Horst Fuhrmann

Horst Fuhrmann

Horst Fuhrmann (* 22. Juni 1926 in Kreuzburg in Oberschlesien; † 9. September 2011 in Herrsching am Ammersee[1]) war ein deutscher Historiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Horst Fuhrmann leistete 1943 Kriegsdienst und geriet für kurze Zeit in Kriegsgefangenschaft. Zunächst wollte er Flugzeugkonstrukteur werden.[2] Im Sommersemester 1946 studierte er Rechtswissenschaft an der Universität Kiel. Anschließend wechselte er zu den Studienfächern Geschichte und Klassische Philologie. 1952 wurde er mit der Arbeit über mittelalterliche Patriarchate bei Karl Jordan promoviert.[3] Für diese Untersuchung erhielt er den Fakultätspreis der Universität Kiel. Das Studium beendete er 1954 mit dem Staatsexamen für die Fächer Geschichte und Latein. Von 1954 bis 1956 war er Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica (MGH) in München und unternahm in deren Auftrag Archiv- und Bibliotheksreisen in Italien. 1957 war er Stipendiat am Deutschen Historischen Institut in Rom. Von August 1957 bis Ende 1961 war er Assistent bei Jordan in Kiel. 1960/61 habilitierte sich Fuhrmann in Kiel in den Fächern Mittlere und Neuere Geschichte mit einer Schrift über die Bedeutung und Wirksamkeit der Pseudoisidorischen Dekretalen, einer um die Mitte des 9. Jahrhunderts entstandenen Sammlung gefälschter Papstbriefe. Die Habilitationsschrift Einfluß und Verbreitung der pseudoisidorischen Fälschungen ist 1972–74 in drei Bänden in den Schriften der MGH erschienen.[4] Für seine Habilitationsschrift erhielt er 1962 den Premio Spoleto des Centro Italiano di Studi sull' Alto Medioevo.[5]

1962 wurde Fuhrmann auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Tübingen berufen, den er neun Jahre lang innehatte. In Tübingen wurden 17 Dissertationen betreut.[6] Seit 1965 war er Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica. Im März 1967 wurde er für die Präsidentschaft der MGH vorgeschlagen. Durch die Ministerien wurde Grundmanns Amtszeit jedoch zweimal verlängert. Vom 15. November 1971 bis 31. März 1994 war er dann als Nachfolger von Herbert Grundmann Präsident der MGH. Zugleich wurde Fuhrmann ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Regensburg. In seiner Regensburger Zeit betreute er sechs weitere Dissertationen. 1972 wurde er in die Historische Kommission der bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. 1974 wurde er ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und war von 1992 bis 1997 deren Präsident. Von 1984 bis 1997 war er Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung des Historischen Kollegs.

Fuhrmann wurde Mitglied zahlreicher einflussreicher wissenschaftlicher Organisationen und mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Fuhrmann erhielt Ehrendoktorate 1982 von der juristischen Fakultät in Bologna, der Columbia University in New York (1992) und des Pontifical Institute in Toronto (2002). 1981 wurde ihm als ersten Ausländer die Auszeichnung Premio Cultore di Roma verliehen.[7] 1983 wurde er in die Medieval Academy of Ireland, 1984 in die British Academy und 1985 in die Medieval Academy of America aufgenommen. 1986 erhielt er das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und wurde im selben Jahr in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen. 1989 wurde Fuhrmann in den Bayerischen Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft aufgenommen. Fuhrmann erhielt außerdem 1990 den Bayerischen Verdienstorden und im selben Jahr den Premio Ascoli Piceno. Er war korrespondierendes Mitglied der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1972 wurde er korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und 1989 ihr Ehrenmitglied. 1995 wurde er auch korrespondierendes Mitglied der Sächsischen Akademie in Leipzig. Seit 1997 war er Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei. Er war von 1975 bis 2009 Vorsitzender der Kommission für das Repertorium Fontium Historiae Medii Aevi und gehörte unter anderem der Kommission für die Herausgabe des Mittellateinischen Wörterbuchs der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an.

Fuhrmanns wissenschaftlicher Schwerpunkt waren das Kirchenrecht und die Kirchengeschichte. In seiner Habilitationsschrift beschäftigte er sich mit der Entstehung und Wirkung der Pseudoisidorischen Fälschungen des 9. Jahrhunderts. Dies führte ihn zum Phänomen der Fälschungen durch die mittelalterliche Geschichte, ausgehend vom Constitutum Constantini bis hin zu den frühmittelalterlichen Rechtssammlungen, die in das Decretum Gratiani eingingen. Er regte zahlreiche Dissertationen aus diesem Themenbereich an, und auf seine Initiative hin veranstalteten die MGH einen Kongress zu diesem Thema (Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica, München, 16.–19. September 1986.) In späteren Jahren erweiterte er sein Tätigkeitsfeld auf die Sozial- und Ideengeschichte des 9.–12. Jahrhunderts.[8] Außerdem verfasste Fuhrmann eine Darstellung über Leben und Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter der MGH im 19. und 20. Jahrhundert.[9] Dabei waren in seinen biografischen Arbeiten seine Vorbilder Jacob Burckhardt und Paul Fridolin Kehr.[10] Fuhrmann publizierte außerdem über seine Heimat Schlesien. Für diese Forschungen wurde er 1990 mit dem Oberschlesischen Kulturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und 2003 mit dem Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen geehrt.

Während seiner gesamten Amtszeit als Präsident der MGH gab er deren Zeitschrift Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters zusammen mit Hans Martin Schaller heraus. Fuhrmann trat häufig im Fernsehen auf, wo er mittelalterliche Geschichte einem breiten Publikum nahe brachte. Dieses Ziel verfolgte er auch mit seinen Darstellungen 2000 Jahre Papstgeschichte – Die Päpste. Von Petrus zu Benedikt XVI. oder Einladung ins Mittelalter. Die „Gegenwart einer vergangenen Zeit“ versuchte er mit seiner Darstellung Überall ist Mittelalter zu verdeutlichen.[11]

Schüler Fuhrmanns sind u.a. Walter Berschin, Wilfried Hartmann, Hubert Mordek, Tilmann Schmidt, Wolfgang Stürner, Claudia Märtl, Franz Fuchs. Thematisch bearbeiteten Fuhrmanns Schüler in ihren Dissertationen mit dem vorgratianischen Kirchenrecht, der Entstehung und Nachwirkung der Konstantinischen Schenkung, der Geschichte der Konzilien und der Päpste, der Geschichte Gregors VII. und des Investiturstreites meistens Forschungsschwerpunkte des Doktorvaters.[12]

Schriften (Auswahl)

Siehe die Bibliographie von Horst Fuhrmann in Hubert Mordek (Hrsg.): Papsttum, Kirche und Recht im Mittelalter. Festschrift für Horst Fuhrmann zum 65. Geburtstag. Niemeyer, Tübingen 1991, ISBN 3-484-80142-5, S. 383-396.

  • Studien zur Geschichte mittelalterlicher Patriarchate. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung. 39 (1953), S. 112–176; 40 (1954), S. 1–84; 41 (1955), S. 95–183.
  • Einfluß und Verbreitung der Pseudoisidorischen Fälschungen. Von ihrem Auftreten bis in die neuere Zeit (= Schriften der MGH. Bände 24.1–24.3). 3 Bände. Hiersemann, Stuttgart 1972–1974, ISBN 3-7772-7204-3.
  • Deutsche Geschichte im hohen Mittelalter. Von der Mitte des 11. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts (= Deutsche Geschichte. Band 2). 3. durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-33589-X (Digitalisat).
  • Von Petrus zu Johannes Paul II. Das Papsttum: Gestalt und Gestalten. Beck, München 1980, ISBN 3-406-06023-4.
    • Neuausgabe: Die Päpste. Von Petrus zu Benedikt XVI. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52863-5.
  • Papst Urban II. und der Stand der Regularkanoniker (= Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philologisch-historische Klasse. 1984.2). Bayerische Akademie der Wissenschaften, München 1984, ISBN 3-7696-1529-8.
  • Einladung ins Mittelalter. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32052-X.
  • Pour le mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdiensten: eine historische Besinnung. Thorbecke, Sigmaringen 1992, ISBN 3-7995-4159-4.
  • Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40518-5.
  • Sind eben alles Menschen gewesen. Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert, dargestellt am Beispiel der Monumenta Germaniae Historica und ihrer Mitarbeiter. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40280-1.
  • Ignaz von Döllinger. Ein exkommunizierter Theologe als Akademiepräsident und Historiker (= Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse. Band 137, Heft 1). Hirzel, Stuttgart/Leipzig 1999, ISBN 3-7776-0996-X.
  • Menschen und Meriten. Eine persönliche Portraitgalerie. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47221-4.

Literatur

  • Arnold Esch: Horst Fuhrmann 1926–2011. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Bd. 91 (2011), S. LXX–LXXIV.
  • Johannes Fried: Nekrolog Horst Fuhrmann (1926–2011). In: Historische Zeitschrift. Bd. 293 (2012) S. 872–879.
  • Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22.
  • Claudia Märtl: „Irrtümer aufhellen, Andersdenken trainieren“ – Zum Tod des Mediävisten Horst Fuhrmann. In: Akademie Aktuell der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Aufgabe 4, 2011, S. 52–53 (PDF online).
  • Jean-Marie Moeglin: Horst Fuhrmann (1926–2011). In: Francia, Bd. 39 (2012), S. 553–554.
  • Hubert Mordek (Hrsg.): Papsttum, Kirche und Recht im Mittelalter. Festschrift für Horst Fuhrmann zum 65. Geburtstag. Niemeyer, Tübingen 1991, ISBN 3-484-80142-5.
  • Rudolf Schieffer: Die Welt will auch belehrt werden. Wenn der Lehrer so kundig, passioniert und witzig ist wie Horst Fuhrmann: Zum Tode des Mediävisten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. September 2011, Nr. 213, S. 39 (PDF online).
  • Hubertus Seibert: Horst Fuhrmann zum 70. Geburtstag am 22. Juni 1996. In: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Hrsg.): Ostdeutsche Gedenktage 1996. Persönlichkeiten und Historische Ereignisse. Bonn 1995, S. 103–108.
  • Thomas Steinfeld: Überall war Mittelalter. Phantasie und Dokument: Zum Tod des Historikers Horst Fuhrmann. In: Süddeutsche Zeitung vom 13. September 2011, S. 16.
  • Dietmar Willoweit: Horst Fuhrmann zum 80. Geburtstag. In: Akademie Aktuell der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 2006, Heft 4, S. 40–41 (PDF-Datei; 209 kB).

Weblinks

Anmerkungen

  1. Fuhrmann wurde in seinem jahrzehntelangen Wohnort Steinebach am Wörthsee bestattet; vgl. offizielle Mitteilung der MGH
  2. Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22, hier: S. 1.
  3. Horst Fuhrmann: Studien zur Geschichte mittelalterlicher Patriarchate. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 39, 1953, S. 112–176; 40, 1954, 1–84; 41, 1955, 95–183.
  4. Horst Fuhrmann: Einfluß und Verbreitung der pseudoisidorischen Fälschungen. Von ihrem Auftauchen bis in die neuere Zeit (= Schriften der Monumenta Germaniae Historica. Bd. 24, 1–3). 3 Bände. Stuttgart 1972–1974.
  5. Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22, hier: S. 3.
  6. Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22, hier: S. 4.
  7. Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22, hier: S. 11.
  8. Die Darstellung von Fuhrmanns Tätigkeit beruht maßgeblich auf Claudia Märtl: „Irrtümer aufhellen, Andersdenken trainieren“ – Zum Tod des Mediävisten Horst Fuhrmann. In: Akademie Aktuell der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Aufgabe 4-2011, S. 52–53.
  9. Horst Fuhrmann: „Sind eben alles Menschen gewesen“. Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert. Dargestellt am Beispiel der Monumenta Germaniae Historica und ihrer Mitarbeiter. München 1996.
  10. Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22, hier: S. 16.
  11. Horst Fuhrmann: Die Päpste. Von Petrus zu Benedikt XVI. 3., aktual. u. erw. Aufl. München 2005; Ders.: Einladung ins Mittelalter. München 1987; Ders.: Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. München 1996.
  12. Wilfried Hartmann: Horst Fuhrmann. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, 68 Jg. (2012), S. 1–22, hier: S. 4f. Die Liste der Dissertationen S. 20–22.