Ilse Arlt

Ilse Arlt (Ilse von Arlt) (* 1. Mai 1876 in Wien; † 25. Jänner 1960) zählt zu den Wegbereiterinnen wissenschaftsgeleiteter Sozialer Arbeit. Ausgehend von ihrer volkswirtschaftlichen Beschäftigung mit Fragen der Armut arbeitete sie daran, die Grundlagen einer eigenständigen Fürsorgewissenschaft zu bestimmen, wodurch sie zentrale Fundamente zur Entwicklung der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Profession legte. Sie gründete 1912 die erste Fürsorgerinnenschule in der Österreich-Ungarischen Monarchie in Wien, die „Vereinigten Fachkurse für Volkspflege“, und war Autorin der ersten Lehr- und Fachbücher für Soziale Arbeit.

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Leben und historischer Kontext

Die Tochter eines Augenarztes und einer Malerin, deren Großvater (väterlicherseits) Ferdinand von Arlt selbst aus einer armen Bergschmiedfamilie stammte wuchs mit ihrer Familie genau bei diesem Großvater auf, der mittlerweile ein berühmter Ordinarius für Augenheilkunde war. Wegen dessen Verdienste wird die Familie in den Adelsstand erhoben. Mit 20 bekommt sie die Lehrerlaubnis für das Fach Englisch und soll eigentlich als Erzieherin arbeiten. Wegen einer Erkrankung kann sie die Stelle nicht antreten und beginnt deshalb als Autodidaktin Nationalökonomie. Arlt besucht viele Plätze der Armut in Österreich und Deutschland, um sich selbst ein Bild von Armut zu machen und sie zu erforschen. Die Fachwelt wird auf ihre Artikel aufmerksam.

Von 1901 bis 1905 studiert sie dann Nationalökonomie ganz offiziell, da sie als Frau eine Ausnahmegenehmigung erhält an der Universität Wien zu studieren. Ab 1910 geht ihr Bestreben hin zur Etablierung eines eigenen Berufsstandes für Wohlfahrtspfleger und Wohlfahrtspflegerinnen. 1912 gründet sie in Wien die erste Fürsorgerinnenschule, "Vereinigung Fachkurse für Volkspflege" wie sie betitelt wurde. 1921 erscheint ihr Buch "Die Grundlagen der Fürsorge", das als eine Art Lehrbuch konzipiert wurde. Sie erhält den Titel "Bundesfürsorgerätin".

1938 wird ihre Schule aus politischen Gründen geschlossen, der Nationalsozialismus erteilt der "Halbjüdin" Arlt Berufsverbot. Ihre Großmutter mütterlicherseits war jüdischen Glaubens. Sie wird durch Eltern von Schülern und ihre Schüler in dieser Zeit über Wasser gehalten. Erlebt aber am eigenen Leib auch Armut und Verfolgung. Ihre Bücher werden von den Nazis eingestampft. 1946 eröffnet sie ihre Schule wieder.

1950 kommt sie in finanzielle Schwierigkeiten und muss ihre Schule diesmal endgültig wieder schließen. 1954 wird Ilse Arlt mit dem Dr. Karl Renner-Preis geehrt. 1958 erscheint dann ihr Buch "Wege zu einer Fürsorgewissenschaft", in dem sie ihre Grundannahmen von 1921/23 neu entwickelt, aufgreift und ergänzt. Ihre zahlreichen Aufzeichnungen werden nach ihrem Tod der Fürsorgeschule der Stadt Wien vermacht. Sie stirbt mit fast 84 Jahren. Ihr Leben und Werk gerät erstmal in Vergessenheit, bis es Anfang der 1990er Jahre für die sich bildende Soziale Arbeit als Wissenschaft neu entdeckt wurde.

Theorie von Ilse Arlt

Ilse von Arlt entwickelt als eine der ersten im Deutsch-sprachigen Raum neben Marie Baum und Alice Salomon eine eigene Theorie der Fürsorgenwissenschaft, wie die Soziale Arbeit damals noch hieß.

Gegenstand der Sozialen Arbeit

Als Gegenstand der Sozialen Arbeit definiert Arlt die angewandte Armutsforschung. Ferner das Erkennen und Beschreiben von Schäden; das Verstehen der Ursachen; deren weiteren Auswirkungen (auf die Umwelt, oder das betroffene Individuum); das Tempo (Prognose) der Lageverschlechterung; die Analyse (un-)günstiger Faktoren; Kenntnisnahme der möglichen bzw. vorhandenen Hilfen und ihrer Wege (Methode) und schließlich die Evaluation ihrer Wirksamkeit.

Forschungsinteresse

Ilse Arlt beschäftigte sich Zeit ihres Lebens mit Menschen in prekären Situationen, insbesondere mit der Armut. Sie besuchte zum Beispiel Glasbläser in Lauscha und untersuchte auf Forschungsreisen das Umfeld und die Begebenheiten von Armut. Sie forschte über die Bedingungen und Auslöser von Armut. Sie unterschied dabei zwischen strukturellen Problemen und individuellen Problemen. Ihr ging es um einen würdigen Blick auf die Klientel und nicht um eine Abwertung und Verurteilung dessen, wie damals, wie auch wieder in der Gegenwart, öffentlich häufig stattfindet. Es ging Ilse von Arlt nicht um eine Individualisierung der Notlagen, sondern um eine der ersten personenorientierte Sicht in der Fürsorge. Das Forschen begann sie selbst, als sie bemerkte, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens über die Problematik der Armut gab, geschweige denn gesichertes Wissen. Als sie außerdem bemerkte, dass die Nationalökonomie ihrer Zeit sich nicht tiefgehend genug mit der Armutsthematik beschäftigte, begann sie sich mit den Methoden der deskriptiven Nationalökonomie zu befassen und ließ sie in ihre Forschungsarbeit einfließen. Sie verglich den IST-Zustand mit dem zu definierenden SOLL-Zustand „menschlichen Gedeihens“ und beforschte mithin die Gesetzmäßigkeiten der Entstehungs- und Aufrechterhaltungsprozesse von Armut. Damit bezweckte sie, wissenschaftlich fundierte Möglichkeiten der Lebenshaltung und der -hilfe zu orten. Arlt verlangte der Armutsforschung ab, bei der Ergründung der basalen menschlichen Bedürfnisse oder Gedeihenserfordernisse zu beginnen. Diese seien u. a. aus den beobachtbaren und messbaren Gedeihensmängeln zu erschließen. In diesem Zusammenhang legte sie den Grundstein zur aktuellen biopsychosozialen Theorie menschlicher Bedürfnisse.

Erklärung sozialer Probleme

Zur Erklärung sozialer Probleme führt Ilse Arlt Lebenshaltungsprobleme an, also Erfordernisse und Gegebenheiten der Umwelt gegenüber den Erfordernissen der Menschen(-gruppen). Armut ist für sie der "Mangel an Mitteln zur richtigen Bedürfnisbefriedigung", worunter sie sowohl die gesellschaftliche Situation als auch die psychischen Probleme (Disposition) des Individuums versteht. Sie postuliert, der Mensch sei "von Geburt an bedürftig" und definiert die sog. Grenznot der einzelnen Grundbedürfnisse, unter dessen Schwelle ein Mensch dauerhaft Schaden nähme.

Menschliche Grundbedürfnisse nach Ilse Arlt

Ilse von Arlt beschrieb folgende dreizehn Grundbedürfnisse.

  1. Ernährung (Essen und Trinken)
  2. Wohnung (Lebensraum)
  3. Körperpflege (Hygiene, Wellness, Schönheit)
  4. Bekleidung
  5. Erholung (Freizeit, Ruhe)
  6. Luft
  7. Erziehung
  8. Geistespflege (Bildung, Erziehung)
  9. Rechtsschutz
  10. Familienleben (Soziale Netzwerke)
  11. Ärztliche Hilfe und Krankenpflege
  12. Unfallverhütung und Erste Hilfe
  13. Ausbildung zur wirtschaftlichen Tüchtigkeit

In der unzureichenden Erfüllung dieser sieht von Arlt die Wurzel der Armut. Sie zu erfüllen ist für sie Aufgabe der Fürsorge, um das "Gedeihen des Menschen" voranzutreiben. Der Mensch kann nur "gedeihen", wo die Bedürfnisse erfüllt sind.

Wirkung dieses Modells in der systemischen Sozialen Arbeit

Die Liste dieser menschlichen Grundbedürfnisse wurden in neuerer Zeit im sozialarbeitswissenschaftlichen Kontext u. a. von Silvia Staub-Bernasconi und Werner Obrecht, mit ihren systemtheoretischen Ansätzen der Sozialen Arbeit weiterentwickelt. Bedürfnisbefriedigung spielt auch in der Maslowschen Bedürfnispyramide eine Rolle. Während Maslow Grundbedürfnisse in ein hierarchisches Verhältnis setzt, sieht von Arlt diese eher als ein zirkuläres Konstrukt.

Metatheoretische Annahmen

Ilse Arlt ging davon aus, dass sich das Gros der menschlichen Bedürfnisse auf einige wenige Grundgrößen reduzieren lasse. Somit würde sich die Armutsforschung operationalisieren lassen und den wissenschaftlichen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) genügen. Sie berücksichtigte und klagte ihr Postulat des "Respektes vor der Kreativität des Menschen" (Klienten) ein. Darunter verstand sie, dass den eigenen Problemlösungsstrategien der Klientel die nötige Würdigung entgegengebracht werden müsse. Darin begründete sich auch ihre Teilnehmerorientierung in ihrem Ansatz.

Forschungsmethoden

Ilse Arlts Forschungsmethoden umfassten unter anderem die tägliche Anschauung, präzise Datenerhebungen (nicht-)gedeihenden Lebens, Rezeption der Schilderungen von Gedeihen und Elend in der Belletristik, sowie Analysen von Reisebeschreibungen und Reformbewegungen.

Werke (Auswahl)

  • Fürsorge für alleinstehende Frauen in Österreich, Wien 1906
  • Die Grundlagen der Fürsorge. Österreichischer Schulbuchverlag Wien 1921.
  • Wege zu einer Fürsorgewissenschaft, Verlag Notring der wissenschaftlichen Verbände Österreichs Wien 1958.

Würdigung

Literatur

  • Ernst Engelke: Theorien der Sozialen Arbeit, Lambertus Freiburg i Br 2002, Seiten 272-283, ISBN 3-7841-0891-1.
  • Cornelia Frey: Respekt vor der Kreativität der Menschen - Ilse Arlt: Werk und Wirkung, Budrich Leverkusen 2005, ISBN 3-938094-54-0.
  • Silvia Staub-Bernasconi: Ilse Arlt: Lebensfreude dank einer wissenschaftsbasierten Bedürfniskunde: Aktualität und Brisanz einer fast vergessenen Theoretikerin. In: Sabine Hering und Berteke Waaldijk (Hrsg.): Die Geschichte der Sozialen Arbeit in Europa (1900-1960), Opladen: Leske + Budrich Opladen 2002, Seiten 25-33.
  • Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - Ein Lehrbuch. Bern/Stuttgart/Wien 2007, ISBN 3-8252-2786-3.
  • Ursula Ertl: Ilse Arlt – Studien zur Biographie der wenig bekannten Wissenschaftlerin und Begründerin der Fürsorgeausbildung in Österreich. Diplomarbeit. Würzburg-Schweinfurt 1995.
  • Maria Maiss/Silvia Ursula Ertl (Hg.) (2011): Ilse Arlt – (Auto-)biographische und werkbezogene Einblicke mit Beiträgen von Ilse Arlt, Silvia Ursula Ertl und Maria Maiss. Werkausgabe Ilse Arlt, Bd. 3, Wien: LIT.
  • Maiss, Maria (2012): Anmerkungen zur Verhältnisbestimmung von Fürsorgeforschung und -praxis bei Ilse Arlt. In: Hoff, Walburga/Miethe, Ingrid/Bromberg, Kerstin (Hrsg.): Forschungstraditionen der Sozialen Arbeit. Materialien, Zugänge, Methoden. Leverkusen Opladen: Verlag Barbara Budrich 2012, 203-219.
  • Peter Pantucek / Maria Maiss (Hrsg.) (2009): Die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt. VS Verlag, Wiesbaden. ISBN 978-3-531-16514-1.

Weblinks

Fußnoten

  1. Wiener Rathauskorrespondenz, 13. Dezember 1954, Blatt 2165
  2. Wiener Rathauskorrespondenz, 15. Jänner 1955, Blatt 56