Karl Radek

Karl Radek (Mitte), 1932

Karl Radek (russisch Карл Бернгардович Радек/Karl Berngardowitsch Radek, ursprünglich Karol Sobelsohn; schrieb auch unter den Pseudonymen Parabellum und Struthahn; * 31. Oktober 1885 in Lemberg, Galizien; † vermutlich 19. Mai 1939 in Werchneuralsk, Sowjetunion) war ein kommunistischer Politiker und Journalist, der in Polen, Deutschland und der Sowjetunion wirkte.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft

Radek stammt aus einer österreichisch-ungarischen jüdischen Familie, er selbst sah sich als Atheist. Seine Familie orientierte sich an der deutschen Kultur, weshalb zuhause Deutsch gesprochen wurde. Jedoch hatte Radek bereits als Schüler Kontakt zur polnischen Arbeiterbewegung und schrieb auch für polnische Zeitungen. Jiddisch lernte Radek nach eigenen Angaben erst als Erwachsener und „mehr aus Jux“.

Zwischen Deutschland und Russland

Radek gehörte anfangs zu den führenden Politikern in der polnischen und deutschen Sozialdemokratie. Nach der russischen Revolution von 1905 wurde er, im Alter von 20 Jahren, wegen seiner Radikalität aus der sozialistischen Partei Polens ausgeschlossen. Wegen seiner Beteiligung an der Revolution inhaftierten ihn die russischen Behörden für ein Jahr. 1907 emigrierte Radek nach Deutschland, wo er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei wurde.

Dort eroberte er sich ab 1908 als geist- und kenntnisreicher Journalist, insbesondere auf dem Gebiet der Außenpolitik, eine führende Rolle in der sozialdemokratischen Presse. So redigierte oder schrieb er für die Bremer Bürgerzeitung, die Leipziger Volkszeitung, die Dortmunder Arbeiterzeitung sowie die damalige SPD-Parteizeitschrift Neue Zeit.

Obwohl er anfangs mit Rosa Luxemburg gemeinsam den äußeren linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie im Kampf gegen die gemäßigteren Richtungen gebildet hatte, entwickelte er sich zu ihrem Kritiker und schloss sich nach seinem Ausschluss aus der SPD (1912) schon vor dem Ersten Weltkrieg dem späteren Gründer der SU, Lenin an und war einer seiner Vertrauensleute im Schweizer Exil. Er war weiter publizistisch auf Deutsch tätig, vor allem in der Berner Tagwacht erschienen seine Artikel (unter dem Pseudonym Parabellum), die sich gedanklich in eine Reihe mit den Schriften Lenins, Trotzkis und Sinowjews stellten, aber wegen ihrer gefälligeren Form weit größere Beachtung fanden.

Vom 5. bis zum 8. September 1915 nahm er als Vertreter der polnischen sozialdemokratischen Partei an der Zimmerwalder Konferenz teil. Hier trafen sich die radikaleren Vertreter der sozialistischen Parteien erstmals seit Kriegsausbruch wieder, um von den sozialistischen Parteien zu fordern, in ihren jeweiligen Ländern die Zustimmung zu weiteren Kriegskrediten zu verweigern. Radek unterschrieb dabei auch Lenins radikaleres Zusatzprotokoll, in dem dieser forderte, den kapitalistischen Krieg in einen Krieg gegen den Kapitalismus umzuwandeln.

In der Zeit der russischen Revolution redigierte Radek in Stockholm die Zeitschrift Der Bote der russischen Revolution und später (1917–1918) das Petersburger Blatt Der Völkerfriede sowie das Moskauer Blatt Die Weltrevolution, die beide in deutscher Sprache zum Zweck der Antikriegs-Propaganda erschienen. Radek war auch einer der Teilnehmer der berühmten Fahrt Lenins im verplombten Eisenbahnwaggon auf der Rückkehr durch Deutschland und Schweden nach Russland. Er wurde in Folge unter anderem Sekretär für Deutschland im Exekutivkomitee der Komintern und war 1918 Delegierter bei den Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion, die zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk führten.

Vom Moabiter Salon zum Komintern-Vertreter

Ende 1918 reiste er illegal nach Deutschland ein, um zu sondieren, ob die sowjetischen Bolschewiki von dort Unterstützung erwarten könnten. Er wurde jedoch am 12. Februar 1919 verhaftet, mit dem Vorwurf der "Beihilfe zum Spartakusputsch, Aufreizung und Geheimbündelei".[1] Nach seiner Verhaftung wurde ihm von der Sowjetunion nachträglich ein diplomatischer Status als Botschafter der Ukraine gegeben, um sein Leben zu schützen. Dies erschien notwendig, da zu dieser Zeit einige der führenden Kommunisten – wie Rosa Luxemburg – in Deutschland nach ihrer Gefangennahme ermordet worden waren.

Radek erhielt bald die Erlaubnis, in der Haft im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit zu arbeiten. Er legte sich dafür eine Bibliothek an, für die ihm eine weitere Gefängniszelle zugewiesen wurde. In diesem „Moabiter Salon“ empfing er deutsche Politiker, Journalisten und Intellektuelle. Dazu gehörte auch die Begegnung mit dem Wirtschaftsführer Walther Rathenau von der AEG, dem späteren deutscher Außenminister. Beide erkannten, trotz unterschiedlicher Standpunkte und persönlicher Abneigung, dass ihre Staaten gemeinsame Interessen hatten. Damit war eine Grundlage für den Vertrag von Rapallo geschaffen.

Nach seiner Freilassung Ende Januar 1920 kehrte Radek nach Moskau zurück, wo er nun als Deutschlandspezialist galt. Schon im Dezember des gleichen Jahres nahm er als Vertreter der Komintern am Parteitag der deutschen KPD teil, auf dem sich der linke Flügel der USPD der Partei anschloss (vgl. VKPD). Diese war nun mit 350.000 Mitgliedern die erste kommunistische Massenpartei außerhalb der UdSSR. Als Vertreter der Komintern unterstützte er auch nachdrücklich den Hamburger Aufstand der KPD (1923). Die Politik der SPD-Regierung wurde von ihm dagegen als „Sozialfaschismus“ bezeichnet.

Radek gilt als wichtigster Vertreter einer neuen Linie der KPD, die 1923 unter starkem Bezug auf patriotische Themen, die „proletarisierende Mittelschicht“ für sich zu gewinnen suchte. Nach einer Rede, die Radek am 20. Juni 1923 auf dem 3. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) hielt, und in der er Bezug auf Albert Leo Schlageter nahm, einen von der deutschen Rechten verehrten, von den Franzosen während der Ruhrbesetzung hingerichteten Freikorpsler, wird diese neue Politik auch als „Schlageter-Linie“ bezeichnet. Weniger der Inhalt als der Ton der Rede gelten als neu, weil die „Faschisten“ direkt angesprochen werden, und Schlageter lyrisch als „Märtyrer des deutschen Nationalismus“ gewürdigt wird. Radek sprach − bezugnehmend auf den Titel eines Romans Friedrich Freksas[2] − von Schlageter als einem Wanderer ins Nichts, wenn man den „Sinn seiner Geschicke“ nicht verstehe.[3] Gegner Radeks in der KPD, darunter etwa Ruth Fischer haben die Rede als Beleg angeführt, Radek habe eine Einheitsfront zwischen deutschen Nationalisten, der Armee und der Kommunistischen Partei angestrebt. Louis Dupeux betont dagegen, Radek und die Führung der KPD hätten mit der „Schlageter-Linie“ eine großangelegte Strategie entwickelt, um über die Einheitsfront hinaus die Mittelschicht und damit endlich eine breite Mehrheit für die Revolution zu gewinnen.[4]

1925 wurde Radek – aus den ersten Reihen der politischen Macht bereits ausgeschlossen – erster Rektor der im November ausschließlich für chinesische Studenten – Angehörige der Kommunistischen Partei Chinas sowie der Kuomintang – eröffneten Sun-Yatsen-Universität in Moskau.

Zwischen Trotzki und Stalin

In den 1920er Jahren gehörte Radek als Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU (bis 1924) zur Opposition um Trotzki, wurde 1927 aus der Partei ausgeschlossen und nach Sibirien verbannt. Nach der Rückkehr und seiner „Selbstkritik“, d. h. der willenlosen Unterwerfung unter die offizielle Linie der Partei 1929, war er als international geschätzter Journalist (Redakteur der Iswestija 1930–37) und Kulturfunktionär tätig. 1934 gab ein Prawda-Artikel von Radek das Startsignal zur Vergöttlichung Stalins.

1937 wurde Radek als Anhänger Trotzkis im zweiten Moskauer Schauprozess angeklagt. Im Prozessverlauf versuchte er auf versteckte Weise anzudeuten, dass er trotz seiner scheinbaren Geständnisse kein Verräter sei. So erinnerte er den Staatsanwalt Wyschinski daran, dass die Anklage einzig auf seiner Aussage beruhe und erwähnte in Folge auch „andere Absprachen“. Es wird vermutet, dass es diese Absprachen waren, die ihm ein Todesurteil ersparten. Radek wurde schließlich im Februar 1937 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.

Seither ist er verschollen. Nach einer unbewiesenen Angabe wurde er 1941 in Moskau gesehen, offiziellen Angaben zufolge aber am 19. Mai 1939 im Lager Werchneuralsk im Südural von einem kriminellen Mitgefangenen erschlagen. Erst in der Perestroika-Zeit wurde Radek 1988 rehabilitiert.

Schriften (Auswahl)

  • Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterklasse. Bremen 1912
  • Die Entwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zur Tat. 1919
  • Proletarische Diktatur und Terrorismus . 1920
  • Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik der kommunistischen Parteien. 1920
  • Die Entwicklung der deutschen Revolution und die Aufgabe der kommunistischen Parte.i 1920
  • Die Auswärtige Politik Sowjetrusslands. 1921
  • In den Reihen der deutschen Revolution 1909 bis 1919. 1921 (eine Sammlung von Aufsätzen aus Zeitungen und Zeitschriften)
  • Wege der russischen Revolution. 1922
  • Nach Genua und Haag. 1922
  • Lenin, sein Leben, sein Werk. 1924

Rezeption

Radek hat in der Literatur und darstellenden Kunst eine Rezeption erfahren wie wenige andere Bolschewiki:

  • Lion Feuchtwanger war bei der Urteilsverkündung in Radeks Prozess anwesend und schrieb in seinem Reisebericht Moskau 1937 über das Lächeln, mit dem Radek den Raum verließ. Dieses Lächeln taucht seither in der Literatur über Radek immer wieder auf.
  • Arthur Koestler wurde von Radek zur Hauptfigur in dem Roman Sonnenfinsternis (1940) inspiriert.
  • Jochen Steffen hat gemeinsam mit Adalbert Wiemers eine Darstellung verfasst. Sie erschien unter dem Titel Auf zum letzten Verhör. Erkenntnisse des verantwortlichen Hofnarren der Revolution Karl Radek (1977).
  • Stefan Heym spiegelt die Widersprüchlichkeit der Persönlichkeit von Radek in dem biographischen, von Kritikern aber teils als idealisierend empfundenen Roman Radek (1995).
  • Die Bregenzer Festspiele und die Neue Oper Wien zeigten im August 2006 die Uraufführung von Richard Dünsers Kammeroper Radek über eine der „politischen Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts“.[5]

Literatur

  • W. Lerner: Karl Radek: The Last Internationalist. Stanford University Press, Stanford 1970.
  • Wolf-Dietrich Gutjahr: "Revolution muss sein". Karl Radek – Die Biographie. ISBN 978-3-412-20725-0. Böhlau Verlag, Köln 2012.

Weblinks

 Commons: Karl Radek – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. http://www.physiologus.de/revolutionaer.htm
  2. Manfred Franke: Albert Leo Schlageter. Der erste Soldat des 3. Reiches. Die Entmythologisierung eines Helden. Prometh Verlag, Köln 1980, ISBN 3-922009-38-7, S. 88ff.
  3. Louis Dupeux: „Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919-1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik. München 1985, S. 178-205, zit. 186f.
  4. Louis Dupeux: „Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919-1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik. München 1985, S. 178-205, bes. 178, 185-189.
  5. Richard Dünsers „Radek“, auf the Webseite des ORF.