Hans-Ulrich Wittchen

Hans-Ulrich Wittchen (* 6. Juli 1951 in Bad Salzuflen) ist ein deutscher Klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Seit 2000 ist er Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie[1] und des Centre of Clinical Epidemiology and Longitudinal Studies (CELOS)[2] an der Technischen Universität in Dresden.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Ausbildung

Nach dem Abitur am Freiherr-von-Stein-Gymnasium in Leverkusen (1968) studierte Hans-Ulrich Wittchen Medizin und Psychologie in Wien. Nach dem Studium begann er seine Laufbahn als wissenschaftlicher Assistent des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät Universität Wien (1973-1976) und absolvierte eine Zusatzausbildung als Verhaltenstherapeut (Psychotherapie) beim Berufsverband Deutscher Verhaltenstherapeuten[3] und der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Verhaltenstherapie[4]. In Wien war Wittchen u.a. mit der Einführung verhaltenstherapeutischer Methodenentwicklung am Anton Proksch Institut für Alkoholkranke und dem Ludwig-Boltzmann Institut für Suchtforschung betraut und promovierte 1975 zum Dr. phil. mit einer Arbeit[5] zur klinischen Bedeutung von Biofeedbackmethoden.

Nach der Promotion wechselte er 1976 an das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, dann 1978 an das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. 1984 habilitierte er sich für das Fach Klinische Psychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität mit einer Schrift[6] über den Verlauf und Ausgang behandelter und unbehandelter psychischer Störungen. Von 1984 bis 1990 hatte er zudem die Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Mannheim inne und gründete dort die Institutsambulanz und das psychophysiologische Labor. 1989-1990 wurde er beurlaubt, um die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und US-Alcohol, Drug and Mental Health Administration bei der Vorbereitung von DSM-III-R[7] und der ICD-10[8] Klassifikationen zu unterstützen und begleitende Studien zu organisieren. 1990 folge die Rückkehr an das Max Planck Institut für Psychiatrie als Leiter der Abteilung Psychologie. Ab 2004 leitete Wittchen die Arbeitsgruppe „Epidemiologie und Verlaufsforschung“ am Max Planck Institut für Psychiatrie.

Weitere berufliche Stationen waren das National Institute of Mental Health, Bethesda, USA, Ann Arbor (Michigan, USA) und die Harvard University in Boston (USA).

Seit 2000 hat Wittchen den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden inne. Er ist Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und des Center of Clinical Epidemiology and Longitudinal Studies (CELOS), Direktor und Geschäftsführer des postgradualen Studienganges Psychologische Psychotherapie sowie der Institutsambulanz der Technischen Universität Dresden (IAP-TUD)[9].

Hans-Ulrich Wittchen ist Vater zweier Kinder.

Arbeitsschwerpunkte und Wirken

Hauptarbeitsschwerpunkte von Hans-Ulrich Wittchen sind:

  • Operationalisierte Diagnostik psychischer Störungen (DSM-IV, DSM-IV-TR[10], DSM-V[11]): Entwicklung expliziter und operationalisierter diagnostischer Kriterien sowie diagnostischer Instrumente wie des Strukturierten Klinisches Interview für Psychische Störungen (SKID[12]) und des standardisierten Computerisierten Internationalen Diagnostischen Interviews (CIDI[13])
  • ätiologische Grundlagenforschung bei Angst-, depressiven, Stress- und Substanzstörungen sowie assoziierten somatischen Störungen [14]
  • Komorbidität psychischer Störungen[14]
  • Arbeiten zur Häufigkeit, Belastung, Verlaufs- und Versorgungsforschung, Therapie und Prävention psychischer Störungen mit dem Ziel der Ableitung verbesserter ätiologischer und pathogenetischer Modelle sowie die Entwicklung von Therapieangeboten und Versorgungskonzepten[14], sowie
  • experimentelle und versorgungsorientierte Therapieforschung[14]

Mitgliedschaften und Tätigkeiten in Fachverbänden

Hans-Ulrich Wittchen ist Sprecher bzw. Study Director mehrerer Forschungsverbünde (z.B. BMBF, ASAT[15], Panicnet[16]), Task Force Member der APA-DSM-5 Kommission für Angststörungen[17], Vizepräsident und Executive Council Mitglied des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP)[18] und Task Force member des European Brain Council (EBC) „Size, burden and cost of disorders of the brain in Europe“[19]. Er ist Projektleiter und Co-Investigator einer Vielzahl nationaler und internationaler klinisch-therapeutischer und epidemiologischer Studien (u. a. MFS, EDSP[20], WMH[21], NCS[22], IDEA, DETECT[23], GEPAD[24], MentDis65+[25], Roamer). Er ist zudem Honorarprofessor für Psychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München und Honorarprofessor für Epidemiology and Public Health an der Miami University, Miller School of Medicine.

Werke (Auswahl)

Laut Web of Science (WOS-ISI-highly-cited[26]) gehört Hans-Ulrich Wittchen zu den weltweit am häufigsten zitierten Wissenschaftlern in den Gebieten Psychologie, Psychiatrie und Neuroscience. Zu seinen Publikationen zählen deutsch- und englischsprachige Bücher als Herausgeber und Autor zur Epidemiologie und Behandlung psychischer Störungen und mehr als 500 peer-review Artikel. Seine Arbeiten zur Verbreitung und den Kosten psychischer Störungen in Europa gehören zu den häufigst zitierten Arbeiten in diesem Bereich [27], [28].

Bücher: Er ist Herausgeber und Autor des im deutschen Sprachraum am weitesten verbreiteten Lehrbuchs „Klinische Psychologie und Psychotherapie[29]“ (zus. mit Prof. J. Hoyer) sowie vieler weiterer fachwissenschaftlicher Bücher vor allem auf dem Gebiet der Verhaltenstherapie und Psychotherapie, z.B. Konfrontationstherapie bei Psychischen Störungen (zus. mit Dr. P. Neudeck)[30] Handbuch Psychischer Störungen[31], Expositionsbasierte Therapie der Panikstörung und Agoraphobie[32]. Im Bereich der patientenorientierten psychoedukativen Literatur gehört er mit seinen Patientenratgebern z.B. „Was Sie schon immer über Angst wissen wollten“, zu den einflussreichsten Autoren[33].

Hans-Ulrich Wittchen ist Gründer und Mitherausgeber einer Reihe von Fachzeitschriften, u.a. den fachwissenschaftlichen peer review Organen „Verhaltenstherapie“[34] und des International Journal of Methods in Psychiatric Research[35].

Ehrungen und Auszeichnungen

  • 2001: Honorarprofessur Ludwigs-Maximilians-Universität, München
  • 2003: Medvantis Research Prize, Berlin (65.000€)
  • 2004: ISI/WOS[26] Top 100 Highly-cited in Psychology/Psychiatry/Neuroscience
  • 2007: Preis der Stiftung Buchkunst als „eines der schönsten deutschen Bücher“ für das „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ [29], (Heidelberg: Springer) zusammen mit Prof. J. Hoyer
  • 2008: Task Force Member, APA-DSM-5[17] revision
  • 2010: Vizepräsident des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP)
  • 2011: Focus Ärzteliste[36]
  • 2011: Honorarprofessur Miller School of Medicine, University of Miami, USA[37]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Institute of Clinical Psychology and Psychotherapy
  2. http://www.tud-celos.com/
  3. Berufsverband Deutscher Verhaltenstherapeuten
  4. Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Verhaltenstherapie
  5. Wittchen, H.-U. (1975). Biofeedback und Alkoholismus. Unpublished Dissertation, Wien.
  6. Habilitation (Dr. phil. habil.), Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München (1984): "Verlauf und Ausgang behandelter und unbehandelter affektiver Störungen unter psychopathologischen, sozialen und psychologischen Aspekten".
  7. American Psychiatric Association (1987). DSM-III-R. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders . Washington, DC: Author. Washington, DC: Author.
  8. WHO (1991). Tenth Revision of the International Classification of Diseases Chapter V (F): Mental and Behavioral Disorders (including disorders of psychological development). Clinical descriptions and diagnostic quidelines. Geneva: World Health Organization.
  9. Homepage des Aufbaustudienganges Psychologische Psychotherapie an der TU Dresden
  10. Saß, H., Wittchen, H.-U., Zaudig, M. & Houben, I. (2003). Diagnostische Kriterien. DSM-IV-TR. (Dt. Bearb.). Göttingen: Hogrefe.
  11. DSM-V
  12. Wittchen, H.-U., Zaudig, M., & Fydrich, T. (1997). SKID. Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-IV. Achse I und II. Handanweisung. Göttingen: Hogrefe
  13. Wittchen, H. U., & Pfister, H. (1997). DIA-X-Interviews: Manual für Screening Verfahren und Interview; Interviewheft Längsschnittuntersuchung (DIA-X-Lifetime); Ergänzungsheft (DIA-X-Lifetime); Interviewheft Querschnittsuntersuchung (DIA-X-12 Monate); Ergänzungsheft (DIA-X-12 Monate); PC-Programm zur Durchführung des Interviews (Längs- und Querschnittsuntersuchung); Auswertungsprogramm. Frankfurt: Swets & Zeitlinger
  14. a b c d Statusbericht 2008-2009
  15. ASAT
  16. Panicnet
  17. a b APA-DSM-5
  18. European College of Neuropsychopharmacology (ECNP)
  19. Size, burden and cost of disorders of the brain in Europe
  20. EDSP-Studie
  21. WHO Mental Health Atlas 2011
  22. National Comorbidity Survey (NCS)
  23. DETECT-Studie
  24. GEPAD Studie
  25. MentDis65+ Studie
  26. a b WOS-ISI-highly-cited
  27. Wittchen, H.-U. & Jacobi, F. (2005). Size and burden of mental disorder in europe: A critical review and appraisal of 27 studies. European Neuropsychopharmacology, 15, 357-376.
  28. http://www.psychologie.tu-dresden.de/i2/klinische/sizeandburden.html
  29. a b Wittchen, H.-U., & Hoyer, J. (Eds.). (2006). Klinische Psychologie und Psychotherapie (2. Auflage) Heidelberg: Springer
  30. Neudeck, P., & Wittchen, H.-U. (2007). Konfrontationstherapie bei psychischen Störungen. Göttingen: Hogrefe.
  31. Wittchen, H.-U. (Ed.). (1998). Handbuch Psychische Störungen. Weinheim: Beltz.
  32. Lang, T., Helbig- Lang, S., Westphal, D., Gloster, A. & Wittchen, H.-U. (2011). Expositionsbasierte
  33. Therapie der Panikstörung mit Agoraphobie: Ein Behandlungsmanual Göttingen: Hogrefe. Wittchen, H.-U., Bullinger-Naber, M., Hand, I., Kasper, S., Katschnig, H., Linden, M., Margraf, J., Möller, H.-J., Naber, D. & Pöldinger, W. (1994). Ratgeber Angst. Was Sie schon immer über Angst wissen wollten. (2). Basel, Freiburg: Karger.
  34. Verhaltenstherapie
  35. International Journal of Methods in Psychiatric Research
  36. Focus Ärzteliste
  37. Miller School of Medicine, University * of Miam