Pentarchie (Europa)

Europäische Großmächte um 1840:

Pentarchie (griechisch für Fünfherrschaft) bezeichnet das bewegliche, mehrpolige System internationaler Beziehungen in Europa, das vom Ende des 18. an und besonders im 19. Jahrhundert von der Dominanz eigentlich fünf, jedenfalls mehrerer Mächte („Europäisches Konzert der Großmächte“) geprägt war[1][2] und das zwischen diesen postulierte, angestrebte oder tatsächlich herrschende Gleichgewicht der Kräfte.[3] Zu diesen Pentarchie-Mächten zählten Frankreich, Österreich, Großbritannien, Russland und Preußen (ab 1871 Deutschland).[4]

Historischer Überblick

In der Folge des Österreichischen Erbfolgekrieges und Siebenjährigen Krieges hatte sich Preußen in den 1760er Jahren als nunmehr fünfte Großmacht in Europa etabliert.[5] Damit endete die seit 1659 vorherrschende Position Frankreichs in Europa, obwohl es die stärkste Großmacht blieb. Fortan schien keine der fünf Mächte allein stark genug, die anderen zu dominieren, was den Frieden in Europa zumindest bis zum Ausbruch der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege förderte. Allerdings ist die Entstehung einer echten Pentarchie bereits im späten 18. Jahrhundert sehr umstritten, da die Ebenbürtigkeit der fünf Großmächte so noch nicht gegeben war. Insbesondere Frankreich stellte weiterhin die mit Abstand stärkste Militärmacht dar, während Preußen deutlich die kleinste Großmacht war.

Nach Napoleons Niederlage 1815 und der Schlussakte des Wiener Kongress überwachten die vier großen Siegermächte England, Russland, Österreich und Preußen in der Quadrupelallianz von Chaumont das europäische Gleichgewicht und das vertragskonforme Verhalten des besiegten Frankreich. Nach dem Sieg über Napoleon brachen jedoch die Gegensätze der Siegermächte untereinander bald wieder auf und einzelne Staaten wünschten diplomatische Unterstützung durch das nun wieder royalistische Frankreich. Auf dem Aachener Kongress 1818 attestierte man Frankreich, seine vertraglichen Bestimmungen aus der Wiener Schlussakte erfüllt zu haben und zog die verbliebenen Besatzungstruppen ab. Frankreich nahm als gleichwertiges Mitglied an den nachfolgenden Kongressen von Laibach und Verona teil. Aus der Siegerkoalition von 1815 wurde die europäische Pentarchie. Dieses Konzert der Großmächte hielt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Gegensätze zum Krimkrieg führten, einer militärischen Auseinandersetzung zwischen drei Mitgliedern der europäischen Pentarchie.

Literatur

  • Winfried Baumgart: Europäisches Konzert und nationale Bewegung. Internationale Beziehungen 1830-1878 (Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen Band 6), Paderborn/München/Wien/Zürich, 1999 ISBN 978-3-506-73726-7.
  • Walter Demel: Europäische Geschichte des 18. Jahrhunderts. Stuttgart, 2000 ISBN 3-17-0145-18-5.
  • Heinz Duchhardt: Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700–1785 (Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen Band 4), Paderborn/München/Wien/Zürich, 1997 ISBN 978-3-506-73724-3.
  • Michael Sheehan: The Balance of Power. History and Theory. London/New York, 1996 ISBN 0-415-11931-6.
  • Arno Strohmeyer: Theorie der Interaktion. Das europäische Gleichgewicht der Kräfte in der Frühen Neuzeit. Wien/Köln/Weimar, 1994 ISBN 3-205-98216-9.

Einzelnachweise

  1. Walter Demel: Europäische Geschichte des 18. Jahrhunderts. Stuttgart, 2000 ISBN 3-17-0145-18-5, S. 217.
  2. Winfried Baungart: Europäisches Konzert und nationale Bewegung. Internationale Beziehungen 1830-1878 (Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen Band 6), Paderborn/München/Wien/Zürich, 1999 ISBN 978-3-506-73726-7, S. 147ff.
  3. Heinz Duchhardt: Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700–1785 (Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen Band 4), Paderborn/München/Wien/Zürich, 1997 ISBN 978-3-506-73724-3, S. 10-18.
  4. Heinz Duchhardt: Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700–1785 (Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen Band 4), Paderborn/München/Wien/Zürich, 1997 ISBN 978-3-506-73724-3, S. 8f.
  5. Heinz Duchhardt: Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700–1785 (Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen. Band 4), Paderborn/München/Wien/Zürich, 1997 ISBN 978-3-506-73724-3, S. 154f.