Neues Wiener Tagblatt

Schematischer Aufriss des Produktionsgebäudes, 1931

Das Neue Wiener Tagblatt war eine von 1867 bis 1945 in Wien erscheinende Tageszeitung. Sie zählte zu den auflagenstärksten Zeitungen Österreichs vor 1938.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Zeitung wurde von Eduard Mayer als Nachfolger des Wiener Journals gegründet, die erste Ausgabe erschien am 10. März 1867. Bereits am 13. Juli 1867 übernahm der Verleger Moritz Szeps, der die Zeitung Morgenpost im Streit verlassen hatte, die Leitung. Er blieb dessen Eigentümer bis 15. Mai 1872 und Herausgeber bis 15. Oktober 1886. Herausgegeben wurde die Zeitung im Steyrermühl-Verlag.

Die Zeitung war ab 1874 das auflagenstärkste Blatt von Wien und hatte überregionale Bedeutung. Sie war deutschliberal und antimarxistisch eingestellt, wusste aber nicht, wie sie sich den bildenden Parteien gegenüber verhalten sollte. Ab 1870 unterstützte sie Josef Schöffel mit einer Kampagne in dessen Kampf um den Wienerwald.

In der Ersten Republik wurde das vom Steyrermühl-Konzern publizierte Blatt zum politischen Sprachrohr Rudolf Siegharts, des autokratischen Leiters der Bodencreditanstalt, die Steyrermühl finanzierte. Die Blattlinie unterstützte die Heimwehren und die Politik der Christlichsozialen Partei. Daran änderte sich auch nichts nach dem im Oktober 1929 erfolgten Zusammenbruch der Bodencreditanstalt und Rudolf Siegharts Rückzug.

Die Ausschaltung des Parlaments im März 1933 wurde von der Zeitung begrüßt, obwohl sie Sorgen um die Erhaltung der Meinungsfreiheit kundtat. Nach dem Februaraufstand 1934 enthielt sie sich allerdings jeglicher Stellungnahmen.

Enteignung und Umstrukturierung 1938

Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 erfolgte Schrittweise die „Arisierung“ und Verstaatlichung der Zeitung. Letzter unabhängiger Chefredakteur war Emil Löbl, der bereits am 11. März 1938 abgelöst wurde. Am 15. September 1938 wurde die Steyrermühl Papierfabriks- und Verlagsgesellschaft, die seit 15. Mai 1872 als Verlag der Zeitung fungierte, von der Ostmärkischen Zeitungsverlagsgesellschaft enteignet.

Mit 31. Jänner 1939 wurde von nationalsozialistischer Seite das Neue Wiener Journal eingestellt und gemeinsam mit der Neuen Freien Presse in das Neue Wiener Tagblatt eingebunden. Die letzte Ausgabe der Zeitung erschien am 7. April 1945.

Das umfangreiche Tagblatt-Archiv war das einzige Wiener Zeitungsarchiv, das den Krieg überstand. Es wurde nach 1945 zunächst vom kommunistischen Globus-Verlag (Wien) übernommen und weitergeführt und dann von der Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien übernommen. Seit 2002 befindet es sich im Bestand der Wienbibliothek im Rathaus.

Mitarbeiter

Bedeutende Mitarbeiter waren Hermann Bahr, Werner Bergengruen, Franz Karl Ginzkey, Ernst Mach, Eduard Pötzl, Karl Tschuppik und Fritz Sänger.

Chefredakteure:

  • Eduard Mayer (10. März 1867 bis 13. Juli 1867)
  • Moritz Szeps (bis 15. Oktober 1886)
  • Moritz Wengraf (bis Oktober 1891)
  • Wilhelm Singer (bis 10. Oktober 1917)
  • Emil Löbl (bis 11. März 1938)
  • Heinrich Eichinger (bis 19. März 1938)
  • Erwin H. Rainalter (bis 4. Juli 1939)
  • Walter Petwaidic (bis 30. November 1940)
  • Otto Häcker (1. April 1941 bis 5. April 1945)

Literatur

  • Helmut W. Lang (Hrsg.): Österreichische Retrospektive Bibliographie (ORBI). Reihe 2: Österreichische Zeitungen 1492–1945. Band 3: Helmut W. Lang, Ladislaus Lang, Wilma Buchinger: Bibliographie der österreichischen Zeitungen 1621–1945. N–Z. Bearbeitet an der Österreichischen Nationalbibliothek. K. G. Saur, München 2003, ISBN 3-598-23385-X, S. 63–64.
  • Neues Wiener Tagblatt, Sonderbeilage zum 31. Mai 1931, S. 75 ANNO

Weblinks

Von der Österreichischen Nationalbibliothek digitalisierte Ausgaben: Neues Wiener Tagblatt (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nwt