Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich

Das Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich (kurz JbGPrÖ oder JGPÖ) ist eine seit 1880 meist jährlich erscheinende Zeitschrift, die vom Vorstand der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich herausgegeben wird. Das Jahrbuch konzentriert sich auf Rekonstruktion der – sowie Reflexion über die – Vergangenheit der Evangelischen Kirche in Österreich, bezieht aber auch das Täufertum des 16. Jahrhunderts sowie neuere Freikirchen mit ein.

Cover des Jahrbuchs 2010

Inhaltsverzeichnis

Name, Gründung und weitere Entwicklung

In Österreichs evangelischer Kirche gab es periodische Medien erst seit den 1850er Jahren. Ab 1868 erschien in Brünn die Kirchenzeitung Halte, was du hast. Von dieser die Geschichte der eigenen Kirche betonenden Zeitung ging die Anregung aus, eine „Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich“ zu gründen. Diese Gründung erfolgte 1879 in Wien.[1] Damit ist sie „die älteste territorialkirchengeschichtliche Vereinigung im deutschsprachigen Protestantismus“.[2] Erster Präsident dieser Gesellschaft wurde Karl Ritter von Otto. Er stammte aus Jena und war als Professor für Kirchengeschichte an die k. k. evangelisch-theologische Facultät in Wien berufen worden – das war die erste Berufung eines Ausländers an diese 1821 ursprünglich als k. k. protestantisch-theologische Lehranstalt gegründete Fakultät. 1850 wurde diese Lehranstalt zu einer – jedoch nun evangelisch-theologischen – Fakultät,[3] blieb aber noch weiterhin außerhalb der Universität Wien. Im Vergleich mit der damaligen Bezeichnung der Fakultät (also evangelisch-theologisch) fällt es auf, dass die „Gesellschaft“ und dann auch ihr Jahrbuch dem Protestantismus gewidmet wurden.[4] Als Kirchenhistoriker ist Otto bekannt für seine Erforschung der frühchristlichen Apologeten. In Wien wandte er sich dann auch der österreichischen Reformationsgeschichte zu (er publizierte über Caspar Tauber und Kaiser Maximilian II.).[5]

Das Jahrbuch dieser Gesellschaft begann im Jahr darauf zu erscheinen, also 1880 – im selben Jahr wie die Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Das Jahrbuch gehört damit zu den ältesten noch existierenden deutschsprachigen wissenschaftlichen Zeitschriften.[6] Für eine private Gesellschaft ohne staatliche Unterstützung war der Beginn einer Zeitschrift ein großes Unterfangen, daher bemühte man sich darum, viele Mitglieder aus der eigenen Kirche für die Gesellschaft zu gewinnen, um Leser und Unterstützer zu haben.

In den ersten Jahren erschienen jährlich mehrere Hefte, dann stieg man darauf um, nur einmal im Jahr einen Band herauszubringen – eben ein „Jahrbuch“.

Der ursprüngliche Name war etwas länger und hatte zusätzlich den Einschub „der Gesellschaft“: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich.

Seit 1926 wurde „in Österreich“ ersetzt durch: „im ehemaligen und im neuen Österreich“. Der Rückbezug auf das ehemalige Österreich meinte speziell die österreichische Reichshälfte der Habsburgermonarchie; man wollte sich also nicht auf die heutigen Grenzen Österreichs beschränken, wie sie nach 1918 die verkleinerte „Republik Österreich“ hatte – auf diese bezog sich die – also durchaus nicht euphorisch gemeinte – Bezeichnung neues Österreich. Bei der Betrachtung der Habsburgermonarchie lag der Schwerpunkt allerdings deutlich auf dem deutschsprachigen Protestantismus.

Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 wurde die Angabe der Region im Namen des Jahrbuches verkürzt auf: „im ehemaligen Österreich“.

Das Ende des Ersten Weltkrieges (1918) bedeutete durch das Auseinanderbrechen der Habsburgermonarchie und damit verbunden die wesentliche Änderung des Inhaltes von „Österreich“ einen starken Einschnitt für das Studium der österreichischen Protestantengeschichte. Ein solcher radikaler Einschnitt ergab sich auch durch das Ende des Zweiten Weltkrieges (1945) und die damit verbundene Desillusionierung der deutschnationalen Ideale, die bis dahin im evangelischen Bereich Österreichs einigen Einfluss ausübten.

Seit 1980 gibt es den heutigen Titel, durch die Rückkehr zu „in Österreich“ sowie durch den Wegfall des ursprünglichen Zusatzes „der Gesellschaft“.[7]

Insgesamt fielen 5 Jahrgänge aus, und zwar in der Nachkriegszeit (1946–1950).[8] Von dieser Lücke abgesehen, gelang die kontinuierliche Herausgabe des Jahrbuches über nunmehr bereits mehr als ein Jahrhundert hinweg. Diese Aktivität der „Gesellschaft“ erfolgte also sehr konstant, während andere Aktivitäten nur zeitweise intensiv betrieben wurden, etwa im Bereich des Sammelns und des Vortragsveranstaltens.

Eine ähnliche Zeitschrift für die Geschichte des Katholizismus in Österreich gibt es nicht, obwohl der Katholizismus in Österreich weit einflussreicher war und ungefähr 20mal so viele Mitglieder hat wie die Evangelische Kirche. Die Gründung einer protestantismusgeschichtlichen Zeitschrift erfolgte wohl aus der Erfahrung einer oft benachteiligten Minderheit: Man erwartete sich von der „Erforschung und Darstellung der Passionshistorie unserer Kirche“ eine Förderung „für das kirchlich-religiöse Leben der Gegenwart“, wie es bereits im ersten Band hieß.[9]

Herausgeber und Verlage

Als für die Herausgabe verantwortlich zeichnet neuerdings (seit 1996) der jeweilige Vorstand der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. Präsident dieser Gesellschaft und damit auch Vorsitzender des das Jahrbuch herausgebenden Vorstandes ist seit 2005 Rudolf Leeb. Vor ihm war das Gustav Reingrabner (ab 1996), der aber die Herausgabe des Jahrbuches, gemeinsam mit Karl Schwarz, bereits 1990 übernommen hatte.

Ein Rückblick auf die früheren Herausgeber: Im ersten Jahrzehnt war ein Gremium für die Herausgeberschaft zuständig. Danach wurde ein Jahrhundert lang jeweils ein einzelner Kirchenhistoriker als Herausgeber genannt: Ab 1891, über vier Jahrzehnte hinweg, Georg Loesche.[10] Er kam aus Berlin und war der Nachfolger von Otto als Professor für Kirchengeschichte. Als solcher machte er die österreichische Protestantengeschichte zu seinem Hauptarbeitsgebiet. Er sichtete und verwertete zahlreichen Quellen, seine Publikationen bekamen aber zunehmend eine kämpferische, apologetische Schlagseite. 1902 publizierte er seine Geschichte des Protestantismus in Oesterreich in Umrissen, und zwar „im Auftrage der Gesellschaft …“ – eine solche Gesamtdarstellung war ein großes Anliegen der „Gesellschaft“: Die im Jahrbuch veröffentlichten Detailforschungen sollten zu einer solchen soliden Gesamtdarstellung hinführen.[11] Loesches Protestantismusgeschichte erschien noch in erweiterten Auflagen[12] und hatte großen Einfluss.

Ab 1930 war Karl Völker der Herausgeber des Jahrbuches. Er stammte aus Lemberg, wo er zweisprachig aufgewachsen war. Dadurch hatte er gute Voraussetzungen zur Erforschung der Kirchengeschichte Polens. Kurz nach der Eingliederung der Evangelisch-Theologischen Fakultät (als zweite Theologische Fakultät) in die Universität Wien (1922) wurde Völker hier Professor für Kirchengeschichte. Er hatte mehrere Schüler, die später selbst als Forscher hervortraten – u.a. die beiden nachfolgenden Jahrbuch-Herausgeber Dedic und Kühnert. 1937 starb er, erst 50-jährig.

Ab 1938 war Paul Dedic der Herausgeber. Er habilitierte sich zwar und wurde auch für die Professur für Kirchengeschichte vorgeschlagen, erhielt sie aber nicht. Seine gründlichen Untersuchungen zur Reformationsgeschichte der Steiermark galten nicht als bedeutend genug. Er sammelte österreichische Täufer-Akten, die später von Grete Mecenseffy publiziert wurden.

Vom Neustart 1951 an war Wilhelm Kühnert der Herausgeber. Er wurde in Straßburg als Sohn fränkischer Eltern geboren. Nach beinahe drei Jahrzehnten wurde 1979 die Herausgeberschaft von Peter (Friedrich) Barton übernommen.[13] Mit ihm als einem Wiener war erstmals ein innerhalb der heutigen Grenzen Österreichs Geborener der Herausgeber des Jahrbuchs. Das mittlerweile in Österreich vorhandene „einheimische“ wissenschaftliche Potential übernahm zunehmend auch die Verantwortung für die Erforschung von Österreichs Protestantismusgeschichte.

Der für das Jahrbuch zuständige Verlag war ursprünglich Julius Klinkhardt (in Leipzig und Wien), seit 1944 der Evangelische Presseverband in Österreich (in Wien), und seit der Ausgabe von 2007 wird das Jahrbuch durch die Evangelische Verlagsanstalt (in Leipzig) verlegt.

Themen und Autoren

Den regionalen Bezug auf „Österreich“ legt Rudolf Leeb im Hinblick auf die wechselvolle Geschichte dieser Region sowie seiner Herrschaft folgendermaßen dar: „Geschichte der Protestanten Österreichs bzw. der habsburgischen Länder und des Erzstiftes Salzburg“.[14] Seit 2004 hat Leeb eine Professur für die Geschichte des Protestantismus in Österreich an der Universität Wien inne. Ergebnisse seiner Forschungstätigkeit finden sich regelmäßig im Jahrbuch. Zahlreiche Beiträge gehen auch auf die Kirchenrechtler Gustav Reingrabner und Karl W. Schwarz zurück – dieser ist Vizepräsident der Gesellschaft und erforscht neben der Geschichte der Evangelisch-Theologischen Fakultät und der Kirche zur NS-Zeit auch die Kirchen der Habsburgermonarchie. Karl-Reinhart Trauner beschreibt Evangelische in Armee und Bundesheer, u.a. die Militärseelsorge. Hans Krawarik betrachtet konfessionelle Konflikte, und Franz Graf-Stuhlhofer geht der Geschichte von Freikirchen nach, insbesondere der Baptisten.

Dieses Jahrbuch beinhaltet meistens eine Mehrzahl von Beiträgen verschiedener Autoren, neuerdings jeweils auf ein bestimmtes Thema konzentriert. Es gab aber auch Ausnahmen wie z.B. einen umfangreichen, Quellentexte der brisanten Zeit von 1918 bis 1945 enthaltenden Doppelband.[15] Der Umfang eines Jahrbuches beträgt im Allgemeinen mehr als 200 Seiten, der Preis beträgt ungefähr 30 € (die Mitglieder der Gesellschaft erhalten es kostenlos).

Literatur

  • Gustav Reingrabner: Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. In: JbGPrÖ 120 (2004) S. 17–30 (Kurzdarstellung der Geschichte). Dort S. 30 Hinweise auf „Notizen zur Geschichte der Gesellschaft“ in früheren Jahrgängen; zum 100-jährigen Jubiläum im JbGPrÖ 96 (1980), S. 9–52.
  • Peter F. Barton: Bibliographie zur Geschichte der evangelischen Christen und des Protestantismus in Österreich und der ehemaligen Donaumonarchie, Bd. 1: Das „Jahrbuch für [die] Geschichte des Protestantismus in Österreich“, Aufsätze, Rezensionen, Bibliographische Anzeigen. Wien 1999.
  • Rudolf Leeb: Zum wissenschaftlichen Profil der an der Fakultät lehrenden Kirchenhistoriker und zur österreichischen evangelischen Protestantengeschichtsschreibung. In: Schwarz, Wagner: Zeitenwechsel, S. 13–49.
  • Karl Schwarz, Falk Wagner (Hrsg.): Zeitenwechsel und Beständigkeit. Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien 1821–1996 (Schriftenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien; 10). WUV, Wien 1997.

Anmerkungen

  1. Über „Die Entstehung unserer Gesellschaft“ wird am Beginn des ersten Heftes von 1880 berichtet (Google Books).
  2. Reingrabner: Vorbemerkungen zum Anlaß [125-Jahr-Jubiläum]. In: JbGPrÖ 120 (2004) S. 15.
  3. Gustav Frank: DIE K. K. EVANGELISCH-THEOLOGISCHE FACULTÄT IN WIEN VON IHRER GRÜNDUNG BIS ZUR GEGENWART. Wilhelm Braumüller, Wien 1871 (Google Books).
  4. Diese Unterscheidung wird, speziell im Hinblick auf das JbGPrÖ, hervorgehoben von Peter F. Barton: Georg Loesche und das Periodisierungsproblem der Fakultätsgeschichte. Zwischen Politik, Kirchenpolitik, Kulturprotestantismus und Nationalismus. In: Schwarz, Wagner: Zeitenwechsel, S. 50–69, dort 65f.
  5. Leeb: Kirchenhistoriker, S. 18–21.
  6. In Frankreich gab es ein deutlich älteres Vorbild, nämlich die bereits 1852 gegründete Zeitschrift Le Bulletin de la Société de l’Histoire du Protestantisme Français.
  7. Die Veränderungen werden aufgelistet bei Andreas Lawaty u.a. (Hrsg.): Deutsch-polnische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart. Bibliographie. Bd. 2. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 2000, S.31 (Google Books).
  8. Deshalb trug z.B. der im Jahr 2010 erscheinende Jahrgang die Nummer 126, also 131 minus 5 (da 1880 der Jahrgang 1 erschien, würde man 2010, also 130 Jahre später, den Jahrgang 131 erwarten).
  9. JbGPrÖ 1880, S.9, in der dort abgedruckten Eingabe des Central-Vorstandes der Gesellschaft an den k. k. evangelischen Oberkirchenrat.
  10. Zu den aufeinanderfolgenden Herausgebern Loesche, Völker, Dedic und Kühnert siehe Leeb: Kirchenhistoriker, S. 21–40.
  11. Auch spätere Präsidenten stellten sich dieser Aufgabe: Reingrabner (Protestanten in Österreich, 1981) und Barton (Evangelisch in Österreich, 1987) durch historische Überblicksdarstellungen; Leeb durch sein Mitwirken an einer umfangreichen übergreifenden Geschichte des Christentums in Österreich (2003).
  12. Die 2. Auflage erschien 1921, die 3. Auflage 1930.
  13. Die Funktionen in der „Gesellschaft“ sind tabellarisch dargestellt bei Karl Schwarz: 125 Jahre „Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich“ im Spiegel ihres Vorstandes (1879–2004). In: JbGPrÖ 120 (2004) S. 33–46.
  14. Leeb im Vorwort zum JbGPrÖ 123 (2007), S. 7.
  15. Gustav Reingrabner, Karl Schwarz (Hrsg.): Quellentexte zur österreichischen evangelischen Kirchengeschichte zwischen 1918 und 1945. Wien 1989 (= JbGPrÖ 104/105, 1988/89), 868 Seiten.