Moritz Güdemann

Moritz Güdemann (* 19. Februar 1835 in Hildesheim; † 5. August 1918 in Baden bei Wien) war ein jüdischer Gelehrter, Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und langjähriger Rabbiner in Wien. Er war Mitbegründer der Oesterreichisch-Israelitischen Union und der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt. Als sein bedeutendstes Werk gilt seine Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der abendländischen Juden während des Mittelalters und der neueren Zeit.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Güdemann besuchte die jüdische Grundschule und trat danach in ein katholisches Institut ein, wo er von Priestern unterrichtet wurde. Von 1854 bis 1862 absolvierte er das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar und hörte gleichzeitig Vorlesungen über arabische und persische Literatur an der Universität Breslau. 1862 wurde er in Breslau zum Rabbiner ordiniert und im gleichen Jahr Rabbiner in Magdeburg.[1] Vier Jahre darauf wurde er zum Prediger am Leopoldstädter Tempel in Wien ernannt, 1868 wurde er gemeinsam mit dem Rabbiner der Schiffschul, Salomon Spitzer, Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Lazar Horowitz. Im Jahr 1869 wurde er Vorsteher des rabbinischen Gerichts in Wien, 1892 erhielt er den Titel Oberrabbiner. Nach dem Tod Adolf Jellineks, der als Prediger am Stadttempel gewirkt hatte, wurde Güdemann 1894 auch Rabbiner des Stadttempels von Wien.[2]

Wirken als Rabbiner

Güdemann war als Rabbiner konservativ, so lehnte er die vom Gemeindevorstand gewünschte Einführung der Orgel in der Synagoge ab, ebenso die Streichung der Gebete, die sich auf Zion und die Tempelopfer der biblischen Zeit beziehen.[1] Anlässlich des Laubhüttenfestes ließ er im Hof des Leopoldstädter Tempels eine Laubhütte aufstellen, was als Rückschritt erachtet wurde. Auch soll er, entgegen den damaligen Gepflogenheiten, bei den Mahlzeiten den Kopf mit einem Käppchen bedeckt haben.[3]

Zionismus

Der erste Kontakt zwischen Güdemann und Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, fand im Juni 1895 statt. Güdemann schwankte zunächst zwischen Begeisterung und Lauheit gegenüber der zionistischen Sache, wurde dann jedoch zum erklärten Gegner Herzls. Vor dem ersten Zionistenkongress in Basel von 1897 publizierte Güdemann eine Broschüre gegen den Zionismus mit dem Titel „Nationaljudenthum“, die im gleichen Verlag erschien, in dem auch Herzls „Judenstaat“ erschienen war. Darin legte er dar, dass ein Nationaljudentum seit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem nicht mehr existiert, dass das Judentum nur noch eine Weltreligion sei, und ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen Judentum und jüdischer Nationalität bestehe. Der Zionismus „übertrage den nationalen Chauvinismus … auf das Judentum“ und „ein Judenthum … mit Kanonen und Bajonetten würde die Rolle Davids mit der Goliaths vertauschen und eine Travestie seiner selbst sein“, kritisierte er.[4]

Herzls Antwort erschien in Blochs Oesterreichischer Wochenschrift (23. April 1897) unter dem Titel: „Das Nationaljudenthum von Dr. Güdemann“. Eine weitere, scharfe Erwiderung erschien in der zweiten Nummer der „Welt“ (11. Juni 1897) als Leitartikel, verfasst von Nordau, unter dem Titel „Ein Tempelstreit“.

Antisemitismus

Güdemann richtete sein Interesse später verstärkt auf jüdische Apologetik gegen den Antisemitismus. In seiner Abhandlung Die Apologetik von 1906 wandte er sich in aller Schärfe gegen die Judenfeindlichkeit der wissenschaftlich christlichen Theologie und ihre Unfähigkeit, das Judentum in seiner Kontinuität als lebendige Tradition zu verstehen.[1]

Werke (Auswahl)

  • Moslih-ed-Dinii Sadii concessuum tertius et quartus (Dissertation über ein Thema des Sophismus). 1858.
  • Jesuiten und Judenkinder im Jahre 1693. 1859.
  • Das Leben des jüdischen Weibes. 1859.
  • Geschichte der Juden in Magdeburg. Breslau 1866.
  • Jüdisches im Christentum des Reformations-Zeitalters. Wien 1870.
  • Jerusalem, Die Opfer und die Orgel (Redetext gegen den Einsatz von Orgeln in den Synagogen). 1871.
  • Das jüdische Unterrichtswesen während der spanisch-arabischen Periode. Wien 1873.
  • Religionsgeschichtliche Studien. Leipzig 1876.
  • Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der abendländischen Juden während des Mittelalters und der neueren Zeit. 3 Bände. Wien 1880–1888 (maßgebliches Werk bis heute, übersetzt ins Hebräische [von A. Friedberg] und Jiddische).
  • Nächstenliebe. Wien 1890.
  • Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden. Berlin 1892.
  • Grabreden, während der letzten 25 Jahre gehalten. Wien 1894.
  • Stellung der jüdischen Literatur in der christlich-theologischen Wissenschaft während und am Ende des XIX. Jahrhunderts. Breslau 1900.
  • Das Judentum, in seinen Grundzügen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen dargestellt. Wien 1902 (auch gegen Herzls „Judenstaat“ gerichtet.
  • Das vorchristliche Judentum in christlicher Darstellung. Breslau 1903.
  • Jüdische Apologetik. Glogau 1906.
  • Wie sollen wir die Bibel lesen?. Wien 1909.
  • Kürzen und Längen in der Bibel. Wien 1911.
  • Biblische Geschichte und biblische Geschichten. Breslau 1911.
  • Der jetzige Weltkrieg und die Bibel. 1915.

Literatur

  • Salo Baron: Israelitisch-Theologische Lehranstalt. In: Encyclopaedia Judaica. (Hg.) Michael Berenbaum und Fred Skolnik. Band 10. 2. Auflage. Macmillan Reference Detroit USA 2007. S. 754f. 22 Bände. Gale Virtual Reference Library (englisch)
  • Marsha L. Rozenblit: Die Juden Wiens, 1867-1914: Assimilation und Identität. Band 11 von Forschungen zur Geschichte des Donauraumes. Verlag Böhlau, Wien 1989 ISBN 320501202X
  • Ismar Schorsch, Getzel Kressel: Guedemann, Moritz. In: Encyclopaedia Judaica. (Hg.) Michael Berenbaum und Fred Skolnik. Band 8. 2. Auflage. Macmillan Reference Detroit USA 2007. S. 120. 22 Bände. Gale Virtual Reference Library (englisch)
  • Bernhard Wachstein: Bibliographie der Schriften Moritz Güdemanns. Sonderdruck aus: Bericht der Israelitischen Allianz zu Wien. Waizner, Wien 1931.
  • Salomon Wininger: Grosse jüdische National-Biographie. Bd. 2. Czernowitz 1927, S. 545f.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c Robert S. Wistrich: Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs. Übersetzt von Marie-Therese Pitner, Susanne Grabmayr. Böhlau Verlag, Wien 1999, S. 104f. ISBN 3205983424. Auszugsweise Online
  2. Israelitische Kultusgemeinde Wien: Wiener Rabbiner. Geschichte
  3. Peter Landesmann: Rabbiner aus Wien - Ihre Ausbildung, ihre religiösen und nationalen Konflikte. Böhlau Verlag, Wien 1997, S. 156. Auszugsweise Online
  4. Dr. M. Güdemann: Nationaljudenthum. Leipzig und Wien, 1897. Zitiert nach: Robert S. Wistrich: Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs. Übersetzt von Marie-Therese Pitner, Susanne Grabmayr. Böhlau Verlag, Wien 1999, S. 389. Auszugsweise Online