Landgrafschaft Klettgau

Die Landgrafschaft Klettgau in ihrer Ausdehnung von 1806
Der Burghügel der Burg Weißenburg im Klettgau

Die Landgrafschaft Klettgau bezeichnet einen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Herrschaftsbereich mit sich ändernder territorialen Ausdehnung am Hochrhein zwischen Schaffhausen und Waldshut. Der Klettgau lässt sich nach bisher bekannter Quellenlage ab 1315 als Landgrafschaft datieren. Die Landgrafschaft endete infolge der Mediatisierung, als das Gebiet 1806 an das Großherzogtum Baden fiel. Die Landgrafschaft Stühlingen war von 1112 bis 1250 Bestandteil der Grafschaft Klettgau.

Inhaltsverzeichnis

Namensbildung

Der Klettgau (auch Kleggau, Clecgouva, Chlegowe, Clegove, Clechgouwe, Cleggovia), hat seinen Namen von Cleg (Schiffchen, Weidling) und Geu (Landstrich) – womit wohl auf die Lage am Rhein abgestellt wird.[1] Erstmals schriftlich genannt wird der Name Actum in pago Chlegouve im 2. Jahr der Regierung Ludwigs, zur Zeit des Papstes Sergius II. 844, anlässlich eines Gütertauschs zwischen einem Rinloz und dem Kloster Rheinau[2]

Frühe Besiedelung

Nach Aegidius Tschudi von den „Latobriga“ (Latobriger), einem Stamm der Kelten, besiedelt. Später Siedlungsgebiet der Alamannen, war das Land am Hochrhein zwischen Schaffhausen und Waldshut zunächst römisch besetzt. Die fränkisch-karolingische Neueinteilung des Reiches in Gaugrafschaften führte im 8. Jahrhundert zur Namensgebung des sich zwischen Rhein, Wutach und Randen erstreckenden Gebietes. Im Norden spielten die Reichsherrschaft Bonndorf unter dem Kloster St. Blasien und im Westen das Damenstift Säckingen eine wichtige Rolle. Das Gebiet war von 911 bis 1268 Bestandteil des Herzogtums Schwaben.

Das heutige Dorf Krenkingen: die Ruine des Stammsitzes der Freiherren von Krenkingen; die Burg Alt-Krenkingen lag südlich unterhalb des Dorfes auf einer Felsnase

Geschichte

In der in karolingischer Zeit existierenden Grafschaft Klettgau waren um 1200 unter anderen die Herren von Krenkingen, die Grafen von Küssaberg, das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen sowie das Hochstift Konstanz begütert. Der ursprüngliche Sitz war Altenburg bei Jestetten.[3] Später wurde die Stadt Tiengen Sitz der Grafen. Teilweise unter der Herrschaft der Grafen von Lupfen, von Stühlingen, wurde später weiterer Grundeigentümer im Klettgau das Kloster Rheinau. Der Klettgau war von 911 bis 1268 Bestandteil des Herzogtums Schwaben und kam als Erbe an Herzog Ernst von Schwaben. Als Freund des Graf Werner von Kyburg, und nach der Zerstörung der Kyburg im Jahr 1027 durch Konrad II., folgte der langsame Zerfall durch das mächtigere Staufer Reich. Das seit 1651 zum heutigen Kanton Zürich gehörende Gebiet, das Rafzerfeld sowie die ehemalige Herrschaft Regensberg kam im Zusammenhang mit dem Kyburger Erbe von den Regensbergern und wurde Bestandteil des Zürichgau. Das Herzogtum Schwaben fiel 1541 an Österreich, und 1805 an Württemberg.

Burg Balm bei Lottstetten nach einer alten Zeichnung: Die Schaffhauser tragen nach der Zerstörung die Glocke der Burgkapelle nach Schaffhausen (Fronwaagturmglocke)

Unter den Krenkingern

Mit ihrer Stammburg Burg Altkrenkingen und Burg Krenkingen im Steinatal, der Stadt Tiengen und der Weißenburg waren die Freiherren von Krenkingen zeitweise die mächtigsten Herrscher des Klettgau. 1389 werden genannt Johans von Krenkingen fry her und her zu Tuengen, hoffrichter des Romischen richs und Diethelm von Krenkingen fry, Kilcher (Kirchherr) zu Tuengen und ze Schwerzen, gebruder[4]

Unter den Grafen von Habsburg-Laufenburg (1282–1408)

Mit ihrem Sitz[5] in Altenburg und der Erbauung der Habsburg durch Rathbod[6] sind sie die Begründer einer Dynastie, die bis heute weiterlebt. Von 1282 bis 1408 war der Klettgau in der Hand der Grafen von Habsburg-Laufenburg; 1325 wurden sie Landgrafen. Graf Rudolf der Schweigsame begründet 1282 die Linie der Laufenburger Grafen. Die Laufenburger Linie war durch vielfache politische und wirtschaftliche Kräfte bedrängt, interne Streitigkeiten wurden zwar immer wieder entschärft, doch Fortuna war nicht immer zur Stelle, als das sich ein günstiges Fortdauern und Bestehen der Linie ergeben hätte. Landgraf Johann IV., der letzte der Laufenburger Linie, starb 1408 auf der Burg Balm ohne männliche Nachkommen. Verzweifelt liess bestimmt auch er - wie viele andere vor und nach ihm - noch Stammbäume anlegen und Genealogien durchforschen um den Fortbestand zu sichern, doch vergebens, dennoch brachte seine Familie herausragende Persönlichkeiten hervor, etwa den draufgängerischen Gottfried I. (Habsburg-Laufenburg), oder der Sohn Rudolf des Schweigsamen, der Bischof von Konstanz, Rudolf von Habsburg-Laufenburg. Auch Rudolf III. (Habsburg-Laufenburg) sorgte für ansehnlichen Gebietszuwachs durch seine Heirat mit Elisabeth von Rapperswil. Der Größte Teil der Verluste war letztlich durch den unbändigen Freiheitsdrang der Eidgenossen bedingt.

Unter den Grafen von Sulz (1408–1687)

Wappen der Grafen von Sulz im Scheibler'schen Wappenbuch

Durch den 1408 geschlossenen Vertrag seines Vaters Hermann von Sulz mit der Witwe des Johann von Habsburg, Reza von Habsburg-Laufenburg, erfolgte 1410 die Heirat der Tochter Ursula von Habsburg-Laufenburg mit dem Graf Rudolf III. von Sulz;[7] so kam die Landgrafschaft Klettgau zusammen mit den Herrschaften Krenkingen und Rottemberg[8] an die Grafen von Sulz, die seit dem 10. Jahrhundert in Sulz am Neckar nachgewiesen sind.

Das Haus Sulz versuchte – auch im Konflikt mit den Habsburgern – die Schirmvogtei über das im Klettgau begüterte Kloster Rheinau zu erlangen, wobei es auch zu Konflikten mit der Stadt Schaffhausen kam. Als Basis für ihre öfters auch gewaltsamen Aktionen gegen das Kloster benutzten die Sulzer die Burg Balm, die 1449 von Truppen der Stadt Schaffhausen zerstört wurde.

Während des Waldshuterkrieges wurde 1468 auch die Landgrafschaft Klettgau durch die eidgenössischen Truppen geplündert. 1482 konnten die Sulzer die Stadt Tiengen erwerben, die zur Residenz wurde. Im Austausch mussten sie gegenüber dem Hochstift Konstanz auf alle Rechtsansprüche bzgl. Hallau und Neunkirch verzichten. 1478 schlossen die Grafen von Sulz mit der Stadt Zürich – für sich und die Landgrafschaft – ein auf zehn Jahre befristetes Burgrecht ab, das 1488 auf "ewig" verlängert wurde. Nachdem sie 1488 das Schloss Jestetten[9] erwerben konnten, wurde auch dieses zeitweise zur Residenz. Die Sulzer residierten zudem auch noch auf der Küssaburg, die sie 1492 als Pfand und 1497 als Lehen übernehmen konnten. Im Austausch wurde Bohlingen an das Hochstift Konstanz abgetreten. Die Landgrafschaft wurde 1499 im Schwabenkrieg zum Kriegsschauplatz und wurde von eidgenössischen, wie von habsburgischen Truppen verwüstet – auch das Residenzstädtchen Tiengen wurde zerstört.

Der Bauernkrieg

1525 schlossen sich auch die Klettgauer den aufständischen Bauern an. Von Zürich aus wurde das zwinglianisch-reformierte Bekenntnis durch Prädikanten in den Klettgau getragen, und Thomas Müntzer hielt sich im nahen Waldshut auf.[10] Unter Führung von Nikolaus Wagner formulierten die Klettgauer ihre Beschwerden in 44 Artikeln, die sie am 25. Januar 1525 an den Rat der Stadt Zürich richteten[11]. Der Aufstand dauerte bis zum 4. November 1525. An diesem Tag wurde er von Truppen des Grafen Rudolf V. von Sulz unter Christoph Fuchs von Fuchsberg bei Grießen blutig niedergeschlagen.

Die Steuerrebellion

Als 70 Jahre später Landgraf Rudolf (der Schuldenmacher) versuchte, den Untertanen seine Schulden anzulasten, wehrten sich 16 Gemeinden und traten in einen Steuerstreik. 1597 eskalierte die Auseinandersetzung zwischen Untertanen und Landgraf. Die Untertanen sandten eine Delegation in die eidgenössische Stadt Zürich, mit der die Grafen von Sulz 1478 ein Burgrecht geschlossen hatten. Im Hinblick auf eine befürchtete Intervention von Zürich setzte der Kaiser Rudolf II. eine Kommission und schliesslich auch Verwalter (Rudolf von Helfenstein und Friedrich von Fürstenberg) für die Landgrafschaft ein. 1601 ermahnte der Kaiser die Stadt Zürich, sich nicht weiter einzumischen. Aufgrund des völlig zerrütteten Verhältnisses zwischen Rudolf und seinen Untertanen und seiner nach wie vor prekären finanziellen Situation übergab er 1602 seinem Bruder Karl Ludwig das Amt des Landgrafen im Klettgau. Die Untertanen verweigerten dem neuen Landgrafen jedoch bis Frühjahr 1603 den Huldigungseid.

Noch in seinem ersten Amtsjahr ließ Karl Ludwig eine umfassende Polizei- und Landesordnung[12] ausarbeiten, wobei er auch Vertreter der Untertanen beizog. Die sulzischen Beamten versuchten jedoch deren Einfluss einzudämmen, was zu weiteren Protesten bei den kaiserlichen Kommissaren und zu einer Überarbeitung der Polizei- und Landesordnung im Jahre 1605 führte.[13] Erst 1610 beendeten die Untertanen ihre Steuerrebellion.

Der dreißigjährige Krieg

1633 wurde auch der Klettgau vom dreissigjährigen Krieg erfasst. Französisch-schwedische Truppen unter Oberst Villefranche drangen in die Landgrafschaft ein, da Landgraf Karl Ludwig Ernst von Sulz ein bekannter Parteigänger des Kaisers war. 700 Bauern, die durch sulzische Beamte geführt wurden, griffen diese Truppen am 8. Mai 1633 bei Lottstetten an und wurden vollständig geschlagen. Nebst 200 Toten waren viele Gefangene und erheblicher Sachschaden zu beklagen – das Dorf Lottstetten wurde verbrannt und das Gebiet bis 20. Juni 1633 und im nächsten Jahr nochmals geplündert. 1635 forderte die Pest erhebliche Opfer, so dass die Landgrafschaft weitgehend verwaist war.[14] Die Landesfestung Küssaburg wurde am 8. März 1634 durch die kaiserliche Besatzung zerstört, damit sie nicht in die Hände der Schweden fiel.

Der Verkauf

Am 17. Juli 1651 verkaufte Graf Johann Ludwig von Sulz das Rafzerfeld[15] mit allen Hoheitsrechten an die Stadt Zürich und 1656 den nördlichen Teil der Landgrafschaft an die seit 1501 zur Eidgenossenschaft gehörende Stadt Schaffhausen. Von nun an sprach man auch vom schweizerischen Klettgau im Gegensatz zum reichischen Klettgau, dem beim Deutschen Reich verbliebenen Teil der Landgrafschaft. Quer durch den Klettgau verlief nun nicht nur die Reichsgrenze, sondern auch eine Religionsgrenze, da sich die eidgenössischen Stände Schaffhausen und Zürich für die reformierte Konfession entschieden hatten.

Unter den Fürsten von Schwarzenberg (1687–1806)

Nach dem Aussterben der Grafen von Sulz im Mannesstamme kam 1687[16] die Landgrafschaft Klettgau über die Heirat von Maria Anna von Sulz mit Ferdinand von Schwarzenberg an das Haus Schwarzenberg und wurde zur gefürsteten Landgrafschaft erhoben; das Münzrecht der Grafen von Sulz ging auf die Schwarzenberger über. Die Herren von Schwarzenberg führten seither auch die Grafentitel von Sulz und den Titel Landgrafen von Klettgau. Die gefürstete Landgrafschaft wurde seither auch als Herrschaft Schwarzenberg bezeichnet.

In der Folge der Mediatisierung fiel das Gebiet (die Landeshoheit) 1806 an das Großherzogtum Baden.

Liste der Herrscher und Grafen des Klettgau und deren Rechtsnachfolger

Grafen von Sulz (1408–1687)[18]

Fürsten von Schwarzenberg (1687–1806)

Haus Baden

und danach

Literatur

Einzelnachweise / Anmerkungen

  1. s. Kolb S. 154
  2. Marquard Herrgott, Genealog. diplom, tom II., pars I.(Cod. prob.) S.25 und 26
  3. Martin Wanner: Geschichte des Klettgaues im Umriß bis zum Abschluß der Reformation, Hamburg 1857
  4. Albert Krieger, Topographisches Wörterbuch des Großherzogtum Baden, 1905, Spalte 1180
  5. Rustenus Heer, in: Anonymus Murensis Denudatus, S. 337, nach: Acta Murensia
  6. s. Wanner, S. 88-89.
  7. bereits 1408 war der Heiratsvertrag durch den Vater des Bräutigams, Hermann von Sulz, und die Mutter der Braut und Witwe des Grafen Johann, Agnes von Landenberg, geschlossen worden; s. Badenia, 2. Jahrgang, S. 155
  8. im Unterelsass; s. Niederhäuser
  9. Geschichte des Schlosses auf der Homepage der Gemeinde Jestetten
  10. Bader berichtet von einer Quelle, nach der sich Müntzer auch längere Zeit in Grießen aufgehalten hat
  11. in: Heinrich Schreiber: Der deutsche Bauernkrieg – gleichzeitige Urkunden, Teil I, S. 179–184
  12. Polizey- und Landtsordnung der Landtgrafschafft Kleggau
  13. s. Monika Baumann S. 187
  14. Christian Roder: Bericht über die Niederlage der Klettgauer Bauern bei Lottstetten am 8. Mai 1633; In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Band 41, S. 118–121
  15. mit den Gemeinden Rafz, Wil, Hüntwangen und Wasterkingen
  16. Das Haus Sulz starb mit dem Grafen Johann Ludwig bereits 1687 aus, und dessen Tochter Maria Anna erbte die Landgrafschaft. Da sie seit 1674 mit dem Fürsten Ferdinand Wilhelm von Schwarzenberg verheiratet war, ging die Landgrafschaft de facto bereits 1687 an das Haus Schwarzenberg über. Nach dem Tod von Maria Anna 1698 erbte ihr Mann die Landgrafschaft. Der Kaiser hatte 1676 die Landgrafschaft in eine Reichserbkunkellehen umgewandelt und so den Erbgang auf die Tochter des letzten Sulzer Grafen ermöglicht.
  17. Manuskript der Urkunde der Gründung des Klosters Ottmarsheim von 1063
  18. Die Stadt Tiengen und der Klettgau auf der Homepage Klettgau Historia
  19. teilweise auch bis 1616; Bruder von Rudolf IV.
  20. Bruder von Alwig
  21. Karl zu Schwarzenberg, Schloss Obermurau: Die Schwarzenbergische Regierung im Klettgau, in: Franz Schmid (Hrsg.) Der Klettgau, 1971 S. 261

Weblinks

47.6016666666678.3533333333333Koordinaten: 47° 36′ 6″ N, 8° 21′ 12″ O