Helmut Schmidinger

Helmut Schmidinger (März 2007)

Helmut Schmidinger (* 11. Mai 1969 in Wels, Oberösterreich) ist ein österreichischer Komponist.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Schmidinger erhielt wichtige musikalische Impulse bei Gertrud Jetschgo (Landesmusikschule Wels), studierte anschließend Klavier (bei Heinz Walter) und Oboe (bei Arthur Jensen) an der damaligen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mozarteum, wo er Komposition bei Gerhard Wimberger, Hans-Jürgen von Bose und Gerd Kühr studierte. Er besuchte Meisterkurse bei Friedrich Cerha und Ernst Helmuth Flammerer in Komposition und bei Dexter Morrill in Computermusik und Live Elektronik.

Zu Gast in Tokyo, New York, Prag oder Paris und bei Festivals wie dem Luzern Festival, den Bregenzer Festspielen, dem Carinthischen Sommer oder dem Brucknerfest Linz zeigt Schmidinger sich als zur Tradition bekennender Komponist, der im inspirativen Dialog mit der Vergangenheit steht, diese über stetig neu definierte und originelle Referenzansätze beleuchtet und letztlich in seiner Personalsprache kommentiert. Damit wird er zeitgemäßer und lebendiger Kommunikation mit den Rezipienten gerecht – seinem Hauptanliegen als Komponist und Musiker. In der Tätigkeit als Notengrafiker und Editor älterer Werke findet der Bezug zur Musikgeschichte durch die unmittelbare Nähe zu den Quellen Entsprechung. Den Musikvermittler Schmidinger zeichnet intensive pädagogische Erfahrung aus, die er in kompositionspädagogischen Konzeptionen für Jugendliche und Studierende kreativ umsetzt. Konzertorganisationen (Welser Abonnementkonzerte, Treffpunkt Neue Musik, Jeunesse Wels) ergänzen seine Positionen im Musikleben.

Stil

Mit “... between thin slices ...“ (Fünf Intermezzi für großes Orchester, Auftragswerk der Württembergischen Philharmonie Reutlingen) präsentiert Helmut Schmidinger 2010/11 sein op. 100. In Anspielung auf die reduzierte „Sandwich-Position“ zeitgenössischer Werke in aktuellen Konzertprogrammen (ein „Zwischendasein“ innerhalb vielgespielter Klassik-Standards) verbirgt sich dahinter klangsinnnig-lyrische, perkussiv-packende und „zwischen den Zeilen“ irisierend-färbige Musik, die von Texten Goethes, Rilkes, Schillers und Bachmanns inspiriert ist. Der Incipit „zwischen“ ist diesen Gedichten gemeinsam. Literatur heran zu ziehen ist nur eine der Strategien in Schmidingers variantenreichem Agieren mit außermusikalischen Bezügen. Die Arbeitsvorgänge gestalten sich dabei unterschiedlich: Bestimmt in „....schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert“ (2003/04) für Violine, Violoncello und Klavier die Idee des an Schnitzlers Leutnant Gustl orientierten „Inneren Monologs“ den musikalischen Duktus und die rhythmische Textur, so zieht Schmidinger in Das letzte Kapitel (2005) für Violine, Sprecher, kleine Trommel und Streichorchester (Auftragswerk des Wiener Concert-Vereins) die Idee zur Form des entlang des Texts geführten Stücks (Solokonzert) aus der inhaltlichen Gegenüberstellung von Individuum und Kollektiv in Kästners gleichnamiger Vorlage. Die als Chiffre fungierende Intervallkonstruktion widerspiegelt Kästners textlich inszenierte Zeitstufen. Anderes wiederum ergibt sich, wenn Schmidinger humorvolle Musik rund um Kochrezepte baut (Blunzenknödel, Gefülltes Gansl) oder Sprüche auf alten Mostpressen in Töne setzt („Wo der Bartl den Most holt“). Den „Originalton“ Mozarts oder Mahlers übernimmt er von deren „Wort-Kompositionen“ – sei es, dass Schmidinger in „... und mich nach ihm zu Tode sehnend“ (2010/11) (Oszillogramm für Sopran und Kammerensemble nach Brieftexten Gustav Mahlers an Anna von Mildenburg) „fiktive“ Seelenregungen der Mildenburg auf die „realen“ Briefe Mahlers folgen lässt, oder sei es, dass er im Mozartjahr 2006 den „ausgebeuteten“ Jubilar alternativ ehrt, indem Briefbotschaften abseits der vielzitierten „Bäsle-Korrespondenz“ als Textfundus dienen und zum Liederzyklus „...dass sie schatten und licht geben“ für Bariton und Orchester werden.


Die Brücke zu Komponisten der Vergangenheit schlägt Schmidinger fast immer unter konsequenter Vermeidung direkten musikalischen Zitats. So überrascht sein Schaffen stets durch geistreiche Spielarten neuer Referenzideen. Als Auftragswerke der Stadt Augsburg anlässlich des 58. Deutschen Mozart-Fests etwa ziehen die Zyklen (2008/09) für Streichquartett ihr konstitutives Tonmaterial aus dem intervallischen Bezug der Tonartenfolge Mozartscher Streichquartett-Zyklen.

Deutlich bestimmt die Werkgattung die Tonsprache. So komponiert der passionierte Förderer der Jugend für jugendliche Interpreten in anderem Tonfall, adressiert Intimes, Feinsinniges gern in kammermusikalischer Besetzung und subtiler Tongebung und äußert seine Affinität zu Musikdramatik und narrativen Momenten über eine Vielzahl von komplex agierenden Ausführenden. Das Anliegen, nahe am Instrument zu komponieren, realisiert Schmidinger vor allem über Widmungsstücke – an Interpreten trifft man hier auf Christian Altenburger, Wolfgang Holzmair oder Ildikó Raimondi. Dennis Russell Davies oder Krzysztof Penderecki dirigierten seine Werke.

Werke (Auswahl)

Ein vollständiges Werkverzeichnis befindet sich auf der Website des Komponisten.

Bühnenwerke

  • Lynx, der Luchs (2012) – Eine Kinderoper für das Neue Musiktheater Linz
  • Die Nasenwurst (2011) – Eine Kinderoper für das Festival Carinthischer Sommer
  • Zum Beispiel Franz (2010/2011) – Kammermusiktheater für einen Schauspieler, eine Sängerin und Streichquartett
  • Operation „Fliegenklappe“ (1996) – ein Crimical für Jugendliche in 3 Akten

Orchesterwerke

  • Ein Bleistiftspitzer packt aus (2011/2012) - Enthüllungsgeschichten zum Mitschreiben für Erzähler und Orchester
  • „...between thin slices...“ (2010/11) – 5 Interrmezzi für großes Orchester
  • „da siz ich in meiner Einöde“ (2009) – Sinfonie in fünf Sätzen für Streichorchester
  • „... wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört“ (2007) – Nachklänge für Orchester

Solokonzerte

  • „... das Geräusch von den Flügeln, die einander berührten ...“ (2009/10) – Konzert für Violine, Violoncello und Streichorchester
  • Metamorphosen über „Joseph Haydn“ (2009) – Konzert für Violine und Orchester
  • „Das letzte Kapitel“ (2005) – Rondo nach dem gleichnamigen Gedicht von Erich Kästner für Violine, Sprecher, kleine Trommel und Streichorchester
  • Weißkunigs letzter Ritt (2000) – Toccata für Pauken und Kammerensemble oder Orchester
  • „… nicht ehe die Trommeln verstummen …“ (1997) – Concertino für 2 kleine Trommeln und Kammerensemble

Kammermusik

  • „… schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert“ (2003/04) – Zehn Sätze aus „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler für Violine, Violoncello und Klavier
  • Zyklen (2008/09) – für Streichquartett
  • „Drei Kratere nur mische ich für die Vernünftigen“ (2007/08) – für Klarinette, Violine, Viola und Violoncello
  • „Nur ein Hauch! - und er ist Zeit“ (2002) – eine phantastische Fortschreibung von Schuberts DV 703 für Streichquartett

Vokalwerke

  • „... und mich nach ihm zu Tode sehnend“ (2010/11) – Oszillogramm nach Brieftexten von Gustav Mahler an Anna von Mildenburg für Sopran und Kammerensemble
  • Gefülltes Gansl (2010) – für gemischten Chor
  • „Wo der Bartl den Most holt“ (2008/09) – Sprüche, Gedichte und Geschichten rund um den Most für Bariton und Klavier
  • „… dass sie schatten und licht geben …“ (2006) – ein Liederzyklus nach Brieftexten von Wolfgang Amadeus Mozart für Bariton und Orchester

Auszeichnungen

  • 1990: Leistungsstipendium der Hochschule Mozarteum
  • 1991: Erster Preis beim Kompositionswettbewerb der „Jeunesse musicale“
  • 1992/93: Stipendiat der Carl Michael Ziehrer-Stiftung
  • 1993: Talentförderungsprämie für Komposition des Landes Oberösterreich
  • 1994 Vertreter der Hochschule Mozarteum bei den EuropäischenInterkonzerten
  • 1995: Förderungspreis der „Theodor-Körner-Stiftung“
  • 1996: Staatsstipendium für Komposition des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst
  • 1998: „Composer-in-Residence“ beim Komponistenforum Mittersill
  • 2004: Förderungspreis für Musik der Republik Österreich
  • 2004: Landeskulturpreis für Musik des Landes Oberösterreich
  • 2004: Auszeichnung „Prädikat Praxiserprobt“ aus 275 Einsendungen vom Verband deutscher Musikschulen für „Jet Set Trio in 3 Minuten“
  • 2005/06: „Composer-in-Residence“ Wiener Concert-Verein
  • 2006: Anton Bruckner Stipendium des Landes Oberösterreich
  • 2008: „Composer-in-Residence“ beim Festival LOISIARTE
  • 2009: Staatsstipendium für Komposition des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur
  • 2012: „Composer-in-Residence“ beim Festival in St. Gallen (Steiermark)
  • 2012: Kulturmedaille der Stadt Wels in Gold[1]

Literatur

  • Bernhard Günther (Hrsg.): Helmut Schmidinger, in: Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich, Wien 1997, S. 967ff.
  • Alexander Rausch: Helmut Schmidinger, in: Österreichisches Musiklexikon, hg. von Rudolf Flotzinger, Bd. 4, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2005, Sp.
  • Zdenek K. Slaby und Petr: Helmut Schmidinger, in: Svet Jine Hudby, Volvox Globator, 2002, S. 505ff.
  • Alison Robuck: The Story of Homer’s 'The Odyssey' in Helmut Schmidinger’s 'Vier gefiederte Worte des Odysseus', in: Programmatic elements in selected post-1950 works für solo oboe, Dissertation, Illinois 2004.
  • Ulrike Aringer-Grau: Schmidinger UA im Stefaniensaal, in: Österreichische Musikzeitschrift, 3/2010, Wien 2010.
  • Antonia Bruns: Unterhaltsames – nicht immer mit Happy End. Neue oder bearbeitete Stücke für Kammermusik mit Streichern, in: Neue Musikzeitung, 85. Jg, 2009/10, Regensburg 2009.
  • Otto Paul Burkhardt: Das Wesentliche ist das Dazwischen, in: Neue Zeitschrift für Musik, 2012/02, S. 74, Mainz 2012.
  • Markus Fleck: Nur ein Hauch! – und er ist Zeit, in: Schweizer Musikzeitung, Juli 2005.
  • Flora Königsberger: Schmidinger im Wiener Musikverein, in: Österreichische Musikzeitschrift, Jg. 65/6/2010, Wien 2010 S. 55f.
  • Martin Lehmann: was uns anrührt … , in: Schweizer Musikzeitung, Oktober 2007.
  • Ludwig Werner Merkle: Geschüttelt, nicht gerührt. Von Mozart inspiriert: Klavier-Trio als musikalisches Würfelspiel, in: Neue Musikzeitung, 85. Jg, 2009/09, Regensburg 2009.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Kulturmedaille für den Intendanten der Welser Abonnementkonzerte wels.at, 2. Oktober 2012