Reinhard Haller

18. März 2009: Reinhard Haller beim Prozess gegen Josef Fritzl in St. Pölten.

Reinhard Haller (* 1951 in Mellau, Bregenzerwald) ist ein österreichischer Psychiater und Neurologe. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Suchtforschung.[1] Haller ist insbesondere als psychiatrischer Gerichtsgutachter in von den Medien vielbeachteten Fällen bekannt. Er verfasste unter anderem Gutachten in den Fällen zu Jack Unterweger, Franz Fuchs, und Amoklauf von Winnenden. [2]

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Von 1971 bis 1976 studierte Reinhard Haller Medizin und von 1977 bis 1983 absolvierte er die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie. 1994 folgte die Habilitation an der Universität Innsbruck zum Thema „Psychische Störung und Kriminalität“.

Seit 1983 ist er Ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrums für Suchtkranke, seit 1990 Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung. Seit 1983 zudem Gerichtssachverständiger an verschiedenen in- und ausländischen Gerichtshöfen, Erstellung von bislang ca. 8.000 Gutachten [3]

2003 wurde er durch Bundespräsident Thomas Klestil zum Universitätsprofessor ernannt.[4] Seit 2006 ist Reinhard Haller Präsident der „Neuen Kriminologischen Gesellschaft“. Im Jahr 2010 wurde Haller der Toni-Russ-Preis der Vorarlberger Nachrichten verliehen.[5]

Gutachten über Heinrich Gross

In die Kritik geriet Reinhard Haller wegen eines von ihm verfassten Gutachtens über den österreichischen Euthanasiearzt Heinrich Gross, in dem er diesen eine fortgeschrittene vaskuläre Demenz und eine ausgeprägte Depression attestierte. In Folge dieses Gutachtens wurde das Verfahren gegen Heinrich Gross im Jahre 2000 nicht wieder aufgenommen. Der New Yorker Psychiater und Gerichtssachverständige Peter Stastny und der österreichische Psychologe und Sachverständige Klaus Burtscher äußerten ernsthafte Bedenken an den durchgeführten Tests und dem Befund. Zweifel über Hallers Beurteilungen kamen auch in der Öffentlichkeit rasch auf, nachdem Gross im Anschluss an das Verfahren ausführliche Interviews gab und über den Zweiten Weltkrieg erzählte. Hallers Expertise wurde 2001 durch eine neuerliche Untersuchung von Gross durch Volker Dittmann, Ordinarius für Rechtsmedizin und forensische Psychiatrie an der Universität Basel, bestätigt. Gross wurde weiter als nicht verhandlungsfähig eingestuft. [6][7][8][9] Auch ein widersprechendes Gutachten des Bezirksgerichtes Purkersdorf 2002, das dem angeklagten Dr. Gross „volle Rechtsfähigkeit“ bescheinigte, führte nicht zu einer Fortsetzung des Mordprozesses.[10][11]

Gutachten über Milivoj Ašner

In die Kritik geriet Reinhard Haller erneut 2008 wegen eines von ihm verfassten Gutachtens über Milivoj Ašner, in dem er diesen eine fortgeschrittene Demenz attestierte. Wegen eines Auslieferungsantrags Kroatiens musste die Vernehmungsfähigkeit des über Neunzigjährigen geprüft werden. Die psychiatrischen Gutachten von Reinhard Haller, Frastanz, und Peter Hofmann, Graz bescheinigten eine fortgeschrittene Demenz.[12][13] Mit dem Ergebnis, dass keine Vernehmungsfähigkeit gegeben sei.[14]

Britische Zeitungen und der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Österreich, Ariel Muzicant,[15] bezeichneten diese Gutachten als unglaubhaft, nachdem Ašner sehr rüstig wirkend und ohne Stock gehend bei längeren Spaziergängen sowie am Rande einer Fan-Feier der Fußball-Europameisterschaft 2008 in Klagenfurt fotografiert worden war[16] und in einem Interview mit dem ORF Report 2008 sich ohne erkennbare Denk- und Gedächtnisstörungen (Diagnostikkriterien Demenz) darstellte.[17]

Nachdem Ašner in einem Interview Gerüchte über eine angebliche Demenzerkrankung (die ihm von Gutachtern bescheinigt worden war) zurückwies, ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen ihn.[18] Das Gutachten von Haller betreffend Milivoj Ašner fand Eingang in den Human Rights Report Austria 2008 des U.S. State Departments: Sektion 4: Stellung der Regierung zur internationalen Untersuchung angeblicher Menschenrechtsverletzungen.[19]

Ferndiagnosen

Die psychiatrischen Ferndiagnosen des Vorarlberger Kriminalpsychiaters sind in der internationalen Presse sehr gefragt. Nach seiner Einschätzung liegt bei Anders Behring Breivik ein krankhafter Wahn vor. [20] Nach den Anschlägen in Norwegen stellte der Psychiater fest, es ist immer schwierig, Ferndiagnosen zu erstellen.[21] Er hält beide Gutachten des norwegischen Gerichts für falsch. Das erste, weil die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ nicht zutreffe. Das zweite, weil er den Umkehrschluss ablehnt, dass Breivik voll schuldfähig sein muss, wenn er nicht schizophren ist. Für Haller steht fest, dass Breivik „hochgradig gestört“ sein müsse.[22]

Publikationen

als Autor
  • Das ganz normale Böse. Ecowin Verlag, Salzburg 2009, ISBN 978-3-902404-80-0.
  • Das psychiatrische Gutachten. 2. Aufl. Manz, Wien 2008, ISBN 978-3-214-06930-8 (Schriftenreihe Recht der Medizin; 2).
  • (Un)glück der Sucht. wie sie ihre Abhängigkeit besiegen. Ecowin Verlag, Salzburg 2007, ISBN 978-3-902404-48-0.
  • Die Seele des Verbrechers. Motive, Impulse, Lebensbilder. 3. Aufl. Residenz-Verlag, St. Pölten 2006, ISBN 3-7017-3037-7.
  • Selbstmord. Verzweifeln am Leben? Hannibal-Verlag, Wien 1987, ISBN 3-85445-030-3 (zusammen mit Albert Lingg).
als Herausgeber
  • Drogen, Sucht, Kriminalität. Forum-Verlag Godesberg, Mönchengladbach 2009, ISBN 978-3-936999-63-1 (Neue kriminologische Schriftenreihe; 111).
Vorträge

Weblinks

 Commons: Reinhard Haller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender, 2009, Band II, S. 1407
  2. http://www.baden-online.de/news/artikel.phtml?page_id=67&db=news_lokales&table=artikel_ortenau&id=18137
  3. http://www.opfer-schutz.at/kommission/haller.html
  4. entsprechend BGBl 2002/261
  5. Dr.-Toni-Russ-Preis für Reinhard Haller. ORF Vorarlberg, 2. September 2010.
  6. http://vbgv1.orf.at/stories/461594
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Gross
  8. http://tirv1.orf.at/stories/461611
  9. http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/586546/Justiz_Zweifel-an-GrossGutachten
  10. „Der Standard“ vom 4. Dezember 2002 [1]
  11. – Anfragebeantwortung von Justizministerin Karin Miklautsch [2]
  12. ORF: Milivoj Ašner: Staatsanwalt ermittelt[3]
  13. Die Presse: Justiz zu Fall Ašner: "Österreich ist nicht Guantanamo" [4]
  14. Staatsanwaltschaft lässt Gesundheitszustand überprüfen. Kleine Zeitung 18. Juni 2008 [5]
  15. Die Presse: Muzicant: Nationalsozialismus: Österreich könnte Ašner ausliefern [6]
  16. Online-Ausgabe der The Sun, http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/article1294928.ece, und der The Times, http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/europe/article4149834.ece; dazu auch die Online-Ausgaben von Die Zeit http://www.zeit.de/news/artikel/2008/06/16/2552199.xml und Der Standard http://derstandard.at/?url=/?id=3378784
  17. OE24: Ex-Nazi Ašner soll doch vor den Richter [7]
  18. ORF: Asner zeigt sich selbstsicher [8]
  19. U.S. State Department, Human Rights Report Austria 2008, Section 4[9]
  20. In Zürich getroffen - Reinhard Haller – Amokforscher Online-Ausgabe der Neue Zürcher Zeitung, [10]
  21. News Live Chat mit dem Profiler Reinhard Haller [11]
  22. Das Dilemma psychiatrischer Gutachten: Ist Anders Breivik böse oder geisteskrank? Focus, [12]