Herklotzgasse 21

Herklotzgasse 21 ist ein Gebäude im 15. Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus und gleichzeitig ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt. Hier werden in einer Ausstellung mit Stationen in den Straßen und Gebäuden des Viertels, durch ein dauerhaftes Denkmal an der Stelle der zerstörten Synagoge und durch die Restaurierung der erhaltenen Storchenschul-Fassade, sowie durch Film, Publikationen, Webpräsenz und Führungen Leben und Schicksale der Bewohner gezeigt.

Inhaltsverzeichnis

Historische Daten

Das 1869 errichtete, seiner ursprünglichen Funktion entledigte Volksschulgebäude und der im Hof errichtete Turnsaal wurden 1906 von der Philanthropin Regine Landeis gekauft. Sie war Präsidentin des jüdischen Ausspeisungsvereines für die Bezirke XII-XV und stellte das Haus dem „Verein zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder“ (gegründet von der Vereinigung „Eintracht“ des Internationalen humanistischen Ordens B’nai B’rith) zu Verfügung.

Von da an lösten sich einander auf drei Geschossen zahlreiche jüdische Organisationen ab, hauptsächlich Fürsorgeeinrichtungen, aber auch solche mit anderen Funktionen:

  • 1906 gab es dort einen Knabenhort mit 49, ein Mädchenhort mit 65 Schulkindern, betreut vom Verein zur Ausspeisung armer jüdischer Kinder für die Bezirke XII-XV.
  • 1909 wurde es zur Heimstätte für jüdische Kinder, nachdem der Eigentümer des Hauses der Turnverein Makkabi XV geworden war.
  • 1916-17 folgte die Erweiterung der Heimstätte als Kriegswaisenhaus (1922 Übersiedlung in ein eigens dafür errichtetes Gebäude in Wien XV, Goldschlagstraße 84)

1927 folgten Adaptierungsarbeiten zur Schaffung von Unterkunftsräumen für Obdachlose. Zwei Jahre später kamen 1929 die Einrichtung von 3 Räumen zur Benützung bei Betversammlungen an hohen jüdischen Feiertagen für bis zu 398 Personen hinzu. Von 1932-33 gehörte es der zionistischen Bezirkssektion XII-XV.

Forschung, Erinnerung, Präsentation

Die Synagoge in der Turnergasse (um 1900)

Das Haus in Wien XV, Herklotzgasse 21 von dem das Forschungs- und Ausstellungsprojekt Herklotzgasse 21 seinen Ausgang nahm, war in den Jahren von 1906 bis 1940 ein Knotenpunkt innerhalb eines relativ dicht von Juden bewohnten Wiener Stadtviertels. In Fünfhaus war die soziale Organisation mehrerer Gemeindebezirke (XII-XV) gebündelt; in der Turnergasse 22 gab es seit 1872 eine große Synagoge den Turnertempel und in der Storchengasse ein mehrfach ausgebautes Bethaus, die Storchenschul. Zahlreiche Vereine waren in der Herklotzgasse 21 und in der Turnergasse 22 sowie in anderen Häusern des Bezirks untergebracht. Auslöser für diese Ausstellung war Inge Rowhani-Ennemosers Familiengeschichte Nachricht vom Verlust der Welt, die ein Kapitel lang im jüdischen Vereinshaus in der Herklotzgasse 21 angesiedelt ist. Initiiert wurde das Projekt von der Bürogemeinschaft Dieloop.at[1], sowie dem Verein Coobra[2] und dem Bundesdachverband für Soziale Unternehmen, die in diesem Haus arbeiten.

Die Ausstellung „Das Dreieck meiner Kindheit – Eine jüdische Vorstadtgemeinde in Wien XV“ handelt von der jüdischen Gemeinschaft in dem Wiener Außen- und Arbeiterbezirk, von seinen Bewohnern, von den Vereinen, die alle Aspekte sozialen Lebens organisierten und regional, national und international vernetzten; von einer zerstörten Synagoge und einem in Resten erhaltenen Bethaus. Es handelt von einem Segment sozialen Raumes, das zuerst der körperlichen Verfolgung, Beraubung und totalen Entrechtung ausgesetzt wurde, um aus der öffentlichen Oberfläche der Stadt getilgt zu werden und schließlich in weitgehendes Vergessen zu versinken.

„In meinen Kindheitserinnerungen ist dieses Dreieck Herklotzgasse 21, der Turnertempel und die Storchenschul-, ähnlich einer Burg mit drei Türmen umgeben von einem drohenden Vulkan, welcher jederzeit ruhen oder ausbrechen hätte können.“ So gab Moshe Jahoda der Ausstellung als erster Interviewpartner ihren Namen.

In Wien haben sich die architektonisch-städtebaulichen Strukturen, in denen sich die jüdische Gemeinschaft manifestiert hatte, seither wenig verändert. In Zusammenarbeit mit Überlebenden, die heute zum Großteil in Israel leben, sowie mit Historikern und jüdischen Organisationen, mit Filmemachern, Fotografen, Künstlern und Experten der Stadt Wien werden Spuren aufgenommen, sichtbar gemacht, zur Diskussion gestellt und im Sinne komplexer Arbeits- und Entwicklungsprozesse in die Stadtentwicklung integriert.

Weiterführende Literatur

  •  Michael Kofler, Judith Pühringer, Georg Traska (Hrsg.): Das Dreieck meiner Kindheit – Eine jüdische Vorstadtgemeinde in Wien. Mandelbaum Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3-85476-279-9.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Herklotzgasse 21 und die jüdischen Räume in einem Wiener Grätzel. Abgerufen am 28. November 2009.
  2. Herklotzgasse 21. Abgerufen am 28. November 2009.

48.18966666666716.334305555556Koordinaten: 48° 11′ 23″ N, 16° 20′ 4″ O