Salzburger Exulanten

Symbolische Darstellung des Empfangs Salzburger Exulanten in Preußen durch König Friedrich Wilhelm I.

Die Salzburger Exulanten waren etwa 20.000 protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Fürsterzbistum Salzburg. Der Großteil der Exulanten wurde von Preußen aufgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Schon in den 1520er Jahren hatte die Reformation im Fürsterzbistum Salzburg viele Anhänger gefunden. Erzbischof Matthäus Lang und seine Nachfolger kriminalisierten die Protestanten. Im Erzbistum war ausschließlich die katholische Konfession erlaubt. Die Erzbischöfe Michael von Kuenburg, Johann Jakob von Kuen-Belasy, Georg von Kuenburg, Wolf Dietrich von Raitenau und Markus Sittikus führten die Maßnahmen gegen die Protestanten im Rahmen der Gegenreformation und Rekatholisierung weiter. Wolf Dietrich verwies sie im Jahr 1588 aus dem gesamten Erzbistum, hatte aber nur in der Stadt Salzburg durchschlagenden Erfolg.[1] Dort lebten um 1600 nur noch wenige Geheimprotestanten. Unter den Bauern im Pongau und den Bergknappen in den Salz- und Metallbergwerken des Landes gab es weiter zahlreiche Geheimprotestanten.[2]

Während des Dreißigjährigen Krieges gab es keine Verfolgungen, da sich das Erzbistum auf die Außenpolitik konzentrierte. Max Gandolf von Kuenburg verwies 1684–1690 eine Anzahl protestantische Bergknappen aus Dürrnberg und protestantische Bauern aus dem Defereggental des Landes.

Die Existenz von Geheimprotestanten war den Behörden bekannt. Immer neue Verordnungen wurden etwa von Erzbischof Franz Anton von Harrach dagegen erlassen. Sein Nachfolger Leopold Anton von Firmian versuchte 1729, die allgemeine Frömmigkeit im Land zu fördern, und berief dazu jesuitische Missionare ins Land, die schnell auf die Geheimprotestanten aufmerksam wurden. Von ihnen (die ja vorgaben, katholisch zu sein) wurden nun Loyalitätsbeweise gegenüber der katholischen Kirche gefordert, einige offen Bekennende unter Bruch der Bestimmungen des Westfälischen Friedens sofort ausgewiesen. Deshalb wandten sich die Protestanten mit einer Bittschrift an das Corpus Evangelicorum. Darin bekannten sie sich offen zum protestantischen Glauben. Mit Hilfe des Corpus wollten sie im Land anerkannt werden und eigene protestantische Prediger erhalten oder zumindest ungehindert auswandern dürfen.[3] Zu einer Anerkennung war die Salzburger Regierung nicht bereit. Sie beschloss, die Protestanten so schnell wie möglich des Landes zu verweisen, damit sie sich nicht weiter ausbreiten könnten. Dazu wurden 6000 kaiserliche Soldaten ins Land geholt.[4] Die Salzburger Protestanten stimmten ihr Vorgehen auf mehreren Treffen ab. Dabei kam es am 5. August 1731 zum Treuschwur der evangelischen Salzburger („Schwarzacher Salzlecken“).

Aushandlung der Emigration

Das Emigrationspatent des Erzbischofs vom 31. Oktober 1731 widersprach dem Westfälischen Frieden. Eine Ausweisung Andersgläubiger war im Fall Salzburgs nicht prinzipiell illegal, aber ihre Ausgestaltung verletzte die Friedensbestimmungen eindeutig. Statt mindestens drei Jahren wurden Besitzlosen nur acht Tage Abzugsfrist gewährt, Besitzenden je nach Vermögen ein bis drei Monate. Das Corpus Evangelicorum trat deshalb zusammen und verlangte die Abänderung des Patentes gemäß dem Westfälischen Frieden. Zunächst begann die Ausweisung mithilfe der kaiserlichen Soldaten aber wie geplant.

Der diplomatische Druck auf Salzburg wegen dieses Vorgehens wuchs rasch an. Auch Kaiser Karl VI. sah Salzburgs Vorgehen als Rechtsbruch an. Deshalb gewährte die Salzburger Regierung einige Erleichterungen. Die Ausweisung der Besitzlosen wurde erst im März 1732 beendet, die Besitzenden durften bis Ende April 1732 bleiben. Alle Emigranten durften ihre Kinder mitnehmen und ihre Häuser auch nach Abzug noch verkaufen. Auch damit waren die Forderungen des Westfälischen Friedens aber nicht voll erfüllt. Auf kaiserlichen und preußischen Druck wurde das Emigrationspatent erst im September 1732 durch ein dem Frieden voll entsprechendes ersetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Protestanten das Land bereits vollständig verlassen.[5]

Doch bereits ab 1734 ließ Karl VI. aus dem benachbarten Salzkammergut weitere 3960 Protestanten in das von der Pest entvölkerte Siebenbürgen vertreiben, sogen. Karolinische Transmigration. Man wollte keine Untertanen mehr an Preußen verlieren und die deutschen Gemeinden Neppendorf, Großau und Großpold für eventuelle Türkeneinfälle stärken.

Erst 1740 und auf mehrmaliges Betreiben des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. hin wurden die überlebenden Emigranten für den Verlust der Höfe, die wegen der vielen zugleich auf dem Markt vorhandenen Güter weit unter Preis verkauft werden mussten, teilweise entschädigt. Die Umstände der Vertreibung erregten europaweit Unwillen. Besonders im protestantischen Deutschland gab es eine Flut an Publikationen zum Thema.[6]

Durchführung der Emigration

Im Spätherbst und Winter 1731/32 wurden zuerst 4000–5000 Mägde und Knechte des Landes verwiesen. Die ersten wurden ohne Vorwarnung gefangengenommen und außer Landes gebracht. Ihre Verteilung in den protestantischen Gegenden Süddeutschlands bereitete erhebliche Probleme. Zwischen Mai und August 1732 verließen vor allem Handwerker- und Bauernfamilien in 16 geordneten Zügen das Land. Sie zogen geschlossen nach Preußen, als dessen Untertanen sie bereits galten, weshalb ihre Reise viel einfacher verlief. Fast ein Viertel der Ausgewiesenen überlebte die mühsamen Märsche im Zuge der Vertreibung dennoch nicht.

Ansiedlung in Preußen

Briefmarke 1982 (Vor 250 Jahren Ankunft der Salzburger Emigranten in Preußen)

Friedrich Wilhelm I. hatte am 2. Februar 1732 das Preußische Einladungspatent für die Salzburger erlassen. Sie sollten bei der Wiederbesiedlung des Kronlandes in Ostpreußen helfen. Von Stettin traf am 28. Mai 1732 das erste von 66 Schiffen in Königsberg ein. Der erste von elf Landtransporten kam am 6. August 1732, der letzte am 8. November 1733 nach Königsberg. Von den 17.000 Immigranten blieben 377 in der Stadt. Seit 1911 gab es in Königsberg den aktiven „Salzburger Verein“, der in den 1920er Jahren eine Forschungsstelle einrichtete, zunächst im Prussia-Museum, dann im Hintertragheim.[7]

Die meisten Salzburger kamen in das Gebiet des späteren Memellandes an der Grenze zum russischen Zarenreich. Mittellose Bauern erhielten hier eine Hufe. Handwerker konnten ihrem Gewerbe in den Städten nachgehen. Die Salzburger spielten beim Rétablissement Ostpreußens, das 1708/09 von der Pest entvölkert worden war, anders als oft verbreitet nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten Bauernstellen waren bereits in den 1720er Jahren mit anderen deutschen Immigranten besetzt worden, weshalb die Salzburger auch nicht geschlossen angesiedelt werden konnten.[8]

Namen ostpreußischer Familien aus Salzburg

Brandstädter, Brindlinger, Degner, Höfert, Hohenegger, Höll, Holle, Höllensteiner, Höllgruber, Hölzel, Holzinger, Holzlehner, Holzmann, Hopfgärtner, Hörl, Hoyer, Hubensatter, Huber, Leidreiter, Meyhöfer, Milthaler, Moderegger, Niederländer, Pfundtner, Scharffetter, Schindelmeiser, Schweinberger, Sinnhuber, Steinbacher, Turner u. a.[9]

Nachkommen
Franz Brandstäter
Wilhelm Brindlinger
Arthur Degner (1888–1972), Maler
Erich Haslinger
Hans Pfundtner
Siegfried Schindelmeiser (1901–1986), Chronist der Albertus-Universität und des Corps Baltia
Franz Sinnhuber
George Turner (Politiker)
Agnes Miegel (deutsche Dichterin)

Amerika

Unter der Leitung des Augsburger Predigers Samuel Urlsperger fanden wenige hundert Emigranten Zuflucht in Nordamerika. Gut 30 Kilometer nordwestlich der Stadt Savannah (Georgia) gründeten sie die Siedlung Ebenezer. Durch das ungesunde Klima starben in der Anfangszeit vor allem viele Kinder der Salzburger.

Folgen

Noch bis 1772 wurden „überführte“ Protestanten des Landes verwiesen. Goethes Hermann und Dorothea geht auf eine Episode zurück, die in der zeitgenössischen Literatur zur Salzburger Emigration berichtet wurde. Für das Erzstift Salzburg hatte der hohe Bevölkerungsverlust durch die Vertreibung anders als lange vermutet keine katastrophalen wirtschaftlichen Folgen.[10] Erzbischof Andreas Rohracher sprach 1966 im Rahmen eines Festaktes sein tiefes Bedauern über die Vertreibung aus und setzte sich für gegenseitige Achtung und Liebe ein.

Die letzten Protestanten der Erzdiözese Salzburg wurden (unter Missachtung des Toleranzpatents Kaiser Josefs II.) 1837 aus dem Tiroler Zillertal des Landes verwiesen. Maßgebliche Kräfte für die Vertreibung der Zillertaler Inklinanten waren dabei der Salzburger Erzbischof Fürst Schwarzenberg und der österreichische Kaiser Ferdinand, der Gütige.

Gedenktag

6. August im Evangelischen Namenkalender.[11]

Siehe auch

Literatur

  • Horst-Günter Benkmann: Wege und Wirken. Salzburger Emigranten und ihre Nachkommen. 1988
  • Artur Ehmer: Das Schrifttum zur Salzburger Emigration 1731/33. Selbstverlag, Hamburg 1975.
  • Hermann Gollub: Stammbuch der ostpreußischen Salzburger. Susan Ferrill, Dig.
  • Walter Mauerhofer, Reinhard Sessler: Um des Glaubens willen. Die Vertreibung der Salzburger
  • Josef Karl Mayr: Die Emigration der Salzburger Protestanten von 1731/1732. Das Spiel der politischen Kräfte. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburgische Landeskunde. 69 (1929), S. 1–64; Jg. 70 (1930), S. 65–128; Jg. 71 (1931), S. 129–192. [noch immer maßgebliche, aber oft unübersichtliche Aufarbeitung der diplomatischen Probleme]
  • Franz Ortner: Reformation, katholische Reform und Gegenreformation im Erzstift Salzburg. Pustet, Salzburg 1981. (= Salzburg, Univ., Habil.-Schr., 1981), ISBN 3-7025-0185-1 [ausführlichste Vorgeschichte (16. und 17. Jahrhundert)]
  • Hedwig von Redern: Heimatsucher. Trachsel, Frutigen 1983, ISBN 3-7271-0049-4 [historische Erzählung über die Geschichte der Salzburger Exulanten)]
  • Gertraud Schwarz-Oberhummer: Die Auswanderung der Gasteiner Protestanten unter Erzbischof Leopold Anton von Firmian. in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 94. Vereinsjahr 1954 SS 1 - 85, Salzburg Kiesel 1954 (in etwas ausführlicher Form als Dissertation der Leopold Franzens Universität Innsbruck zur Erlangung des philosophischen Doktorgrades: Gertraud Oberhummer: Die Verfolgung und Auswanderung der Gasteiner Protestanten unter Erzbischof Leopold Anton von Firmian. Innsbruck 1950)
  • George Turner: Die Heimat nehmen wir mit. Ein Beitrag zur Auswanderung Salzburger Protestanten im Jahr 1732, ihrer Ansiedlung in Ostpreußen und der Vertreibung 1944/45. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-8305-1900-3.
  • Mack Walker: Der Salzburger Handel: Vertreibung und Errettung der Salzburger Protestanten im 18. Jahrhundert Göttingen 1997, ISBN 3-525-35446-0. [aktuelles Standardwerk zum Thema]
  • Friederike Zaisberger (Hrsg.): Reformation, Emigration, Protestanten in Salzburg. Ausstellung vom 21. Mai-26. Oktober 1981, Schloß Goldegg-Pongau, Land Salzburg. Salzburger Landesregierung, Salzburg 1981 [Ausstellungskatalog mit kurzen, leicht verständlichen Artikeln zur Einführung]
Studie zur Situation in Württemberg
Eberhard Fritz: Christliche Nächstenliebe oder ökonomisches Kalkül? Probleme der Aufnahme von Salzburger Exulanten im Herzogtum Württemberg. In: Blätter für Württembergische Kirchengeschichte. 110/2010, S. 241–263.

Weblinks

 Commons: Salzburger Exulanten – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Gerhard Florey: Geschichte der Salzburger Protestanten und ihrer Emigration 1731/32. Wien u.a., 2. Aufl. 1986, S. 52.
  2. Karl-Heinz Ludwig: Bergbau, Migration und Protestantismus. In: Friederike Zaisberger (Hrsg.): Reformation, Emigration, Protestanten in Salzburg. Ausstellung 21. Mai-26. Oktober 1981 (Schloss Goldegg im Pongau), Salzburg 1981, S. 38–48, hier S. 42.
  3. Mack Walker: Der Salzburger Handel. Vertreibung und Errettung der Salzburger Protestanten im 18. Jahrhundert. Göttingen 1997, S. 51–56.
  4. Josef Karl Mayr: Die Emigration der Saltzburger Protestanten von 1731/32. Das Spiel der politischen Kräfte. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburgische Landeskunde. 69 (1929), S. 1–64, hier S. 27.
  5. Josef Karl Mayr: Die Emigration der Saltzburger Protestanten von 1731/32. Das Spiel der politischen Kräfte. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburgische Landeskunde. 71 (1931), S. 128–192, hier S. 165/166.
  6. Artur Ehmer: Das Schrifttum zur Salzburger Emigration 1731/33. Hamburg 1975.
  7. R. Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002
  8. Ausführliche Detailstudien dazu bei Mack Walker: Der Salzburger Handel. Vertreibung und Errettung der Salzburger Protestanten im 18. Jahrhundert. Göttingen 1997, S. 134–171.
  9. Hermann Gollub: Stammbuch der ostpreußischen Salzburger. Gumbinnen 1934. (Nachdruck: Salzburger Verein e. V., Bielefeld)
  10. Mack Walker: Der Salzburger Handel. Vertreibung und Errettung der Salzburger Protestanten im 18. Jahrhundert. Göttingen 1997, S. 97/98.
  11. Die Salzburger Exulanten im Ökumenischen Heiligenlexikon