SOS-Kinderdorf

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SOS-Kinderdorf ist eine nicht-staatliche, unabhängige und überkonfessionelle Organisation, die in 133 Ländern aktiv ist. Die Rechtsform von SOS-Kinderdorf ist von Land zu Land unterschiedlich, und oft ein Verein oder eine Stiftung. Während in den SOS-Kinderdörfern in Entwicklungs- und Schwellenländern vorwiegend Waisenkinder leben, betreut SOS-Kinderdorf in Industriestaaten heute mehrheitlich sog. „Sozialwaisen“, d. h. Kinder, deren leibliche Eltern ihre Erziehung nicht wahrnehmen können und die auf Vermittlung des Jugendamts im SOS-Kinderdorf untergebracht werden. SOS steht für „Societas Socialis“, was frei übersetzt „soziale Gemeinschaft“ heißt. Der Sitz sowohl der österreichischen als auch der internationalen Organisation ist in Innsbruck in Tirol. Daneben besteht in jedem Land, in dem SOS-Kinderdorf aktiv ist, ein nationaler Verein.

Inhaltsverzeichnis

Leitbild

50 Jahre SOS-Kinderdörfer: Deutsche Sonderbriefmarke von 1999

„Wir geben in Not geratenen Kindern eine Familie.
Wir helfen ihnen, ihre Zukunft selbst zu gestalten.
Wir tragen zur Entwicklung ihrer Gemeinden bei.“

Unser Auftrag Was wir tun [1]

Vier Prinzipien kennzeichnen das SOS-Kinderdorf: Jedes Kind braucht eine Mutter und wächst am natürlichsten mit Geschwistern in einem eigenen Haus innerhalb einer Dorfgemeinschaft auf.

Geschichte

Die Idee Hermann Gmeiners, verwaisten und verlassenen Kindern in der Nachkriegszeit ein neues Zuhause zu geben, wurde 1949 mit der Gründung des Vereins SOS-Kinderdorf und der Errichtung des ersten SOS-Kinderdorfes in Imst in Tirol umgesetzt. Als Vorbild diente das hauptsächlich für Kriegswaisen 1944 bis 1946 entstandene Schweizer Kinderdorf in Trogen (Appenzell Ausserrhoden), das nach dem Schweizer Philanthropen und PädagogenKinderdorf Pestalozzi“ benannt wurde. Eröffnet wurde das erste Haus („Haus Frieden“) am 15. April 1951. Hermann Gmeiner investierte sein gesamtes Vermögen von 600 Schilling in die ersten Spendenaufrufe, die dazu aufforderten, den Verein mit einem Schilling monatlich zu unterstützen. Diese Aufrufe fanden eine unerwartete Resonanz. Erste Kinderdorfmutter war die Burgenländerin Maria Weber (1919–2011), die 1957 in das zweite Kinderdorf in Österreich in die Hinterbrühl wechselte.[2]

Die erste bedeutende Mäzenin war die deutschen Industriellen Gattin Beatrice von Boch-Galhau, die 1959 das erste Kinderdorf in Deutschland aus ihrem privaten Vermögen finanzierte und ihre politischen und geschäftlichen Verbindungen nutzte, um die Idee aktiv zu unterstützen. So konnte gemeinsam mit der Gemeinde Merzig dank der Kooperation mit Landrat Linicus das Kinderdorf in Merzig-Hilbringen trotz anfänglicher politischer Bedenken errichtet werden.[3] Beatrice von Boch gelang es, Wilhelmine Lübke – die Gattin des damaligen Bundespräsidenten – und mehrere Politiker zur Einweihung des Kinderdorfes einzuladen, womit Hermann Gmeiner öffentliche Anerkennung für sein damals noch unbekanntes Kinderdorf-Projekt bekam.

Das Engagement von SOS-Kinderdorf galt lange Zeit ausschließlich dem Bau von SOS-Kinderdörfern. Bis heute ist das SOS-Kinderdorf Symbol für einen geschützten Raum, in dem Kinder aufwachsen können, denen anderswo dieser Raum verwehrt geblieben ist.

1954 wurde in München der erste deutsche SOS-Verein gegründet, SOS-Kinderdorf Deutschland mit Sitz in München. SOS-Kinderdorf Deutschland kümmert sich heute vorrangig um die 15 deutschen SOS-Kinderdörfer und die zahlreichen Zusatzeinrichtungen. Überschüssige Gelder werden in die internationalen SOS-Einrichtungen investiert. Als 1963 in Korea das erste außereuropäische SOS-Kinderdorf in Bau ging, kam es zur Gründung von SOS-Kinderdörfer weltweit, Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland. Dieser zweite deutsche SOS-Förderverein finanziert bis heute SOS-Projekte in aller Welt.

60 Jahre nach seiner Gründung ist SOS-Kinderdorf ein weltumspannendes Kinderhilfswerk, das in 132 Ländern Kindern, Jugendlichen und Familien mit knapp 1.900 Einrichtungen, darunter über 500 SOS-Kinderdörfern, hilft.

Im Jahr 1985 wurde Helmut Kutin noch zu Lebzeiten Hermann Gmeiners von diesem zu seinem Nachfolger ernannt. Die Präsidentschaft übernahm Kutin nach dem Tod von Gmeiner im Jahr 1986. Kutin war von 1986 bis Juli 2012 Präsident des Dachverbandes SOS-Kinderdorf International. Zu seinem Nachfolger wurde 2012 Siddhartha Kaul gewählt.

Im Jahr 1995 wurde SOS-Kinderdorf International als „NGO-mit beratendem Status (Kategorie II) im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen“ eingestuft.

Am 19. Juni 2009 beging SOS-Kinderdorf seine 60-Jahr-Feier mit einem großen Festakt in Imst.

Tätigkeit

Eine zentrale Idee der Kinderdörfer ist es Kindern ein stabiles Familienleben zu geben. Allerdings beschränkt sich dieses längst nicht mehr auf die ursprünglichen Kinderdörfer allein, sondern die Organisation versucht Kindern im Allgemeinen ein kindgerechtes Aufwachsen zu ermöglichen. Neben den SOS-Kinderdörfern betreibt SOS-Kinderdorf heute auch Kindergärten, Schulen, Jugendwohngemeinschaften, Berufausbildungsstätten, Sozialzentren, Medizinische Zentren und Nothilfeprogramme.

Finanzierung der Fördervereine

Das Logo von SOS-Kinderdörfer Weltweit

Der in München beheimatete Förderverein SOS-Kinderdörfer weltweit ist der weltgrößte SOS-Förderverein. Er finanziert rund die Hälfte aller internationalen SOS-Einrichtungen. Gemeinsam mit SOS-Fördervereinen und SOS-Stiftungen in aller Welt zeichnen die beiden deutschen SOS-Vereine für den Bau und Erhalt der SOS-Projekte auf vier Kontinenten verantwortlich. Die Einnahmen der Organisation setzen sich aus Spenden, Patenbeiträgen, Schenkungen, Erbschaften, Unternehmenskooperationen und zu einem großen Teil Öffentlicher Mittel zusammen.[4]

Laut den Leistungsberichten der beiden deutschen SOS-Vereine beliefen sich die Spendeneinnahmen im Jahr 2009 wie folgt: SOS-Kinderdörfer weltweit:[5] 133 Mio. Euro, SOS-Kinderdorf Deutschland:[6] 117 Mio. Euro

In Österreich ist die Organisation Träger des Spendengütesiegels. Die beiden deutschen SOS-Kinderdorf-Vereine sind Träger des Spenden-Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).

SOS-Kinderdörfer in der Welt

Nach Angaben von SOS-Kinderdörfer gibt es derzeit weltweit folgende SOS-Einrichtungen:[7]

  • Kinderdörfer: 518 (+ 21 in Bau)
  • Jugendwohngemeinschaften: 392
  • Kindergärten: 229
  • Schulen: 186 (+ 8 in Bau)
  • Ausbildungsstätten: 103 (+ 5 in Bau)
  • Sozialzentren: 607 (+ 10 in Bau)
  • Medizinische Zentren: 72
  • Nothilfeprogramme: 13

Derzeit betreut die Organisation weltweit rund 1,1 Mio. Kinder und deren Angehörige.

Asien

In Südkorea wurde 1963 das erste außereuropäische SOS-Kinderdorf gebaut. Heute gibt es in Asien 128 SOS-Kinderdörfer und rund 350 SOS-Zusatzeinrichtungen. Über 224.000 Menschen erhalten dort Hilfe zur Selbsthilfe. In Indien findet sich die weltweit höchste Zahl an SOS-Kinderdörfern, 39, von denen in 8 Kinderdörfern ausschließlich tibetanische Flüchtlingskinder leben.[8]

Amerika und Karibik

Beinahe zeitgleich zu Asien begann 1963 auch das Engagement von SOS-Kinderdorf in Südamerika, wo in Argentinien das erste SOS-Kinderdorf des Kontinents entstand. Heute gibt es in Südamerika und der Karibik 122 SOS-Kinderdörfer und 330 SOS-Zusatzeinrichtungen. In El Alto (Bolivien) findet sich das höchstgelegene SOS-Kinderdorf der Welt (4000 m über dem Meeresspiegel).[9]

Afrika

1970 entstand an der Elfenbeinküste das erste afrikanische SOS-Kinderdorf. Heute gibt es in 45 afrikanischen Staaten insgesamt 118 SOS-Kinderdörfer und über 300 SOS-Zusatzeinrichtungen.[10]

Europa

  • In Österreich wurden seit 1951 elf SOS-Kinderdörfer errichtet.[11]
  • In Deutschland gibt es 15 SOS-Kinderdörfer. Das erste SOS-Kinderdorf in Deutschland wurde 1956 in Dießen am Ammersee (Bayern) erbaut. Im Jahr 2005 wurde das erste städtische Kinderdorf Europas in Berlin-Moabit eröffnet. Dort leben die SOS-Familien in Wohnungen inmitten einer Großstadt. Zu SOS-Kinderdorf Deutschland gehören auch Einrichtungen wie Dorfgemeinschaften für Menschen mit Behinderungen, Berufsausbildungszentren für die Ausbildung sozial benachteiligter Jugendliche, SOS-Mütterzentren, Jugendwohngruppen und ambulante Jugendhilfen.
  • Das erste osteuropäische SOS-Kinderdorf entstand 1970 im tschechoslowakischen Doubí.
  • Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz wurde 1964 gegründet. Sie übernimmt die Finanzierung von Kinderdörfern und Zusatzeinrichtungen in der ganzen Welt,[12] betreibt in der Schweiz selbst aber kein Dorf, da dort die ältere und als Vorbild dienende Einrichtung Kinderdorf Pestalozzi zu Hause ist.
  • In Ungarn wurde das erste Kinderdorf im Jahr 1983 in Battonya nahe der rumänischen Grenze errichtet. 1990 gingen in Kecskemét und kurz darauf in Köszeg zwei weitere Dörfer in Betrieb. Weiters gibt es hier noch vier SOS-Jugendeinrichtungen, einen SOS-Kindergarten sowie ein SOS-Sozialzentrum.[13]

Auszeichnungen

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Ueber-uns/Leitbild/Pages/Unser-Auftrag.aspx
  2. Kinderdorf-Mutter Maria Weber gestorben auf ORF-NÖ vom 2. Dezember 2011 abgerufen am 4. Dezember 2011
  3. Saarländischer Rundfunk: „Beatrice von Boch gestorben“, 16. März 2011 abgerufen am 14. Mai 2011
  4. http://www.sos-kinderdorf.de/sos_kinderdorf/de/ueber_sos/transparenz_und_kontrolle/der_aktuelle_jahresbericht_2010_zum_download.pdf Jahresbericht 2010, S. 35.
  5. http://www.sos-kinderdoerfer.de/Informationen/Kontrolle-und-Transparenz/Leistungsbericht/Pages/default.aspx
  6. http://www.sos-kinderdorf.de/der_aktuelle_jahresbericht.html
  7. http://www.sos-kinderdoerfer.de/Informationen/ueber-sos/Pages/SOS.aspx
  8. http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Wo-wir-helfen/Asien/Pages/default.aspx
  9. http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Wo-wir-helfen/Amerika/Pages/default.aspx
  10. http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Wo-wir-helfen/Afrika/Pages/default.aspx
  11. http://www.sos-kinderdoerfer.de/Wo-wir-helfen/Europa/Pages/default.aspx
  12. SOS-Kinderdorf in der Schweiz
  13. SOS-Kinderdörfer in Ungarn abgerufen am 6. Juni 2011

Weblinks

 Commons: SOS-Kinderdörfer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien