Milka Hartman

Milka Hartman (* 11. Februar 1902 in Loibach/Libuče bei Bleiburg (slow.: Pliberk); † 19. Juni 1997 ebenda) war eine Dichterin der slowenischsprachigen Volksgruppe von Kärnten.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Nach dem Besuch der Haushaltsschule in Ljubljana arbeitete Milka Hartman als Hauswirtschaftslehrerin zunächst in Slowenien und war dann ab 1927 als eine Art wandernde Hauswirtschaftslehrererin in verschiedenen Gelegenheitskursen[1] in Kärnten vom Jauntal bis zum Gailtal unterwegs, ehe sie 1956 krankheitshalber in Rente ging. Zeit ihres Lebens mit Bildungsarbeit beschäftigt, machte sie sich verdient um eine Erweiterung des kulturellen Horizontes der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ganz auf Kinder, Kirche, Küche beschränkten slowenischen Mädchen und Frauen.[2] So leitete sie zur Zeit des Anschlusses, „ gerade in den Märzmonaten, in denen die Deutschen Österreich okkupierten, sodass die Hälfte des Kurses schon unter den Deutschen stattfand“, einen Kochkurs des christlich-nationalslowenischen Kulturverbandes Slovenska prosvetna zveza.[3] Obwohl solche Kurse von etlichen Klerikalen angefeindet wurden, da sie in Gasthäusern stattfanden und zu Kursende „so unbäuerliche Produkte wie Torten und Likör verkauft wurden,“[4] wurde dieser Kochkurs gleichzeitig von deutscher Seite als Medium zur politischen Aufhetzung der Kursteilnehmerinennen verdächtigt, so dass Milka Hartman mit zehn weiteren Vorstandsmitgliedern des Vereins unter polizeiliche Beobachtung gestellt wurde.[5] 1941 kam sie vorübergehend in Gestapohaft, Vater und Bruder wurden von Nazis ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich dann intensiv in der kärntner-slowenischen Frauenpolitik und Kulturarbeit. Einer Gemeinschaft, der man zunächst die Sprache und dann sogar das Existenzrecht überhaupt streitig gemacht hatte, verlieh sie Stimme und Ausdruck mit ihren Texten für szenische Aufführungen[6] und Gedichten in einer „originären, intim poetischen Sprache, in der sich zunehmend ein von Einsamkeit, Zweifeln und manchmal Verzweiflung bedrängtes Ich zu erkennen gibt.[7] Da sie sowohl im lokalen slowenischen Dialekt als auch in standardisiertem Slowenisch schrieb - es liegen beispielsweise 26 ihrer Mundart-Gedichte von 1977 in beiden Varianten vor[8] - kann Milka Hartman damit als Begründerin der kärntner-slowenischen Dichtung des 20. Jahrhunderts betrachtet werden, wenn auch ihre Art der Poesie in der Tradition der Volkspoeten des 19. Jahrhunderts[9] später von einem Florjan Lipuš radikal in Frage gestellt wurde.[10] Zahlreiche jener ihrer volkstümlichem, sehr lyrischen Gedichte, in denen sie das bäuerliche Leben, den bäuerlichen Alltag vor der Industrialisierung beschreibt,[11] wurden - zum Teil von ihr selbst - vertont und zählen inzwischen zum festen Bestand des slowenischen Liedguts in Kärnten.

In der Neuen Zürcher Zeitung wird Milka Hartman als "panslawische Patriotin und eine volkstümliche, naive Dichterin" bezeichnet.[12] In Hartmans Leben spiegle sich viel vom Schicksal ihrer Volksgruppe wider. Da sei zum einen die sehr subjektive und schwermütige Lyrik, hinter der man die Sehnsucht einer einsamen Frau nach der heilen bäuerlichen Welt ihrer Kindheit spüre, volksliedhafte Arbeiten von großer Melancholie. Dann gebe es aber noch einen sehr plakativen, mitunter pathetisch anmutenden, politischen Teil, der sich mit dem Schicksal der Slowenen unter den Nazis befasst. Obschon nicht alle ihre Gedichte literarischen Ansprüchen genügen mögen, seien sie als kulturgeschichtliche Dokumente und Spiegelbilder der Schrecken des letzten Jahrhunderts von Bedeutung.

Der Verleger Franc Kattnig hat sich um das Werk Milka Hartmans sehr verdient gemacht. Fast alle Bücher seit den pesmi z libuškega puela gehen auf seine Initiative zurück.

Auszeichnungen

Mehrere Literaturpreise und Verleihung des Berufstitels Professor durch Bundespräsident Rudolf Kirchschläger (1983).

Werke

  • Dekliske pesmi. Gedichte. Selbstverlag, Ljubljana 1934
  • Med cvetjem in v soncu. Dekliške pesmi . Gedichte. Selbstverlag, Ljubljana 1934. Reprint: Krščanska kulturna zveza, Klagenfurt 1995
  • Moje grede. Gedichte. Hermagoras,Klagenfurt 1952
  • Lipov cvet. Gedichte. Hermagoras, Klagenfurt 1972
  • Pesmi z libuškega puela. Dialektgedichte, Krščanska kulturna zveza/Klub mladje, Klagenfurt 1977
  • Zivljenje. Poezije. Melodije. Gesammelte Werke in drei Bänden. Hg. von Feliks J. Bister, Klagenfurt-Wien 1982
  • Gedichte aus Kärnten. Gedichte in deutschsprachiger Übersetzung. Hg. von Janko Ferk. Hermagoras, Klagenfurt, 1987
  • Midsummer Night / Kresna noč. Sedemintrideset pesmi. 37 Gedichte, ins Englische übersetzt von Tom Priestly. Hermagoras, Klagenfurt 1992
  • Zimske rože. Izbrane pesmi. Gedichte. Hg. von Marjan Strojan. Ellerjeva edicija Bd. 20, Hermagoras, Klagenfurt 1998.ISBN 3-85013-535-7
  • Store dekve težva = Klage der alten Magd Hg.v. Jozef Strutz und Peter Rust. Hermagoras Klagenfurt- Ljubljana-Wien 2000 ISBN 3-85013-718-X
  • Težka je moja misel od spominov. Izbral, uredil in sklepno besedo napisal Andrej Leben, Hermagoras, Klagenfurt 2007 ISBN 978-3-7086-0293-6. In Übersetzung als:
  • Der Frost verspinnt die Beete mir mit feinen Netzen. Aus dem Slowenischen von Erwin Köstler und Andrej Leben, mit einem Nachwort von Andrej Leben. Drava Verlag, Klagenfurt 2007, ISBN 3-85435-507-6

Literatur

  • Andrea Sturm: Milka Hartman. Materialien zur Biographie und zum literarisch-poetischen Lebenswerk einer slowenischen Dichterin aus Kärnten. Diplomarbeit. Graz 1995
  • Maria Spieler: Milka Hartman. In: Johann Strutz: Profile der neueren slowenischen Literatur in Kärnten, 2. Aufl., Hermagoras, Klagenfurt 1998.
  • Andreas Leben: Vereinnahmt und ausgegrenzt. Die slowenische Literatur in Kärnten. (= Slowenisches Institut zur Alpen-Adria-Forschung Klagenfurt, Dissertationen und Abhandlungen/Dissertacije in razprave Bd. 34) Drava-Verlag, Klagenfurt 1994 ISBN 3-85435-208-5
  • Die Kärntner Slowenen. Spurensuche. (= Erzählte Geschichte. Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten Bd. 4, Hg.v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes) Österreichischer Bundesverlag, Wien 1990
  • Andreas Moritsch: Die Kärntner Slovenen 1900 - 2000. Bilanz des 20. Jahrhunderts . Hermagoras, Klagenfurt-Wien 2000 ISBN 3-85013-753-8
  • Karl F Stock/Heilinger, Rudolf/Stock, Marylène : Personalbibliographien österreichischer Dichterinnen und Dichter von den Anfängen bis zur Gegenwart . Saur, München, 2. Aufl. 2002, S. 2341 ISBN 3-598-11570-9
  • Helena Verdel: Widerstand der Kärntner Sloweninnen. In: Jahrbuch 2009, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2009, S. 145-158, ISBN 3-643-50010-6
  • Evelyn Steinthaler: Frauen 1938: Verfolgte, Widerständige, Mitläuferinnen Verlag Milena,ISBN 3-85286-161-6 2008
  • Peter Turrinin: Mein Österreich. Reden, Polemiken, Aufsätze. Sammlung Luchterhand 811, Luchterhand Literaturverlag, Darmstadt 1988 ISBN 3-630-61811-1
  • „Our Dialect Sounds Stupid“: The Importance of Attitudes to So-Called Sub-Standard Language Codes as a Factor in the (Non-)Retention of Slovene in Carinthia, Austria. In: Durk Gorter(Hg.): Fourth International Conference on Minority Languages, Leeuwarden 1989] Bd. 2: Western and Eastern European papers. (= Bd. 71), Multilingual Matters Ltd., Clevedon, Avon, GB und Bristol, PA 1990 S. 135-149 ISBN 1-85359-111-4

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Österreichisches Nationalinstitut: Die Republik, Teil 4, Verlag Österreichisches Nationalinstitut, Wien 1979, S. 25
  2. Evelyn Steinthaler: Frauen 1938: Verfolgte, Widerständige, Mitläuferinnen Verlag Milena, 2008 S. 101
  3. Milena Gröblacher: „Aus, windische Ljubica. In: Erzählte Geschichte der Kärntner Slowenen Band 4: Die Kärntner Slowenen. Spurensuche, Wien 1990
  4. Helena Verdel: Widerstand der Kärntner Sloweninnen. In: Jahrbuch 2009, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes Berlin-Hamburg-Münster 2009, S. 153f.
  5. Slovene Studies. Journal of the Society for Slovene Studies, Bde. 22-24, S. 102f.
  6. Anton Kreuzer: Kärntner 16. - 20. Jahrhundert , Kärntner Druck- und Verlagsgesellschaft, Klagenfurt 1998 S. 163 ISBN 3-85391-151-X
  7. Stefan Michael Newerkla: Slawistik INFO: Publ. NEU Milka Hartman (hrsg. von Andrej Leben), deutsch und slowenisch
  8. Tom Priestly: "Our Dialect Sounds Stupid": The Importance of Attitudes to So-Called Sub-Standard Language Codes as a Factor in the (Non-)Retention of Slovene in Carinthia, Austria. In: Durk Gorter (Hg.): Fourth International Conference on Minority Languages, Leeuwarden 1989 Bd. 2: Western and Eastern European papers. (= Multilingual Matters Bd. 71), Clevedon u.a. 1990 S. 138 ISBN 1-85359-111-4
  9. Fabian Prilasnig: Die slowenische Minderheit in Kärnten - von den Anfängen bis zur Gegenwart. Seminararbeit Univ. Graz, Akademische Schriftenreihe GRIN Verlag, Norderstedt 2007 S. 45 ISBN 3-640-17163-2
  10. Klaus Amann (Hg.): Worte. Ränder. Übergänge. Veröffentlichung des Musil-Institutes der Universität Klagenfurt, Kärntner Literaturarchiv , Verlag Ritter, Klagenfurt-Wien 2002, S. 247 ISBN 3-85415-315-5
  11. Peter Turrinin: Mein Österreich. Sammlung Luchterhand 811, Luchterhand Literaturverlag, Darmstadt 1988 S. 113 ISBN 3-630-61811-1
  12. Neue Zürcher Zeitung vom 14. Juni 2008: Uwe Stolzmanns Rezension von Der Frost verspinnt die Beete mir mit feinen Netzen