Nabucco-Pipeline

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  • derzeit geplante Route der Nabucco-Pipeline
  • inzwischen gestrichener Teil
  • andere Gas-Pipelines

Das Nabucco-Pipeline-Projekt sieht den Bau einer Erdgas-Pipeline vor, beginnend in der Türkei bis in das österreichische Baumgarten an der March, wo das zentrale Verteilerzentrum der OMV für Erdgas liegt. Sie soll die EU mit den kaspischen Erdgasvorkommen verbinden (möglicherweise auch mit iranischen, ägyptischen und irakischen) und so neue Gasquellen für Europa erschließen. Im EU-Programm Transeuropäische Netze gilt die Pipeline als eines der fünf wichtigsten Vorhaben beim Ausbau des europäischen Energieleitungsnetzes. Ursprünglich sollte die Pipeline im Osten der Türkei beginnen, ihr Umfang wurde jedoch mehrfach reduziert und sieht nun die türkisch-bulgarische Grenze als Startpunkt vor.

Die Pipeline soll zirka 15 Milliarden Euro kosten,[1][2] die zu einem Drittel durch das Betreiberkonsortium selbst, zu zwei Dritteln durch Kredite aufgebracht werden sollen.

Der Baubeginn wurde schon mehrfach verschoben und ist derzeit für 2013 vorgesehen. Die erste Ausbaustufe soll bis 2017 fertiggestellt sein.[3]

Inhaltsverzeichnis

Motivation

Hintergrund des Projekts ist der politische Wunsch der EU nach einer Diversifizierung der Erdgasquellen, vor allem, um die starke Stellung des Hauptlieferanten Gazprom zu begrenzen oder zu verringern. Russland lieferte 2010 knapp 25 Prozent des europäischen Gasbedarfs.[4] Die EU verbrauchte 2007 rund 475 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission könnte der Bedarf im ungünstigsten Fall (Nicht-Realisierung der eigenen Klima- und Energieeffizienz-Ziele) bis 2030 auf zirka 575 Milliarden Kubikmeter steigen. Dem gegenüber steht eine sinkende Eigenproduktion in Europa selbst. Der Importbedarf der EU wird deshalb im gleichen Zeitraum voraussichtlich stark anwachsen. Dadurch ist die Erschließung neuer Erdgasquellen ein wichtiger Beitrag zur Energieversorgungssicherheit Europas. Neben der Diversifizierung der Erdgasquellen wird die Pipeline eine Diversifizierung der Gastransportwege – unter Umgehung Russlands und der Ukraine – bewirken.

Geschichte

Die ursprünglich geplante Route der Nabucco-Pipeline

Initiiert wurde das Projekt im Jahr 2002 durch die österreichische OMV AG. Eigentümer sind neben der OMV Gas & Power GmbH die nationalen Gesellschaften MOL aus Ungarn, Transgaz aus Rumänien, Bulgargaz-Holding EAD aus Bulgarien und BOTAŞ Petroleum Pipeline Corporation aus der Türkei. Die Entscheidung für einen weiteren sechsten Partner ist im Februar 2008 auf RWE aus Deutschland gefallen. Der entsprechende Vertrag wurde am 5. Februar 2008 in Wien unterzeichnet. Bis dahin hielt jeder der Beteiligten einen Anteil von 20 % an der Nabucco Gas Pipeline International GmbH; seither sind es gleichmäßig 16,67 % je Anteilseigner.[5] Für die Anteilseigner RWE und OMV ist der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer als politischer Berater für das Projekt tätig.[6]

Nach dem ersten Treffen des Konsortiums gingen die Teilnehmer in die Wiener Staatsoper, um sich Giuseppe Verdis Oper „Nabucco” anzusehen. Beim anschließenden Abendessen stimmten bei der Suche nach einem Projektnamen die Anwesenden für den Namen Nabucco.[7][8]

Nach dem russisch-ukrainischen Gasstreit plante die Europäische Union, den Bau der Nabucco-Pipeline zügig voranzutreiben. Bei einer internationalen Konferenz zum Pipeline-Projekt am 27. Januar 2009 in Budapest sprach sich auch der tschechische Regierungschef und EU-Ratspräsident, Mirek Topolánek, für eine zügige Vereinbarung der Regierungen der beteiligten Staaten aus. Der Präsident der Europäischen Investitionsbank Philippe Maystadt erklärte, sein Institut könne etwa 25 Prozent der benötigten 7,9 Milliarden Euro für das Projekt garantieren. Der Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung würde eine Beteiligung ebenfalls prüfen.[9]

Am 13. Juli 2009 unterzeichneten Regierungsvertreter der fünf beteiligten Staaten in der türkischen Hauptstadt Ankara das Abkommen über den Bau der Pipeline. Die Beteiligten verpflichten sich u.a. die Durchleitung von Erdgas nicht zu behindern. Unterbrechung der Lieferungen wie im Gasstreit sollen damit verhindert werden.[10]

Im Mai 2011 bestätigte der EU-Energiekommissar Günther Oettinger eine deutliche Kostenexplosion bei der geplanten Gaspipeline Nabucco. Seinen Worten nach werden die Kosten von Nabucco von den bislang veranschlagten 7,9 Milliarden auf 12 bis 15 Milliarden Euro steigen.[11] Das Konsortium bezeichnete diese Angaben im Juni 2011 als Spekulation, gab jedoch bekannt, dass die voraussichtliche Fertigstellung der Pipeline sich um weitere zwei Jahre bis 2017 verzögern wird.[3]

Obwohl der endgültige Baubeschluss für das Jahr 2011 erwartet wurde,[12] bezeichneten Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena) und Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Oktober 2011 bei einer Videokonferenz mit russischen Energiefachleuten das Projekt als gescheitert.[13] Der Vorsitzende des Lenkungsausschusses sah weiterhin „gute Chancen für die Umsetzung“ und kündigte für Juli 2012 eine Entscheidung über Gaslieferungen durch die Betreiber des Shah-Deniz-Gasfelds in Aserbaidschan an.[14][15]

Im Dezember 2011 wurde WorleyParsons von der NABUCCO Gas Pipeline International GmbH zum neuen Generalingenieur ernannt,[16] nachdem dieser Posten Anfang Januar 2008 an das britische Unternehmen Penspen vergeben worden war.

Im Januar 2012 bekam der TÜV Nord den Auftrag, EPC-Vertragspartner für Planung, Beschaffung und Bau zu suchen und den involvierten Unternehmen bei der Erstellung der Präqualifikationsunterlagen zu beraten.[17]

Nachdem die ungarische MOL ihren Rückzug angekündigt hat, erwägt auch RWE den Ausstieg oder zumindest eine Verkleinerung des Projekts.[18] Im Mai 2012 erklärte ein Sprecher von BP, dass es die Pipeline in der geplanten Form auf keinen Fall geben werde.[19] Nach Angaben des BP-Managers Conn ist die Pipeline mit 31 Mrd. Kubikmetern zu groß, sodass 20 Milliarden leerstünden und von RWE oder der EU subventioniert werden müssten.[19]

Am 28. Juni 2012 erhielt das auf die Strecke ab der türkisch-bulgarischen Grenze reduzierte Projekt Nabucco-West vom Shah-Deniz-Konsortium den Zuschlag für die Route durch Südost- und Osteuropa.. Für den Gastransport innerhalb der Türkei ist die Transanatolische Pipeline (TANAP) vorgesehen. Das von BP initiierte Konkurrenzprojekt South East Europe Pipeline (SEEP) ist damit genau wie die Ursprungsversion der Nabucco-Pipeline ausgeschieden. Eine Entscheidung zwischen Nabucco-West und der Transadriatischen Pipeline (TAP), die über Griechenland durch die Adria nach Italien verläuft, wurde für Mitte 2013 angekündigt.[20][21][22]

Betrieb

Als Logistikprojekt bietet die Nabucco-Pipeline die technische und logistische Infrastruktur für Gastransporteure („shippers“), kauft aber selber kein Gas. Potentielle Gastransporteure müssen daher selbst entscheiden, woher sie das Gas beziehen wollen und daher auch Lieferverträge abschließen. Die Nabucco-Gesellschaft schließt ihrerseits daher Transportverträge mit den entsprechenden Transportkunden ab.

Die Nabucco-Pipeline ist in einer Länge von zirka 3.300 km (davon 2.000 km Türkei, 400 km Bulgarien, 460 km Rumänien, 390 km Ungarn und 46 km Österreich) und einem Durchmesser von zirka 1,42 m geplant.[23] Dies ergibt eine Anzahl von rund 200.000 Rohren aus 2 Mio. Tonnen Stahl.[24]

Nach Beendigung der ersten Bauphase soll nach den Plänen der Nabucco Gas Pipeline International GmbH mit einer Anfangslieferkapazität von jährlich acht bis zehn Milliarden Kubikmetern begonnen werden. Der Markt soll in weiterer Folge die Ausbaugeschwindigkeit auf die maximale technische Kapazität von rund 31 Milliarden Kubikmeter pro Jahr mitentscheiden.

Die ersten Lieferungen könnten aus Aserbaidschan kommen, darüber hinaus bestehen derzeit keinerlei Lieferzusagen. Da Aserbaidschan Ende Juni 2009 jedoch einen Teil seiner Gasreserven (speziell aus dem größten Schah-Deniz-Gasfeld) an Russland verkauft hat, sind die Chancen der Realisierung Nabuccos gesunken.[25] Nach Meinung der Experten kann Aserbaidschan nur noch 4 Milliarden der zirka 30 Milliarden Kubikmeter beisteuern, die benötigt werden.[26] Auch dürfte die benötigte transkaspische unterseeische Pipeline nach Aserbaidschan wegen des ungünstigen Meeresprofils extrem hohe Investitionen erfordern. Erschwert wird ein solches Projekt auch durch den immer noch nicht geklärten rechtlichen Status des Kaspischen Meeres und seiner Aufteilung. Unter den Anrainern, die am langjährigen Verhandlungsprozess teilnehmen, befinden sich auch Russland und der Iran.

In der Diskussion ist zudem die Einspeisung von turkmenischem, irakischem und vor allem iranischem Gas, dessen baldige Verfügbarkeit jedoch fraglich ist.[27] Dabei handelt es sich zudem überwiegend um politisch instabile Regime, mit denen, wie im Falle des Irans, eine Kooperation zur Zeit aus politischen Gründen kaum möglich erscheint. Hinzu kommt, dass Turkmenistan bereits große Mengen seiner künftigen Förderung Russland und China[28] vertraglich zugesichert hat. Obwohl Turkmenistans Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow die Reserven seines Landes als groß genug für alle Abnehmer bezeichnet, gilt dies unter Experten als nicht sicher.

Position der Türkei

Die rohstoffarme Türkei fordert 15 Prozent des „Nabucco”-Gases zum Eigenverbrauch oder Weiterverkauf auf dem Weltmarkt, was die Europäer ablehnen.[26]

Die Türkei sieht in Nabucco ein willkommenes Instrument, um ihre EU-Mitgliedschaft zu forcieren. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan forderte im Januar 2009 die Beschleunigung der EU-Beitrittsverhandlungen und brachte diese erstmals direkt mit Nabucco in Verbindung. Im Falle des Scheiterns der Verhandlungen betrachte die Türkei das Projekt Nabucco als „gefährdet“.[29]

Um die Auslastung der Pipeline und dadurch die Versorgung Europas mit Erdgas sicherstellen zu können, treibt insbesondere die Türkei die Akquise von zusätzlichen Lieferländern voran. So setzt sie sich u.a. für den Iran und das Emirat Katar als zusätzliche Lieferanten ein und nutzt dabei ihre nachbarschaftlichen Kontakte im Nahen Osten.[30][31]

Ende 2011 unterzeichneten die Türkei und Gazprom-Vertreter ein Abkommen über die Baugenehmigung der South-Stream-Pipeline.[32]

Konkurrenz

Die Nabucco-Pipeline konkurriert mit der durch die Ostsee führenden Pipeline Nord Stream[33] sowie mit der russischen Pipeline South Stream.[34]

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eisenerz macht Nabucco immer kostspieliger, RIA Novosti, Moskau, 21. Februar 2011
  2. European gas pipeline costs double, Guardian, UK, 20. Februar 2011
  3. a b FAZ: Nabucco-Pipeline kommt später, 6. Mai 2011
  4. Oliver Geden: Versorgungssicherheit - auch ohne neue Gasleitungen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. August 2010
  5. Auskunft über Anteilseigner und -quoten auf der Website des Unternehmens
  6. „Fischer wird Lobbyist für Nabucco-Pipeline“, tagesschau.de vom 6. Juli 2009 (nicht mehr online verfügbar)
  7. Projekt-Seite: FAQ, Pkt. 15
  8. http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/494511/index.do
  9. EU will Nabucco-Gasleitung zügig vorantreiben. Netzeitung, 27. Januar 2009, abgerufen am 20. Juli 2009.
  10. Nabucco-Pipeline: Europa emanzipiert sich von russischem Gas. Spiegel Online. Abgerufen am 20. Juli 2009.
  11. Dow Jones: Oettinger: Nabucco kostet 12 bis 15 Mrd EUR, 9. Mai 2011
  12. money.oe24.at: EconGas spürt wieder belebte Nachfrage, 5. November 2010, Zugriff am 20. Januar 2011
  13. Mathias Brüggmann: Gasprojekt: Nabucco-Projekt ist gescheitert, handelsblatt.com, 6. Oktober 2011, Zugriff am 5. Januar 2012
  14. Derstandard.at: Nabucco erwartet Richtentscheid bis Juli, 25. Jänner 2012, abgerufen am 18. Februar 2012
  15. Wiener Zeitung: Nabucco will bis Sommer mit Gaslieferanten einig werden, 25. Jänner 2012, abgerufen am 18. Februar 2012
  16. nabucco-pipeline.com: NABUCCO Gas Pipeline International GmbH hat WorleyParsons zum neuen Generalingenieur (Owner´s Engineer) ernannt, 21. Dezember 2011, Zugriff am 5. Januar 2012
  17. http://www.stromvergleich.de/gasvergleich/gasnachrichten/5236-gas-pipeline-nabucco-erhaelt-hilfe-vom-tuev-31-1-2012
  18. manager-magazin RWE prüft Ausstieg bei "Nabucco", vom 13. Mai 2012
  19. a b Daniel Wetzel: Totenschein für Nabucco. In: Welt online. 25. Mai 2012, abgerufen am 25. Mai 2012: „Die Ursprungsversion der klassischen Nabucco-Pipeline ist für uns vom Tisch.“
  20. http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/1260708/Aserbaidschan-waehlt-Nabucco-ins-Gasfinale
  21. faz.net: Aserbaidschan liefert Gas nach Europa, 28. Juni 2012, abgerufen am 29. Juni 2012
  22. derstandard.at: Kaspisches Pipeline-Gas für Europa (Grafik), 21. Juni 2012, abgerufen am 29. Juni 2012
  23. Europa-Information 2006
  24. Wiener Wirtschaft, Nr. 28/29, 10. Juli 2009, Seite 14
  25. Die Presse: Nabucco hat schlechte Karten im Gaspoker, 10. Juni 2009
  26. a b Thomas Seibert: Gaslieferant verzweifelt gesucht, Der Tagesspiegel, 10. Juli 2009
  27. Oliver Geden, Andreas Goldthau: Phantomdebatte um Nabucco-Pipeline. Financial Times Deutschland, 30. November 2008, abgerufen am 1. März 2009.
  28. RIA Novosti: Turkmenistan wird 1,2 Billionen m³ Gas im Laufe von 30 Jahren nach China pumpen, 24. Juni 2009
  29. „Erdogan will schnelleren Beitrittsprozess – sonst sei Nabucco-Pipeline gefährdet“, Der Standard,
  30. „Türkei feilscht für Nabucco um Gas aus Katar“, DiePresse.com,
  31. „Iran verhandelt über Beteiligung“, Sueddeutsche,
  32. handelsblatt.com: South Stream: Türkei und Russland einig über Baugenehmigung, 28. Dezember 2011, Zugriff am 5. Januar 2012
  33. Die Pläne der Russen (16. Juli 2011)]
  34. Gas: Russland bringt Nabucco in Bedrängnis auf ORF