Leo Santifaller

Leo Santifaller (* 24. Juli 1890 in Kastelruth (Südtirol); † 5. September 1974 in Wien) war ein österreichischer Historiker und Diplomatiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Der Sohn eines Notars stammte aus einer alten, im 17. Jahrhundert aus Wolkenstein in Gröden nach Kastelruth eingewanderten Südtiroler Familie. Durch die Begegnung mit dem Historiker und Diplomatiker Oswald Redlich entschied sich der 21-jährige für das Studium der Geschichte. Nach seiner Promotion 1919 war Santifaller 1921 bis 1926 Archivar am neu eingerichteten Staatsarchiv in Bozen. 1927 wurde er von Paul Fridolin Kehr als Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica (MGH) nach Berlin berufen. Dort 1928 habilitiert, erhielt Santifaller 1929 eine ordentliche Professur in Breslau und anschließend 1943 eine in Wien, die er bis zu seiner Emeritierung 1962 ausübte.

Als Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs (1945–1954), als Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (1945–1962) sowie als Direktor des österreichischen Kulturinstituts in Rom (1956–1964) leistete Santifaller bedeutende organisatorische Arbeit. Zugleich gelang es Santifaller nach dem Zweiten Weltkrieg, die Wiener Diplomata-Abteilung der MGH wieder ins Leben zu rufen, welche nun die Edition der Diplome Konrads III. fertigstellte (herausgegeben von Friedrich Hausmann) und jene Friedrichs I. in Angriff nahm (herausgegeben von Heinrich Appelt).

Santifallers Forschungsschwerpunkte waren die Geschichte Südtirols, Diplomatik, der Liber Diurnus und das ottonisch-salische Reichskirchensystem. Als Diplomatiker beschäftigte sich Santifaller in den 1920er Jahren mit den Urkunden des Domkapitels Brixen, in den 1930er Jahren mit der Leitung des Schlesischen Urkundenbuches sowie in seiner letzten Schaffensperiode mit dem „Censimento“, dem Verzeichnis aller in Österreich im Original überlieferten Papsturkunden von Innozenz III. bis Martin V.

Auszeichnungen

Schriften

  • Das Brixner Domkapitel in seiner persönlichen Zusammensetzung im Mittelalter. Wagner, Innsbruck 1924.
  • Die Urkunden der Brixner Hochstifts-Archive 845–1295. Wagner, Innsbruck 1929.
  • Bozner Schreibschriften der Neuzeit 1500–1851. Beiträge zur Paläographie. (Schriften des Instituts für Grenz- und Auslanddeutschtum an der Universität Marburg 7). Gustav Fischer, Jena 1930.[1]
  • Die Abkürzungen in den ältesten Papsturkunden (788–1002). (Historisch-diplomatische Forschungen 4). Böhlau, Weimar 1939.
  • 1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. 100 Lichtdrucktafeln mit Transkriptionen. In Verbindung mit Fachgenossen und unter Mitarbeit der Beamten des Haus-, Hof- u. Staatsarchivs herausgegeben. Österreichische Staatsdruckerei, Wien 1949.
  • Beiträge zur Geschichte der Beschreibstoffe im Mittelalter, mit besonderer Berücksichtigung der päpstlichen Kanzlei, MIÖG Ergänzungsband 16. 1953.
  • Über die Verbalinvokation in Urkunden. (Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse 237,2). Böhlau, Graz-Wien 1961.
  • Zur Geschichte des Ottonisch-Salischen Reichskirchensystems. 2. Auflage. Böhlau, Graz-Wien 1964.
  • Der Liber diurnus. Studien und Forschungen. Hiersemann, Stuttgart 1976.
  • Urkundenforschung. Methoden, Ziele, Ergebnisse. 4. Auflage. Böhlau, Wien u.a. 1986.

Einzelnachweise

  1. LB Dr. Friedrich Teßmann: Online-Text der Bozner Schreibschriften

Literatur

  • Winfried Stelzer: Santifaller, Leo. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, S. 431 f. (Digitalisat).
  • Heinrich Appelt: Leo Santifaller. In: Mitteilungen des Österreichischen Instituts für Geschichtsforschung. (MIÖG) 82, 1974, S. 556–560.
  • Heinrich Appelt: Nekrolog Leo Santifaller. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 30, 1974, S. 640–642.
  • Heinrich Schmidinger: In memoriam Leo Santifaller. In: Römische Historische Mitteilungen. 16, 1974, S. 17–21.
  • Nikolaus Grass: Leo Santifaller. 1890–1974. In: Nikolaus Grass: Wissenschaftsgeschichte in Lebensläufen. Hrsg. von Louis Carlen und Hans Constantin Faußner. Hildesheim 2001, S. 393–399. (Wiederabdruck).
  • Wolfgang Stump: Leo Santifaller. In: Rüdiger vom Bruch, Rainer A. Müller (Hrsg.): Historikerlexikon. Beck, München 1991, S. 271.
  • Gerhard Oberkofler: Die Wahl von Leo Santifaller zum korrespondierenden Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1955). In: Der Schlern. 1996, S. 745–750.
  • Hannes Obermair: Willfährige Wissenschaft – Wissenschaft als Beruf. Leo Santifaller zwischen Bozen, Breslau und Wien. In: Sönke Lorenz, Thomas Zotz (Hrsg.): Frühformen von Stiftskirchen in Europa. Funktion und Wandel religiöser Gemeinschaften vom 6. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts. Festgabe für Dieter Mertens zum 65. Geburtstag. Leinfelden-Echterdingen 2005 (= Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 54), S. 393–406. zip–PDF
  • Hannes Obermair: Leo Santifaller (1890–1974). Von Archiven, Domkapiteln und Biografien. In: Karel Hruza (Hrsg.): Österreichische Historiker 1900–1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts. Böhlau, Wien 2008, S. 597–617.

Weblinks