Heinz Rutha

Heinrich Rutha (alternativ Heinz Rutha; * 20. April 1897 in Bad Kunnersdorf; † 5. November 1937 in Böhmisch Leipa) war Innenarchitekt und Politiker der Sudetendeutschen Partei (SdP). Er war eine „Schlüsselfigur“ der sudetendeutschen Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg und als enger Vertrauter Konrad Henleins der „Außenminister“ der Sudetendeutschen Partei.

Inhaltsverzeichnis

Jugend und Erster Weltkrieg

Rutha wurde als Kind einer Bauernfamilie geboren und besuchte die Realschule in Böhmisch Leipa (Česká Lípa), wo zu seinen Freunden der führende Wandervogel Otto Kletzl gehörte. Er wurde aktives Mitglied des Deutschböhmischen Wandervogels, deren Leipaer Gruppe er 1915/16 anführte. 1916 wurde er zum „Gauherzog“ des Wandervogels gewählt. Zum Kriegsdienst wurde er wegen eines angeborenen Herzerkrankung erst im Herbst 1917 eingezogen und sehr bald an der italienischen Front durch Gas verwundet.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Krieg engagierte er sich im 1921 aus dem Deutsch-Böhmischen Wandervogel hervorgegangen Sudetendeutschen Wandervogel. Dort entwickelte er unter dem Einfluss des wachsenden sudetendeutschen Nationalismus nach dem Zerfall Österreich-Ungarns seine Idee eines Männerbundes. 1921 gründete er mit der „Jungenschaft“ eine eigene Gruppe innerhalb des Wandervogels; sie war beeinflusst von Arbeiten des Dichters Stefan George über Männerfreundschaften. 1925 gründete er gemeinsam mit Walter Heinrich den Kameradschaftsbund für volks- und sozialpolitische Bildung, eine politisch zurückhaltende, aber sehr einflussreiche Organisation sudetendeutscher Intellektueller, die den Lehren Othmar Spanns nahestand. Dem Kameradschaftsbund schloss sich auch Konrad Henlein an, der sich schon in der „Jungenschaft“ mit Rutha befreundet hatte. Zusammen mit ihrem gemeinsamen Freund Josef Suchy engagierten sich Heinrich, Rutha und Henlein auch im Deutschen Turnverband. 1933 engagierten sie sich wie viele Kameradschaftsbündler in der Sudetendeutschen Heimatfront, der späteren Sudetendeutschen Partei, zu deren Gründungsmitgliedern sie 1933 gehörten.

1934/35 initiierte Rutha den freiwilligen sudetendeutschen Arbeitsdienst. 1935 wurde er Fachreferent für Nationalitäten- und Völkerbundfragen der Sudetendeutschen Partei. Als außenpolitischer Berater und enger Mitarbeiter und Freund Konrad Henleins und galt er fürderhin als „Außenminister“ der Sudetendeutschen. Dabei stand er unter dem Druck rivalisierender Parteiflügel, vor allem der nationalsozialistische Flügel („Aufbruch-Kreis“) wollte ihn entmachten. 1935 wurde er Fachreferent für Nationalitäten- und Völkerbundfragen der Sudetendeutschen Partei. Rutha fungierte auch als Vizepräsident der Deutschen Völkerbundliga und der Europäischen Nationalitäten-Kongresse.

Die Rutha-Affäre von 1937 und ihre Folgen

1937 publizierten tschechoslowakische Medien angebliche Enthüllungen über homosexuelle Aktivitäten Ruthas, die sich auf polizeiliche Vernehmungen junger Männer beriefen, die in Ruthas Möbelfabrik arbeiteten. Die Veröffentlichungen führten im Oktober 1937 zur Verhaftung Ruthas und 20 weiterer führenden Persönlichkeiten des Kameradschaftsbundes des als politisch gemäßigt geltenden Ruthas durch die tschechische Polizei.

Ungeachtet dessen, dass Ruthas Homosexualität einem größeren Personenkreis bekannt gewesen zu sein scheint, bot sich dem völkisch-radikalen Flügel der sudetendeutschen Bewegung damit ein willkommener Anlass, um den sudetendeutschen Spannkreis politisch ins Abseits zu stellen und Henlein zu belasten. Rutha soll sich unter Berufung auf die Theorien Hans Blühers zum homosexuellen Verkehr mit Suchy bekannt haben. Er erhängte sich in der Nacht vom 4. zum 5. November 1937 in seiner Zelle im Gerichtsgefängnis von Böhmisch-Leipa. Noch in seinem Abschiedsbrief mahnte Rutha (lt. Walter Becher) die SdP: Wirkt für das Zusammenleben der Völker in unserem Land![1]

Die Umstände der Verhaftung und des Todes Ruthas haben zu Spekulationen Anlass gegeben. Offensichtlich hatten sowohl die tschechische Polizei als auch der völkisch-radikale Flügel der sudetendeutschen Bewegung ein Interesse, Rutha auszuschalten und Henlein zu belasten. Dass der sogenannte „Aufbruch-Kreis", der ideologische Gegenspieler des Kameradschaftsbundes, der tschechischen Polizei belastendes Material zuspielte, wurde vermutet, aber nicht bewiesen.[2] Zu den unmittelbaren Folgen des Suizids gehörte, dass Konrad Henlein als Chef der SdP dem Aufbruch-Kreis Zugeständnisse machte. Angehörige des Aufbruch-Kreises nutzen auch in den darauffolgenden Jahren die Rutha-Affäre als Instrument, um innerparteiliche Rivalen - insbesondere Gegner der Loslösung von der ČSR - auszubooten. Einen Höhepunkt erreichte dieses Vorgehen mit den Dresdner Prozessen von 1939, die zur Entmachtung eines ganzen Flügels der SdP um Henleins Sekretär Walter Brand führten.[3] In einem Artikel der SS-Zeitschrift Das Schwarze Korps figurierte Rutha 1940 als Hauptperson eines angeblichen „Homosexualkomplexes Sudetenland“, einer angeblichen Konspiration gegen das Deutsche Reich.

Literatur

  • W. Becher: Rutha Heinrich. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 9, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988, ISBN 3-7001-1483-4, S. 337.
  • Walter Becher: Zeitzeuge. Ein Lebensbericht. München 1990.
  • Mark Cornwall: Heinrich Rutha and the Unraveling of a Homosexual Scandal in 1930s Czechoslovakia. In: GLQ. A Journal of Lesbian and Gay Studies. 8, 2002, 3, ISSN 1064-2684, S. 319–347.
  • Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Biographisches Lexikon. Frankfurt/M. 2001.
  • Margarete Ikrath-Rutha: Heinrich Rutha. Seine Lebensarbeit und seine Ziele für das Sudetendeutschtum. 1985.
  • Andreas Luh: Der Deutsche Turnverband in der ersten Tschechoslowakischen Republik. Vom völkischen Vereinsbetrieb zur volkspolitischen Bewegung. München 2006.
  • Ronald M. Smelser: Das Sudetenproblem und das Dritte Reich, 1933-1938. Von der Volkstumspolitik zur Nationalsozialistischen Aussenpolitik München 1980.
  • Ludwig Weichselbaumer: Walter Brand (1907-1980). Ein sudetendeutscher Politiker im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Anschluss. München 2008.

Einzelnachweise

  1. Becher: Zeitzeuge, S. 85.
  2. Luh, Der Deutsche Turnverband, S. 395.
  3. http://www.welt.de/print-welt/article581192/Kohen_ist_nicht_zu_fassen.html/