Hugo Breitner

Denkmal für Hugo Breitner im Hugo-Breitner-Hof in Wien Penzing, 1957 geschaffen von Siegfried Charoux[1]

Hugo Breitner (* 9. November 1873 in Wien, Österreich; † 5. März 1946 in Claremont, Kalifornien) war ein österreichischer sozialdemokratischer Finanzpolitiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Sein Vater Moritz Breitner war ein aus Budapest zugewanderter jüdischer Getreidehändler, der auch an der Wiener Börse erfolgreich tätig war. Hugo besuchte 1890–1893 die Handelsakademie in Wien und wurde anschließend Angestellter der Länderbank, wo er eine Sektion der Gewerkschaft aufbaute. 1901 trat er aus dem Judentum aus.[2] 1910 wurde ihm Prokura verliehen, 1914 wurde er Direktor-Stellvertreter. 1907–1911 war er Vizepräsident des Reichsvereins der Bank- und Sparkassenbeamten Österreichs.[3] 1917 zum Direktor avanciert, trat er aus dieser Gewerkschaft aus, da seine leitende Funktion seiner Meinung nach nicht mehr mit der Mitgliedschaft vereinbar war. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs spielte er mit dem Gedanken, eine eigene Partei vornehmlich für Beamte und Angestellte zu gründen, trat jedoch 1918 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei, in der er auf Grund seiner Fachkenntnisse sehr willkommen war.

Breitner wurde daher 1918–1933 für die Sozialdemokraten Mitglied des Wiener Gemeinderats. 1919 ließ er sich als Bankdirektor vorzeitig pensionieren und wurde von Bürgermeister Jakob Reumann, dem ersten sozialdemokratischen Stadtoberhaupt, am 4. Mai 1919 zum amtsführenden Stadtrat für das Finanzwesen berufen. Breitner behielt diese Funktion auch unter Reumanns 1923 angetretenem Nachfolger Karl Seitz bei. Er schaffte es, die kriegsbedingt beeinträchtigte Kreditfähigkeit der Stadt durch Regelung der Auslandsschulden in wenigen Jahren wieder herzustellen, obwohl dies in eine Zeit großer Inflation der bis 1925 geltenden Kronenwährung fiel.

Mit der Trennung Wiens von Niederösterreich am 1. Jänner 1922 bekam die Gemeinde Wien, wie sich die Stadt bis 1934 stets nannte, als eigenes Bundesland die Finanzhoheit. Sie bot Breitner die Möglichkeit, 1923 ein Landessteuersystem einzuführen, das rechnerisch extrem progressiv angelegt war, d.h. dass die Steuerprozentsätze mit zunehmender Berechnungsgrundlage stark anstiegen. Die bekannteste dieser Steuern war die am 1. Februar 1923 beschlossene Wohnbausteuer, die die Grundlage für den umfangreichen sozialen Wohnbau in Wien schuf. (An den „Gemeindebauten“ dieser Zeit ist bis heute die Aufschrift „Errichtet aus Mitteln der Wiener Wohnbausteuer“ zu lesen.) Weitere „Breitner-Steuern“ waren u.a. eine Abgabe, die pro Arbeitsplatz leisten musste, wer Angestellte in seinem privaten Haushalt beschäftigte („Hausgehilfinnensteuer“), eine Steuer auf Luxuswaren (z.B. Sekt) und auf Vergnügungen wie Bälle („Vergnügungssteuer“).

Mit diesen zusätzlich zu den Bundessteuern eingehobenen Wiener Landesabgaben gelang es Breitner in wenigen Jahren, die damals enorme Summe von einer Milliarde Schilling für Investitionen von allgemeinem Nutzen zur Verfügung zu stellen. Noch während der Weltwirtschaftskrise war Wien nahezu schuldenfrei.[4] Die massive Steuerbelastung ihrer Klientel machte Breitner zur Zielscheibe der Christlichsozialen Partei, deren Exponenten ihn als Steuersadisten bezeichneten. Die Reaktion der christlichsozial geführten Bundesregierung war ab 1929, den Wiener Anteil am Ertrag der Bundessteuern, wie er im Abgabenteilungsgesetz (vulgo „Finanzausgleich“) festgelegt war, laufend zu verschlechtern. Dadurch wurde die Erstellung des Gemeindebudgets zunehmend schwieriger. Breitner lehnte es allerdings – im Kontrast zur sozialdemokratischen Bundespolitik ab 1970 – ab, fehlende Einnahmen durch aufzunehmende Kredite zu ersetzen, die spätere Generationen belasten würden; er kürzte im Notfall freiwillige Sozialleistungen.

Kein anderer Sozialdemokrat wurde in der Ersten Republik derart heftig und gehässig angegriffen wie Hugo Breitner. In einer Wahlkampfrede im Oktober 1930 auf dem Wiener Heldenplatz erklärte der christlichsoziale Heimwehrführer und Innenminister Ernst Rüdiger Starhemberg: Den Wienern werde ich ein gutes Rezept für den Wahlkampf geben: Sie sollen die Wahlschlacht im Zeichen Breitners führen. Nur wenn der Kopf dieses Asiaten in den Sand rollt, wird der Sieg unser sein.[5]

Am 25. November 1932 trat Breitner aus gesundheitlichen Gründen als Finanzstadtrat zurück, 1933 legte er auch sein Gemeinderatsmandat nieder. Robert Danneberg, der schon am Zustandekommen der Wohnbausteuer großen Anteil hatte, wurde sein Nachfolger. Breitner selbst übernahm die Leitung der Wiener Zentralsparkasse.

Während der Februarkämpfe 1934 wurde Breitner verhaftet, kam nach 14 Wochen wieder frei, hatte aber seine Leitungsfunktion bei der Zentralsparkasse aus politischen Gründen verloren. Er konnte im Februar 1938, kurz vor dem „Anschluss“, Österreich verlassen und kam über Florenz und Paris 1939 in die Vereinigten Staaten. Dort hatte er einen Lehrauftrag am College von Claremont inne. Im Juni 1938 wurden seine Villa in Kritzendorf und die Wohnung in Wien „arisiert“.[6] Im Jahr 1942 wurde er Mitglied des Austrian Labor Committees und Mitarbeiter der Austrian Labor Information. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs plante er, nach Wien zurückzukehren und sich erneut im Finanzwesen zu engagieren, verstarb jedoch vorher.

Gemeinsame Grabstätte für Tandler, Danneberg und Breitner

Die Urne mit seiner Asche wurde nach Wien überführt und 1950 in einem gemeinsamen Urnendenkmal für ihn sowie für Robert Danneberg und Julius Tandler in der Feuerhalle Simmering beigesetzt (Abteilung ML, Gruppe 1, Nr. 1A). Ihm zu Ehren wurde 1952 in Wien Penzing (14. Bezirk) einer der größten neu errichteten Gemeindebauten der Nachkriegszeit mit über 1.200 Wohnungen Hugo-Breitner-Hof (Linzer Straße 299–325) benannt. Hier wurde am 22. Juni 1957 von Bürgermeister Franz Jonas das Hugo-Breitner-Denkmal, eine Büste von Siegfried Charoux, enthüllt[7].

Einzelnachweise

  1. Eintrag über Hugo Breitner im Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie
  2. Anna L. Staudacher: "… meldet den Austritt aus dem mosaischen Glauben". 18000 Austritte aus dem Judentum in Wien, 1868–1914: Namen – Quellen – Daten. Peter Lang, Frankfurt/M. u.a. 2009, ISBN 978-3-631-55832-4, S. 79.
  3. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Band 1, Kremayr & Scheriau, Wien 1992, ISBN 3-218-00543-4, S. 457.
  4. Wolfgang Fritz, Gertraude Mikl-Horke: Rudolf Goldscheid. Finanzsoziologie und ethische Sozialwissenschaft. Verlag Lit, Münster 2007, ISBN 978-3-7000-0521-6, S. 79.
  5. Wolfgang Fritz: „Der Kopf des Asiaten Breitner“. Politik und Ökonomie im Roten Wien. Hugo Breitner. Leben und Werk. Löcker Verlag, Wien 2000, ISBN 3-85409-308-X, S. 13 und 313; und Eintrag über Hugo Breitner im Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie
  6. Georg Graf: „Arisierung“ und Rückstellung von Wohnungen in Wien. Verlag Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-56776-4, S. 100.
  7. Bürgermeister Jonas enthüllte Breitner-Denkmal – Festliche Ehrung für den Finanzstadtrat in der Ersten Republik

Literatur

  • Felix Czeike: Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemeinde Wien 1919 - 1934, I. und II. Teil. Verlag für Jugend & Volk, Wien 1958/1959.
  • Wolfgang Fritz: „Der Kopf des Asiaten Breitner“. Politik und Ökonomie im Roten Wien, Hugo Breitner - Leben und Werk. Löcker Verlag, Wien 2000, ISBN 3-85409-308-X.
  • Breitner Hugo. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 111.

Weblinks