Landnahme des Burgenlandes

Die Landnahme des Burgenlandes bezeichnet die politischen, polizeilichen und militärischen Maßnahmen zur Angliederung eines Teiles von Ungarn an Österreich und die Entstehung des Burgenlandes von 1919 bis 1921.

Inhaltsverzeichnis

Vertrag von Saint-Germain, Vertrag von Trianon

Im Vertrag von Saint-Germain, am 10. Oktober 1919 von Staatskanzler Karl Renner unterzeichnet, wurde dem neuen Staat Österreich westliche Teile der Komitate Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg (heute: Komitat Győr-Moson-Sopron und Komitat Vas) zugesprochen (Artikel 27, Punkt 5). Diesem Wunsch der österreichischen Delegation bei den Verhandlungen wurde entsprochen, weil es den Siegermächten wichtig war, dass das neue Österreich seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten meistern könnte und dass neben der bevölkerungsreichen Stadt Wien ausreichend landwirtschaftlich fruchtbares Gebiet zur Verfügung stand. Die Verhandlungen standen unter dem Druck der kommunistischen Räterepubliken in Bayern und Ungarn. Bei der Vertragsunterzeichnung im September 1919 war die kommunistische Herrschaft unter Bela Kun durch den ehemaligen Konteradmiral Nikolaus Horthy und dessen Anhänger bereits gestürzt. Im Vertrag von Trianon am 4. Juni 1920 zwischen der Entente und Ungarn musste Ungarn bedeutenden Gebietsverlusten, auch Teile von Westungarn an Österreich, zustimmen.

Die von Dr. Alfred Walheim, einem volksbewussten, deutschsprachigen Westungarn vorgeschlagene Gebietsbezeichnung Burgenland setzte sich langsam durch. Die Regierung Horthy hatte nicht den Willen, das Gebiet an Österreich abzutreten, und ließ sowohl innen- wie aussenpolitisch nichts unversucht, um die Abtretung zu verhindern.

Verwaltungsstelle für das Burgenland

Bereits am 25. Mai 1919 war im Staatsamt für Inneres und Unterricht in Wien eine interministerielle Kommission gebildet worden, die Verwaltungstelle für den Anschluß für Deutsch-Westungarns hieß. Der Verwaltungsstelle gehörte auch der sozialdemokratische Bürgermeister Anton Ofenböck von Wiener Neustadt als Mitglied an. Noch unter der Herrschaft Bela Kuns hat das Staatsamt in Wien begonnen den Grenzschutz gegen Ungarn zu organisieren. Mit dem Oberst der Gendarmerie Georg Ornauer wurde in Wiener Neustadt eine Gendarmeriegrenzschutzleitung für Niederösterreich für den Bereich Hainburg bis zur Südgrenze des Bezirk Wiener Neustadt-Land eingerichtet, die wöchentlich Bericht erstattete. Mit 25. Jänner 1921, BGBl. Nr. 85, wurde die Verwaltungsstelle für das Burgenland mit zwölf Mitgliedern und sechs Ersatzmitgliedern Gesetz und konstituierte sich am 15. März 1921 im Ministerium für Inneres in Wien. Den Vorsitz führte ein Beamter, der Sektionschef Dr. Robert Davy. Die weiteren Mitglieder waren Franz Binder, Rudolf Gruber, Franz Luttenberger, Gregor Meidlinger[1] für die Christlichsoziale Partei, Dr. Ernst F. Beer, Max Jungmann, Dr. Eugen Schuster, Prof. Dr. Alfred Walheim für die Großdeutsche Volkspartei, Johann Fiala, Oskar Helmer, Dr. Ernst Hoffenreich, Anton Weixelberger für die Sozialdemokratische Partei. Ersatzmann für Oskar Helmer war der sozialdemokratische Vizebürgermeister von Wiener Neustadt Josef Püchler. Adalbert Wolf, von von 1919 bis 1921 wegen Hochverrates in Győr inhaftiert, wurde am 27. Jänner 1922 Mitglied der Verwaltungsstelle für das Burgenland.

Parteien

Im mit Gregor Meidlinger aus Frauenkirchen 1907 gegründeten Verein zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn bildete 1913 Thomas Polz aus Mönchhof die Ortsgruppe Deutsche Landsleute aus West-Ungarn, welche sich im März 1919 zum Aktionskomitee für die Befreiung West-Ungarns wandelte. Obmann des Aktionskomitees wurde Alfred Walheim, Stellvertreter Thomas Polz, Schriftführer Georg Meidlinger, Stellvertreter Oskar Lentsch, Zahlmeister Rosa Reumann und Alfred Schmidt, Beiräte Karl Rausch, Josef Reichl und Eugen Schuster. Weitere bemerkenswerte Mitglieder waren Adam Müller-Guttenbrunn, Ernst Beer und Josef Vukovits.[2]

Johann Fiala, Gründer des Ödenburger Arbeiterbildungsvereines und Obmann der sozialdemokratischen Organisation in Ödenburg, war unter der Regierung Horthy nach Österreich emigriert und lebte und arbeitete nun in Wiener Neustadt. Er fand hier auch Kontakt zu weiteren geflüchteten, westungarischen Arbeiterführern, wie Adolf Berczeller, Ludwig Leser, Franz Probst und auch zu Sozialdemokraten in Wien. Der sozialdemokratische Parteivorstand in Wien beauftragte den Abgeordneten zum Niederösterreichischen Landtag und Redakteur der Parteizeitung Gleichheit Oskar Helmer mit dem Aufbau einer Landesorganisation für das zukünftige Burgenland. Helmer lud im 9. Jänner 1921 zu einer konstituierenden Landeskonferenz nach Wiener Neustadt. 48 Delegierte folgten der Einladung, wo Johann Fiala zum Landesobmann gewählt wurde. Der Ort der weiteren Versammlungen war das Wiener Neustädter Arbeiterheim.

Österreichische Legion

Ende 1920 Anfang 1921 traten in Wiener Neustadt Werber für die Österreichische Legion auf. Die Legion war mit dem Ziel, die Staatsregierung Renner III zu stürzen, dafür in einem eventuellen Bürgerkrieg einzugreifen und in Österreich einzufallen, gegründet worden. Diese mit Wohlwollen von der ungarische Regierung geduldete Österreichische Legion hatte ihren Sitz in Csot in Ungarn. Kommandant der Legion war Major Schwerdtner. Am 12. Jänner 1921 wurden im Café Bank in Wiener Neustadt fünf Legionäre, welche mit Chloroform, Zyankali, Opiumzigarren und Waffen ausgestattet waren, von der Polizei verhaftet. Einer der Legionäre, ein aus Tirol stammender Fliegeroffizier, hatte den Plan, ein Flugzeug von den Hangars am Flugfeld zu entführen und nach Ungarn zu verbringen. Die anderen vier Legionäre planten einen Raubüberfall auf einen Wiener Kaufmann, um der Geldknappheit der Legion abzuhelfen, nachdem zuvor die üblichen monatlichen Dotationen aus Wien ausgeblieben waren.

Ungarische Freischärler

Im Frühsommer 1921 musste sich die Verwaltungsstelle mit zahlreichen Klagen und Hilfeansuchen aus Deutschwestungarn befassen, die durch die mit voller Unterstützung der ungarischen Regierung aufgestellten, bewaffneten Freiwilligenformationen entstanden ist. Die Freischärler rekrutierten sich hauptsächlich aus abgerüsteten Offizieren, aus Studenten, aus Vertriebenen aus der Slowakei, Siebenbürgen, Kroatien, und Abenteurern. Sie versammelten sich um zwei Freikorpsführer der sogenannten weißen Gegenrevolution, Husarenoberstleutnant Paul von Pronay und Oberstleutnant d. R. Ivan Hejjas, und nannten sich Königlich Ungarische westungarische Aufständische. An der Spitze stand der spätere Ministerpräsident Gömbös. Sie trugen bürgerliche Kleidung - Armbinden kennzeichneten ihre Zugehörigkeit zu einer Formation - und waren mit Stahlhelm, Patronengürtel und Patronentaschen, Gewehren, Bajonetten, Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstet. Das ungarische Heer sorgte für Autos und Panzerwagen, die Behörden für Ausrüstung und Nachschub. Die Angaben zur Stärke sind jedoch sehr unterschiedlich, von 2.700 bis 40.000 Mann. Nach dem gescheiterten Restaurationsversuch von Kaiser Karl I. von Österreich zugleich König Karl IV. von Ungarn, entstand ein Zuwachs aus legitimen Formationen, die um ihre Erhaltung und Bewaffnung rangen, welche unter der Bezeichnung Reservegendarmeriebatallion Nr. 2 unter Major Julius Moravez von Osztenburg im Raum Ödenburg-Eisenstadt konzentriert waren. Die königstreue Formation, auch Osztenburg-Gendarmen genannt, wurde jedoch von den gegen Habsburg eingestellten Freischärlern um Pronay und Hejjas bald als gefährliche Rivalin erkannt.

Gescheiterte Besitzergreifung im August 1921

Mit der friedlichen Übergabe des Gebietes an Österreich war eine Interalliierte Generalskommission betraut. Die Landnahme sollte am Sonntag, dem 28. August beginnen, am 29. August sollte die Ostgrenze erreicht und das Burgenland an Davy übergeben sein. Bei einer Besprechung am 4. Mai 1921 teilte das Bundesministerium für Heerwesen dem Landesverwalter Davy mit, dass das erst in Aufstellung begriffene Bundesheer im Falle eines Widerstandes gegen die Besitznahme nicht eingreifen könne. Am 2. Juni 1921 gab es jedoch vom Bundesministerium eine Weisung, dass innerhalb des österreichischen Bundesheeres in den sechs Brigaden je zwei Bataillione für auswärtige Verwendung bereitzuhalten sind. Oberstbrigadier Rudolf Vidossich, Kommandant der 1. Brigade, wurde am 11. Juni 1921 zum Kontaktmann für Davy bestellt und sollte die Landnahme planen. Die Interalliierte Generalkommission, welche im Auftrag der Pariser Botschafterkonferenz in Ödenburg die Übergabe vermitteln und überwachen sollte, stimmte aber einem Einmarsch des Bundesheeres nicht zu und erlaubte nur der Gendarmerie und der Zollwache den Grenzübertritt. Es gab 11 Aufmarschstationen der beiden Wachkörper. Am 28. August meldete der Leiter der Polizei in Wiener Neustadt, Regierungsrat Dr. Alfred Rausnitz, dass 100 Mann mit der Bestimmung Rust und 270 Mann mit der Bestimmung Ödenburg abmarschiert sind. Die Gendarmerie-Kolonnen wurden noch auf österreichischen Gebiet von Entente-Offizieren an der Leithabrücke empfangen und sollten um 9 Uhr 30 in Mattersburg sein. Während die Besitznahme im nördlichen Burgenland ohne nennenswerten Widerstand gelang, kam es im südlichen Burgenland anders. Das Hauptkontingent der Freischärler stand im Gebiet Oberwart, wo es zu heftigen Gefechten kam und die Einnahme des Komitat Eisenburg auch am 29. August nicht gelang. Darauf mussten sich die Gendarmen zu den Ausgangspunkten Fehring und Fürstenfeld zurückziehen. Auch in Agendorf, dem für den 28. August vereinbarten Vorort für Ödenburg, gerieten die 400 österreichischen Gendarmen unter Beschuss durch Heckenschützen eines 120 Mann starken Hejjas-Detachements. Es gelang zwar, die Freischärler aus dem Dorf zu drängen, aber ohne Maschinengewehre und Handgranaten erschien das Halten des Dorfes als fraglich. Landesvertreter Davy und seine Begleiter Hofrat Rauhofer und ein Kriminalbeamter, die um 13:00 Uhr Wiener Neustadt mit einem Auto verließen und über Ödenburg nach Agendorf unterwegs waren, waren über die Kämpfe nicht informiert und gerieten in eine Straßensperre von bewaffneten Freischärlern. Diese ließen sich zwar den offenen Befehl des Regierungskommissärs Antal Graf Sigray zeigen, verweigerten aber die Weiterfahrt und Davy musste nach Ödenburg zurückkehren. Nach einem diesbezüglichen Bericht an die Interalliierte Generalkommission wurde der Versuch in Begleitung von zwei Entente-Offiziern, einem Engländer und einem Italiener, wiederholt. Darauf drohten die Freischärler unbeeindruckt, die drei Zivilisten aufzuhängen. Eine vorbeikommende Husarenpatrouille mit einem Osztenburg-Leutnant erlaubte dann die Weiterfahrt nach Agendorf, wo das Gefecht bereits beendet war. Davy richtete daraufhin die Verwaltungsstelle für das Burgenland in Mattersburg ein. Ein anderes Fahrzeug, welches Agendorf verließ, wurde von Freischärlern festgehalten und die Insassen Major Adolf Paternos von der Polizeidirektion und der Direktor Hamburger der Daimler-Werke in Wiener Neustadt gefangen genommen und nach Ödenburg verbracht. Beiden gelang es aber dort, sich unter den Schutz der Interalliierte Generalkommission zu stellen und nach wenigen Tagen nach Österreich zurückkehren. In den Abendstunden des 28. August 1921 traf die Nachricht des Feuerüberfalls in Wiener Neustadt ein. Ein am Bahnhof bereitgestellter Sonderzug mit dem neuen burgenländischen Beamtenpersonal mit dem Ziel Agendorf wurde geräumt und der Sonderzug für 200 Mann Gendarmerie-Hilfstruppen bestimmt, die die Situation verstärken sollten. Diese Entscheidung wurde mit Josef Püchler getroffen, der im Zivilberuf Lokomotivführer war und den Zug bis nach Agendorf führte. Nachdem die Gendarmerie vor Agendorf unter Feuer geriet, wurde nach einem Halt mit Zustimmung des Entente-Offiziers das Dorf eingenommen, wobei ein Héjjas-Mann getötet wurde. Am 29. August 2011 wurde berichtet, dass in St. Margarethen österreichische Gendarmen beschossen wurden, einer davon wurde getötet, mehrere verletzt. Die Freischärler hatten ebendort auch einen mit einer Ortsbewohnerin verheirateten Wiener in einen Wald verschleppt und dort erschossen. Die eingesetzte Gendarmerie war der Übermacht der militärisch hervorragend ausgerüsteten und geschulten Freischärler nicht gewachsen. Daher verbreitete sich Panik in der Bevölkerung. Ende August, Anfang September zogen ganze Kolonnen von Flüchtlingen der Gegend um Eisenstadt nach Ebenfurth und später auch nach Wiener Neustadt.

Militärischer Grenzschutz

Wegen des Misserfolges der Landnahme wurde mit abendlichem Beschluss vom 29. August 1921 des Ministerrates in Wien, am 30. August das Bataillon II/I des Bundesheeres von Wien nach Wiener Neustadt geschickt und in Ebenfurth stationiert, mit dem Auftrag, das Kohlenrevier und das Kraftwerk in Zillingdorf zu schützen. Mit Zustimmung der Entente wurde auch das 1. Brigadekommando, das Bataillon III/2 und ein Reiterzug nach Wiener Neustadt verlegt, wo bereits das Bataillon 1 des Infanterieregiment Nr. 1 war, das Bataillon II/5 wurde nach Kirchschlag gebracht. Zum Befehlsinhaber der Grenzwacht-Truppen wurde Oberst-Brigadier Rudolf Vidossich bestimmt, welcher in der Burg von Wiener Neustadt, welche nicht mehr als Militärakademie in Verwendung war, sein Hauptquartier einrichtete.

In den ersten Septembertagen meldete die Gendarmeriegrenzschutzleitung von Wiener Neustadt über bedenkliche Truppenansammlungen von Freischärlern im südlichen Burgenland an der Grenze zur Steiermark, welche von ungarischen, österreichischen und reichsdeutschen Offizieren geführt wurden. In den Morgenstunden des 5. September wurde die österreichische Gendarmerie im Zöberntal von Hejjas- und Pronay-Freischärlern und Studenten der Ungarisch-Altenburger Landwirtschaftsakademie (ca. 2000 Mann) angegriffen und aufgerieben, Reste schlugen sich bis zum Abend nach Wiener Neustadt durch. Nachsetzende Freischärler stießen bei Kirchschlag auf das II. Bataillon des Infanterieregiment Nr. 5, welche dem Angriff standhalten konnten. Am 8. September um 5 Uhr früh kam es in Agendorf zu einem Angriff von regulären ungarischen Truppen und ungarischen Freischärlern auf die dortige österreichische Gendarmerie. Als der Anmarsch von Osztenburg-Truppen gemeldet wurde, zog sich die Gendarmerie mit einem bereitstehenden Eisenbahnzug nach Mattersburg zurück, mit dem Auftrag, dort eine Verteidigungslinie aufzubauen. Oberst Theodor Körner meldete an diesem Tag von Wiener Neustadt nach Wien, dass die Gendarmerie nun in Panik, erschöpft und müde sei. Mit Zentraldirektor Gampp, Landesgendarmeriedirektor Ornauer und einer Schar von Freiwilligen gelang ein Ausharren in Mattersburg. Die von Landesverwalter Davy beantragte Ablösung der Gendarmerie durch das Bundesheer wurde von der Entente abgelehnt.

Rückzug der Gendarmerie

Die österreichische Bundesregierung beschloss, da mit den Kräften der Gendarmerie die Landnahme von Westungarn nicht möglich war, den Rückzug hinter die Staatsgrenze. So gab Landesverwalter Davy am 9. September 1921 dem Landesgendarmeriedirektor Georg Ornauer und dem Leiter des Polizeikommisariats in Wiener Neustadt Alfred Rausnitz den Auftrag, das Burgenland von unserem ganzen Apparat zu räumen, mit Ausnahme von Mattersdorf. Am Folgetag, inmitten der Räumung, wurde erkannt, dass auch Mattersdorf nicht zu halten war, Rausnitz ließ auch Mattersdorf räumen, und hielt aber Sauerbrunn und Neudörfl. Diese Räumung löste einen Flüchtlingsstrom der österreichfreundlichen Bevölkerung Westungarns über die Grenze aus und führte zu einer starken Beunruhigung im Gebiet der Kohlenbergwerke bei Neufeld. Nach dem Rückzug kam es am 11. September 1921 zwischen Bundeskanzler Johann Schober und Vertretern der Interalliierten Generalmission zu einer Unterredung. Dabei wurde Österreich die Sicherung des Wiener Neustädter Beckens und die Sicherung der Kohlenbergwerke der Stadt Wien bei Wimpassing an der Leitha mit einem auf burgenländischem Gebiet liegenden Sicherheitszone festgelegt. Am 19. September 1921 fand im Brauhof in Wiener Neustadt eine Versammlung der Sozialdemokratischen Partei statt, wo der Abgeordnete Karl Renner referierte, womit die Arbeiterschaft politisch für eine Burgenland eintrat. Ab Mitte September gab es Wahrnehmungen, dass es im Raum Mattersdorf, St. Margarethen, Müllendorf, Krensdorf zur Formierung von Ungarischen Bürgerwehren kam, welche teils in Jägerkleidung, teils mit Pfadfinderhüten mit Federschmuck, teils in Zivilkleidung mit Armbinden, auftrat. Ende September wurde auch der Grenzschutz neu geordnet, das Brigadekommando Nr. 3 übernahm am 28. September 1921 das Kommando für den Grenzabschnitt Niederösterreich, Standort des Kommandos war das Stift Neukloster, Oberst-Brigadier Vidossich blieb Oberbefehlshaber. Ihm unterstand in Wiener Neustadt eine Reserve von vier Bataillonen und vier Batterien, bei Wiener Neustadt wurden analog Bruck an der Leitha und Neufeld Befestigungsanlagen errichtet, weiters wurden Tiroler Truppen nach Ebenfurth verlegt. Einem Ersuchen des englischen Militärattachés Oberst Cunningham folgend, welcher um Informationen zu den Banden in Westungarn fragte, erstellte im Polizeikommissariat Wiener Neustadt Oberkommissär Adolf Paternos mit 21. September 1921 einen Bericht. Dem Bericht folgend umfasste die Gesamtstärke der Freischärler im Komitat Ödenburg 4.000 Mann, im Komitat Eisenstadt 12.000 Mann, wie auch, dass man in Budapest damit kalkulierte, insgesamt 40.000 Mann irreguläres Militär aufbringen zu können. Die Freischärler erhielten 600 Kronen Taggeld, 200 Kronen vom ungarischen Militär, und 400 Kronen vom jeweiligen Bürgermeisteramt. Die Munitions- und Waffendepots waren in Gutshöfen, Schlössern und Klöstern verteilt. Das Schloss des Grafen Sigray wurde genannt. Die Zentralen der Freischärler waren in den jeweiligen Komitaten in Seehütten und Wirtshäusern. Kampflustig waren die Freischärler gegen kommunistischen und sozialdemokratische Personen. Legitimistische Kreise der Freischärler schwebte die Bildung eines neuen Reiches einer Monarchie aus Bayern, Österreich und Ungarn vor. Die ungarischen Militärkommission in Wien wurde als Zentrale der Spionagetätigkeit genannt.

Freischärler-Staat Leitha-Banat

Das Ultimatum vom 23. September 1921, welches die Botschafterkonferenz in Paris an Ungarn gerichtet hat, mit dem Auftrag, das Burgenland bis zum 4. Oktober 1921 zu räumen, zeigte keinen Erfolg. Zwar zog die ungarischen Regierung das Militär, welches die Freischärler bei Kirchschlag und andernorts unterstützt hat, aus der Zone A des Burgenlandes zurück, betonte aber, keinen Einfluss auf die Freischärler zu haben. Die Freischärler riefen am 4. Oktober 1921 in Oberwart den unabhängigen Staat Leitha-Banat , ungarisch: Lajta-Bansag, aus.

Protokoll von Venedig

Da Österreich und Ungarn schon seit längerem einem Vermittlungsangebot Italiens zugestimmt hatten, stimmte am 2. Oktober 1921 die Botschafterkonferenz dieser Vermittlung zu. Die Verhandlungen wurden in Venedig geführt, wo sich die Einigung Verlust von Ödenburg mit der Rettung des übrigen Burgenlandes abzeichnete. Dem Wunsch von Bundeskanzler Johann Schober, welcher Österreich vertrat, eine Volksabstimmung zum Verbleib von Ödenburg bei Ungarn abzuhalten, wurde entsprochen. Am 13. Oktober 1921 unterzeichnete Bundeskanzler Johann Schober, Graf Bethlen und Graf Nikolaus Banffy für Ungarn und der italienische Außenminister Marchese della Torretta das Protokoll von Venedig. Ungarn sagte dabei zu, in Zusammenarbeit mit der Interallierten Generalskommission innerhalb von drei Wochen die Aufständischen-Bewegung zu beenden. Acht Tage nach der Beruhigung sollte die Volksabstimmung in Ödenburg erfolgen.

Die Lage bei Wiener Neustadt

Anfang Oktober 1921 nahm die Unsicherheit der Bevölkerung im Grenzgebiet zu. Die Verlegung des 1. Brigadekommandos von Wiener Neustadt nach Leobersdorf und der Rückzug der Feldwache bei Lichtenwörth, welche für die Sicherung von Neudörfl und des Vorfeldes von Wiener Neustadt verantwortlich war, verstärkte die Unsicherheit. Regierungsrat Rausnitz prodestierte am 12. Oktober 1921 beim Ministerium gegen diese Rücknahmen, zumal Neudörfl zur ungarisches Gebiet, aber innerhalb der vereinbarten Demarkationslinie lag. Die Aktionen der Freischärler in der Umgebung von Neudörfl und bei der Leithabrücke unweit von Wiener Neustadt führten dazu, dass das Postamt und die Grenzkontrollstelle in Neudörfl geräumt und auf österreichisches Gebiet verlegt wurde. Am 15. Oktober 1921 erschien im Amtsblatt der Stadt Wiener Neustadt ein vom Stadtrat und vom Bürgermeister Anton Ofenböck unterzeichneter Aufruf an die Bevölkerung, wo Maßnahmen im Falle eines Angriffes ungarischer Freischärler mitgeteilt wurden: Es gelte im Ernstfall, Ruhe zu bewahren, in den Häusern zu bleiben und straßenseitige Wohnungen hell zu beleuchten. Weiters sollen die im Vorfeld von Wiener Neustadt befindlichen militärischen Anlagen geschont und respektiert sein. Ein sechzehnjähriger Neudörfler wurde der Gendarmerieexpositur Leithabrücke angezeigt, als er versuchte die Stärke und die Vorkehrungen der österreichischen Gendarmerie und des Bundesheeres zu erkunden. Verdächtigt und der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt angezeigt wurde auch Peter Paul Storno, aus einer Ödenburger Familie, Oberleutnant der ungarischen Armee, welcher als Rauchfangkehrer verkleidet im November 1921 in Schattendorf verdächtige Fragen gestellt hat. Storno wurde jedoch freigesprochen. Es gab auch zahlreiche Verhandlungen im Kreisgericht Wiener Neustadt wegen Schmuggelversuchen, hauptsächlich von Lebensmittel, in beide Richtungen.

Nach dem zweiten erfolglosen Restaurationsversuch von Kaiser und König Karl I. am 21. und 22. Oktober 1921 schwächte sich die Bandentätigkeit in Ungarn deutlich ab. Die Freischärler agierten nun zurückhaltender und konzentrierten sich auf das Gebiet von Ödenburg. Die allgemeine Annahme, dass der zweite Versuch einer Landnahme, mit dem Protokoll von Venedig, nicht mehr von der Gendarmerie, sondern durch das Bundesheer erfolgen wird, wurde auch von den Ungarn nicht bezweifelt, und trug weiters zur Beruhigung bei. Die ausgearbeitete Planung im Heeresministerium in Wien sah jedoch die Mitwirkung der Gendarmerie vor, ein Zivilkommissär beim obersten militärischen Befehlshaber sollte dessen Wünsche als Befehl an die Gendarmerie weitergeben. Mit 9. November 1921, das Höchstkommando als Brigadekommando Burgenland Nr. 1 unter Oberst-Brigadier Rudolf Vidossich lag in Leobersdorf, wurde entschieden, dass jeweils 100 Gendarmen in Ebenfurth und in Wiener Neustadt, bereitzuhalten sind, um bei der Landnahme, nach Weisungen der 6. Brigade, teilzunehmen. Die Gendarmen in Wiener Neustadt unterstanden Gendarmerieoberinspektor de Gaspero.

Landnahme

Nachdem die Interalliierte Generalsmission am 11. November 1921 offiziell die Zustimmung zum Einmarsch des österreichischen Bundesheeres in das Burgenland, ausgenommen das Gebiet um Ödenburg, gegeben hatte, wurde am 13. November 1921 mit der Landnahme begonnen. Die nördliche Kampfgruppe nahm ihren Ausgang in Bruck an der Leitha. Die südliche Kampftruppe in Wiener Neustadt, Ebenfurth und Landegg, die 6. Brigade mit 27 Bataillonen und 2 Batterien ging nach Sauerbrunn, Zillingtal, Höflein und Eisenstadt. Die 4. Brigade dahinter ging nach Neudörfl und Neufeld. Die von Vizebürgermeister Josef Püchler kommandierte Wiener Neustädter Arbeiterwehr hat den Truppen jene Waffen übergeben, mit denen sie sich ehemals - mit Wissen der Niederösterreichischen Landesregierung - im Wiener Arsenal eingedeckt hatten, wie auch Munition aus der Wöllersdorfer Munitionsfabrik übergeben wurde. Das Vorgehen wurde durch heftigen Schneefall erschwert. Nur bei Kittsee kam es mit Freischärlern zu einem Schusswechsel. Am 25. November 1921 wurde von Oberst-Brigadier Rudolf Vidossich die Zivilverwaltung des nördlich von Ödenburg liegenden Teiles des Burgenlandes an Landesverwalter Davy übergeben. Davy übernahm die Verwaltung dieses Teilgebietes, und meldete dem Bundesministerium für Heerwesen, dass der Sitz des Landesverwaltungsamtes vorübergehend das Stift Neukloster in Wiener Neustadt ist. Am 4. Dezember 1921 meldete das Brigadekommando Burgenland Nr. 1 an das Bundesministerium für Heerwesen, dass die Pazifierung des südlichen Teiles des Burgenlandes abgeschlossen ist, woraufhin am 6. Dezember 1921 Landesverwalter Davy auch der südliche Teil des Burgenlandes übergeben wurde.

Ödenburger Heimatdienst

Nach der Landnahme begann auf beiden Seiten, in Österreich und in Ungarn, eine umfassendes Engagement, die Volksabstimmung in Ödenburg zu beeinflussen. In Österreich wurde nach dem Vorbild des Kärntner Heimatdienstes der Ödenburger Heimatdienst gegründet. Mit Oberleutnant Hans Steinacher wurde für den Ödenburger Heimatdienst ein Mitarbeiter gewonnen, welcher bereits im Kärntner Abwehrkampf Erfahrungen gesammelt hat und sich dort bewährt hat. Der Ödenburger Heimatdienst hatte seine Zentrale in Wien, und eine Zweigstelle in Wiener Neustadt in der Frauengasse Nr. 14., wie auch eine Lokalredaktion in Wiener Neustadt in der Wiener Straße Nr. 21, für die in Wien zweimal in der Woche erscheinende Zeitung Der freie Burgenländer. Die Volksabstimmung, am 14. Dezember 1921 in der Stadt Ödenburg, am 16. Dezember 1921 in den umliegenden Landgemeinden der Stadt Ödenburg, ging mit einer Mehrheit von 65,08 % der Stimmen für Ungarn aus. Der Ödenburger Heimatdienst wollte sich mit diesem Ergebnis nicht abfinden. Mit Oberst-Brigadier Rudolf Vidossich, unterstützt von Oberleutnant Hans Steinacher und dem Kommandanten der Wiener Neustädter Arbeiterwehr Vizebürgermeister Josef Püchler, bestand folgender Plan: Von Ebenfurth aus sollten die Eisenbahner, welche eine militärisch gut ausgebildete Spezialtruppe der Arbeiterwehr bildeten, mit zwei improvisierten Panzerzügen über die Raaber Bahn sowie über die Ödenburger Linie (Mattersburger Bahn) der Südbahn bis Ödenburg vorgehen, mit dem Ziel, das Abstimmungsgebiet bei Kohlndorf abzusperren. Von den zwei Panzerzügen geschützt, wollte man dann Ödenburg mit der Arbeiterwehr und mit 3.000 Arbeitern der Daimler-Werke in Wiener Neustadt besetzen. Weiters rechnete man mit der Unterstützung von 300 Fliegersoldaten vom Wiener Neustädter Flugfeld. Als die österreichische Regierung von diesen Plänen Kenntnis hatte, setzte sie sofort Maßnahmen dagegen. Friedrich Adler, Obmann des österreichischen Arbeiterrates, intervenierte dagegen, und in einer Sitzung des Wiener Neustädter Kreisarbeiterrates, wo Josef Püchler den Plan leidenschaftlich vertrat, wurde der Plan mehrheitlich abgelehnt. In Ungarn planten die Freischärler unter Pronay, Hejjas u.a. nach dem für sie positiv ausgegangenen Volksabstimmung in Ödenburg für den Jänner 1922 einen Großangriff auf das Burgenland, ein Projekt, dessen Realisierung am Einspruch der ungarischen Regierung scheiterte.

Eisenstadt wurde die Hauptstadt des Burgenlandes

Ödenburg war von Anfang an als Hauptstadt des Burgenlandes geplant. Nach dem Verbleib der Stadt bei Ungarn musste nun eine Entscheidung zum Sitz der Burgenländischen Landesregierung getroffen werden. Mit dem Bundesgesetzblatt 202/1922 vom 7. April 1922 wurde eine einstweilige Landesordnung veröffentlicht, welche mit der Konstituierung des Landtages in Kraft treten sollte, wo Sauerbrunn als provisorischer Sitz der Landesregierung genannt war. Es fehlte aber in Sauerbrunn an den dafür erforderlichen Räumlichkeiten. Es wurden also andere Orte überlegt, auch außerhalb des Burgenlandes, wie Wien, mit dem noch ungenutzten Augartenpalais, und Wiener Neustadt, mit dem Stift Neukloster, der Militärakademie und dem Gebäude der Landestaubstummenanstalt. Der spätere Landeshauptmann Dr. Walheim setzte sich gegen eine Landeshauptstadt außerhalb des Landes durch und setzte sich für Eisenstadt ein. Nach der ersten Landtagswahl 1922 wurde der Landtag in die Martinskaserne in Eisenstadt einberufen. Die endgültige Entscheidung, ob Eisenstadt, Mattersburg, Sauerbrunn oder Pinkafeld Landeshauptstadt wird, fiel erst 1925 für Eisenstadt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Die Entstehung des Landesnamens "Burgenland" burgenland.at
  2. 70 Jahre Burgenländer in Wien Burgenländische Landsmannschaft in Wien