Mission Hoyos

Als Mission Hoyos, oder Hoyos-Mission, bezeichnet man die Reise des k.u.k.-Sondergesandten Legationsrat Alexander Graf von Hoyos nach Berlin am 5. und 6. Juli 1914 zu Beginn der Julikrise. Das Ziel seiner Mission war es, die Unterstützung des Deutschen Reichs für eine militärische Intervention Österreich-Ungarns gegen Serbien zu erlangen. Schließlich gelang es ihm, den so genannten „Blankoscheck“ zu erhalten, der zum Krieg mit Serbien und schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.

Alexander Graf von Hoyos (um 1914)

In der Forschung wurde die Mission bis jetzt kaum beleuchtet, ist jedoch als einer der zentralen Vorgänge der Julikrise zu sehen.

Inhaltsverzeichnis

Reaktionen nach dem Attentat von Sarajevo

Gespräche informeller Art

Außenminister Leopold Graf Berchtold

Bereits am Tag nach dem Attentat auf Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie kam es in der Kanzlei des Kabinettschef des k.u.k. Außenministeriums Hoyos zu einer Besprechung. Kämmerer und Geheimer Rat Franz von Walterskirchen, Legationsrat Alexander von Musulin und Unterstaatssekretär Johann von Forgách besprachen ein mögliches Vorgehen nach dem Tod des Thronfolgers. Kabinettschef Hoyos selbst war verhindert. Musulin sah durch das Attentat nun die Möglichkeit gekommen, gegen Serbien vorgehen zu können und „die slawischen Teile der Monarchie [...] für den Krieg gegen Serbien mitreißen“ zu können.[1] Die Besprechung endete damit, dass Forgách der Idee eines Krieges mit den Worten zustimmte: „Wenn Du den Minister [Außenminister Leopold Berchtold ] für den Plan gewinnen kannst, habe ich nichts dagegen.“[1]

Hoyos hatte bereits am 1. Juli mit dem deutschen Publizisten Victor Naumann eine geheime Unterredung geführt. In von Graf Hoyos' Aufzeichnungen ist Folgendes zu lesen: Naumann glaubt,

„daß man im Auswärtigen Amt in Berlin der Idee eines Präventivkrieges gegen Rußland nicht mehr so ganz ablehnend gegenüberstehe wie vor einem Jahre. Seiner Ansicht nach sei es nach der Bluttat von Sarajevo für die Monarchie eine Existenzfrage dass sie dieses Verbrechen nicht ungesühnt lasse sondern Serbien vernichte.[...] Oesterreich-Ungarn sei als Monarchie und Großmacht verloren wenn es diesen Moment nicht benütze. Ich erwiderte Dr. Naumann dass ich auch meinerseits eine Lösung der serbischen Frage für unbedingt notwendig halte und dass es jedenfalls für uns von ganzen Nutzen wäre die Gewissheit darüber zu erhalten dass wir gegebenenfalls auf die Rückendeckung Deutschland rechnen könnte. [2]

Vor der am nächsten Tag stattfindenden Ministerratssitzung informierte Musulin Kabinettschef Hoyos über die am Vortag erfolgte Unterredung. In einer darauf folgenden Unterredung hatte Außenminister Berchtold ebenfalls den Kriegsplänen Musulins und Forgáchs zugestimmt. Hoyos, der zunächst opponierte, begab sich umgehend in das Büro des ungarischen Ministerpräsidenten István Tisza, um zu berichten, dass „der Minister wieder einmal den Krieg machen“ wolle.[1] Tisza sprach sich unmittelbar gegen einen möglichen Krieg gegen Serbien aus. Bei einem Sieg, der bei einem raschen Schlag gegen Serbien zu erwarten gewesen wäre, hätte man mindestens Teile Serbiens der ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie zugeschlagen. Daraus hätte eine Stärkung der slawischen Bevölkerung zu Ungunsten der Magyaren resultiert.[3]

Ministerratssitzungen

Ministerpräsident István Tisza

Tisza blieb während der Ministerratssitzungen der folgenden Tage der einzige Gegner eines Krieges gegen Serbien. Außenminister Berchtolds Position war eindeutig für einen Schlag gegen Serbien, der österreichische Ministerpräsident Karl Graf von Stürgkh plante die slawischen Nationalbewegungen in der Monarchie durch eine Aktion gegen Serbien niederzuschlagen und dachte bereits „an den Krieg als ein Unternehmen auch innenpolitischer Art“.[4]. Der Chef des Generalstabes Conrad von Hötzendorf sah nun den „Moment zur Lösung der serbischen Frage“ gekommen.[5]

Um sich des mit einem Krieg verbundenen Risikos zu erwehren, telegraphierte Tisza am 1. Juli 1914 an Kaiser Franz-Joseph:

Ich hatte erst nach meiner Audienz Gelegenheit, Grafen Berchtold zu sprechen und von seiner Absicht, die Greueltat von Sarajewo zum Anlasse der Abrechnung zu machen Kenntnis erhalten.[6]

Obwohl der Großteil der Ministerkonferenz ein Eingreifen in Serbien befürwortete, war man sich der Tatsache bewusst, dass ein Vorgehen ohne Abstimmung und Rückendeckung mit dem Deutschen Reich nicht machbar wäre. Ein gleichzeitiges Eingreifen Russlands hätte eine Pattsituation zur Folge gehabt. Ebenso konnten die Anhänger einer Intervention den Widerstand Tiszas nicht einfach umgehen. Als Ministerpräsident Ungarns vertrat er eine Hälfte der Donaumonarchie und verfügte über eine Art Veto-Recht in gemeinsamen Angelegenheiten.[7]

Aus diesem Grunde beschloss die Ministerratskonferenz, ein altes, nicht verwendetes Memorandum aus den Tagen der Annexionskrise von 1908 umzuarbeiten und es gemeinsam mit einem handschriftlichen Brief Kaiser Franz-Josephs nach Berlin zu entsenden und die Unterstützung Kaiser Wilhelms einzuholen.[1] Bei dem Memorandum handelte es sich um ein nie verwendetes Schreiben, welches ursprünglich die Bildung eines Defensivbündnisses Österreich-Ungarns mit Bulgarien und Serbien zum Ziel setzte. Die nun veränderte außenpolitische Lage schloss eine Zusammenarbeit mit Serbien jedoch aus, so dass nur noch von der Zusammenarbeit mit Bulgarien die Rede war. Der persönliche Brief Franz-Josefs, der von Hoyos selbst aufgesetzt wurde, ergänzte das Memorandum dahingehend, „daß Österreich und Serbien nicht mehr nebeneinander fortbestehen können“ und ein Waffengang nun unausweichlich sei.[1]

Die Tragweite der Entscheidungen dieser Tage wird in einem Interview aus dem Jahr 1917 klar, als der politische Journalist Heinrich Kanner den damaligen Finanzminister Leon Biliński auf die Julikrise anspricht.

Bilinski sagte..., wir haben ihn (den Krieg) schon früher beschlossen, das war schon ganz am Anfang. Ich [Kanner] fragte nun wann. ... Er schwankte zwischen dem 1. und 3. Juli, schien sich dann aber dem 3. Juli zuzuneigen. Auch die Konsequenzen eines solchen Krieges waren allen Beteiligten klar, ... nein, das habe man schon gewußt, daß das ein großer Krieg werden kann, der Kaiser speziell hat damit gerechnet. [...Franz Joseph sagte] Rußland kann das unmöglich hinnehmen.[8]

Zusätzlich unterwies Außenminister Berchtold Alexander Hoyos mündlich, dem Grafen Szögény [dem k.u.k. Botschafter in Berlin] zu eröffnen, daß wir den Moment für gekommen erachten, [...] mit Serbien abzurechnen.[9]

Mission in Berlin

Vorgespräche

Arthur Zimmermann
Gottlieb von Jagow

Hoyos war für die Gespräche in Berlin der „ideale Partner,“ weil er schon in der bosnischen Annexionskrise die deutsche Rückendeckung heimgebracht hatte. Er wollte diesen Erfolg wiederholen und schlug Berchtold eine neuerliche Mission vor.[10] Am Morgen des 5. Julis erreichte Hoyos mit dem Nachtzug Berlin. Da Kaiser Wilhelm bereits am Morgen des nächsten Tages auf seine Nordlandreise zu gehen beabsichtigte, hatte Botschafter Szögyény bereits für den Nachmittag desselben Tages eine Audienz arrangiert. Hoyos machte sich umgehend auf den Weg zum Botschafter, um die Audienz vorzubereiten.[11] Im Memorandum befand sich weiters ein handschriftliches Postskriptum Berchtolds, dass es nun „um so gebieterischer“ von Österreich-Ungarn erfordert sei, „mit entschlossener Hand die Fäden zu zerreißen, die ihre Gegner zu einem Netz über ihrem Haupt verdichten wollen.“ Der Brief Franz-Josephs ging sogar so weit, in Serbien einen “Herd von verbrecherischer Agitation“ zu sehen.[12] In dem auf 2. Juli datierten Brief des Kaisers an Kaiser Wilhelm hieß es: „Das Bestreben meiner Regierung muß in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein.“ Serbien, der „Angelpunkt der panslawistischen Politik“, sollte als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet werden.[13]

Nachdem Hoyos den Botschafter Szögyény umfassend informiert hatte, zogen sie den Unterstaatssekretär im Deutschen Auswärtigen Amt, Arthur Zimmermann, hinzu. Zimmermann hatte zu diesem Zeitpunkt die Leitung des Amts inne, da Staatssekretär Gottlieb von Jagow, wie die meisten anderen Spitzen des Deutschen Reiches im Urlaub weilte. Hoyos informierte auch Zimmermann, allerdings verschwieg er ihm den Widerstand des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza. Stattdessen schilderte Hoyos, dass Österreich-Ungarn den Wunsch habe, Serbien umgehend anzugreifen und ohne jegliche Verhandlungen einen überraschenden Vergeltungsschlag zu führen.[14]

Zimmermann stimmte den vorgetragenen Ideen zu; er sah einen schnellen Schlag Österreich-Ungarns als zwingend notwendig an. So könne ein fait accompli geschaffen werden, dass einerseits die Position der Donaumonarchie auf dem Balkan festigen, andererseits eine Reaktion der Entente-Mächte Russland und Frankreich ausschließe. Falls es dennoch zu einem Eingreifen käme, so Zimmermann, sei es aufgrund der militärischen Stärke des Deutschen Reichs keinerlei Problem, beide Mächte in Schach zu halten. Mit einem Eingreifen Großbritanniens sei jedoch keinesfalls zu rechnen.[15] Im Anschluss an die Besprechung informierte Zimmermann den Deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg.

Nach dem Ende des Gespräches verabschiedete sich Hoyos mit den folgenden Worten von Zimmermann:

Sie konnten doch nicht glauben, dass Österreich-Ungarn die Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo ruhig hinnehme und nicht darauf reagieren werde.[1]

Auch hier hatte Hoyos gelogen, ein Vorgehen war keinesfalls entschiedene Sache, der Widerstand Tiszas war ungebrochen.

Audienz bei Kaiser Wilhelm

Kaiser Wilhelm II.

Die Audienz Szögyénys und Hoyos begann gegen 13 Uhr, erstaunlich war, dass der Hohenzoller die beiden alleine empfing. Es gab keinerlei Berater und keinerlei Vorbereitungen auf die Audienz, was in der außenpolitischen Lage üblich und angebracht gewesen wäre. Weder Bethmann-Hollweg noch Zimmermann unternahmen Schritte, der Audienz beizuwohnen.[16]

So ist davon auszugehen, dass Wilhelm anfangs das Anliegen Kaiser Franz-Josephs nicht als ernste Gefährdung Österreich-Ungarns wahrnahm. Nach dem Studium der durch Hoyos und Szögyény vorgelegten Quellen lehnte er eine deutsche Unterstützung für einen Krieg ab. Wilhelm versicherte zwar, daß er eine ernste Aktion unsererseits gegenüber Serbien erwartet habe, doch müsse er gestehen, daß er eine ernste europäische Komplikation im Auge behalten müsse und vor Beratung mit Reichskanzler keine definitive Antwort erteilen wolle.[17]

Doch Szögyény versuchte weiter, eine Zusage des Kaisers zu erringen, und nach einem gemeinsamen Mittagessen in großer Gesellschaft führte man die Audienz weiter. Der Botschafter schilderte dem Kaiser noch einmal nachdrücklich, wie ernst die Situation sei und zeichnete eine existentielle Bedrohung der Monarchie und die damit verbundenen Gefahren.[18]

Hierbei muss nun ein Umdenken Wilhelms stattgefunden haben. Offensichtlich war Szögyénys Schilderung einer existentiellen Bedrohung überzeugend genug, dass Wilhelm seine persönliche Beziehung zu Kaiser Franz-Joseph sowie seine Vorstellungen von Ehre und Ritterlichkeit zur Grundlage seiner weiteren Vorgehensweise werden ließ. Szögyény wie auch Hoyos hatten hier wohl die richtigen Hebel in Bewegung gesetzt, um Wilhelm zu einem zumindest anteiligen Einlenken zu bringen. Denn mit seiner nun folgenden Zusage zur Bündnistreue bezog sich Wilhelm keineswegs auf die aktuelle Situation, sondern wiederholte seine Erklärung aus den Tagen der bosnischen Annexionskrise.[19] Überhaupt waren Personen, Worte und Ziele frappierend ähnlich wie in der Annexionskrise 1908.[20]

1908 war Szögyény in Begleitung von Hoyos nach Rominten gereist, einem Jagdschloss Kaiser Wilhelms, um dort die Unterstützung des Deutschen Reichs in der Krise einzuholen. Hoyos schrieb darüber in seinem Bericht nach Wien:

Am Schluß der Unterredung erwähnte ich noch die bedrohliche Lage der Dinge in Serbien. Worauf seine Majestät erwiderte, die Serben sollten lieber Stille halten, um nicht Gefahr zu laufen, von Österreich-Ungarn und Bulgarien über den Haufen geworfen zu werden. [...] Aus den im gnädigen Tone vorgetragenen Ausführungen Seiner Majestät war Deutlichkeit zu entnehmen, [...] wie fest Höchstderselbe entschlossen ist, dieselbe [Politik Österreich-Ungarns] in unwandelbarer Bündnistreue zu unterstützen.[21]

Hinzu kommt, dass jenes eher profane Ergebnis der Audienz von Szögyény und Hoyos mit weit größerer Tragweite nach Wien berichtet wurde. Der Botschafter behauptete, dass Wilhelm empfehle, mit einem Vorgehen gegen Serbien nicht länger zu warten, da nun die richtige Gelegenheit gekommen sei. Natürlich würde Rußlands Haltung [...] jedenfalls feindselig sein, doch sei er [Wilhelm] schon seit Jahren vorbereitet, und sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Rußland kommen, so könnten wir davon überzeugt sein, daß Deutschland in gewohnter Bündnistreue an unserer Seite stehen werde.[22]

Dass Szögyény mit seinem Bericht mindestens übertrieben hatte, zeigt das Gespräch Wilhelms mit Kriegsminister Erich von Falkenhayn, direkt nach dem Ende der Audienz. Wilhelm äußerte seine Meinung, dass es der österreichischen Regierung mit ihrer gegenüber früheren Sprache immerhin ernst ist. Dennoch seien vor einem eventuellen Krieg noch zu viele Dinge zu klären, so dass in keinem Fall die nächsten Wochen eine Entscheidung bringen.[23]. Als Falkenhayn ihn fragte, ob es notwendig sei, das Deutsche Heer zu mobilisieren oder zumindest bereitzuhalten, antwortete Wilhelm mit einem einfachen Nein.

Am Abend führte Wilhelm ein Gespräch mit Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Zimmermann über die Audienz. Wilhelm betonte dabei ausdrücklich, dass es Aufgabe der Deutschen Außenpolitik sei mit allen Mitteln dagegen [zu] arbeiten [...] daß sich der österreichisch-serbische Streit zu einem internationalen Konflikt auswachse.[24]

Es erhärtet sich somit der Verdacht, dass Hoyos und Szögyény entsprechende Informationen je nach Bedarf veränderten oder zurückhielten.[25]

Reaktionen in Wien

Der Ballhausplatz, bis 1918 Sitz des k.u.k. Außenministeriums

Hoyos kehrte am 6. Juli bereits nach Wien zurück und berichtete am darauf folgenden Tag Berchtold, Stürgkh und Tisza von den Ergebnissen seiner Mission.

Im Gespräch mit Unterstaatssekretär Zimmermann und Bethmann Hollweg hatte Hoyos die „völlige Aufteilung“ Serbiens gefordert. Tisza war außer sich, als er davon erfuhr, dass Hoyos während der Audienz ohne jegliche Weisung Äußerungen zur Aufteilung Serbiens nach einem erfolgreichen Krieg als offizielle Meinung der Donaumonarchie ausgegeben hatte. Wortwörtlich hatte Hoyos gesagt, dass Serbien „verschwinden“ müsse. Nach dem Protest Tiszas wurden diese Äußerungen von Berchtold als persönliche Meinung des Grafen dargestellt.[1][26] In „seinem Eifer, freie Bahn für einen Eroberungskrieg zu schaffen“, gefährdete Hoyos dadurch noch den Erfolg seiner Mission.[27]

Tisza war mit der allgemeinen Kriegsbereitschaft noch immer nicht einverstanden. Zwar sah auch er die Möglichkeit einer Aktion gegen Serbien für näher gerückt, aber er wollte einem überraschendem Angriff auf Serbien ohne vorhergehende diplomatische Aktion, wie dies beabsichtigt zu sein schiene und bedauerlicherweise auch in Berlin [...] besprochen wurde, niemals zustimmen.[28]

Nach langer Debatte beschloss der Ministerrat, mit der vermeintlichen Unterstützung des Deutschen Reiches im Rücken, nun eine tunlichst rasche Entscheidung des Streitfalles mit Serbien herbeizuführen. Tiszas Bedenken kam man dabei entgegen. Ein Ultimatum sollte konkrete Forderungen an Serbien stellen, die dann nach einer Zurückweisung zu einer Mobilisierung der k.u.k. Truppen führen würden. Außer Tisza waren sich jedoch alle Anwesenden darüber einig, daß ein rein diplomatischer Erfolg, auch wenn er in einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und dass daher solche weitgehenden Forderungen an Serbien gestellt werden müßten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde.[29]

Ein Krieg Österreich-Ungarns gegen Serbien war damit de facto beschlossene Sache.

Die Tragweite von Hoyos' Handeln zeigt sich in seinen eigenen Worten, von denen einer seiner Mitarbeiter am Ballhausplatz, Konsul Emanuel Urbas berichtete:

Als eine tief moralische Natur hat er unter der geschichtlichen Verantwortung, die auf ihm lastete, nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns, wie ich weiß, so fürchterlich gelitten, daß er im Winter 1918/19, den er zurückgezogen in Friedrichsruh verbrachte, monatelang mit dem Gedanken des Freitodes rang.[30]

Rezeption in der Geschichtswissenschaft

Schlug die Fischer-Kontroverse in den 1960ern große Wellen und veränderte die Wahrnehmung der Kriegsschuldfrage in der Bundesrepublik nachhaltig, bezog sich diese Rezeption des Ersten Weltkriegs gleichzeitig fast ausschließlich auf das Deutsche Kaiserreich. Eine stark überwiegende „Kriegsschuld“ des Deutschen Reichs gilt seitdem als gegeben, während die anderen Großmächte der damaligen Zeit mit weitaus geringerem Anteil für „schuldig“ gehalten werden.[31] Dennoch bleibt die Frage nach Art und Umfang der deutschen Kriegsschuld bis heute weiter offen und äußerst umstritten, wie die nach wie vor zahlreich erscheinende Fachliteratur belegt.[32]

In Österreich hingegen führte damals die Diskussion um Fischers Thesen nicht etwa zu einem Umdenken in der Beurteilung der Bedeutung Österreich-Ungarns für den Kriegsausbruch 1914. Lediglich Fritz Fellner und Rudolf Neck berücksichtigten die neue Sichtweise, wurden aber größtenteils von der Öffentlichkeit ignoriert.[33] Diese Ignoranz gegenüber einer eigentlich angebrachten Neubewertung der Rolle des Ballhausplatzes in der Julikrise erklärt Fellner mit der Situation Österreichs nach 1945. Das „Erwachen aus dem großdeutschen Traum“ habe zu der Notwendigkeit geführt, die Habsburgermonarchie positiv umzudeuten und zu einem neuen Gründungsmythos der Zweiten Republik zu machen, die „konservative Gegenwart Österreichs wurde mit Hilfe eines altösterreichischen Geschichtsbildes [...] an eine vorgeblich konservative, auf Erhaltung des Friedens und des status quo gerichtete Vergangenheit im Habsburgerreich gebunden“.[34]

Die Anzahl der Werke, die sich dezidiert mit der Mission Hoyos auseinandersetzten, blieb sowohl in Deutschland als auch Österreich entsprechend gering. Die erste Monographie, die sich umfassend mit dem Thema auseinandersetzt ist Die Mission Hoyos (2011) von Eric A. Leuer. Dieser stellt die These auf, dass die Protagonisten im österreichisch-ungarischen diplomatischen Corps mit Wissen und Zustimmung Berchtolds und Kaiser Franz-Josefs den Krieg bewusst forcierten hätten. Das Ziel dabei sei die Rückerlangung der Hegemonie über den Balkan durch eine militärische Niederschlagung Serbiens gewesen. Dabei sei Wien von der falschen Prämisse ausgegangen, dass Deutschland militärisch außerordentlich stark sei. In den Augen Wiens habe man es sogar für unbesiegbar gehalten und somit einen Krieg gemeinsam mit dem Bündnispartner im Zweibund auch bei einer Beteiligung der Entente als sicher zu gewinnen betrachtet.[35]

Literatur

  • Luigi Albertini: The Origins of the War of 1914. 3 Bände, Oxford 1953.
  • Holger Afflerbach: Der Dreibund. Europäische Großmacht- und Allianzpolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99399-3.
  • August Bach: Deutsche Gesandtschaftsberichte zum Kriegsausbruch 1914. Berlin 1937.
  • Volker Berghahn: Der erste Weltkrieg. Beck, München 2003, ISBN 3-406-48012-8.
  • Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): Österreich-Ungarns Außenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äußeren. Wien/Leipzig 1930.
  • Franz Conrad von Hötzendorf: Aus meiner Dienstzeit 1906–1918. Band 4: 24. Juni 1914 bis 30. September 1914. Die politischen und militärischen Vorgänge vom Fürstenmord in Sarajevo bis zum Abschluß der ersten und bis zum Beginn der zweiten Offensive gegen Serbien und Rußland. Rikola-Verlag, Wien/Leipzig/München 1922.
  • Fritz Fellner: Die „Mission Hoyos“. In: Fritz Fellner, Heidrun Maschl, Brigitte Mazohl-Wallnig (Hrsg.): Vom Dreibund zum Völkerbund. Studien zur Geschichte der internationalen Beziehungen 1882–1919. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1994, ISBN 3-7028-0333-5. Rezension
  • David Fromkin: Europas letzter Sommer. Die scheinbar friedlichen Wochen vor dem ersten Weltkrieg. Blessing, München 2005, ISBN 3-89667-183-9.
  • Hugo Hantsch: Leopold Graf Berchtold, Grandseigneur und Staatsmann. 2 Bände, Graz/Wien/Köln 1963.
  • Alexander von Hoyos: Meine Mission nach Berlin. In: Fritz Fellner, Heidrun Maschl, Brigitte Mazohl-Wallnig (Hrsg.): Vom Dreibund zum Völkerbund. Studien zur Geschichte der internationalen Beziehungen 1882–1919. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1994, ISBN 3-7028-0333-5, S. 135–141.
  • Karl Kautsky, Max Montgelas (Hrsg.): Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914. Band 1, Berlin 1921.
  • Friedrich Kießling: Gegen den großen Krieg? Entspannung in den internationalen Beziehungen 1911-1914. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56635-0.
  • Miklós Komjáthy (Hrsg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918). Budapest 1966.
  • Eric A. Leuer: Die Mission Hoyos. Wie österreichisch-ungarische Diplomaten den ersten Weltkrieg begannen. Centaurus, Freiburg i.B. 2011, ISBN 978-3-86226-048-5.
  • Wolfgang J. Mommsen: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914–1918. Handbuch der Deutschen Geschichte 17, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-60017-5.
  • Wolfgang Schieder (Hrsg.): Erster Weltkrieg. Ursachen, Entstehung und Kriegsziele. Köln/Berlin 1969.
  • Harry F. Young: Prince Lichnowsky and The Great War. University of Georgia Press, Athens (Georgia, USA) 1977, ISBN 0-8203-0385-2.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Alexander von Hoyos: Meine Mission nach Berlin. In: Fritz Fellner: Die „Mission Hoyos“. In: Fritz Fellner, Heidrun Maschl (Hrsg.): Vom Dreibund zum Völkerbund. Studien zur Geschichte der internationalen Beziehungen 1882−1919. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1994, ISBN 3-7028-0333-5, S. 135ff.
  2. Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): Österreich-Ungarns Außenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äußeren. Wien/Leipzig 1930, Band 6: S. 335f.
  3. Miklós Komjáthy (Hrsg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918), Budapest 1966, S. 84f.
  4. Leo Valiani: Verhandlungen zwischen Italien und Österreich-Ungarn 1914-1915. In: Wolfgang Schieder (Hrsg.): Erster Weltkrieg. Ursachen, Entstehung und Kriegsziele. Köln, Berlin 1969, S. 317-346, hier: S. 337.
  5. Franz Conrad von Hötzendorf: Aus meiner Dienstzeit 1906-1918, Wien, Leipzig, München 1922, Band 4, S. 22f.
  6. Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): Österreich-Ungarns Außenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äußeren. Wien, Leipzig 1930, Band 8, S. 248 (Nr. 9978).
  7. Miklós Komjáthy (Hrsg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918), Budapest 1966, S. 82ff.
  8. Robert A. Kann: Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges. Wien 1971, S. 16.
  9. Hugo Hantsch: Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staatsmann. Graz, Wien, Köln 1963, Band 2, S. 573.
  10. Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg. Böhlau Verlag, Wien/Graz/Köln 1993, ISBN 3-222-12454-X, S. 70.
  11. Friedrich Thimme: Front wider Bülow. Staatsmänner, Diplomaten und Forscher zu seinen Denkwürdikeiten. München 1931, S. 232.
  12. Lüder Meyer-Arndt: Die Julikrise 1914. Wie Deutschland in den Ersten Weltkrieg stolperte. Böhlau, Köln, Wien 2006, S. 24.
  13. Imanuel Geiss (Hrsg.): Julikrise und Kriegsausbruch. Eine Dokumentensammlung. Hannover 1963, Band 1: S. 63f. (Nr. 9); und Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): Österreich-Ungarns Außenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äußeren. Wien/Leipzig 1930, Band 8, S. 250 ff. (Nr. 9984).
  14. Hans Hallmann: Vorwort in: Fritz Kern: Skizzen zum Kriegsausbruch im Jahre 1914, Darmstadt 1968, S. 11; sowie Imanuel Geiss: Julikrise und Kriegsausbruch 1914, Hannover 1964, Nr. 39.
  15. Luigi Albertini: The Origins of the War of 1914, Band 2, Oxford 1953, S. 144.
  16. Kurt Jagow: Der Potsdamer Kronrat. In: Süddeutsche Monatshefte, München 1928, S. 780.
  17. Lüder Meyer-Arndt: Die Julikrise 1914, S. 26.
  18. Kurt Jagow: Der Potsdamer Kronrat, in: Süddeutsche Monatshefte, München 1928, S. 782.
  19. Dieser Vermutung entspricht: August Bach: Deutsche Gesandtschaftsberichte zum Kriegsausbruch 1914. Berlin 1937, S. 14 ff.
  20. Fritz Fellner: Die „Mission Hoyos“. In: Fritz Fellner, Heidrun Maschl (Hrsg.): Vom Dreibund zum Völkerbund. Studien zur Geschichte der internationalen Beziehungen 1882−1919. Verlag für Geschichte u. Politik, Wien 1994, ISBN 3-7028-0333-5, S. 112–141, hier: S. 116.
  21. Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): Österreich-Ungarns Außenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Band 1, Nr. 294, S. 226.
  22. Imanuel Geiss: Julikrise und Kriegsausbruch. Nr. 21.
  23. Imanuel Geiss: Julikrise, Nr. 26.
  24. Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung, Beilage I zu den stenographischen Berichten über die öffentlichen Verhandlungen des Untersuchungsausschusses (1. Unterausschuß), Berlin 1920-1921, Nr. 10 und Nr. 32.
  25. Vgl. dazu die Quellen über die Gespräche Wilhelms mit den Deutschen Militärs in den darauffolgenden Tagen, in: Kautsky, Montgelas: Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch, Anhang IV, Nr. 2.
  26. Imanuel Geiss (Hrsg.): Julikrise und Kriegsausbruch. Eine Dokumentensammlung. Hannover 1963, Band 1, Nr. 115; und József Galántai: Hungary in the First World War. Budapest 1989, ISBN 963-05-4878-X, S. 34.
  27. Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906−1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 468.
  28. Bittner, Uebersberger: Österreich-Ungarns Außenpolitik, Band VIII, S. 344.
  29. Bittner, Uebersberger: Österreich-Ungarns Außenpolitik, Band 8, S. 344.
  30. Ernst U. Cormons: Schicksale und Schatten. Eine Österreichische Autobiographie. Salzburg 1951, S. 163.
  31. Vgl.: John C. G. Roehl: Wilhelm II. München 1993-2008; Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918. Düsseldorf 1964; Der Kriegsausbruch „Seine Schuld ist sehr groß“. Der Wilhelm-II.-Biograf John Röhl über die Verantwortung des Kaisers für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Spiegel special 1/2004.
  32. Siehe beispielhaft: Friedrich Kießling: Gegen den großen Krieg? Entspannung in den internationalen Beziehungen 1911-1914. München 2002; Volker Berghan: Der erste Weltkrieg, München 2003; James Joll, Gordon Martell: The Origins of the First World War. Harlow, u.a. 2007; Wolfgang Mommsen, Die Urkatastrophe Deutschlands. Der erste Weltkrieg 1914-1918. Handbuch der Deutschen Geschichte, Band 17, Stuttgart 2002; Lüder Meyer-Arndt: Die Julikrise 1914. Wie Deutschland in den ersten Weltkrieg stolperte. Köln, Wien 2006.
  33. Fritz Fellner: Zur Kontroverse über Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht“. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Band 72, Wien 1964, S. 507-514; sowie: Rudolf Neck: Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg. Zu den Auseinandersetzungen um das Werk von Fritz Fischer, „Griff nach der Weltmacht“. In: Mitteilungen des österreichischen Staatsarchives, Band 15, Wien 1962, S. 565-576.
  34. Fritz Fellner: Die „Mission Hoyos“. In: Fritz Fellner, Heidrun Maschl, Brigitte Mazohl-Wallnig (Hrsg.): Vom Dreibund zum Völkerbund. Studien zur Geschichte der internationalen Beziehungen 1882-1919. Wien, München 1994, S. 112f.
  35. Eric A. Leuer: Die Mission Hoyos. Wie österreichisch-ungarische Diplomaten den ersten Weltkrieg begannen. Freiburg i.B. 2011, ISBN 978-3-86226-048-5.
Dies ist ein als lesenswert ausgezeichneter Artikel.
Dieser Artikel wurde am 15. September 2009 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.