Muriel Gardiner Buttinger

Muriel Morris Gardiner Buttinger (* 23. November 1901 in Chicago, Illinois; † 6. Februar 1985 in Princeton, New Jersey) war eine US-amerikanische Psychoanalytikerin und Autorin, die sich im Österreich der 1930er Jahre im politischen Widerstand betätigte.

Leben

Die gebürtige Muriel Morris stammte aus einer Familie reicher Fleischindustrieller. 1918 bis 1922 besuchte sie das Wellesley College bei Boston, wo sie Literatur und Geschichte studierte. Anschließend lebte sie ein Jahr in Rom und ging dann zum Literaturstudium nach Oxford. Dort heiratete sie einen Engländer namens Gardiner, mit dem sie zusammen eine Tochter Constance hatte. Die Ehe scheiterte bald.

1926 kam Muriel Gardiner nach Wien; sie hatte die Absicht, sich einer Psychoanalyse bei Sigmund Freud zu unterziehen. Freud lehnte sie aber als Patientin ab. Daraufhin studierte Muriel Gardiner in Wien Medizin, um selbst Psychoanalytikerin werden zu können.

Die trotz ihrer großbürgerlichen Herkunft mit den Ideen der Sozialdemokratie sympathisierende Muriel Gardiner engagierte sich diesbezüglich in Österreich, besonders nach den Bürgerkriegsereignissen von 1934, in deren Folge die Sozialdemokratie verboten wurde. Sie lernte in diesem Jahr Joseph Buttinger kennen, in den sie sich verliebte. Durch ihn kam Muriel zu den Revolutionären Sozialisten und wirkte im politischen Widerstand. So stellte sie ihr etwas abgelegenes Haus im Wienerwald für konspirative Treffen zur Verfügung und gab auch Geld für die Sache. Weiters stellte sie Verbindungen zu ausländischen Kontaktpersonen her und beschaffte falsche Papiere, durch die viele politisch Verfolgte flüchten konnten.

Gardiner blieb auch 1938 in Wien, obwohl sie unter der nunmehrigen nationalsozialistischen Herrschaft als jüdischer Mischling ersten Grades galt. Im Juni 1938 erlangte sie die Promotion und das Doktorat in Medizin. Danach wurde ihr als Amerikanerin aber die Ausreise nahegelegt. Sie ging nach Paris, wo sie wieder mit Joseph Buttinger zusammentraf, der dort eine leitende Funktion für die österreichischen Sozialisten einnahm. Sie heiratete Buttinger und beide emigrierten schließlich 1939 in die USA.

In Amerika war Muriel Gardiner Buttinger während der Kriegsjahre in der Flüchtlingshilfe tätig. Später konnte sie dann endlich als Ärztin und Psychoanalytikerin arbeiten. Sie verfasste mehrere Bücher zu Themen der Psychoanalyse, aber auch Erinnerungen an ihre Zeit in Österreich. Als Autorin ist sie vorrangig unter dem Namen Muriel Gardiner bekannt. Von der amerikanischen Dramatikerin Lillian Hellman wurde die Biographie von Gardiner Buttinger in dem Buch Pentimento frei verarbeitet. Sie gab aber vor, dass es sich um ihre eigenen Lebenserinnerungen handle. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass es Ende der 30er Jahre zwei reiche Amerikanerinnen gegeben hatte, die in Wien Medizin studierten und den sozialistischen Untergrundkampf unterstützten. Aufgrund dieser vermeintlichen Aneignung fremder Lebenserinnerungen kam es 1980 zu einer Auseinandersetzung zwischen Hellman und Mary McCarthy, wobei Hellman der Lüge beschuldigt und McCarthy auf Schadenersatz verklagt wurde. Muriel Gardiner Buttinger hielt sich aus diesem Streit heraus. Die Kontroverse begann nach der Verfilmung von Julia (1977), dessen von Hellman verfasstes Drehbuch auf dem Buch Pentimento basierte. Für Gardiner war dies nur der Anreiz ihre eigenen Memorien Code Name Mary zu verfassen.

1989 wurde in Wien der Muriel-Gardiner-Buttinger-Platz in Favoriten ihr zu Ehren benannt.

Schriften

  • The Wolf-Man and Sigmund Freud (= The international psycho-analytical Library. Vol. 88, ZDB-ID 2316833-X). Hogarth press, London 1972.
    deutsch: Der Wolfsmann vom Wolfsmann. Sigmund Freuds berühmtester Fall. Erinnerungen, Berichte, Diagnosen (= Fischer-Taschenbücher. Bd. 6764 Psychologie). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-596-26764-1.
  • The Deadly Innocents. Portraits of Children Who Kill. Basic Books, New York NY 1974, ISBN 0-465-01583-2.
    deutsch: Mörder ohne Schuld. Wenn Kinder töten – Gründe und Hintergründe. Fischer, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-10-025502-X.
  • Code Name „Mary“. Memoirs of an American Woman in the Austrian Underground. Yale University Press, New Haven CT u. a. 1983, ISBN 0-300-02940-3.
    deutsch: Deckname „Mary“. Erinnerungen einer Amerikanerin im österreichischen Untergrund. Promedia, Wien 1989, ISBN 3-900478-27-9.

Weblinks