Max Bair

Max Bair (* 28. April 1917 in Matrei am Brenner, (Tirol); † 25. Juli 2000 in Berlin) war ursprünglich Kleinbauer, anschließend Interbrigadist im Spanischen Bürgerkrieg, kommunistischer Parteikader in der Sowjetunion und Österreichischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in Slowenien. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Bair der erste Landessekretär der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) in Tirol. Nach seiner Übersiedlung in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und Abschluss eines Wirtschaftsstudiums wurde er in Ost-Berlin Mitarbeiter der Staatlichen Plankommission (SPK). Besondere Bekanntheit erlangte Bair als Protagonist der literarischen Reportage "Die drei Kühe" des berühmten Journalisten und Schriftstellers Egon Erwin Kisch.

Inhaltsverzeichnis

Lebensgeschichte

Kindheit und Jugend in Tirol

Bair verbrachte seine Kindheitsjahre als ältester Sohn einer fünfköpfigen Kleinbauernfamilie in Puig, einem kleinen Dorf zwischen den Gemeinden Steinach und Matrei am Brenner. Wie viele Tiroler Bauernkinder der damaligen Zeit musste Bair sich schon in frühen Jahren an der schweren Arbeit am Hof beteiligen und konnte deshalb nur zwei Klassen der Grundschule absolvieren.[1]

Bereits als Sechzehnjähriger hatte Bair sowohl seine Mutter als auch seinen Vater infolge zweier Todesfälle verloren; gemeinsam mit seiner Schwester erbte er daraufhin den elterlichen Hof. Aus juridischen Gründen wurde ein Onkel bis zu Bairs Volljährigkeit als Vormund eingesetzt, um den Besitz im Sinne der Erben zu verwalten. Bair arbeitete in der Zwischenzeit für mehrere Jahre als Holzknecht.[2]

1937, im Alter von knapp 20 Jahren, übernahm Bair seinen Hof in verschuldetem Zustand. Aufgrund der ökonomischen Engpässe nahm er daraufhin den Arbeiter Johann Winkler als „Kostgänger“ bei sich auf. Über Winkler kam Bair – der zeitweilig Mitglied der Ostmärkischen Sturmscharen gewesen war[3] – erstmals mit sozialistischem Gedankengut in Kontakt.[4]

Aus ideologischer Überzeugung wie aus empfundenem Mangel an sozialen Aufstiegschancen beschloss Bair gemeinsam mit Winkler und zwei weiteren Arbeitern aus der Umgebung, Ludwig Geir und Stefan Zlatinger, im Juni 1937 nach Spanien zu reisen, um sich dort als Mitglied der Internationalen Brigaden am Bürgerkrieg zu beteiligen. Um die Reise für alle vier finanzieren zu können, verkaufte Bair seine drei Kühe.[5]

Spanischer Bürgerkrieg, Frankreich und Sowjetunion

Originalausgabe der Reportage "Die drei Kühe" aus dem Jahr 1938
Neuauflage der "Drei Kühe" aus dem Jahr 2012

Mit einem Reiseticket für die Weltausstellung fuhr Bair gemeinsam mit seinen drei Gefährten per Zug von Innsbruck nach Paris. Dort meldete er sich in einem Parteibüro als Freiwilliger zu den Internationalen Brigaden und wurde bereits nach wenigen Tagen mit einem Freiwilligentransport über die Pyrenäen nach Spanien transferiert.[6]

Nach einer kurzen Ausbildung wurde Bair wie auch Zlatinger, Winkler und Geir in die 11. Internationale Brigade, 4. Bataillon (auch Bataillon 12. Februar genannt) integriert und stieg während seines Einsatzes in der Schlacht von Brunete zum Unteroffizier, alsbald zum Sergeanten auf.[7] Bei Brunete traf Bair auch zum ersten Mal mit dem Schriftsteller Egon Erwin Kisch zusammen.[8]

Am 24. August 1937 wurde Bair bei Quinto während eines Patrouillengangs durch einen Scharfschützen schwer verwundet. Im Laufe eines mehrmonatigen Lazarettaufenthalts in Benicasim setzte sich daraufhin die Bekanntschaft mit Egon Erwin Kisch fort, der dabei die Lebensgeschichte Bairs verschriftlichte und im Frühjahr 1938 als Broschüre sowie als Artikel in der Moskauer Exilzeitschrift Das Wort veröffentlichte.[9]

Literarisch stilisiert gelangte Bair unter den Milizionären daraufhin kurzzeitig zu relativer Bekanntheit. Bereits im April 1938 wurde Benicasim jedoch von den gegnerischen Truppen General Francos eingenommen, und Bair (der sich zu diesem Zeitpunkt auf Kurzaufenthalt in Barcelona befand) vorerst nach Katalonien, im Sommer 1938 schließlich nach Frankreich evakuiert.[10]

In Paris lebte Bair - der noch in Spanien Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs geworden war - kurzzeitig von Spendengeldern für ehemalige Spanienkämpfer, gelangte über Vermittlung Kischs jedoch bald zu einer Anstellung als Melker auf einem Gehöft im zentralfranzösischen Département Corrèze. Wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs – im Frühjahr 1939 – gelang ihm schließlich die Ausreise in die Sowjetunion. Dort eröffneten sich Bair nicht zuletzt dank einer russischen Übersetzung der „Drei Kühe“, die 1939 von Willi Bredel in Moskau realisiert worden war, Kuraufenthalte zur Rekonvaleszenz, Beschäftigung in der Industrie und schließlich eine politisch-militärische Grundausbildung für einen geplanten Partisaneneinsatz im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland.[11]

Partisaneneinsatz, Rückkehr nach Österreich und Emigration in die DDR

Im Oktober 1944 wurde Bair von Moskau nach Slowenien entsendet und dort zum Kommandanten des 1. Österreichischen Freiheitsbataillons ernannt, beteiligte sich als solcher jedoch nicht an Kampfhandlungen. Durch ein Attentat war Bair bald nach seinem Eintreffen in Slowenien erneut schwer verwundet worden und bis Kriegsende 1945 de facto einsatzunfähig geblieben.[12]

Nach der Befreiung Innsbrucks wurde Bair im Sommer 1945 vom Zentralkomitee der KPÖ als Landesekretär in Tirol eingesetzt; er konnte acht Jahre nach seiner unvermittelten Abreise aus Tirol dort jedoch nicht mehr Fuß fassen. Soziale Bindungen waren abgebrochen, und als Landessekretär der KPÖ – die in Tirol eine isolierte politische Kraft blieb – trat Bair mangels Erfahrung und Kontakt zu den lokalen Parteimitgliedern nach kurzer Zeit zurück. 1947 verkaufte er seinen Bauernhof in Puig, übersiedelte in die damalige sowjetische Besatzungszone nach Wien und holte dort die Matura nach.[13]

Im April 1949 wurde Bair in Salzburg vom US-Geheimdienst CIC wegen angeblicher Mithilfe bei der Verschleppung von Arbeitern in die sowjetische Zone festgenommen und über 11 Monate lang in einem Geheimgefängnis in Hallein festgehalten. Bairs Verhaftung wurde zur Staatsaffäre. Der Nationalrat befasste sich mit der Angelegenheit, das Parteiorgan der KPÖ, die Volksstimme druckte die „Drei Kühe“ erneut ab; konservative Zeitungen machten ihrerseits Stimmung gegen den "bolschewistischen Kidnapper".[14]

Nach seiner Freilassung gegen Kaution im April 1950 kehrte Bair nach Wien zurück. Unter dem Eindruck der Spionageaffäre nahm er noch im Sommer desselben Jahres schließlich die Möglichkeit war, unter dem Namen „Martin Jäger“ gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth in die DDR zu emigrieren. Im brandenburgischen Forst Zinna absolvierte Bair daraufhin ein Wirtschaftsstudium. Mitte der 1950er-Jahre übersiedelte er schließlich nach Ost-Berlin, wo er als Mitarbeiter in der Staatlichen Plankommission (SPK) tätig wurde und dort zum Abteilungsleiter des integrierten Rechenzentrums aufstieg. Bair wurde für seine Tätigkeiten in der DDR u.a. mit dem Vaterländischen Verdienstorden und dem Banner der Arbeit ausgezeichnet.[15]

Nach seiner Pensionierung im Jahr 1977 beteiligte sich Bair in Wien im Umfeld der KPÖ an zeithistorischen Arbeiten, wobei Journalisten auch seine persönliche Geschichte in mehreren Zeitungsreportagen vervollständigten.[16] Nach dem Zusammenbruch der DDR blieb Bair in Berlin wohnhaft. Er verstarb dort im Jahr 2000 als verheirateter Vater von zwei Töchtern und eines Sohnes aus erster Ehe. Eine Gedenkrede im Rahmen der Beisetzungsfeierlichkeiten hielt Gerhard Schürer, der langjähriger Leiter der Staatlichen Plankommission, zeitweise Mitglied im Politbüro des Zentralkomitee der SED und Bairs Vorgesetzter gewesen war.[17]

Literatur

  • Klaus Haupt: Einer hat auf mich hingewiesen und Kisch hat dann gefragt ..., in: Klaus Haupt/Harald Wessel: Kisch war hier. Reportagen über den „Rasenden Reporter“, Verlag der Nation, Ost-Berlin 1985, S. 221–236.
  • Klaus Haupt: Der Tiroler Bauernjunge Max Bair und „Die drei Kühe“. In: Lisl Rizy/Willi Weinert (Hrsg.): Bin ich ein guter Soldat und Genosse gewesen? Österreichische Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg und danach. Ein Lesebuch. Wiener Stern Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3-9502478-0-0, S. 69–76.
  • Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe. Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien. Amalien-Verlag, Madrid 1938. [mit Illustrationen von Amado Oliver Mauprivez]
  • Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe. Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien. Edition Raetia, Bozen 2012, ISBN 978-88-7283-425-1. (mit Illustrationen von Amado Oliver Mauprivez/hrsg. und kommentiert von Joachim Gatterer)
  • Hans Landauer (unter Mitarbeit von Erich Hackl): Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer 1936–1939. Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien 2003. Vollständige, erweiterte Onlineversion
  • Günther Schwarberg: Drei Kühe und ein Leben. In: Zeitmagazin (Hamburg), 2. September 1994, S. 10–14.
  • Friedrich Stepanek: „Ich bekämpfte jeden Faschismus“. Lebenswege Tiroler Spanienkämpfer. Studienverlag, Innsbruck 2010, ISBN 978-3-7065-4833-5.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Madrid 1938, S. 10–12. Lebenslauf von Max Bair, abgedruckt in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012 (hrsg. von Joachim Gatterer), S. 156.
  2. ebenda Note 1
  3. Friedrich Stepanek: „Ich bekämpfte jeden Faschismus“, Innsbruck 2010, S. 186.
  4. Vgl. Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Madrid 1938, S. 13–15 u. S. 22. Lebenslauf von Max Bair, abgedruckt in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012 (hrsg. von Joachim Gatterer), S. 156.
  5. Vgl. Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Madrid 1938, S. 21–23. Lebenslauf von Max Bair, abgedruckt in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012 (hrsg. von Joachim Gatterer), S. 156.
  6. Vgl. Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Madrid 1938, S. 29–41.
  7. Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Madrid 1938, S.42 –44. Hans Landauer (Hrsg.): Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer 1936–1939, S. 56.
  8. Klaus Haupt: Der Tiroler Bauernjunge Max Bair und „Die drei Kühe“, in: Lisl Rizy/Willi Weinert (Hrsg.): Bin ich ein guter Soldat und Genosse gewesen?, Wien 2008, S. 69–76.
  9. Joachim Gatterer: Nachwort, in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, S. 73–81.
  10. Joachim Gatterer: Nachwort, in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, S. 80–81.
  11. Joachim Gatterer: Nachwort, in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, S. 81–86.
  12. Vgl. Brief von Max Bair an Egon Erwin Kisch vom Oktober 1946, abgedruckt in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, (hrsg. von Joachim Gatterer), S. 146.
  13. Joachim Gatterer: Nachwort, in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, S. 98–104.
  14. Friedrich Stepanek: „Ich bekämpfte jeden Faschismus“, Innsbruck 2010, S. 152–157.
  15. Joachim Gatterer: Nachwort, in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, S. 106–110. Lebenslauf von Max Bair, abgedruckt in: ebd., S. 157.
  16. Vgl. Günther Schwarberg: Drei Kühe und ein Leben, in: Zeitmagazin (Hamburg), 2. September 1994, S. 10–14.
  17. Joachim Gatterer: Nachwort, in: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe, Bozen 2012, S. 113–114. Lebenslauf von Max Bair, abgedruckt in: ebd., S. 157.