Kanzleramtsminister (Österreich)

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Der Kanzleramtsminister ist in Österreich ein Minister, der – mit oder ohne Portefeuille – am Bundeskanzleramt agiert.

Inhaltsverzeichnis

Funktion und Stellung

Der Kanzleramtsminister ist – neben den mit den Ministerien betrauten Bundesministern – ein weiterer Minister der Bundesregierung. Er ist mit der Besorgung bestimmter Geschäfte beauftragt, die in den Wirkungsbereich des Bundeskanzlers fallen.[1] Kanzleramtsminister werden je nach Bedarf bestimmt.

„Der Bundespräsident kann die sachliche Leitung bestimmter, zum Wirkungsbereich des Bundeskanzleramtes gehörender Angelegenheiten, und zwar auch einschließlich der Aufgaben der Personalverwaltung und der Organisation, unbeschadet des Fortbestandes ihrer Zugehörigkeit zum Bundeskanzleramt eigenen Bundesministern übertragen; solche Bundesminister haben bezüglich der betreffenden Angelegenheiten die Stellung eines zuständigen Bundesministers.“

Artikel 77 Z.1 Bundesverfassungsgesetz (BG-V)

Ein Kanzleramtsminister ist Mitglied der Bundesregierung und hat Sitz und Stimme im Ministerrat.[1]

Eine besondere Häufung der Kanzleramtsminister findet sich in den 1920ern und 30ern, als 1923 die Ministerien des Inneren und Äusseren aufgelöst wurden, und unter Schuschnigg und Dollfuß in der Zeit des Austrofaschismus mehrere weitere Angelegenheiten beim Bundeskanzler zentralisiert wurden.
In den Regierungen Deutschösterreichs November 1918 bis 10. November 1920 (Staatstregierungen Renner IIIIII und anfangs Mayr I), wie auch der provisorischen Staatsregierung 1945 (Renner IV) unterstanden alle Ressortleiter, als Staatssekretäre, der Staatskanzlei, wie das Bundeskanzleramt seinerzeit genannt wurde.

Daneben finden sich auch einige Interims-Ministerposten und -beauftragungen (etwa während der Neubildung und Umstrukturierungen von Ministerien). Explizite Minister ohne Portefeuille, also zu politischen, nicht administrativen Zwecken eingesetzt, gab es ebenfalls nur in der Vorkriegs- und Besatzungszeit.

Amtssitz

Die Kanzleramtsminister amtieren nicht direkt am Bundeskanzleramt am Ballhausplatz, sondern traditionellerweise – wie auch die Staatssekretäre – in der Beletage des Amalientrakts der Hofburg, wo auch der österreichische Bundespräsident residiert.[2]

Liste der Kanzleramtsminister der Republik Österreich

Stand der Liste 6/2012
Bundesminister Partei Amtszeit Funktion Regierung
Ach, HermannHermann Ach[3]  ? 20. Mai 1932 – 28. Sep. 1932 Bundesminister, mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der öffentlichen Sicherheit betraut Dollfuß (I)
Altenburger, ErwinErwin Altenburger  ÖVP  11. Jan. 1947 – 10. Okt. 1949 Bundesminister Figl (I)
Baar-Baarenfels, EduardEduard Baar-Baarenfels  VF  17. Okt. 1935 – 15. Mai 1936 Bundesminister,
ab 29. Okt. 1935 mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten des Sicherheitswesens und der inneren Verwaltung betraut
Dollfuß (II)
Schuschnigg (I)
Bachinger, FranzFranz Bachinger  LB  04. Feb. 1932 – 10. Mai 1933 Bundesminister, mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der öffentlichen Sicherheit betraut,
ab 6. Mai 1933 (unter Dollfuß) mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der inneren Verwaltung betraut
Buresch (II)
Dollfuß (I)
Berger-Waldenegg, EgonEgon Berger-Waldenegg  VF  29. Juli 1934 – 14. Mai 1936 Bundesminister,
3. Aug. 1934 – 17. Okt. 1935 und wieder ab 29. Okt. 1935 Bundesminister für die auswärtigen Angelegenheiten
Dollfuß (II)
Schuschnigg (I)
Bures, DorisDoris Bures  SPÖ  01. Mär. 2007 –  1. Juli 2008 Bundesministerin für Frauen, Medien und Regionalpolitik Gusenbauer
Buresch, KarlKarl Buresch  CS  17. Okt. 1935  – 30. Jan. 1936 Bundesminister (vorher Bundesminister für Finanzen) Dollfuß (II)
Schuschnigg (I)
Dohnal, JohannaJohanna Dohnal  SPÖ  10. Jan. 1991 –  6. Apr. 1995 Bundesministerin ohne Portefeuille,
ab 8. Feb. 1991 Bundesministerin für Frauenangelegenheiten
Vranitzky (IIIIV)
Ender, OttoOtto Ender  CS  19. Juli 1933 – 10. Juli 1934 Bundesminister,
ab 20. Juli 1933 mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der Verfassungs- und Verwaltungsreform betraut
Dollfuß (I, II)
Schuschnigg (I)
Ettl, HaraldHarald Ettl  SPÖ  02. Feb. 1989 –  1. Feb. 1991 Bundesminister für Gesundheit und öffentlicher Dienst bis 9. Okt. 1990 (II., dann betraut bis 17.),
ab 17. Dez. 1990 (III.) Bundesminister ohne Portefeuille (dann Bundesministerium für Gesundheit, Sport und Konsumentenschutz)
Vranitzky (IIIII)
Fey, EmilEmil Fey  HB / VF 
[4]
10. Mai 1933 – 21. Sep. 1933 /
 1. Mai 1934 – 14. Mai 1936
(dazwischen Vizekanzler Dollfuß II.)
Bundesminister, mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der öffentlichen Sicherheit betraut,
ab 1. Mai 1934 mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten des Sicherheitswesens und der zum Wirkungsbereich der Abt 4 gehörenden Angelegenheiten betraut,
ab 30. Juli 1934 mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der inneren Verwaltung betraut,
ab 28. Sep. 1935 auch mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der Bekämpfung staatsgefährlicher Bestrebungen in der Privatwirtschaft[5] betraut
Dollfuß (I, II)
Schuschnigg (I)
Figl, LeopoldLeopold Figl  ÖVP  26. Nov. 1953 – 10. Juni 1959 Bundesminister für die Auswärtigen Angelegenheiten Raab (III)
Firnberg, HerthaHertha Firnberg  SPÖ  21. Apr. 1970 – 26. Juli 1970 Bundesministerin ohne Portefeuille (dann Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung) Kreisky (I)
Glaise-Horstenau, EdmundEdmund Glaise-Horstenau  VF 
(eig.  NSDAP )[6]
11. Juli 1936 – 11. Mär. 1938 Bundesminister
ab 6. Nov. 1936 (III.) mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der inneren Verwaltung betraut
ab 16. Feb. 1938 (IV.) Bundesminister
Schuschnigg (II, III, IV)
Graf, FerdinandFerdinand Graf  ÖVP  29. Juni 1956 – 15. Juli 1956 Bundesminister für Angelegenheiten der Landesverteidigung Raab (II)
Gruber, KarlKarl Gruber  ÖVP  20. Dez. 1945 – 26. Nov. 1953 Bundesminister für die Auswärtigen Angelegenheiten Figl (IIIIII)
Raab (I)
Grünberger, AlfredAlfred Grünberger  CS  17. Apr. 1923 – 20. Nov. 1923 Bundesminister, mit der Führung der auswärtigen Angelegenheiten betraut Seipel (II, III)
Heinisch-Hosek, GabrieleGabriele Heinisch-Hosek  SPÖ  02. Dez. 2008 – heute Bundesministerin ohne Portefeuille bis 21. Dez.
ab 22. Dez. 2008 Bundesministerin für Frauen und Öffentlichen Dienst
Faymann
Kerber, RobertRobert Kerber  CS  21. Sep. 1933 – 14. Mai 1936 Bundesminister,
ab 23. Sep. 1933 mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der inneren Verwaltung betraut
ab 1. Mai 1934 (Schuschnigg) zusätzlich mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der administrativen Angelegenheiten der Bundesanstalt für Statistik betraut
Dollfuß (II)
Schuschnigg (I)
Konrad, HelgaHelga Konrad  SPÖ  06. Apr. 1995 – 18. Feb. 1995 Bundesministerin für Frauenangelegenheiten Vranitzky (IV)
Kotzina, VinzenzVinzenz Kotzina  ÖVP  19. Apr. 1966 –  6. Juni 1966 Bundesminister ohne Portefeuille (dann Bundesministerium für Bauten und Technik) Klaus (II)
Kreisky, BrunoBruno Kreisky  SPÖ  16. Juli 1959 – 31. Juli 1959 Bundesminister für die Auswärtigen Angelegenheiten Raab (III)
Leodolter, IngridIngrid Leodolter  SPÖ  04. Nov. 1971 – 2. Feb. 1972 Bundesministerin ohne Portefeuille (dann Bundesministerium für Gesundheit und Umwelt) Kreisky (II)
Löschnak, FranzFranz Löschnak  SPÖ  18. Dez. 1985 – 2. Feb. 1989 Bundesminister, bis 25. Nov. 1986
ab 21. Jan. 1987 (Vranitzky II.) Bundesminister für Gesundheit und öffentlicher Dienst (dann Bundesministerium für Inneres)
Sinowatz
Vranitzky (III)
Mataja, HeinrichHeinrich Mataja  CS  20. Nov. 1924 – 24. Nov. 1926 Bundesminister mit der Führung der auswärtigen Angelegenheiten betraut Ramek (I)
Neisser, HeinrichHeinrich Neisser  ÖVP  01. Apr. 1987 – 24. Apr. 1989 Bundesminister für Föderalismus und Verwaltungsreform Vranitzky (II)
Neustädter-Stürmer, OdoOdo Neustädter-Stürmer  VF  10. Sep. 1934  – 17. Okt. 1935 /
6. Nov. 1936 – 20. Mär. 1937
Bundesminister mit der sachlichen Leitung der die Gesetzgebung über die berufsständische Neuordnung vorbereitenden Tätigkeit der Bundesministerien betraut (I.)
Bundesminister mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten des Sicherheitswesens und der Vorbereitung der Gesetzgebung über die berufsständische Neuordnung betraut (III.)
Schuschnigg (I, III)
Pittermann, BrunoBruno Pittermann  SPÖ  29. Juli 1959 – 19. Apr. 1966 Vizekanzler (seit 22. Mai 1957), mit der Leitung der Agenden der BKA – Verstaatlichte Unternehmungen (Sekt IV) betraut[7] Raab (IIIIIIV)
Gorbach (III)
Klaus (I)
Prammer, BarbaraBarbara Prammer  SPÖ  28. Jan. 1997 – 25. Feb. 1997 Bundesministerin ohne Portefeuille (dann Bundesministerium für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz) Klima
Riegler, JosefJosef Riegler  ÖVP  24. Apr. 1989 – 22. Okt. 1991 Vizekanzler (bis 2. Juli 1991),
Bundesminister für Föderalismus und Verwaltungsreform
ab 2. Juli 1991 auch Bundesminister ohne Portefeuille
Vranitzky (IIIII)
Rott, HansHans Rott[8]
(eig.  CS )
16. Feb. 1938 – 11. Mär. 1938 Bundesminister Schuschnigg (IV)
Schmidt, GuidoGuido Schmidt  NSDAP 
[9]
16. Feb. 1938 – 11. Mär. 1938 Bundesminister für die Auswärtigen Angelegenheiten Schuschnigg (IV)
Schmitz, RichardRichard Schmitz  CS  16. Feb. 1934 – 10. Juli 1934 Bundesminister (vormals Vizekanzler und Bundesminister für soziale Verwaltung) Dollfuß (II)
Schuschnigg (I)
Schumy, VinzenzVinzenz Schumy  LB  26. Sep. 1929 – 30. Sep. 1930 /
10. Mai 1933 – 21. Sep. 1933
Bundesminister für die sachliche Leitung der inneren Angelegenheiten (Schober)
Bundesminister mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der inneren Verwaltung und der wirtschaftspolitischen Angelegenheiten betraut (Dollfuß)
Schober (III)
Dollfuß (I)
Seipel, IgnazIgnaz Seipel  CS  30. Sep. 1930 – 29. Nov. 1930 Bundesminister für die sachliche Leitung der auswärtigen Angelegenheiten (amtierend bis 4. Dez. 1930) Vaugoin
Seyss-Inquart, ArthurArthur Seyss-Inquart  NSDAP 
[9]
16. Feb. 1938 – 11. Mär. 1938 Bundesminister mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der inneren Verwaltung und des Sicherheitswesens betraut (dann Bundeskanzler) Schuschnigg (IV)
Starhemberg, Ernst RüdigerErnst Rüdiger Starhemberg  HB /
 VF [4]
30. Sep. 1930 – 29. Nov. 1930 /
17. Mai 1934 – 17. Okt. 1935 /
29. Okt. 1935 – 14. Mai 1936
Bundesminister für die sachliche Leitung der inneren Angelegenheiten (Vaugoin, amtierend bis 4. Dez. 1930)
Vizekanzler (1. Mai 1934 – 14. Mai 1936),
17. Mai 1934 – 17. Okt. 1935 und 29. Okt. 1935 – 14. Mai 1936 (Schuschnigg) mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten der körperlichen Ertüchtigung betraut
30. Juli 1934 – 17. Okt. 1935 (Schuschnigg) auch mit der sachlichen Leitung der Angelegenheiten des Sicherheitswesens betraut
Vaugoin
Schuschnigg (I)
Weinberger, AloisAlois Weinberger[10]  ÖVP  20. Dez. 1945 – 11. Jan. 1947 Bundesminister Figl (I)
Weiss, JürgenJürgen Weiss  ÖVP  22. Okt. bzw. 7. Nov. 1991 – 29. Nov. 1994 Bundesminister für Föderalismus und Verwaltungsreform Vranitzky (III)
Winkler, FranzFranz Winkler  LB  04. Dez. 1930 – 16. Juni 1931 /
20. Juni 1931 – 10. Mai 1933
Bundesminister mit der sachlichen Leitung der inneren Angelegenheiten, ab 20. Juni 1931 der Angelegenheiten der inneren Verwaltung betraut (dann Vizekanzler) Ender
Buresch (I)
Zernatto, GuidoGuido Zernatto  parteilos  16. Feb. 1938 – 11. Mär. 1938 Bundesminister Schuschnigg (IV)

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b Ludwig-Josef Melicher; Bundeskanzleramt III/6, Verwaltungsakademie des Bundes (Hrsg.): Das Bundesministerium als Zentralstelle und der nachgeordnete (oder ausgegliederte) Bereich. Skriptum zum Seminar GA 12 der Verwaltungsakademie des Bundes, Wien 2009, Abschnitt B. Kanzleramtsminister, S. 11 (zum Seminar siehe Verwaltungsakademie des Bundes: Bildungsprogramm 2012, S. 33)
  2. Die Hofburg, hofburg-wien.at → Wissenswertes;
    Weitere Amtsgebäude des Bundeskanzleramtes, Bundeskanzleramt, bka.gv.at → Standorte
  3. Eintrag zu Dr. Hermann Ach auf den Webseiten des österreichischen Parlaments
  4. a b Heimatblock 1934 in der Vaterländischen Front aufgegangen
  5. Umsetzung des Bundesverfassungsgesetzes zur Bekämpfung staatsgefährlicher Bestrebungen in der Privatwirtschaft, B.G.Bl. Nr. 473/1935
  6. Die österreichische NSDAP wurde am 19. Juni 1933 verboten, siehe Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus: Diktatur, Bürgerkrieg und Verbot der NSDAP
  7. gemäß Artikel 77 Absatz 3 der B-VG
  8. Eintrag zu Hans Rott auf den Webseiten des österreichischen Parlaments; Eintrag zu Rott, Hans in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online  (auf AEIOU)
  9. a b NSDAP nach dem Berchtesgadener Abkommen 12. Februar 1938 wieder zugelassen
  10. Eintrag zu Alois Weinberger auf den Webseiten des österreichischen Parlaments