Otto Alscher

Otto Alscher (1880–1944)
Das Foto entstand vermutlich 1933/1934.

Otto Alscher (* 8. Januar 1880 in Perlasz, Banat, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1944 in Târgu Jiu, Rumänien). Er wird in der Literaturgeschichte als „ein deutscher Dichter Ungarns“, „rumänien-deutscher“ und österreichischer Schriftsteller erwähnt.

Leben und Werk

Am 8. Januar 1880 kam Otto Alscher als ältestes von drei Kindern einer Wanderfotografenfamilie in Perlasz, einer Militär-Grenzgemeinde im südöstlichsten Winkel der k.u.k. Monarchie, zur Welt. 1891 ließen sich die Alschers in Orschowa nieder, einer kleinen Hafenstadt an der Donau und gründeten dort das erste Fotoatelier der Gegend. Im Wintersemester 1898–99 und im Sommersemester 1899 besuchten Otto und sein jüngerer Bruder Hugo die k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Mit ihrer Verehrung für Natur, Instinkt und Nietzsche fanden die Brüder bald Anschluss zu Kreisen der Wiener Bohème.

Otto ergriff die journalistische und schriftstellerische Laufbahn, Hugo wurde Maler. 1904 heiratete Otto die literarisch ambitionierte Kindergärtnerin Leopoldine alias Else Amon und erbaute im Gratzkatal, etwa eine Stunde von Orschowa entfernt, ein Haus für seine zukünftige Familie und eine „Luderhütte“, ein Arbeitszimmer mit Schießscharte für sich. Reingard (?), Helmut (1907) und Helga (1909) kamen hier zur Welt.

Mit dem zweiten Roman „Gogan und das Tier“ gewinnt der Lebensentwurf in den Karpaten literarischen Bestand, das Buch wird 1912 im S. Fischer Verlag publiziert und ein Auszug daraus in der Anthologie „Das 26. Jahr“, einer „Fortsetzung des Jubiläumsbuches Das 25. Jahr“, aufgenommen.

1915 wurde Alscher zum Militär einberufen. Hatte er sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Propagandist hergegeben, so entwickelte er sich nun zum Kriegsgegner. 1916 wurde er wegen einer Malariaerkrankung ausgemustert, 1917 erschien sein erster Band mit Tiergeschichten „Die Kluft, Rufe von Menschen und Tieren“ bei Albert Langen, München. „Die Kluft“ ist hier noch nicht zu überbrücken, die Bindung des Menschen zum Tier und zur Natur zerbricht an Schäden der Zivilisation. Alscher widerlegte Nietzsches These von der „Benommenheit“ des Tieres, denn seine Raubtiergestalten sind wie die Jack Londons in ihrer Wahrnehmung und ihren moralischen Entscheidungen dem Menschen überlegen. Aus diesem Band wählte Hermann Hesse für die mit Richard Woltereck (1877–1944) erstellte Anthologie „Strömungen“ die Kurzgeschichte „Die Hunde“ als „neuere Dichtung“, wie es im Vorwort heißt, aus.

Nach dem Krieg verließ Alscher seine Familie und ging mit der zwanzig Jahre jüngeren Lehrerin Elisabeth Amberg eine Lebensgemeinschaft ein. Als politischer Journalist plädierte er für die Angliederung des Banats an Rumänien. Im neuen Staat sah er eine Chance zur ästhetischen Erneuerung der deutschen Minderheit, sein politischer Appell genoss jedoch wenig Prestige. Entfremdet, ohne einen neuen Leserkreis gewonnen zu haben, zieht er mit Elisabeth zurück in seine Utopie, das Haus in der Gratzka wird wieder erworben. Fünf Kinder entstammen dieser Lebensgemeinschaft: Edgar (1924), Edith (1926), Hugo (1928), Erika (1930)und Ingrid (1936).

1925 und 1929 griff Friedrich Dahncke „rätselhafte Schicksale“ in den beiden Auflagen der Anthologie „Tiergeschichten aus fremden Ländern“ auf. Freiheit ist die existentielle Triebfeder des Alscherschen Luchs in der Geschichte „Der Jagdgefährte“. Ursprüngliche Erfahrungen der Tiere werden in realistischer oder magisch-realistischer Darstellungsweise, als Kanon eines „neuen literarischen Gebiets“ der Weltliteratur, vorgestellt.

1928 erschien der Band „Tier und Mensch“ bei Albert Langen. Das Tier ist innere und äußere Realität, eine Kommunikation zwischen diesen Welten zeigt Möglichkeiten einer persönlichen Entwicklung auf.

Die Identitätssuche in innerer Emigration ließ sich ab den Dreißigerjahren nicht mehr finanzieren. Alscher beugte sich der konventionellen Moral und der Sprache seiner Zeitgenossen in trivialen Texten, doch es interessierten weder seine Literatur noch sein Blut-und-Boden-Kitsch.

1939 wurde er als Journalist bei der Temeswarer „Extrapost“, einer gleichgeschalteten Tageszeitung, angestellt. Nach ein paar Monaten entlassen, wurden die Alschers von der Armenküche verköstigt, das Haus in der Gratzka wurde versteigert.

1942 war mit dem Erbe des Fotoateliers und des Elternhauses ein erneuter Rückzug nach Orschowa in die Nähe des natürlichen, „wahren“ Daseins möglich. 1943 ließ Alscher sowohl mit eigenen Mitteln als auch mit der Hilfe seines Temeswarer Freundes Heinrich Anwender den dritten Tiergeschichtenband drucken: „Die Bärin. Besinnliche Tiergeschichten“. Es ist eine Auswahl gelegentlicher Publikationen und der Texte, die ihm, wegen des humanistischen oder pazifistischen Gehalts, keine Zeitung abnahm.

Am 23. August 1944 trat Rumänien auf die Seite der Alliierten, die Rote Armee besetzt das Land, reichsdeutsche Staatsbürger und Amtsträger der deutschen Volksgruppe wurden verhaftet. Was Alscher zum Verhängnis wurde, ist unbekannt. Er stirbt am 29. Dezember 1944 im Internierungslager in Tîrgu Jiu.

Der Eintrag basiert auf den Recherchen zu folgenden Essays von Helga Korodi:

  • Jenseits der Zivilisation – Vor 120 Jahren wurde Otto Alscher geboren, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München, 2000, Heft 1
  • Die Bärin. Natur- und Tiergeschichten aus Siebenbürgen, Verlag Natur & Text, Rangsdorf, 2000
  • Der Berg versagte seinen Segen, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München, 2002, Heft 3
  • Die Täuschungen der Wildnis, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München, 2003, Heft 2
  • Im Lehrplan und vor der Tür, www.Zeit-Schule.de
  • Otto Alschers Wasserimpressionen in existenzphilosophischem Zusammenhang, Präsentation anlässlich der 2. internationalen EASCLE-Konferenz, Klagenfurt 2006
  • Otto Alscher zwischen Wien und dem Banat, zwischen den Alpen und Karpaten, Verlag Natur & Text, Rangsdorf, 2009
  • Otto Alschers Wanderungen durch die Karpaten Kakaniens, http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/HKorodi1

Quellen

Nachschlagewerke, in chronologischer Reihenfolge

  • Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Achter Band, Nachträge zum 1.–8. Band, Leipzig, Philipp Reclam jun., 1913
  • Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn, herausgegeben von Eduard Castle, Vierter Band 1890–1918, S.1460
  • Unsere Zeitgenossen, Wer ist’s?, Leipzig, 1922, S.14
  • Magyar irok elete es munkai,Gulyas Pal,1939, S.449
  • Wer ist's Unsere Zeitgenossen, Hrsg. Herrmann A. L. Degener, 10.Ausgabe, 1935, S.274
  • Deutsche Literatur der Gegenwart,Oehlke, Waldemar,1942, S.275
  • Kleines österreichisches Literaturlexikon, H. Giebisch, L. Pichler und K. Vancsa, Wien: Hollinek, 1948
  • Autorenlexikon der Gegenwart, Karl August Kutzbach, 1950, S.277
  • Kürschners Deutscher Literaturkalender, nebst Nekrolog 1901–1935 und 1936–1970, Jg. 29–52, Berlin: Gruyter, 1907–1952
  • Österreichisches biographisches Lexikon 1815–1950, Bd I, S.278, Graz: Böhlau, 1957
  • Literatur-Lexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Hrsg. v. Walther Killy. Bd. I.,Bonn: Bouvier, 1950 und 1988, S. 110–111
  • Literatur-Lexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Hrsg. v. Walther Killy., Gütersloh: Bertelsmann, 1988–1992, 12 Bde S. 110–111
  • Deutsches Dichterlexikon, Gero von Wilpert, 3. Aufl., 1988, S.112
  • Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums, Dr. Anton Peter Petri, 1992, Sp.19–20
  • Deutsche Biographische Enzyklopaedie, Hrsg. v. Walther Killy. Bd.1., 1995–1999, S.113 München, Saur
  • Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Böttcher, Kurt, Greiner-Mai, Herbert, Müller, Harald, Prosche, Hannelore, Hildesheim: Olms, 1993, Bd. 2: 20. Jahrhundert
  • Biografien des Verlags der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Weblinks