Rudolf Wilhelm von Stubenberg

Rudolf Wilhelm von Stubenberg (* 2. Januar 1643 in Preßburg; † 28. Januar 1677 in Regensburg) war ein Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Kindheit

Rudolf Wilhelm entstammte dem protestantischen Zweig der aus der Steiermark nach Böhmen ausgewanderten Adelsfamilie von Stubenberg. Seine Eltern waren der Übersetzer und Dichter Johann Wilhelm von Stubenberg und Felicitas Dorothea von Eibiswald. Er wurde in Pressburg, das damals zum Königreich Ungarn gehörte, geboren und getauft. Nach einer Erkrankung im Alter von zwei Jahren behielt er eine dauernde Bewegungsbehinderung zurück. Seine Kindheit verbrachte er auf der Burg Schallaburg in Niederösterreich, die seinem Vater nach langen Erbauseinandersetzungen zugestanden wurde. Seine christliche Erziehung und seinen ersten Unterricht erhielt er von seinen Eltern. Obwohl es durch ein kaiserliches Dekret von 1652 verboten war, protestantische Erzieher zu beschäftigen, wurde 1653 – auf Vermittlung von Sigmund von Birken – Paul Winkler, ein Neffe des schlesischen Dichters Andreas Gryphius, als Hauslehrer für Rudolf Wilhelm angestellt. Nachdem Winkler im April 1656 die Schallaburg aus persönlichen Gründen verließ, wurde Rudolf Wilhelm Schüler des evangelischen Gymnasiums in Pressburg. Danach begann er eine juristische Ausbildung in Wien (Collegia Juridica), die er jedoch wegen des Todes seines Vaters nicht abschließen konnte.

Tod des Vaters und Exil

Nach dem Tod seines Vaters 1663 hatte Rudolf große Schwierigkeiten, als minderjähriger protestantischer Adeliger an sein Erbe zu gelangen. Ebenso durfte er die geplante Bildungsreise nicht antreten, da diesem Personenkreis von den katholischen Autoritäten auch Studienaufenthalte im Ausland untersagt waren. Mit diesen Vorschriften sollten Witwen und Waisen zur Konversion gedrängt werden. Nachdem sich im Türkenkrieg der Feind bedrohlich der Hauptstadt Wien näherte, flüchtete Rudolf mit seiner Mutter nach Wels in Oberösterreich, aus dem bereits alle Protestanten ausgewiesen worden waren. Im Herbst reiste er nochmals nach Wien in der Hoffnung, dort doch noch ohne Glaubenswechsel ein Amt bekleiden zu können.

Er erkannte jedoch seine aussichtslose Lage und verließ, nachdem er volljährig geworden war, mit seiner Mutter im Frühling 1664 endgültig seine österreichische Heimat. Er suchte Zuflucht in der freien Reichsstadt Regensburg, wo sich bereits viele österreichische Exulanten angesiedelt hatten und wo auch entfernte Verwandte der Stubenberg, die kompromisslos ihrem Glauben treu geblieben waren, wohnten. Dort sorgte er für eine standesgemäße Unterkunft seiner Mutter und ließ sie vom Kupferstecher G. E. Emmerts porträtieren.

Bildungsreise

Im Sommer oder Herbst 1664 unternahm Rudolf Wilhelm die lange geplante Bildungsreise in die Schweiz, nach Frankreich, Spanien, England und in die Niederlande. Er war anderthalb Jahre unterwegs und kehrte über Hamburg, Westfalen, Sachsen und Böhmen nochmals nach Wien zurück, vermutlich in der Absicht, um seine zukünftige Frau zu werben.

Heirat und Familie

Am 13. Februar 1667 heiratete Rudolf Wilhelm in der evangelischen Kirche von Kittsee bei Pressburg, das damals zu Ungarn gehörte, Maria Maximiliana von Auersperg. Das Brautpaar kannte sich vermutlich aus Kindestagen. Der Brautvater, Erasmus von Auersperg, besaß das Schloss Ernegg in Niederösterreich, das nicht weit von der Schallaburg entfernt war.

Auf Rudolfs Wunsch wurden die Gebeine seines Vaters, der auf dem evangelischen Friedhof von Kittsee beerdigt worden war, nach Regensburg überführt und auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche bestattet. Schon bald musste dort auch Rudolfs Mutter, die ihren Mann um nur vier Jahre überlebt hatte, zu Grabe getragen werden. Auch das Glück des jung vermählten Paares war nicht von Dauer. Am 4. Mai 1668 starb Maria Maximiliana, tief betrauert von Rudolf. Ihre Freundin aus Kindertagen, Catharina Regina von Greiffenberg, verfasste zu der gedruckten Trauerpredigt ein Trauergedicht. Nach diesen Schicksalsschlägen unternahm Rudolf Wilhelm eine mehrmonatige Reise nach Italien.

In zweiter Ehe heiratete Rudolf Wilhelm am 4. Juli 1670 die Wild- und Rheingräfin Anna Juliana von Salm-Grumbach (1650-1721). Das Paar lebte in Regensburg und bekam einen Sohn, Adolf Wilhelm (1671-1738), und vier Töchter. In einem Brief bat Rudolf Wilhelm den sächsischen Kurfürsten Johann Georg II., im Falle seines Todes die Vormundschaft und die Fürsorge für seine Kinder zu übernehmen und sie vor der katholischen österreichischen Verwandtschaft zu schützen. Den Plan, seinen Wohnsitz in Sachsen zu nehmen, konnte er nicht mehr realisieren. Am 27. Januar 1677 diktierte er sein Testament und starb am nächsten Tag im Alter von erst 34 Jahren.

Literarische Tätigkeit

Noch zu Lebzeiten seines Vaters wurde Rudolf mit 18 Jahren in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen und wählte das Pseudonym “Der Begütigende”. Obwohl er in der literarischen Welt noch unerfahren und im Schreiben, Dichten und Übersetzen wenig geübt war, kümmerte er sich um das in Teilen noch unveröffentlichte Werk seines Vaters. Seine eigenen Übersetzungspläne konnte er nicht realisieren. Es sind jedoch einige Widmungsgedichte von ihm erhalten.

Scherenschnitte

Schon als Kind soll Rudolf Wilhelm meisterhafte Scherenschnitte von überdurchschnittlicher Kunstfertigkeit angefertigt haben, über die sich sein Hauslehrer Paul Winkler in einem Brief an Sigmund von Birken sehr lobend äußerte. 16 dieser Scherenschnitte haben die Jahrhunderte überdauert und befinden sich im Kupferstichkabinett des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Sie sind aus weißem Papier geschnitten und auf schwarze Unterlagen geklebt und sollen zu den ältesten erhaltenen Scherenschnitten Europas gehören. Neben ornamentalen Motiven und Wappen sind auch phantasievolle Darstellungen einer Bauernhochzeit, einer Elefantenjagd, die Vogelpredigt des Heiligen Franziskus, die Anbetung des Christkinds durch Hirten und die Heiligen drei Könige u. ä. dargestellt. Verloren sind die Scherenschnitte “Geharnischter Mann” und “Schäferei”.

Kunstsammlung

Rudolf war ein Kunstliebhaber, der vor allem Landschafts- und Blumenbilder sammelte. Seine Gemäldegalerie mit Bildern von Veronese, Caravaggio und anderen bekannten Künstlern wird von Joachim von Sandrart in seiner “Academie der Bau-, Bild und Mahlerey-Künste” (Nürnberg 1675) beschrieben. Er besaß auch eine bedeutende Münzen- und Medaillensammlung.

Literatur

  • Martin Bircher: Johann Wilhelm von Stubenberg und sein Freundeskreis, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1968
  • Ders.: Barocke Scherenschnitte. In: Nachrichten aus dem Kösel-Verlag, Sonderheft Deutsche Barock-Literatur, München 1966, S. 10–11
  • Ernst Biesalski, Scherenschnitt und Schattenrisse, Kleine Geschichte der Silhouettenkunst, München 1964
  • Silvia Glaser und Werner Wilhelm Schnabel: Künstliche Lust-Hand-Arbeit – Rudolf Wilhelm von Stubenberg und seine Scherenschnitte. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 59, 1991, S. 297–334