Karl Hess (Physiker)

Karl Hess (* 20. Juni 1945 in Trumau) ist ein österreichischer Physiker, der sich mit Festkörperphysik und Grundlagen der Quantenmechanik beschäftigt.

Leben und Werk

Hess studierte Mathematik und Physik an der Universität Wien, wo er 1970 in Angewandter Physik bei Karlheinz Seeger promoviert wurde (über Elektronentransport in Halbleitern) und danach Assistent war. 1973 ging er als Fulbright-Stipendiat zu John Bardeen an die University of Illinois at Urbana-Champaign (UIUC). Mit Chih-Tang Sah (dem Miterfinder der CMOS-Technologie) arbeitete er theoretisch dort an Elektronentransport in Transistoren (Lösung der klassischen Boltzmann-Gleichung). 1974 ging er als Assistenzprofessor an die Universität Wien, kehrte aber 1977 als Visiting Associate Professor an die UIUC zurück, wo er an Charge-coupled Devices arbeitete und mit Ben Streetman das Konzept des Real Space Transfer entwickelte[1] (verwendet zum Beispiel im Real Space Transfer Transistor, RSTT). 1980 wurde er Professor für Elektrotechnik und Informatik an der UIUC. 1989 wurde er Vizedirektor des Beckman Institute for Advanced Science and Technology an der UIUC.

Er beschäftigte sich an der UIUC mit Computersimulation des Verhaltens von Elektronen in Halbleitern (Full Band Monte Carlo Method[2]), wobei er klassisches Verhalten nach der Boltzmann-Gleichung mit quantenmechanischem (Wellencharakter der Elektronen) in Supercomputer-Rechnungen für Elektronentransport in Halbleitern kombinierte. Er wandte die Theorie insbesondere für Simulationen des Verhaltens von Elektronen in der Optoelektronik an (Quantum-Well-Laserdioden, Programm Minilase)[3]. Ab den 1990er Jahren befasste er sich mit Nanotechnologie und Quanteninformatik. Bekannt wurde er außerdem für Arbeiten zu den Grundlagen der Quantenmechanik mit dem Mathematiker Walter Philipp an der UIUC, in denen sie behaupteten, ein Schlupfloch für den Satz von Bell aufgezeigt zu haben.[4][5][6][7] Ihre Theorie ist umstritten.[8]

Daneben unternahm er ab den 1980er Jahren am Naval Research Laboratory der US-Navy geheime Forschungsarbeiten.

2001 wurde er in die National Academy of Engineering und 2003 in die National Academy of Sciences gewählt. 2006 bis 2008 war er im National Science Board (dem Leitungsgremium der National Science Foundation)[9]. Er ist Mitglied der American Association for the Advancement of Science und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech).[10]

Literatur

  • Christen Brownlee. Biography of Karl Hess. In: 'Proc. Nat. Acad. Sciences. 101, Nr. 7, 2004, S. 1797–1798 (pdf, abgerufen am 12. September 2010).
  •  K. Brennan, K. Hess, J.Y.-F. Tang, G.J. Iafrate: Transient electronic transport in InP under the condition of high-energy electron injection. In: Electron Devices, IEEE Transactions on. 30, Nr. 12, 1983, S. 1750–1754 (Enthält eine Kurzbiografie mit Foto von Karl Hess).

Einzelnachweise

  1.  K. Hess, H. Morkoç, H. Shichijo, B. G. Streetman: Negative differential resistance through real-space electron transfer. In: Applied Physics Letters. 35, Nr. 6, 1979, S. 469, doi:10.1063/1.91172.
  2. Shichijo, Hess: Physical Review B, Band 23, 1981, S. 4197
  3.  M. Grupen, K. Hess: Simulation of carrier transport and nonlinearities in quantum-well laser diodes. In: IEEE Journal of Quantum Electronics. 34, 1998, S. 120–140, doi:10.1109/3.655016.
  4. Philipp Hess: A possible loophole in the theorem of Bell. In: Proc. Nat. Acad. Sci. (PNAS)., Band 98, 2001, S. 14224–14227
  5.  Karl Hess, Walter Philipp: Bell's theorem and the problem of decidability between the views of Einstein and Bohr. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 98, Nr. 25, 4. November 2001, S. 14228–14233, doi:10.1073/pnas.251525098.
  6.  Karl Hess, Walter Philipp: Breakdown of Bell's theorem for certain objective local parameter spaces. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 101, Nr. 7, 17. Januar 2004, S. 1799–1805, doi:10.1073/pnas.0307479100.
  7. Hess, Philipp Der Satz von Bell und das Konsistenzproblem gemeinsamer Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Mathematische Semesterberichte, Band 53, 2006, Nr.2, S. 152-183
  8. Zum Beispiel ist sie von Anton Zeilinger und David Mermin kritisiert worden.  R. D. Gill, G. Weihs, A. Zeilinger, M. Żukowski: No time loophole in Bell's theorem: The Hess–Philipp model is nonlocal. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 99, Nr. 23, 12. Oktober 2002, S. 14632–14635, arXiv:quant-ph/0208187, doi:10.1073/pnas.182536499., David Mermin Shedding (green and red) light on time related hidden parameters, Preprint 2002
  9. Zur Ernennung als Mitglied des NSB
  10. Wahl in die Acatech