Sechseläuten

Verbrennung des Böögg 2005

Sechseläuten (zürichdeutsch: Sächsilüüte) ist ein Frühlingsfest in Zürich. Es findet Mitte April statt. Im Mittelpunkt des Festes steht die Figur Böögg, ein künstlicher Schneemann, der den Winter symbolisiert. Der Name rührt daher, weil einst gemäss Ratsbeschluss vom 11. März 1525 nach der Tagundnachtgleiche Ende März die zweitgrösste Glocke des Grossmünsters nun wieder abends um 6 Uhr den für das Sommerhalbjahr gültigen Feierabend verkündete; im Winterhalbjahr war Arbeitsschluss abends um 5 Uhr.[1] «Hymne» des Anlasses ist der Sechseläutenmarsch.

Inhaltsverzeichnis

Das Fest

Musikkorps einer Zunft auf der Festwiese

Zug der Zünfte

Am Montagnachmittag findet der Zug der Gesellschaft zur Constaffel und der anderen 25 Zürcher Zünfte statt. Rund 3500 Zünfter in ihren farbenfrohen Kostümen, Trachten und Uniformen, ihre Ehrengäste, über 350 Reiter, rund 50 ausschliesslich von Pferden gezogene Wagen und gegen 30 Musikkorps ziehen im Kontermarsch durch die Bahnhofstrasse und das Limmatquai zum Sechseläutenplatz beim Bellevue. Die Zugsordnung wird jährlich im November durch die Delegierten des Zentralkomitees der Zünfte Zürich (ZZZ) ausgelost. Die Zünfte zum Weggen, zum Kämbel und Wiedikon stehen dabei auf Grund ihrer grossen Reitergruppen in einem definierten Rotationsmodus an erster respektive letzter Stelle im Zug. Angeführt wird der Zug der Zünfte jeweils von der Stadtpolizei Zürich, dem ZZZ, den Gemeindebannern und des Gastkantons. Zünfter und Ehrengäste werden von den Zuschauern mit Blumen und Küsschen beschenkt.

Böögg-Verbrennung

Umritt am Sächsilüüte 2007
Der Böögg 2010 "verliert" seinen Kopf
Brenndauer des Bööggs[2] – Gastkanton
2012 12 Min. 07 Sek. Bern
2011 10 Min. 56 Sek. Basel-Landschaft
2010 12 Min. 54 Sek. Nidwalden
2009 12 Min. 55 Sek. Schaffhausen
2008 26 Min. 01 Sek. Solothurn
2007 12 Min. 09 Sek. Zug
2006 10 Min. 28 Sek. Aargau
2005 17 Min. 52 Sek. Freiburg
2004 11 Min. 42 Sek. Graubünden
2003   5 Min. 42 Sek. Schwyz
2002 12 Min. 24 Sek. Tessin
2001 26 Min. 23 Sek. Appenzell Ausserrhoden
2000 16 Min. 45 Sek. Uri
1999 23 Min. 52 Sek. Waadt
1998 10 Min. 13 Sek. Zürich
1997   7 Min. 30 Sek. Thurgau
1996   8 Min. Genf
1995   5 Min. 51 Sek. Glarus
1994 21 Min. 55 Sek. Wallis
1993 23 Min. 30 Sek. Basel-Stadt
1992 10 Min. 13 Sek. St. Gallen
1991 12 Min. Luzern
1990 10 Min. 30 Sek.  
1989 24 Min.  
1988 40 Min.  
1987 17 Min.  
1986 14 Min.  
1985 24 Min.  
1984 22 Min.  
1983 24 Min. 20 Sek.  
1982 13 Min.  
1981 14 Min. 10 Sek.  
1980 17 Min.  
1979 19 Min.  
1978 12 Min.  
1977 27 Min.  
1976 11 Min.  
1975 22 Min.  
1974   5 Min.   7 Sek.  
1973 26 Min.  
1972   8 Min.  
1971   5 Min.  
1970 40 Min.  
1969 10 Min.  
1968   5 Min.  
1967   6 Min.  
1966 16 Min.  
1965 20 Min.  
   
1961   7 Min.  
   
1959   8 Min.  
1958   8 Min.  
   
1956   4 Min.  
   
1952   6 Min.  

Um 18 Uhr wird der Böögg verbrannt, auch wenn die letzten Zünfte meist noch nicht am Festplatz eingetroffen sind. Der Böögg steht auf einem grossen Scheiterhaufen in der Mitte der Grünfläche auf dem Sechseläutenplatz. Die Reitergruppen der Zünfte reiten in der Umzugsreihenfolge drei Mal um das Feuer. Je schneller der mit Feuerwerkskörpern gefüllte Böögg den Kopf verliert, desto schöner soll anschliessend der Sommer werden.

Seit einigen Jahren erfreut sich ein weiteres, inoffizielles Element des Festes immer grösserer Beliebtheit: Hunderte von Personen gesellen sich ab ca. 22 Uhr auf die Sechseläutenwiese, holen sich mit Schaufeln etwas Glut aus dem noch immer sehr heissen Holzstapel und braten darüber ihr selbst mitgebrachtes Grillgut. Auch bei kühler Witterung sorgt die Strahlungswärme des Scheiterhaufens für Lagerfeueratmosphäre. Das mehrheitlich jüngere, multikulturelle Publikum kontrastiert dabei mit dem traditionell ablaufenden Fest tagsüber.

Seit 1902 wird der Böögg am heutigen Sechseläutenplatz abgebrannt.

Auszug

Nach dem Nachtessen im Zunft-Lokal findet um ca. 21 Uhr der Auszug statt, bei dem sich die Zünfte gegenseitig besuchen. Da gleichzeitig 26 Zunftauszüge, je mit Musikkorps und mit ihren farbigen Laternen, kreuz und quer durch die Innenstadt unterwegs sind, ist das immer ein farbenfrohes Ereignis.

Kinderumzug

Am Sonntag vor dem Sechseläuten findet seit 1896 der Kinderumzug statt. Daran teilnehmen können alle Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren, die eine Tracht oder eine Uniform tragen. In den Anfangszeiten waren neben Trachten auch Märchenverkleidungen und Clowns beliebt.

In den 1950er-Jahren nahmen bis zu 2000 Kinder teil, 1962 waren es über 3500. 2012 waren es 3047 Jungen und Mädchen.[3]

Platz der Kantone

Begleitend zu den Umzügen stellt sich seit dem Jahr 1991 auf dem Lindenhof, dem auf die Römerzeit zurückgehenden historischen Zentrum der Stadt Zürich, jeweils ein Gastkanton vor. Während mehrerer Tage werden in Zelten regionale Spezialitäten angeboten. Politiker aus dem Gastkanton sind häufig Ehrengäste beim Umzug der Zünfte.

Datum

Das Datum des Sechseläutens wurde vom Stadtrat auf den dritten Montag des Monats April festgelegt. Fällt dieser Tag in die Karwoche, so wird das Sechseläuten am zweiten Montag abgehalten. Fällt der dritte Montag im April auf den Ostermontag, so wird das Fest auf den vierten Montag verschoben (Stadtratsbeschluss Nr. 1214 vom 13. Juni 1952).
Im Jahr 2001 wurde folgende Zusatzregelung eingeführt: Fällt der nach den obenstehenden Regeln gefundene Termin in die Frühlingsferien der Volksschule oder in die Woche des 1. Mai, so wird ein Ausweichdatum gesucht.

Geschichte

Herkunft des Festes und Brauchtum

Im Zürcher Sechseläuten verbinden sich brauchtümliche Elemente der Fastnacht und der Frühlingsfeste (Austreiben des Winters, Märzen- und Osterfeuer, Feier der Tagundnachtgleiche, Maibräuche) mit den Umzügen der Zünfte (Aschermittwochumzug der Metzger; Umzug der Schmidenzunft am Hirsmontag, sechs Wochen vor Ostern).

Zum Zeichen des Frühlings ist in Zürich am ersten Montag, welcher auf die Tagundnachtgleiche folgte, abends um 6 Uhr das erste Mal die Feierabendglocke (die zweitgrösste Glocke) des Grossmünsters geläutet worden, was Anlass für das Frühlingsfest war. Das Verbrennen eines Bööggs vor der Lindenhofmauer am Abhang gegen die Limmat fand schon im 18. Jahrhundert statt. Der Böögg war ursprünglich eine vermummte Schreckgestalt; diese Bezeichnung ist in Zürich schon seit dem 15. Jahrhundert belegt.[4] Bööggen sind Larven tragende oder sonst vermummte Personen, die Kinder erschrecken, Unfug treiben oder bettelnd durch die Strassen ziehen.

Aufruf 1887
Umzug im Kratzquartier 1854, im Hintergrund der Kratzturm

Im frühen 19. Jahrhundert verbrannten Buben im Kratzquartier südlich des Fraumünsters Strohpuppen zur Zeit der Tagundnachtgleiche im Frühjahr. Aus dem Sechseläutenfeuer im Kratz, das seit 1868 ein Anwohnerverein organisierte, entwickelte sich die heutige Verbrennung des Bööggs. Auch verschiedene weitere Private verbrannten ihren Böögg, so brachten zum Beispiel 1873 die Zöglinge der Zürcher Blinden- und Taubstummenanstalt eine aus alten Kleidern und Stroh gebastelte und als Dieb bezeichnete Figur vor ihren Direktor und verbrannten sie nach dessen Urteilsspruch am Sechseläutentag.

Im auslaufenden 19. Jahrhunderten spielte sich der Festtag wie folgt ab:[5] «Am Vormittag zogen weissgekleidete Mädchen mit Maibäumen oder Kränzen, an denen ausgeblasene Eier hingen, den Symbolen des siegenden Sommers, herum. Die Mädchen, Mareieli genannt, sangen hierzu ein Mailied, worauf man ihnen aus den Fenstern eine Gabe in einem angezündeten Papierwickel zuwarf. Gleichzeitig versammelten sich die Knaben in den verschiedenen Quartieren, um die den Winter darstellenden Strohpuppen zur Schau durch die Stadt getragen. Punkt sechs Uhr wurden alle Strohpuppen inmitten von Reisighaufen angezündet, ein Moment, der sich zum festlichen Stelldichein sämtlicher Zünfte herausgebildet hat. Die Bürgerschaft versammelte sich auf ihren Zunftstuben zum Festmahle und besuchte sich nach dem Einnachten gegenseitig, wobei Reden meist politischen Inhalts gewechselt werden.»

Umritt 1910

Wurden im 19. Jahrhundert verschiedenste Figuren an verschiedenen Orten „hingerichtet“, kennt das 20. Jahrhundert nurmehr die Vernichtung eines Schneemanns, der den Winter symbolisiert. Seit 1902 wurde der Böögg auf dem Platz der 1897 abgebrochenen alten Tonhalle verbrannt; 1947 benannte der Stadtrat den Tonhalleplatz in Sechseläutenplatz um. Nur ein Mal gelang im 20. Jahrhundert die Verbrennung nicht: 1923 war der Regen zu stark.

Nachdem Frauen im offiziellen Sechseläuten-Umzug mit Ausnahme offiziell geladener Gäste seit 1952 nicht mehr mitmarschieren durften, organisierte die Frauenzunft Gesellschaft zu Fraumünster einen eigenen Umzug, der eine halbe Stunde vor dem Zug der Zünfte auf der gleichen Route stattfand. Am Sechseläuten 2011 durfte die Frauenzunft erstmals als Gast im offiziellen Zug der Zünfte an zweiter Stelle mitmarschieren. Offiziell galt diese Einladung der Frauenzunft nur für ein Jahr.[6]

Sabotage

  • 1921 wurde der Böögg frühzeitig von einem Knaben angezündet. Es heisst, dass Kommunisten ihn dazu angestiftet hatten.
  • 2006 wurde der Böögg von der Fertigungstätte in Stäfa entwendet. Der Bööggbauer wurde trotz fahrlässiger Lagerung von Sprengstoff nicht angezeigt. Ein Bekennerschreiben wurde von der Gruppe «1. Mai – Strasse frei» hinterlegt. Am Sechseläuten kam ein Ersatzböögg zum Einsatz, der eigentlich für den Kinderumzug gedacht war. Der originale Böögg tauchte an der Erst-Mai-Feier am Helvetiaplatz wieder auf, verschwand aber wieder. Einen Tag danach, am 2. Mai, wurde er von der Zürcher Kantonspolizei in einem Bunker eines Schulhauses in der Zürcher Innenstadt gefunden und in der Stadtgärtnerei untergebracht. Dort wurde er am 21. Mai zum zweiten Mal entwendet.

Unfälle

1944, als der Böögg wegen der Anbauschlacht im Hafen Enge aufgestellt wurde, kippte er in den Zürichsee.

In den Jahren 1950, 1960, 1993 und 1994 kippte der Böögg vom Holzstapel, ohne dass der Kopf vorher explodiert war. Man warf den Kopf des Bööggs ins offene Feuer, wo dann der Hauptkracher explodierte.

Einmal legte Heinz Wahrenberger dem Böögg eine Fotokamera in den Bauch. Leider war aber das angeblich feuerfeste Gehäuse doch nicht hitzebeständig.

Weitere Sechseläuten

Seit 2004 existiert auch im zürcherischen Bassersdorf ein Sechseläuten. Der Partneranlass im kleineren Bassersdorf wurde die ersten drei Male illegal durchgeführt.

Literatur

  •  Adrian Bänninger: Sechseläuten und Morgenstraich. Die schönsten Feste und Bräuche der Schweiz. Geschichte und Gegenwart. Hugendubel / Diederichs, Kreuzlingen / München 2007, ISBN 978-3-7205-3029-3 ("Wilde Gestalten vertreiben böse Geister und jagen mit luftgefüllten Schweinsblasen hinter Mädchen her ...").
  • Walter Baumann, Alphonse Niesper: Sechseläuten. Fest der Zünfte, des Frühlings und der Jugend. Orell Füssli, Zürich 1976.
  •  Romolo D. Honegger: 150 Jahre Sechseläuten-Programme 1839–1989. Katalog aller offiziellen Sechseläuten-Programme. Orell Füssli, Zürich 1989, ISBN 3-280-01923-0.
  • Christian Jauslin, Siegenthaler, Davina: Sechseläuten, Zürich ZH. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz. Band 3. Chronos, Zürich 2005, ISBN 3-0340-0715-9, S. 1668 f.
  •  Ruth Righetti: Die andere Sicht auf das Zürcher Sechseläuten. Männer, Frauen, Macht, Geschichte. Portmann, Erlenbach ZH 2007, ISBN 978-3-9523107-3-1 (Auf der Grundlage einer Diplomarbeit des Lehrgangs «Cultural & Gender Studies» an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich (HGKZ)).

Einzelnachweise

  1. Schweizerisches Idiotikon Bd. III Sp. 1511, Artikel "Sëchsilüüten" ; Walter Baumann, Alphonse Niesper: Sechseläuten, Zürich 1976, S. 17.
  2. Statistik zum Sechseläuten
  3. Tages Anzeiger
  4. Schweizerisches Idiotikon Bd. IV Sp. 1082, Artikel "Böögg".
  5. Leicht abgewandelt zitiert nach Schweizerisches Idiotikon Bd. III Sp. 1511 f., Artikel "Sëchsilüüten"
  6. ak. (21. Januar 2010): «Frauenzunft» 2011 im Zug der Zünfte. Neue Zürcher Zeitung. Abgerufen am 26. Januar 2010.

Weblinks

 Commons: Sechseläuten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien