Heinz von Foerster

Heinz von Foerster, Foto von 1963 aus dem Biological Computer Laboratory, University of Illinois

Heinz von Foerster (* 13. November 1911 als Heinz von Förster in Wien; † 2. Oktober 2002 in Pescadero, Kalifornien) war ein österreichischer Physiker, Professor für Biophysik und langjähriger Direktor des Biological Computer Laboratory in Illinois. Er gilt als Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaft und ist philosophisch dem radikalen Konstruktivismus zuzuordnen. Sein Bruder Ulrich war unter dem Namen Uzzi Förster ein bekannter Aktionist und Jazzmusiker in Wien.

Zu seinen bekanntesten Wortschöpfungen gehören Kybernetik zweiter Ordnung, Lethologie, Neugierologie, KybernEthik. Er prägte auch den Begriff Ethischer Imperativ.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Da der Vater, Ingenieur Emil von Foerster (1877-1944; Sohn des österreichischen Architekten Emil Ritter von Förster, 1838–1909), mit Beginn des ersten Weltkrieges eingezogen wurde und in langjährige Kriegsgefangenschaft geriet, wurde von Foerster hauptsächlich von seiner Mutter Lilith (1891-1952; Tochter von Marie Lang[1]) und ihrem Freundeskreis aus Künstlern und Philosophen aufgezogen. Eine enge Beziehung entstand auch zu seinem Onkel Erwin Lang, Ehemann der Tänzerin Grete Wiesenthal, und ihrem Sohn Martin Lang, mit dem er seinem Hobby, der Zauberei, nachging. Das Spiel mit den Erwartungen des Publikums und seiner Wahrnehmung faszinierte ihn schon damals.

Heinz von Foerster studierte ab 1931 Physik an der Technischen Hochschule Wien. Durch seinen Nennonkel Ludwig Wittgenstein stark geprägt, hatte er bereits im Studium Kontakte zu Philosophen des Wiener Kreises, insbesondere zählen Moritz Schlick und Rudolf Carnap zu seinen Einflüssen. Noch vor Ende seines Studiums begann von Foerster für die Firma Leybold in Köln als Vertreter zu arbeiten. An dieser Tätigkeit fehlte ihm jedoch das Forschen und so wechselte er zu Siemens in Berlin. 1939 erhielt er eine Stellung bei der GEMA, die ihn aufgrund ihrer Kriegswichtigkeit vor dem Militärdienst bewahrte.

1939 heiratete er die Schauspielerin Mai Stürmer (1914-2003). 1944 reichte von Foerster an der Universität Breslau eine Dissertation ein, um einen formellen Abschluss in Physik zu erwerben – sein Studium in Wien hatte er wegen des Engagements bei Leybold nicht abgeschlossen. Obwohl von Foerster auch die erforderlichen Prüfungen ablegte, wurde ihm als „Mischling 2. Grades“ (Foerster hatte einen jüdischen Großvater und konnte deswegen keinen sog. "kleinen Ariernachweis" erbringen.[2] ohne Ariernachweis die Promotion formell verweigert.[3][4]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er nach Österreich zurück. Nach einem sehr kurzem Gastspiel in der Politik – die US-Besatzung setzte ihn kurzfristig als Bürgermeister einer Gemeinde ein – arbeitete von Foerster für die Firma Schrack-Ericsson und nebenbei beim US-Radiosender Rot-Weiß-Rot, wo er später Leiter der Wissenschaftsredaktion wurde.

Seine erste Monographie erschien 1948 unter dem Titel Das Gedächtnis.[5] Diese Veröffentlichung ebnete ihm schließlich den Weg in die USA, als sie dem amerikanischen Neurophysiologen Warren McCulloch in die Hände fiel, der Foersters Ideen sehr interessant fand.

Durch McCullochs Förderung gelangte von Foerster bereits 1949 an eine Stelle am Electron Tube Lab an der Universität von Illinois, wo er dann von 1962 bis 1975 als Professor für Fernmeldetechnik lehrte. Von 1962 bis 1975 war er außerdem Professor für Biophysik und 1958 bis 1975 Direktor des Biological Computer Laboratory. Zudem war er von 1956 bis 1957 und von 1963 bis 1964 ein Guggenheim-Fellow. Von 1963 bis 1965 war er Präsident der Wenner-Gren-Foundation für anthropologische Forschung. 1976 emeritierte Foerster und übersiedelte mit seiner Frau Mai nach Pescadero.

Er stand in engem Kontakt mit John von Neumann, Norbert Wiener, Ernst von Glasersfeld, Humberto Maturana, Francisco Varela, Gordon Pask, Gregory Bateson, Lawrence J. Fogel, Margaret Mead, Ivan Illich und Gotthard Günther.

Heinz von Foerster war auch ein begeisterter und guter Bergsteiger. Der bekannte Bergsteiger und Buchautor Kurt Maix schilderte in seinem Buch Im Banne der Dachstein Südwand den Versuch der dritten Begehung der Rauchkarwand am Torstein gemeinsam mit Heinz von Förster, Richard Perner und Nora Igler. Die Begehung scheiterte wegen eines Sturzes von Kurt Maix. Kurt Maix schrieb über Heinz Förster: „Aus Heinz wurde ein großartiger Berggefährte, auf den man sich in jeder Lage verlassen konnte. Er haßte Phrasen und hochtrabende Worte. Er hätte das Wort Kameradschaft nie ausgesprochen, weil man über Selbstverständlichkeiten nicht spricht …“

Werke (Auswahl)

„Getreu seiner Einsicht, daß in den meisten Büchern nur Käse steht, obwohl sie nie den Mut haben, dann auch ‚Käse‘ drüberzuschreiben, hat er nie eigene Monographien geschrieben, sondern Beiträge für Tagungen verfaßt und Tagungsbände herausgegeben.“ (Dirk Baecker)

  • Das Gedächtnis: Eine quantenphysikalische Untersuchung. Franz Deuticke Verlag, Wien 1948. (Mit einer Einleitung von Professor Dr. Otto Pötzl.)
  • Sicht und Einsicht: Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Braunschweig 1985 (Neuauflage: Heidelberg 1999)
  • Wissen und Gewissen: Versuch einer Brücke. Suhrkamp Verlag, 7.Auflage, Frankfurt a.M. 1993, ISBN 9783518284766
  • KybernEthik. Merve Verlag, Berlin 1993, ISBN 3883961116
  • Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen, Wien, 1997 (Neuauflage: Berlin, 2006)
  • Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, Heidelberg 1998 (8. Auflage: April 2008; gemeinsam mit Bernhard Pörksen)
  • 2 x 2 = grün. Originaltonaufnahmen, hrsg. v. Klaus Sander. 2-CD-Set. supposé, Köln 1999. ISBN 3-932513-08-8

Rezeption, Auszeichnungen

Quellen

  • Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners - Gespräche für Skeptiker: Interviews mit Bernhard Pörksen, Carl-Auer-Systeme Verlag, 2001.
  • Gespräch mit Heinz von Foerster in: "Die Gewissheit der Ungewissheit - Gespräche zum Konstruktivismus", Bernhard Pörksen, Carl-Auer-Systeme Verlag, 2001.
  • Systemik oder: Zusammenhänge sehen – Ein Gespräch mit Christiane Floyd, in: Bernhard von Mutius (Hrsg.), Die andere Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Stuttgart, Klett-Cotta 2004
  • mit Monika Broecker "Teil der Welt. Fraktale einer Ethik - ein Drama in drei Akten." Carl-Auer-Systeme-Verlag, 2002.
  • das Netz (2004), Dokumentarfilm von Lutz Dammbeck über die Entwicklung des Internet und den Unabomber
  • Monte Grande - Was ist Leben?, Dokumentarfilm von Franz Reichle über das Leben und Forschen Francisco Varelas
  • Nachruf von ORF ON Science
  • Ranulph Glanville: Heinz von Foerster † (PDF) In: Soziale Systeme 8 (2002), Heft 2, S. 155-158, Lucius & Lucius, Stuttgart

Einzelnachweise

  1. http://www.bda.at/text/136/908/10569/
  2. Vgl. Foerster, Heinz von: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker, 3. Aufl., Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 1999, S. 96.)
  3. Vgl. Müller, Albert: Heinz von Foerster (1911-2002), in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ÖZG), 13. Jg., H. 4, 2002, S. 142. online auf den Seiten der Heinz-von-Förster-Gesellschaft
  4. Albert Müller: Eine kurze Geschichte des BCL. in Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11-1 (2000), S. 9-30, Fn 9.online hier.
  5. Vgl. Förster, Heinz von: Das Gedächtnis: eine quantenphysikalische Untersuchung, Wien: Franz Deuticker, 1948.
  6. Preisträger beim Viktor Frankl Institut (viktorfrankl.org); abgerufen am 9. Mai 2012
  7. Gregory-Bateson-Preis des Heidelberger Instituts für systemische Forschung 2002. In: eineroseisteinerose.de, Internationale Gesellschaft für systemische Therapie e.V., abgerufen am 22. Juli 2011.
  8. "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" Der Physiker Heinz von Förster und die Realität, Deutschlandfunk vom 6. Oktober 2012

Weblinks