Leopold Hawelka

Leopold Hawelka, 2008

Leopold Hawelka (* 11. April 1911 in Kautzenbach[1] (heute Ortsteil von Staatz) in Niederösterreich; † 29. Dezember 2011 in Wien) war ein österreichischer Cafetier, Gründer und Inhaber des Wiener Café Hawelka.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Leopold Hawelkas Vater, dessen Vorfahren aus Böhmen und Mähren stammten, war Schuhmacher in Mistelbach, wo Leopold seine Kindheit und Jugend verbrachte. In der Stadtpfarrkirche nahm er beim Chormeister Violinunterricht. Nach Abschluss der Bürgerschule zog er 1925 nach Wien, wo er im Restaurant Paul Deierl in der Babenbergerstraße mit der Kellnerlehre das Gastronomiehandwerk erlernte und auf Saisonjahre in Bad Gastein (im Grand Hotel Gasteinerhof in Bad Gastein als Weinkellner[2]) und in Hofgastein ging.[1]

Um 1933 ins Deierl als Kellner zurückgekehrt lernte er die zwischenzeitlich in dem Lokal als Sitzkassierin (nach Leopold Hawelka als Schank- und Küchenkassierin[2]) arbeitende zwei Jahre jüngere Josefine Danzberger (1913–2005) kennen. Die aus dem oberösterreichischen Kremsmünster stammende Fleischhauerstochter aus einer bürgerlichen Familie von Gastwirten, Bierbrauern, Bauern und Fleischhauern wurde 2011 von der Tochter Herta als „warmherzige, überaus fleißige, kluge und resolute Frau, mit ausgeprägtem Geschäftssinn“ beschrieben, von der Leopold Hawelka seinen Kindern erzählte, dass er „immer eine tüchtige Frau [wollte], mit der ich weiterkomme“.[1]

1936 heirateten die beiden auf Josefines Betreiben hin und eröffneten zwei Tage später in Pacht das Kaffee Alt Wien in der Bäckerstraße 9. Da das Ehepaar keine Wohnung hatte, lebten die beiden im Kaffeekammerl. Obwohl ihnen zu Beginn das Scheitern vorausgesagt wurde, entwickelte sich das Café so gut, dass sie drei Jahre später das Lokal kaufen wollten; jedoch war ihnen der Kaufpreis zu hoch.[1]

Als Alternative bot sich ihnen an das billigere, nahe gelegene Kaffeehaus Karl L.[3] (vielfach als Café Ludwig,[4] von Herta Hawelka als Café Ludwig Carl bezeichnet) zu kaufen.[1] Das in der Dorotheergasse 6–8 gelegene im Jugendstil eingerichtete Lokal, bestehend aus einem großen Raum und einem „Chambre separee“ (heute Lagerraum), ging aus der 1906 gegründeten Chatham-Bar hervor,[5] die wegen ihres Separee von den Wienern Je-t’aime-Bar genannt wurde.[6] Tatsächlich stand das Café Ludwig (Karl) zur „Arisierung“, weil der jüdische Besitzer wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs spurlos verschwand.[7][8] Am 15. Mai 1939 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet, die Hawelkas führten das Kaffeehaus unter dem bisherigen Namen[3] weiter.[1] Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 schlossen die Hawelkas das Café wieder.[9] Im Mai 1940[10] wurde Leopold Hawelka in die Wehrmacht zum Kriegsdienst eingezogen, den er als Pferdeputzer und Koch unversehrt überlebte: „Im Krieg darf man nicht ehrgeizig sein.“[1]

Während rundherum alles in Schutt und Asche lag, blieb das Lokal des Ehepaars unbeschädigt,[6] sodass sie es schon im September 1945 wieder eröffnen konnten, nun als das später legendär gewordene Café Hawelka. Gekocht wurde der Ersatzkaffee anfangs auf einem provisorisch in der Küche aufgestellten Kanonenofen mit einem Ofenrohr durch das Fenster direkt auf die Straße. Um den Ofen beheizen zu können, ging Hawelka monatelang ein bis zweimal in der Woche zu Fuß in den Lainzer Tiergarten und sammelte mit einem Rucksack und zwei Taschen Holz.[1]

In der ersten Zeit der Nachkriegsjahre setzte sich das Publikum des Hawelka noch aus Pensionisten, Händlern aus dem nahen Dorotheum und aus ehemaligen Aristokraten, die ihre Heimat verlassen mussten zusammen. Über Schleichhändler versorgten die Hawelkas ihr Lokal mit Feigenkaffee, Alkoholika und Zigaretten. Bis ins hohe Alter bemühte sich Leopold Hawelka um die Gäste, empfing sie persönlich, wies ihnen einen Platz an und verabschiedete sie auch wieder. Er sorgte nicht nur dafür, dass seine beiden Kinder, die im Lokal aufwuchsen, die Gäste freundlich grüßten und sie nicht störten, sondern auch, dass Herren keine Damen ansprachen. Solche bekamen von ihm Lokalverbot.[1]

Bald schon wurde das Kaffeehaus zum Treffpunkt von Künstlern, Literaten und deren Freunden. Hawelka malte selbst gerne und sammelte Kunst. Von seinen Gästen kaufte er Bilder, die er im Lokal aufhängte, und manchem Künstler soll er unauffällig zwanzig Schilling zugesteckt haben, um sich damit im Lokal einen Kaffee kaufen zu können.[1]

Seine Frau Josefine, die sich um die Finanzen und die administrativen Belange wie die Buchhaltung kümmerte, bot ab täglich 22 Uhr ihre böhmischen Buchteln an, bis sie am 22. März 2005 91-jährig verstarb. Mit ihr hatte Leopold Hawelka die Tochter Herta (* 1939; Fremdenführerin in Wien[11]) und den Sohn Günter (* 1940), der gemeinsam mit seinen zwei Söhnen Amir und Michael den Familienbetrieb weiterführt. Bis zuletzt war der Alt-Cafetier fast jeden Vormittag für ein paar Stunden in seinem Café und war „immer noch unser Generaldirektor. Wenn er im Haus ist, ist er der Chef“, wie sein „Enkel Michael im Frühjahr [2011] keinen Zweifel am Führungsanspruch des Seniors [ließ]“.[12] Änderungen und Modernisierungen in seinem Kaffeehaus war er wenig aufgeschlossen („Der Kaffee wär’ ned besser, wenn das Lokal moderner wär.“[13]), das durch die gesetzliche Lage (Tabakgesetz) 2010 auch im Hawelka zu verhängende Rauchverbot war ihm zuwider: So gab er dennoch immer wieder Anweisung, Aschenbecher auf die Tische zu stellen.[12] „‚Wenn der Papa da ist, machen wir ihm die Freude‘, lächelt Günther, ‚sobald er geht, räumen wir die Aschenbecher wieder weg.‘“[6]

Bereits an der Feier im Frühjahr 2011 zu seinem 100. Geburtstag konnte Leopold Hawelka nicht mehr teilnehmen,[12] am 29. Dezember 2011 starb er im 101. Lebensjahr.[9][14]

Literatur

  • Sonja Moser: Das Hawelka. Geschichte & Legende. (Hrsg. von der Familie Hawelka.) Pichler, Wien/Graz/Klagenfurt 2009, ISBN 978-3-85431-500-1.

Auszeichnungen

  • 1991: Mit 80 Jahren wurde Leopold Hawelka der Titel Kommerzialrat verliehen.
  • 1989: Silberne Ehrenmedaille für besondere Verdienste der Kammer der Gewerblichen Wirtschaft.[15]
  • 1999: Wiener Tourismuspreis[15]
  • 2000: Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.[15]
  • April 2011, zu seinem 100. Geburtstag:
    • Goldener Rathausmann der Stadt Wien.[16]
    • „Goldenen Kammermedaillle“ der Wirtschaftskammer und
    • „Goldenes Kaffeesiederkännchen“, welches von der Kaffeesiederbranche für besondere Verdienste um das Wiener Kaffeehaus vergeben wird.[15]
    • Sonderpostmarke der Österreichischen Post: Gastronomie mit Tradition – Café Hawelka im Wert von 0,62 Euro.[17]
  • 2011: Goldenes Ehrenwappen der Stadtgemeinde Mistelbach in Würdigung seines Lebenswerkes und seines Heimatbezuges zu Mistelbach.[18]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j Herta Hawelka: Der 100-jährige Leopold Hawelka – eine bekannte und allzeit anerkannte „Institution“. (PDF auf reisegourmet.at; undatiert).2. Jänner 2012.
  2. a b Vgl. Leopold Hawelka. Eintrag in Club Carriere, ohne Datum. Abgerufen am 30. Dezember 2011.
  3. a b Karl L., I. Dorotheerg. 6 – Eintrag im Branchenverzeichnis des Lehmann 1939 unter „Kaffeehäuser“ (Online in der digitalen Wienbibliothek im Rathaus). Im Lehmann 1940, herausgegeben im Juli 1940, war das Kaffeehaus nicht mehr verzeichnet.
  4. Vgl. Tradition hat Geschichte auf der Website des Café Hawelka.
  5. Siehe Werbeplakat: Plakatkatalog 14, Nr. 65, Abbildung Chatham-Bar (jpg). In: Plakatkontor.de. Abgerufen am 2 Dezember 2012.
  6. a b c Georg Markus: Kaffeehaus-Legende: Morgen, Montag, feiert eine WienerInstitution einen unglaublich runden Geburtstag. Der Herr Hawelka ist 100. In: Kurier, 10. April 2011. (Artikel zitiert in: UnArt-Forum. zu Hawelka. Abgerufen am 2. Jänner 2012.)
  7. Hermann Tertsch: Hawelka, Jan Pawel y la normalidad. (deutsch: Hawelka, Jan Pawel und die Normalität.) In: El País, 5. April 2005 (Online in deutscher Übersetzung in: "Blick auf Wien" - Archiv: April 2005, Website der Stadt Wien.)
  8. Anmerkung: In dem Haus, in dem sich das von Leopold und Josefine Hawelka ersteigerte ehemals jüdische Café Ludwig (Karl), seit 1945 Café Hawelka, befindet, wohnten auch viele Juden und Jüdinnen, die in den Jahren des Nationalsozialismus flohen bzw. von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Siehe Projekt A Letter to the Stars, Liste der Opfer in der Dorotheergasse 6.
  9. a b Cafetier Leopold Hawelka gestorben. In: wien.ORF.at, 29. Dezember 2011. Abgerufen am 30. Dezember 2011.
  10. Georg Markus: Leopold Hawelka: Ein Besuch bei dem fast 99-jährigen Cafétier, über dessen weltberühmtes Lokal jetzt ein Buch erschienen ist. In: Kurier, 22. November 2009. (Artikel zitiert in: Der Wiener Kaffee. (Hrsg.: CoffeeShop.de) Blogspot zu Das Hawelka. Abgerufen am 2. Jänner 2012.)
  11. Siehe Staatlich geprüfte Fremdenführer, hier: Herta Hawelka. Eintrag auf der Website von Reisegourmet + Viennaguides. Abgerufen am 2. Jänner 2012.
  12. a b c Leopold Hawelka ist tot. Der legendäre Cafetier starb mit 101 Jahren. In: Wiener Zeitung, 29./30. Dezember 2011. Abgerufen am 2. Jänner 2012.
  13. Christoph Irrgeher: Ein 99-Jähriger im Hawelka. Leopold Hawelka feiert 99. Geburtstag, in seinem Kaffeehaus ist er dennoch weiterhin aktiv. In: Wiener Zeitung, 9./11. April 2010. Abgerufen am 2. Jänner 2012.
  14. Wiener Cafetier Leopold Hawelka 100-jährig verstorben. In: derStandard.at/APA, 29. Dezember 2011. Abgerufen am 30. Dezember 2011.
  15. a b c d Branche trauert um einen großen Cafétier. Ableben Hawelkas ein großer Verlust für die Wiener Kaffeehausbranche. In: Wiener Zeitung, 30. Dezember 2011. Abgerufen am 30. Dezember 2011.
  16. Cafétier-Legende Leopold Hawelka geehrt. In: Archivmeldung der Rathauskorrespondenz der Stadt Wien, 11. April 2011. Abgerufen am 30. Dezember 2011.
  17. Sonderpostmarke Gastronomie mit Tradition – Café Hawelka. Erscheinungsdatum 11. April 2011. (In: Philatelie Shop der Österreichischen Post. Abgerufen am 21. September 2012.)
  18. Ehrenwappen in Gold für Leopold Hawelka. In: Website der Stadtgemeinde Mistelbach, 29. September 2011. Abgerufen am 2. Jänner 2012.