Grodek

Grodek ist ein Gedicht von Georg Trakl, das die Erinnerung an den gleichnamigen Ort Gródek in Ostgalizien (heutige Ukraine)[1] wachhält: Bei Gródek fand zu Beginn des Ersten Weltkrieges eine erbitterte Schlacht zwischen russischen und österreich-ungarischen Truppen statt.

Sprache und Form

Wie mehrere Gedichte Trakls[2] beginnt auch Grodek mit den beiden Wörtern Am Abend. Das Gedicht[3] besteht aus 17 Versen unterschiedlicher Länge. Alle Zeilen, mit Ausnahme einer, enden mit einem Substantiv; allein die achte Zeile, in der „ein zürnender Gott“ erwähnt wird, durchbricht dieses Muster. Die Einteilung in Verse entspricht nicht der orthographischen und inhaltlichen Einteilung. Weiterhin gibt es keine Reime, kein durchgängiges metrisches Raster, wohl aber ein freies rhythmisches Muster, welches hauptsächlich auf Dreisilbigkeit basiert (Amphibrachys, Daktylus). Der sprachliche Duktus ist stark von der österreichischen Sprachmelodie beeinflusst, was etwa konkrete rhythmische Konsequenzen auf Grund der Silbenanzahl hat (siehe Zeile 2 die goldnen Ebenen und letzte Zeile Die ungebornen Enkel).

Das Gedicht

Grodek[3][4]

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düster hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Historischer Zusammenhang

Trakl betitelte dieses Gedicht mit dem damaligen Namen der Stadt, in welcher er in einem Feldlazarett als Sanitätsleutnant Anfang September 1914 die Schlacht bei Gródek erlebte. Die Schlacht bei Gródek, die im Zusammenhang mit der Schlacht von Lemberg steht, gilt als besonders grausam in Bezug auf menschliche Schicksale. Trakl, dem dieses Wirkungsfeld nach Einberufung in die k.u.k. Armee unter dem Aspekt der pharmazeutischen Kenntnisse (→ Hauptartikel Georg Trakl) zugewiesen wurde, sah sich außerstande, unter den widrigen Umständen (u. a. das Fehlen von Narkotika für nötige Operationen) das Leid der Verletzten auch nur zu mildern.
Unter diesem Eindruck stehend schrieb er das Gedicht Grodek.
Aufgrund der Verschlechterung seiner nervlichen Verfassung wurde er in ein Krakauer Militärhospital eingewiesen, wo er Anfang November 1914 einer Herzlähmung in Verbindung mit einer Überdosis Kokain erlag. (Ungeklärt ist, ob die Überdosierung ein Versehen war oder aus Absicht geschah.)
Grodek ist wohl Trakls letztes Gedicht und wurde kurz nach seinem Tod in der Zeitschrift Der Brenner veröffentlicht.[5]

Weblinks

 Wikisource: Grodek – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Ukrainischer Name des Ortes: Horodok/Gorodok.
  2. Georg Trakl (Brenner-Drucke)
  3. a b Scan der Erstveröffentlichung in Der Brenner
  4. Die Absätze entsprechen der gedruckten Fassung in der Biblioteca Augustana.
    In der handschriftlichen Fassung (gleiche http-Adresse), wie auch im Brenner, sind dagegen keine Absätze enthalten.
  5. Lexikon des Expressionismus, ISBN 2-85056-128-2