Karl Lütgendorf

Karl Ferdinand Lütgendorf, geb. Karl Ferdinand Freiherr von Lütgendorf (* 15. Oktober 1914 in Brünn, heute Tschechien; † 9. Oktober 1981 in Schwarzau im Gebirge, Niederösterreich) war ein österreichischer Offizier und Politiker.

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Biografie

Lütgendorf stammte aus einer altadeligen Familie, zu der auch der Luftfahrtpionier Joseph Maximilian Freiherr von Lütgendorf (1750–1829) sowie der deutsche Maler und Kunsthistoriker Willibald Leo von Lütgendorff-Leinburg (1856–1937) gehörten.

Geboren wurde Lütgendorf als einziges Kind des damaligen k.u.k. Militärkommandanten von Brünn, Generalmajor Michael Moritz Freiherr von Lütgendorf (1879–1974) und Anna-Maria Eugenia von Lütgendorf, geborene Radl von Radlingen (1892–1974). Lütgendorf besuchte Volksschule und Gymnasium in Graz, wo sein Vater, der nach dem Ersten Weltkrieg in das österreichische Bundesheer übernommen wurde, zunächst die Heeresverwaltungsstelle leitete und später stellvertretender Brigadier der 5. Brigade „Steiermark“ war.

Militärische Karriere

Nach dem Einjährig-Freiwilligen-Jahr beim Bundesheer der ersten Republik in Kaiserebersdorf absolvierte Lütgendorf von 1934–1937 die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt. Nach dem Annexion Österreichs wurde er in die deutsche Wehrmacht übernommen und wurde nach Abschluss aller Prüfungen zum Offizier des Generalstabs. Als Offizier im Generalstab der Gebirgstruppen nahm er am Zweiten Weltkrieg teil, während dessen er unter anderem in Narvik stationiert war als auch verschüttet und schwer verletzt wurde.

Nach dem Krieg beteiligte er sich während der Besatzungszeit durch die Alliierten am Aufbau der sogenannten B-Gendarmerie, der Vorläuferin des österreichischen Bundesheeres. Im August 1956 wurde er in Klagenfurt als Oberstleutnant des höheren militärischen Dienstes (Generalstab) in das neu gegründete Bundesheer aufgenommen, wo er als erster Chef des Stabes der Kärntner 7. Brigade diente. Das damalige vorgesetzte Kommando war das Gruppenkommando II in Graz.

Ab 1958 war er Abteilungsleiter für militärische Ausbildung im Bundesministerium für Landesverteidigung. Ab 1961 diskutierte er den „Kleinkrieg“ als denkbares Verfahren für das Bundesheer der 2. Republik. Der nunmehrige Oberst des Generalstabs entsandte Offiziere auf den Ranger-Kurs der U.S. Army oder Fallschirmspringerübungen nach Frankreich. Im Jahr 1963 ließ er den ersten Kurs für „Sonderausbildung“ durchführen und auch an der Militärakademie dieses Verfahren bei Planspielen und Jahresabschlussübungen (1963 und 1964) einbeziehen.

Bereits in der ersten Vorschrift für die Infanteriegefechtsausbildung der B-Gendarmerie wurde festgelegt, dass für „besondere Kampfaufgaben“ im Feindgebiet „Kampfkommandos“ eingesetzt werden sollen. Dementsprechend erfolgte beim Aufbau des Bundesheeres nach 1955 die Aufstellung von „Kampfzügen“ im Rahmen der Infanteriebataillone mit spezieller Ausbildung für Aufklärung, Stoßtrupp und kleinkriegsähnliche Unternehmen. Der beste Kampfzug war jener der damaligen Infanteriekampfschule, ein Elitetruppenkörper des jungen Bundesheeres. Er bestand zum Großteil aus Spitzensportlern, die einer fordernden militärischen Ausbildung durch zum Teil kriegsgediente Unteroffiziere unterzogen wurden. Mit der Auflösung der Infanteriekampfzüge der Infanteriebataillone schien jedoch die bis dahin aufgebaute Expertise wieder verloren zu gehen. Aus diesem Grund gründete Lütgendorf das Jagdkommando.

Der „Kleinkrieg“ war zwar für viele der gedienten Offiziere nur als „letzte Möglichkeit“ vorstellbar, um mit eingeschlossenen oder zurückgelassenen Kräften den Kampf fortzusetzen, die progressiver denkenden Offiziere, wie Generalmajor Emil Spannocchi, sahen darin allerdings eine Möglichkeit, durch speziell ausgebildete Kräfte den Gegner in seiner Tiefe zu schädigen.

1966 wurde Lütgendorf zum Brigadier befördert. Nachdem Johann Freihsler aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat, wurde Lütgendorf am 10. Februar 1971 in die SPÖ-Alleinregierung von Bundeskanzler Bruno Kreisky als parteiloser Verteidigungsminister berufen. Erwähnenswertes Detail am Rande: Als Karl Lütgendorfs Vater die Mitteilung über die Ernennung seines Sohnes zum Verteidigungsminister erhielt, sagte er zu seinem Sohn am Telefon: „Ich schäme mich. Denn du dienst keinem Kaiser, sondern einer Republik.“ [1]

Bundesminister für Landesverteidigung 1971–1977

Trotz aller Vorbehalte realisiert Lütgendorf Anfang 1971 die Verkürzung der Wehrdienstzeit. Der Bundesminister verstärkte durch eine weitgehend im Alleingang ausgearbeitete Heeresgliederung die Diskrepanzen im konzeptiven Bereich, und Generalmajor Spannocchi, ein herausragender Militärstratege, wurde mehr und mehr zum Träger der progressiven Ideen einer Abhaltestrategie auf der Grundlage einer raumgebundenen Kampfführung. Die wesentlichen Verfahren der „Raumverteidigung“ bildeten der Kampf in Schlüsselzonen und der Kampf in Raumsicherungszonen. Diese mussten allerdings um die Verfahren des „Sicherungseinsatzes“ und eines „räumlich begrenzten Abwehrkampfes“ erweitert werden, die jedoch beide nicht den Prinzipien zur Erreichung der Abhaltung folgen konnten. Es hatte sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Abhaltung – also die Aussparung Österreichs aus einem Konflikt – Vorrang für die operative Umsetzung und damit den Kräfteeinsatz im Hauptbedrohungsraum haben müsse.

Unter Lütgendorf als Verteidigungsminister beteiligte sich das österreichische Bundesheer an mehreren Auslandseinsätzen und UN-Missionen:

  • 1972: Entsendung eines österreichischen UN-Bataillons nach Zypern (United Nations Peacekeeping Force in Cyprus, UNAB/UNFICYP); ein Sanitäts- und Polizeikontingent war dort bereits seit 1964 vor Ort; Einsatzende 2001.
  • 1973: Verlegung von Teilen des österreichischen Zypern-Bataillons an den Suezkanal als Teil der United Nations Emergency Force (UNEF). Die komplette Auffüllung der Bataillone in Zypern und Ägypten erfolgte bis 16. November. Das Zypern-Bataillon wurde seit 3. Dezember im Distrikt Larnaka (Südostteil) eingesetzt.

In seiner sechsjährigen Amtszeit hatte der altgediente General, geboren in einer kaisertreuen Familie der k.u.k. Monarchie, die Wehrpolitik der 2. Republik nachhaltig beeinflusst. Zum Beispiel wäre die Spannocchi-Doktrin, nach der das Bundesheer von 1973 bis 1986 umorganisiert wurde, ohne ihn wahrscheinlich nicht umgesetzt worden. 1974 wurde er während der öffentlichen Erregung um die Veröffentlichung des sowjetischen Polarka-Plans zum Rücktritt aufgefordert.

Wegen des Verdachts, in illegale Waffengeschäfte verwickelt zu sein, bot der Minister am 31. Mai 1977 dem damaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger seinen Rücktritt an.

Bis zu seinem Tod hielt er mehrere Aufsichtsratsposten und lebte auf seinem Jagdgut in Niederösterreich.

Ungeklärte Todesursache

Obwohl die Behörden bei seinem Tod von einem Suizid ausgehen, verstummen Gerüchte nicht, dass er bei seinem Jagdausflug getötet wurde. Als Indizien werden dabei unter anderem fehlende Abschiedsbriefe angegeben. Laut ORF[2] sollen sich allerdings angeblich zwei Abschiedsbriefe bei der Staatsanwaltschaft unter Verschluss befinden. Aber sowohl Anhänger der Suizidmeinung als auch jene, die ein Fremdverschulden als Ursache für den Tod halten, vermuten den Grund im Wissen bzw. Verwicklungen in den Fall Lucona. Andere Recherchen führten zur Vermutung, dass Lütgendorf von einer Zelle des damaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR ermordet wurde. Fest steht, dass Lütgendorf international über Jahrzehnte höchste militärische und politische Kontakte pflegte, unter anderen auch zum damaligen ägyptischen Staatspräsidenten Muhammad Anwar as-Sadat. Als dieser bei einer Militärparade am 6. Oktober 1981 von seiner eigenen Leibgarde vor laufenden Kameras ermordet wurde, befand sich Lütgendorf bei einer Jagdgesellschaft. Laut seinem Sohn Philipp Lütgendorf sei sein Vater auf die Nachricht von Sadats Tod kreidebleich geworden, habe gemeint, er sei der Nächste, und bat den Gastgeber um ein Büro, von dem aus er telefonieren könne.

Was den Zweiflern der Suizidversion Lütgendorfs verdächtig vorkommt, ist zum einen, dass er mit einem Revolver fest in seiner linken Hand gefunden wurde, der erstens nicht auf ihn registriert war und zweitens keinerlei Fingerabdrücke aufwies – zusätzlich war Lütgendorf Rechtshänder. Zum anderen trat das Projektil durch den geschlossenen Mund, also durch die geschlossenen Zähne, ein, was für viele Offiziere ein Indiz für Fremdverschulden darstellt. Weiter verdächtig ist bis heute, dass Lütgendorf in seinem Geländefahrzeug tot aufgefunden wurde – bei laufendem Motor und offener Fahrertür. Verwunderlich ist auch, dass aus staatsicherheitspolitischen Gründen die Obduktion trotz eines gewaltsamen Todes erst 10 Jahre später per Gerichtsbeschluss veranlasst wurde. In dem Buch von Hans Pretterebner, „Der Fall Lucona“, wird darauf hingewiesen, dass Proksch Sprengmittel vom Militär bezog, wobei ein hochrangiger Minister entsprechende Weisungen gegeben haben soll. Dies führte später beim Einsturz der Reichsbrücke wieder zu Spekulationen.

Einzelnachweise

  1. Kurt Tozzer, Günther Kallinger; Todesfalle Politik; (c) 1999, Niederösterreichischer Presse Verlag; ISBN 3-85326-119-1
  2. Sendung Tat-Sachen vom 22. September 2006

Weblinks