Reinhard Zimmermann

Dieser Artikel behandelt den Juristen Reinhard Zimmermann. Für den Maler siehe Reinhard Sebastian Zimmermann.

Reinhard Zimmermann (* 10. Oktober 1952 in Hamburg) ist ein deutscher Jurist. Seit 2002 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg.[1]

Inhaltsverzeichnis

Leben

Zimmermann studierte Rechtswissenschaften und promovierte an der Universität Hamburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hans Hermann Seiler. Nach Abschluss der großen Juristischen Staatsprüfung 1979 war er zunächst wissenschaftlicher Assistent bei Jens Peter Meincke in Köln, bevor er 1981 einen Lehrstuhl für Römisches Recht und Rechtsvergleichung an der Universität Kapstadt übernahm. 1988 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde ordentlicher Professor an der Universität Regensburg.

Seit 2002 ist Zimmermann Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationals Privatrecht in Hamburg. Von 2006 bis 2010 war er Vorsitzender der Geistes-, Sozial und Humanwissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft. 2008 wurde er zum Professor an der Bucerius Law School ernannt. Seit seiner Zeit in Regensburg hatte er eine Vielzahl von Gastprofessuren inne, unter anderem an den Universitäten von Chicago (Max-Rheinstein Lehrstuhl), Tulane, Cornell, Stellenbosch, Edinburgh, Berkeley, Auckland, an der Yale Law School sowie den Universitäten von Cambridge (A.L. Goodhart Professor of Legal Science und Fellow des St John’s College) und Oxford.

Zimmermann war Mitglied der Lando-Kommission, die Teil III der Principles of European Contract Law erarbeitet hat, der Arbeitsgruppe zur Revision und Erweiterung der UNIDROIT- Principles of International Commercial Contracts sowie der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Schuldrechtsreform in Deutschland.

Ab 2004 war Zimmermann Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Studienstiftung des deutschen Volkes, seit 2011 ist Zimmermann Präsident der Studienstiftung. Ebenfalls seit 2011 ist er Vorsitzender der Zivilrechtslehrervereinigung. Seit 2011 ist Reinhard Zimmermann Senator der Max-Planck-Gesellschaft und im selben Jahr wurde er auch zum Senator des European Law Institute ernannt.

In der Roman-Trilogie „The 2 ½ Pillars of Wisdom“, die den deutschen Professor – symbolisiert in dem Charakter des Moritz-Maria von Igelfeld – auf den Arm nimmt, hat der schottische Autor Alexander McCall Smith Anregungen und Anekdoten seines Freundes Reinhard Zimmermann verarbeitet; diesem ist der erste Band („Portuguese Irregular Verbs“) gewidmet. 2011 erschien der vierte Band der Serie, "Unusual Uses for Olive Oil".

Wirken

Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Schuld- und Erbrechts in historischer und vergleichender Perspektive, in den Beziehungen zwischen englischem common law und kontinentaleuropäischem civil law, in Analyse von Mischrechtsordnungen (insbesondere Schottland und Südafrika) und in der Vereinheitlichung des europäischen Privatrechts und der Privatrechtswissenschaft.

Kritik

International bekannt geworden ist Zimmermann zunächst mit seinem Werk „The Law of Obligations: Roman Foundations of the Civilian Tradition“. Es beruht auf einer Verbindung von Rechtsgeschichte und Rechtsvergleichung, die einen Schlüssel zum Verständnis der Gemeinsamkeiten und Unterschiede unserer modernen Privatrechtsordnungen bietet. Dieser Ansatz hat die Diskussion um ein europäisches Privatrecht weit über Deutschland hinaus maßgeblich beeinflusst. „For a book which is merely new“, schreibt der englische Rechtsvergleicher Tony Weir, „no introduction is really called for, but a minor fanfare may perhaps be in order for a work of an altogether novel kind. This is such a work: no previous book is at all like it.”[2]

Zimmermanns historisch-vergleichende Arbeiten haben weltweit große Zustimmung gefunden aber auch, zum Teil polemische, Kritik auf sich gezogen. So bezeichnet Ugo Mattei Zimmermanns Ansatz, ebenso wie denjenigen von Friedrich Carl von Savigny zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als „thoroughly ethnocentric, conservative, class-priviledged (and) self-serving“.[3] Zimmermann und seine Anhänger “by use of biased historiography, pursue a defence of the status quo in the professional-legal leadership in Europe”; diese Verteidigung richte sich gegen die drohende Hegemonie der US-amerikanischen Kultur. Pio Caroni bezeichnete Zimmermann 1994 als „Neopandektisten“.[4] Der italienische Romanist und Verfassungsrichter Paolo Grossi: „I'm terrified when some modern Roman law scholar digs out of his magician's hat obsolete Roman law tools in the secret (and sometimes also open) hope to conquer a title of honour in the building of the future uniform European law and to gain a right of citizenship in the future European paradise. Think about the large amount of essays written by Reinhard Zimmermann, a respectable colleague from the University of Regensburg who likes to talk about Usus hodiernus pandectarum. All of this is appalling to me.“[5]

Diese Einschätzung sieht sich jedoch dem Vorwurf ausgesetzt, auf einem simplen Missverständnis zu beruhen. So meint David Ibbetson: „For all the diversity that exists within the European legal tradition, at the root of it there is a substantial unity. Legal historians might quibble about the precise balance between diversity and unity, but none would deny the truth of Professor Zimmermann’s basic proposition … [T]his is not just a rehash of the ultra-simplistic proposition that continental European legal systems are based on Roman law as a result of some sort of crude borrowing of Roman rules. It is more that, as a matter of historical observation, continental European legal systems have developed by the progressive adaptation of Roman law principles to changing circumstances, repeatedly taking advantage of the elasticity and potential for growth present within these principles themselves. It is not far-fetched to project this forward too: as we move towards a European private law, it is not unreasonable to suppose that it is through the continuation of this process of the adaption of Roman principles that this will be achieved.” [6] Ähnlich schreiben die belgischen Autoren Dirk Heirbaut und Matthias Storme wenige Jahre später: “[I]n 1990 Reinhard Zimmermann delivered a general wake up call in his famous book about the law of obligations. Suddenly, law professors all over Europe started to become interested in creating … a new common law of Europe. … Some caution may be justified here. Many have taken the wrong message from Zimmermann’s work: Europe had one law in the past and it should have one law again in the future. … (In reality) the lawyers of the ius commune had a common legal culture not a common law, and what Zimmermann wants is a re-Europeanization of legal scholarship, a new common legal science and legal culture. The rest can follow later and that may take some time.”[7]

Unter Zimmermanns jüngeren Werken, die weltweite Resonanz gefunden haben, ist der von ihm und Beatson herausgegebene Band Jurists Uprooted (siehe unten, Schriften). Gegenstand sind die Lebenswege und die Wirkungsgeschichten deutschsprachiger Juristen, die in den 1930er Jahren nach England emigrieren mussten. Marcus Lutter bemerkt dazu: „… Jeder, der sich in dieses Buch vertieft, legt es beschämt und tief bereichert aus der Hand. … Der Reichtum des Buches aber liegt in der geradezu unglaublichen Sorgfalt und Genauigkeit der Autoren, die ihre Berichte stets verbinden mit einer Entwicklungsgeschichte des Faches. … Das Buch enthält … zugleich eine Rechtsgeschichte und eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.“[8]

Ehrungen und Auszeichnungen

1996 wurde Zimmermann der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen.

Die Universitäten Chicago (1997), Aberdeen (2002), Maastricht (2005), Lund (2006), Kapstadt (2006), Edinburgh (2007), Lleida (2007), Stellenbosch (2009) und McGill (Montreal) (2010) verliehen Zimmermann jeweils die Ehrendoktorwürde. Die Ehrung durch die Universität Kapstadt erfolgte auch in Anerkennung seines Eintretens für die Wiederherstellung von Rechtsstaatlichkeit in Südafrika zu Zeiten der Apartheid.

Zimmermann ist ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und korrespondierendes bzw. auswärtiges Mitglied der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Royal Society of Edinburgh, der Accademia delle Scienze di Torino, der British Academy und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Schriften (Auswahl)

Herausgebertätigkeit

Zeitschriften

Schriftenreihen

  • Studien zum ausländischen und internationalen Privatrecht (Mohr Siebeck) gemeinsam mit Jürgen Basedow und Holger Fleischer).
  • Schriften zur Europäischen Rechts- und Verfassungsgeschichte (Duncker & Humblot) (gemeinsam mit Reiner Schulze und Elmar Wadle).
  • Comparative Studies in Continental and Anglo-American Legal History (Duncker & Humblot) (gemeinsam mit Helmut Coing, Richard Helmholz und Knut Wolfgang Nörr).

Bücher

  • The Law of Obligations: Roman Foundations of the Civilian Tradition, Oxford University Press 1996, ISBN 0-19-876426-X.
  • Good Faith in European Contract law, Cambridge University Press 2000, ISBN 0 521 77 19 000 (herausgegeben gemeinsam mit Simon Whittaker).
  • Roman Law, Contemporary Law, European Law: The Civilian Tradition Today, Oxford University Press 2001, ISBN 0-19-829913-3.
  • Comparative Foundations of a European Law of Set-Off and Prescription, Cambridge University Press 2002, ISBN 0-521-81461-8.
  • Mixed Legal Systems in Comparative Perspective, Oxford University Press 2004, ISBN 0-19-927100-3 (herausgegeben gemeinsam mit Daniel Visser und Kenneth Reid).
  • Historisch-kritischer Kommentar zum BGB, Mohr Siebeck, Band I 2003 ISBN 3-16-147909-2, Band II 2007 ISBN 3-16-149376-1 (herausgegeben gemeinsam mit Joachim Rückert und Matthias Schmoeckel).
  • The New German Law of Obligations: Historical and Comparative Perspectives, Oxford University Press 2005, ISBN 0-19-929137-3.
  • Jurists Uprooted: German-speaking Émigré Lawyers in Twentieth-century Britain. Oxford University Press 2005, ISBN 0-19-927058-9 (herausgegeben gemeinsam mit Jack Beatson).
  • The Oxford Handbook of Comparative Law, Oxford University Press, 2006, ISBN 0-19-953545-0 (herausgegeben gemeinsam mit Mathias Reimann).
  • Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts Mohr Siebeck, 2009, ISBN 3-16-149918-2 (herausgegeben gemeinsam mit Jürgen Basedow und Klaus-Jürgen Hopt).

Zeitschriftenbeiträge

  • „Heard Melodies are sweet, but those unheard are sweeter ...“ – Condicio tacita, implied condition und die Fortbildung des europäischen Vertragsrechts, Archiv für die civilistische Praxis 193 (1993), 121 – 173.
  • Der europäische Charakter des englischen Rechts, Zeitschrift für Europäisches Privatrecht 1 (1993), 4 - 50.
  • Unjustified Enrichment: The Modern Civilian Approach, Oxford Journal of Legal Studies 15 (1995), 403 – 429.
  • Savigny's Legacy: Legal History, Comparative Law, and the Emergence of a European Science, Law Quarterly Review 1996, 576 – 605.
  • „In der Schule von Ludwig Mitteis“, Ernst Rabels rechtshistorische Ursprünge, Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht 2001, 1 – 38.
  • Europa und das römische Recht, Archiv für die civilistische Praxis 202 (2002), S. 243ff.
  • The Present State of European Private Law, American Journal of Comparative Law 2009, 479 – 512.
  • Vertragsschluss und Irrtum im europäischen Vertragsrecht: Textstufen transnationaler Modellregelungen, Archiv für die civilistische Praxis 210 (2010), 196 - 250 (gemeinsam mit Nils Jansen).
  • Codification: The Civilian Experience Reconsidered on the Eve of a Common European Sales Law, European Review of Contract Law 8 (2012), 367 - 399.

Literatur über Reinhard Zimmermann

  • Stephan Mittelsten Scheid, Reinhard Zimmermann und das römisch-kanonische Recht als Grundlage einer europäischen Zivilrechtsordnung, in: Thomas Hören (Hrsg.), Zivilrechtliche Entdecker, Beck 2001, ISBN 3-406-47962-6, Seiten 411-442.
  • Vaquer, Antoni (Hrsg.): European private law beyond the common frame of reference : Essays in honour of Reinhard Zimmermann, European Law Publishing 2008, ISBN 978-90-76871-93-6.

Einzelnachweise

  1. Biographische Daten von Reinhard Zimmermann in: Wer ist Wer – Das deutsche Who's Who 2000/2001. 39. Ausgabe, Schmidt-Römhild, Verlagsgruppe Beleke, Lübeck 2000, S. 1578, ISBN 978-3-7950-2029-3.
  2. Tony Weir In: Reinhard Zimmermann: The Law of Obligations – Roman Foundations of the Civilian Tradition. Oxford University Press, 1996, ISBN 0-19-876426-X, vi.
  3. Ugo Mattei, The European Codification Process, Den Haag 2003, S. 68.
  4. Pio Caroni, „Der Schiffbruch der Geschichtlichkeit; Anmerkungen zum Neo-Pandektismus“, Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 1994, S. 85.
  5. zitiert nach Ugo Mattei: „The european codification process“, Den Haag 2003, S. 71.
  6. David Ibbetson, Cambridge Law Journal 61 (2002), 210.
  7. Heirbaut/Storme, The historical evolution of European private law, in: Twigg-Flesner (Hrsg.), The Cambridge Companion to European Union Private Law, Cambridge University Press 2010, 31.
  8. Marcus Lutter, Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht 70 (2006), 579, 583.

Weblinks