Reservekopf (KHM 7787)

Reservekopf (KHM 7787)
ReserveHead-FrontView KunsthistorischesMuseum Nov13-10.jpg
Material Kalkstein
Maße H. 27,7 cm;B. 17,3 cm;
Herkunft Gizeh
Zeit Altes Reich, vermutlich Mitte der 4. Dynastie, um 2550 v. Chr.
Ort Wien, Kunsthistorisches Museum, KHM 7787

Der Reservekopf (auch Ersatzkopf oder Porträtkopf) im Kunsthistorischen Museum in Wien mit der Inventarnummer 7787 ist einer von einigen dreißig solcher lebensgroßer Köpfe aus dem Alten Ägypten, deren genaue Funktion bis heute ungeklärt ist und von denen die meisten aus Gizeh stammen. Sie waren von vornherein als Köpfe gefertigt und sind nicht etwa Fragmente von Statuen. Der Wiener Reservekopf datiert wie die meisten von ihnen in die Zeit der Könige (Pharaonen) Cheops und Chephren, also in die Mitte der 4. Dynastie (um 2550 v. Chr.).

Die Reserveköpfe wurden in einer Nische zwischen dem senkrechten Schacht und der Sargkammer der Mastabas aufbewahrt.

In dieser Zeit wurde vermutlich der Totenkult im privaten Bereich verboten, denn es fehlen in Privatgräbern (Mastabas) Reliefs, Inschriften, Scheintüren und Serdabs, abgeschlossene Räume hinter der Scheintüre, in welchen die Ka-Statuen des Verstorbenen aufbewahrt wurden. Stattdessen befanden sich die Reserveköpfe am Fuß des senkrechten Grabschachtes, in einer Nische der Mauer, die die Grabkammer vom Schacht trennt. Damit hatten diese Köpfe nicht die Funktion einer Kultstatue, wie etwa die Ka-Statuen, die die Entgegennahme der Opfer ermöglichten. Durch ihre einzigartigen charakteristischen Merkmale wird ihre Funktion eher dahingehend interpretiert, die Individualität und das Aussehen des Verstorbenen zu bewahren.[1]

Über Sinn und Motiv der Anfertigung der Reserveköpfe gibt es viele Deutungen[1]:

  • Angst, den Kopf im Jenseits zu verlieren, sei es durch Dämonen oder natürlichen Verfall (daher die Bezeichnung Reserve- oder Ersatzköpfe)
  • Ersatz für die Grabstatue
  • Bewahrung des Aussehens, auch wenn die Mumie zerfällt (damals war die Technik der Mumifizierung noch nicht so weit fortgeschritten)
  • Bei einer magischen Praktik eingesetzt, die verhindern soll, dass der Tote zurückkommt und den Hinterbliebenen schadet (nach R. Tefnin)

Im Unterschied zu den Grabstatuen und ganz allgemein für die ägyptische Kunst ist es einzigartig, dass nur ein Teil des Menschen wiedergegeben ist. Ansonsten war es von zentraler Bedeutung, die Unversehrtheit des Menschen zu bewahren. Außerdem waren die Personen der Oberschicht sonst immer mit Perücke und nicht kahl dargestellt. Ferner sind sie nicht nach den stilistischen Konventionen und in der üblichen Idealisierung der zeitgenössischen Plastik geschaffen, sondern in geradezu photographischer Objektivität.[1]

Helmut Satzinger bemerkt zur Wirkung des Wiener Porträtkopfs:

„Er ist ein Porträt, aber ein ägyptisches Porträt - es enthält nichts Unwesentliches, nichts Zufälliges; das Abbild eines Menschen außerhalb jeder räumlichen und zeitlichen Bedingtheit, jeder Einzelsituation oder Stimmung. Es steht in seiner künstlerischen Auffassung außerhalb des ansonsten aus Ägypten Erhaltenen; in seiner Zeitlosigkeit wirkt es für den jeweiligen Betrachter modern.“

Helmut Satzinger[2]

Der Kopf wurde 1914 von Hermann Junker im Umkreis der Cheops-Pyramide entdeckt. Dieser führte dort zwischen 1912 und 1929 archäologische Ausgrabungen durch, von denen ein großer Teil der Objekte aus dem Alten Reich im Kunsthistorischen Museum Wien stammen.[1]

Literatur

  • Helmut Satzinger: Ägyptische Kunst in Wien. Kunsthistorisches Museum, Wien. ISBN 3-900325-03-0.
  • Helmut Satzinger: Das Kunsthistorische Museum in Wien. Die Ägyptisch-Orientalische Sammlung. Sonderheft von "Antike Welt", 1994.
  • CD-ROM des Kunsthistorischen Museum (KHM): Schätze Ägyptens in Europa. Teil 5: Das Kunsthistorische Museum. 2002.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d Helmut Satzinger: Das Kunsthistorische Museum in Wien. Die Ägyptisch-Orientalische Sammlung., S. 106.
  2. Helmut Satzinger: Ägyptische Kunst in Wien., S. 12.