Seefestspiele Mörbisch

Die Seefestspiele Mörbisch, ursprünglich: Seespiele Mörbisch, sind ein jährlich in den Sommermonaten stattfindendes Operetten-Festival in Mörbisch am See (Österreich). Die Aufführungen österreichischer und ungarischer Operetten werden von ca. 200.000 Besuchern besucht. Vor allem die Naturkulisse des Neusiedler Sees wird immer in das Bühnenbild eingebaut. Auch eine hervorragende Tontechnik wird hier eingesetzt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bühnenbild von Der Zarewitsch (2010)
360°x180°-Panoramabild der Seefestspiele Mörbisch 2004
Aufführung von Giuditta 2003
Aufführung von Wiener Blut 2007

Ökonomisch-touristische Grundlagen

Bei der Entstehung und Entwicklung der Seespiele Mörbisch dominierten fremdenverkehrspolitische Überlegungen. Als man ab 1953 daranging, Burgenlands Fremdenverkehr auszubauen und das Besuchs- und Durchzugsgebiet in eine Aufenthalts- und Erholungsstätte zu verwandeln, standen der Neusiedler See sowie die Seegemeinden im Mittelpunkt dieser Bemühungen. In der Gemeinde Mörbisch am See wurde mit kräftiger Unterstützung durch das Fremdenverkehrsreferat die Straße zwischen Rust und Mörbisch ausgebaut, ein 1.800 m langer Seedamm, der den Besuchern von Mörbisch den Neusiedler See erschloß, errichtet und ein Strandbad angelegt.[1] Mörbisch wurde neben Rust, Neusiedl und Podersdorf am See zur vierten bedeutenden Fremdenverkehrsgemeinde am See. Im Jahr 1956 luden die Mörbischer zu einem zweitägigen Seefest. Gemeinsam mit dem Österreichischen Verkehrsbüro organisierte die Gemeinde ein sogenanntes Nacht- und Seefest, das von 6.000 Gästen besucht wurde. Das Programm bot Nachtfahrten in dekorierten Motorbooten, für die Musik sorgten Tanzkapellen, Wiener Künstler bestritten ein vollständiges Kabarettprogramm, ferner traten Volkslied- und Volkstanzgruppen auf.[2]

1957 kündigte die burgenländische Presse den ersten Höhepunkt der Entwicklung von Mörbisch zum burgenländischen Fremdenverkehrszentrum durch den Bau eines Seehotels[1] und der Abhaltung von Seespielen an und damit verbunden den Beginn eines neuen Abschnitts burgenländischen Wirtschafts- und Kulturaufstiegs.[3]

Gründung, technische Ausstattung

Die Initiative zu der in den Jahren 195557 gegründeten Seespiele ging von dem (unter anderem) an der Wiener Staatsoper gefeierten Kammersänger Herbert Alsen (1906–1978) aus, der, zusammen mit seiner Ehefrau, der in Berlin tätig gewesenen Kostümbildnerin Gisela Bossert († 2012), den Spielort auf der Suche nach einem seiner Stimme klimatisch zuträglichen Urlaubsort zufällig entdeckte und den die eigenartige Musikalität dieser Landschaft[4] bleibend berührte. Alsens Pläne fanden beim Gemeinderat von Mörbisch sowie beim Vertreter des Landes, Landesrat Hans Bögl (1899–1974), begeisterte Aufnahme, zumal das Vorhaben in das Tourismuskonzept von Gemeinde und Land passte, und Alsen erklärte sich in der Folge bereit, die Intendantur der Seespiele zunächst für fünf Jahre zu übernehmen, (mit Bezug auf allfällige Konkurrenz mit den Bregenzer Festspiele) betonend, dass die Seespiele in Mörbisch nicht Festspiele sein wollten, welche die übergroße Zahl der Festspielstätten noch vergrößern würden.[5]

Nach zweijähriger Vorbereitungszeit erfolgte am 6. Juli 1957 die Eröffnung mit der Operette Der Zigeunerbaron von Johann Strauß.[1]

Die Seebühne wurde in einer Bucht neben dem Mörbischer Badestrand auf vielen Hundert Piloten nach den Plänen von Architekt Ferry Windberger (1915–2008), dem Gestalter der ersten Bregenzer Seebühne, gebaut. Ihre Ausmaße betrugen 42 mal 20 m; der durch Aufschüttung des Sees entstandene Zuschauerraum umfasste 1.500[6][Anm. 1] Sitzplätze.[7] Nach einer Erweiterung 1959 konnten 3000 Personen untergebracht werden. Heute weist der Zuschauerraum über 6000 Sitzplätze auf. In den folgenden Jahren erfolgten aufgrund der großen Publikumsresonanz ständig Erweiterungen, sowohl was die Anzahl der Aufführungen als auch die Größe von Zuschauerraum und Bühne betrifft. Von anfänglich sechs Vorstellungen mit etwa 7000 Zuschauern (1957) erfolgte eine Steigerung auf über 30 Vorstellungen im Juli und August.

Im Jahr 2006 wurde ein neues Beschallungssystem, das vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie entwickelt wurde und auch bei den Bregenzer Festspielen im Einsatz ist, in Betrieb genommen. Dadurch ist trotz der Größe der Bühne ein richtungsbezogenes Hören möglich.[8][9]

Seit Jahren werden auch die Aufführungen der Seefestspiele vom ORF übertragen.[10]

Leiter der Seefestspiele Mörbisch seit ihrer Gründung

  • 1957–1978: Herbert Alsen (Intendant), Franziska Schurli (* Dezember 1919; † 21. Jänner 1984) (Geschäftsführerin)
  • 1979–1980: Fred Liewehr (Intendant), Franziska Schurli (Geschäftsführerin)[11]
  • 1981–1983: Franziska Schurli (Intendantin und Geschäftsführerin)[12]
  • 1984–1989: Heinrich Meyer (Geschäftsführer)[13]
  • 1990–1992: Rudolf Buczolich (Intendant)[14], Josef Wiedenhofer (Geschäftsführer)
  • 1993–2012: Harald Serafin (Intendant), Dietmar Posteiner (Geschäftsführer)
  • ab 9/2012: Dagmar Schellenberger (Intendantin), Dietmar Posteiner (Geschäftsführer)

Aufführungen nach Jahren

Mit insgesamt zwölf Spielzeiten ist Der Zigeunerbaron die mit Abstand am Häufigsten gespielte Operette in Mörbisch.

Jahr Operette Komponist Regie
1957[Anm. 2] und 1958 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Fritz Diestel bzw. Erwin Euller
1958 Eine Nacht in Venedig Johann Strauss Fritz Diestel[15] bzw. Heinz Lambrecht[16]
1959 und 1960 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Ernst Pichler
1959 Gräfin Mariza Emmerich Kálmán Alfred Walter[17]
1960 Viktoria und ihr Husar Paul Abraham Kurt Pscherer
1961 Die Csárdásfürstin Emmerich Kálmán Kurt Pscherer
1962 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Karl Heinz Krahl
1963 Gasparone Carl Millöcker Otto Ambros
1964 Die lustige Witwe Franz Lehár Otto Fritz
1965 Die Blume von Hawaii Paul Abraham Otto Fritz
1966 Der Zigeunerbaron Johann Strauss András Mikó
1967 Venus in Seide Robert Stolz Karl Heinz Haberland
1968 Gräfin Mariza Emmerich Kálmán András Mikó
1969 Der Bettelstudent Carl Millöcker Hermann Wedekind
1970 Die ungarische Hochzeit Nico Dostal Kurt Pscherer
1971 Die Csárdásfürstin Emmerich Kálmán Kurt Pscherer
1972 Eine Nacht in Venedig Johann Strauss Otto Fritz
1973 Viktoria und ihr Husar Paul Abraham Rolf Kutschera[18]
1974 Der Vogelhändler Carl Zeller Karl Dönch
1975 Der Zigeunerbaron Johann Strauss András Mikó
1976 Das Land des Lächelns Franz Lehár Karl Dönch
1977 Maske in Blau Fred Raymond Robert Herzl
1978 Die Zirkusprinzessin Emmerich Kálmán Robert Herzl
1979 Gräfin Mariza Emmerich Kálmán Kurt Pscherer
1980 Die Fledermaus Johann Strauss Kurt Pscherer
1981 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Glado von May
1982 Ein Walzertraum Oscar Straus Robert Herzl
1983 Die gold’ne Meisterin Edmund Eysler Robert Herzl
1984 Die Zirkusprinzessin Emmerich Kálmán Kurt Huemer
1985 Im weißen Rößl Ralph Benatzky Robert Herzl
1986 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Robert Herzl
1987 Gräfin Mariza Emmerich Kálmán Robert Herzl
1988 Eine Nacht in Venedig Johann Strauss Robert Herzl
1989 Das Land des Lächelns Franz Lehár Otto Fritz
1990 Die Csárdásfürstin Emmerich Kálmán Sándor Nemeth
1991 Sissi und Romy Roland Baumgartner Edwin Zbonek
1992 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Wilfried Steiner
1993 Die lustige Witwe Franz Lehár Michael Maurer
1994 Wiener Blut Johann Strauss Alexander Waechter
1995 Der Bettelstudent Carl Millöcker Winfried Bauernfeind
1996 Die Fledermaus Johann Strauss Elmar Ottenthal
1997 Pariser Leben Jacques Offenbach Alain Marcel
1998 Der Vogelhändler Carl Zeller Winfried Bauernfeind
1999 Eine Nacht in Venedig Johann Strauss Helmuth Lohner
2000 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Heinz Marecek
2001 Das Land des Lächelns Franz Lehár Winfried Bauernfeind
2002 Die Csárdásfürstin Emmerich Kálmán Helmuth Lohner
2003 Giuditta Franz Lehár Gernot Friedel
2004 Gräfin Mariza Emmerich Kálmán Winfried Bauernfeind
2005 Die lustige Witwe Franz Lehár Helmuth Lohner
2006 Der Graf von Luxemburg Franz Lehár Dietmar Pflegerl
2007 Wiener Blut Johann Strauss Maximilian Schell
2008 Im weißen Rößl Ralph Benatzky Karl Absenger
2009 My Fair Lady Frederick Loewe Helmuth Lohner
2010 Der Zarewitsch Franz Lehár Peter Lund
2011 Der Zigeunerbaron Johann Strauss Brigitte Fassbaender
2012 Die Fledermaus Johann Strauss Helmuth Lohner
2013 Der Bettelstudent Carl Millöcker NN

Künstlerinnen und Künstler, die auf der Seebühne bisher auftraten (Auswahl)

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b c Neuer Abschnitt des burgenländischen Wirtschafts- und Kulturaufstieges eingeleitet. Nach Errichtung eines Strandbades erbaut die Gemeinde Mörbisch ein Seehotel – Hervorragender Dienst am Fremdenverkehr des Landes – Seespielgemeinde mit den besten Zukunftsaussichten – Die Aufführung von „Zigeunerbaron“, ein durchschlagender Erfolg – Die Indentantur der Seespiele in den Händen eines großen Künstlers, des Kammersängers Herbert Alsen. In: Burgenländische Freiheit. XXVII. Jahrgang, Nr. 32/1957, S. 6.
  2. Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 259.
  3. Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 261.
  4. Freies Burgenland. Kommunistisches Wochenblatt. Nr. 27/1957, 7. Juli 1957. Globus, Wien 1957, ZDB-ID 1307715-6, S. 9. – Aus: Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 261.
  5. Mörbisch am See: Neues Zentrum des Fremdenverkehrs. Das neue Seehotel vor der Vollendung – 6. Juli: Eröffnung der Seespiele – Opferbereitschaft und Idealismus am Werk. (…) Die Seespiele. In: Burgenländische Freiheit. XXVII. Jahrgang, Nr. 26/1957, S. 3, Spalte 1, unten.
  6. 25 Jahre Seespiele Mörbisch. In: Burgenländische Freiheit. LI. Jahrgang, Nr. 31/1981, S. 35.
  7. Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 263.
  8. Henning Köhler (Red.): Weltgrößte Operettenbühne ertönt mit Fraunhofer-Technologie. In: iuk.fraunhofer.de, 27. Juni 2006, abgerufen am 8. Oktober 2012.
  9. Wolfgang Fritz auf der Seite der Bregenzer Festspiele] abgerufen am 31. August 2011
  10. Andrea Rössner (Red.): Hohe Einschaltziffern bei ORF-Übertragung aus Mörbisch. In: ots.at, 5. August 2001, abgerufen am 8. Oktober 2012.
  11. Burgenländische Festspiele: Vier Spielorte – zwei Intendanten. In: Burgenländische Freiheit. IL. Jahrgang, Nr. 10/1979, S. 45.
  12. Die Burgenländischen Festspiele stehen auf einer neuen Basis. In: Burgenländische Freiheit. L. Jahrgang, Nr. 47/1980, S. 48.
  13. Burgenlands Einfluß auf noch breiterer Basis. Eine neue Festspiel-Ära. Festspiel-Gremien. In: Burgenländische Freiheit. LIV. Jahrgang, Nr. 13/1984, S. 2, unten rechts.
  14. Vorhang auf für’s Nachfolgespiel. In: Burgenländische Freiheit. LXII. Jahrgang, Nr. 36/1992, S. 4 f.
  15. Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 267.
  16. Zweite Premiere in Mörbisch: Ein gelungenes Experiment. In: Burgenländische Freiheit. XXVIII. Jahrgang, Nr. 31/1958, S. 2, oben.
  17. Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 356.
  18. a b c d e f „Viktoria und ihr Husar“ siegten über den Sturm und die Kälte. In: Burgenländische Freiheit. XLIII. Jahrgang, Nr. 31/1973, S. 21.
  19. Awecker et al.: Theatergeschichte des Burgenlandes, S. 266.

Anmerkungen

  1. Auch: Der Zuschauerraum bietet Platz für 1.800 Besucher. – Siehe: Mörbisch am See: Neues Zentrum des Fremdenverkehrs. Das neue Seehotel vor der Vollendung – 6. Juli: Eröffnung der Seespiele – Opferbereitschaft und Idealismus am Werk. (…) Seespiele in Mörbisch. In: Burgenländische Freiheit. XXVII. Jahrgang, Nr. 26/1957, S. 3, Spalte 3 Mitte.
  2. Von acht beabsichtigten Aufführungen fielen zwei wegen Schlechtwetters aus. Beginn der Vorstellungen war um 19 Uhr. Die Eintrittspreise betrugen S 10,– (0,73 Euro) bis S 50,– (3,63 Euro).

Weblinks

47.7539516.69905Koordinaten: 47° 45′ 14,2″ N, 16° 41′ 56,6″ O