifen wollte. Zu den Alten Pflichten sollten Neue Pflichten als Ergänzung hinzukommen. Ein solches Dokument wurde 1974 verfasst und gilt bis heute.

Dieser Text ist in seinem Grundverständnis ein Versuch, die alte Flamme der Aufklärung, das Licht der Vernunft in einer Welt der Widersprüche, der Inhumanität und der Gleichgültigkeit, wieder stärker zum Leuchten zu bringen.

Von Anfang an wurden alternierend zu den 14-täglichen Logen-Zusammenkünften so genannte Konferenzarbeiten abgehalten, zu denen auch Nichtaufgenommene eingeladen wurden. Diese Konferenzen sollten vermeiden, dass die Freimaurerei im Elfenbeinturm sitze. 1973 wurde daraus ein Verein. Er dient als Plattform in mehrfacher Hinsicht: als Vorfeldorganisation des Großorients ermöglicht er interessante Referate, den Gedankenaustausch zwischen Freimaurern und Nichtmaurern zu pflegen und somit das nähere Kennenlernen zu fördern. Seit 1978 wurden auch Frauen zu den Diskussionsabenden eingeladen.

Innerhalb der Männerloge UFML wurde jahrelang diskutiert, ob sie die liberalen Grundsätze etwa betreffend der Aufnahme von Frauen nicht auch selbst in die Tat umsetzen sollten, damit aus dem Brüderbund ein Menschenbund werde.

1985 fühlte sich die Gruppe stark genug, wieder die Bildung eines Großorients zu wagen. Am 8. Mai 1985 wurde das Licht in der Loge Zu den Neuen Pflichten entzündet, am 26. Juni folgte die Loge Gotthold Ephraim. Am gleichen Tag entzündeten die 3 Logen wieder das Licht im Großorient von Österreich. Am 27. November 1985 wurden endlich sechs Frauen in die beiden neuen Logen aufgenommen. Die Traditionsloge UFML blieb eine Männerloge, jedoch mit Besuchsrecht für Schwestern.

1990, nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, wurde unter der Ägide des Großorients von Österreich eine interobödienzielle Ausbildungs- und Forschungsloge namens Perpetuum Mobile gegründet.

Am 19. September 1998 entzündete die Männerloge Zu den Drei Spiegeln, am 2. Oktober 1999 die gemischte Loge Sapientia Cordis ihr Licht innerhalb des Großorients.

Am 16. Mai 2001 wurde die Loge H.I.R.A.M. in den Großorient von Österreich aufgenommen und damit ein Schritt in Richtung Pluralismus gesetzt, da diese Loge im „Schottischen Ritus“ arbeitet. Am 21. Mai 2003 erfolgte die Aufnahme der Loge Zur Königlichen Kunst, welche in einem Französischen Ritual (in deutscher Sprache) arbeitet.

Im Sommer 2003 kam es zu Wirren und die drei Gründungslogen UFML, Zu den Neuen Pflichten und Gotthold Ephraim verließen den Großorient von Österreich. Bis zu ihrem Zusammenschluss zur Liberalen Großloge von Österreich am 24. Juni 2007 arbeiteten sie nicht unter dem Dach einer Obödienz.

Am 28. September 2005 entzündete die gemischte Loge Euklid ihr Licht; sie wurde am 21. Dezember als fünfte Loge in den Großorient aufgenommen. Sie betont explizit die Laizität und lädt besonders auch Atheisten beiderlei Geschlechts ein.

Durch in Wien lebende francophone Brr. & Srrn. erfolgt der Anstoß zur Gründung einer französischsprachigen Loge, die ihr Licht am 13. März 2010 unter dem Namen Confluences (= Zusammenflüsse) entzündete. Sie arbeitet im Rite français moderne.

Am 1. Mai 2010 entzündete das dzt. jüngste Mitglied die Lichter: Die Loge Phoibos Apollon, sie arbeitet im Alten und Angenommenen Schottischen Ritus.

Die sieben Logen des Großorients von Österreich halten den Grundgedanken hoch, dass die Freimaurerei wieder eine gesellschaftspolitische Bedeutung erzielen sollte, ein Denken in ethisch-moralischen Kategorien ohne Dogmatismus jedoch mit Langzeit-Perspektiven, das die Freimaurer auszeichnet. Sie wollen sich mehr der Öffentlichkeit stellen und als Vorbilder in der Gesellschaft wirken.

Siehe auch

Weblinks