Stadterweiterungsfonds

Der 1858 geschaffene, heute noch existierende Wiener Stadterweiterungsfonds entstand als Instrument der städtebaulichen Umgestaltung der Wiener Altstadt aus Anlass des Abrisses der Basteien Wiens und der Bebauung der dadurch frei werdenden Flächen sowie des der Stadtbefestigung vorgelagerten Glacis.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das kaiserliche Handschreiben, die Rechtsgrundlage des Stadterweiterungsfonds (25. Dezember 1857, Wiener Zeitung)

Der (bis heute) dem Innenministerium (also der Staatsverwaltung, nicht der Gemeinde Wien) unterstehende Fonds organisierte während der Gründerzeit den Verkauf, (zuweilen auch den Tausch) der parzellierten Grundstücke und die Finanzierung der öffentlichen Repräsentationsbauten der Ringstraßenzone. Die Bilanz 1858 bis 1914 des Stadterweiterungsfonds fiel dabei positiv aus. Einnahmen von 112.525.831 Gulden standen Ausgaben von nur 102.329.696 Gulden gegenüber. Weniger positiv war das ökonomische Ergebnis für die Gemeinde, die die Infrastruktur (z. B. das Kanalsystem) für die neu entstehenden Stadtviertel beisteuern musste und sich in dieser Periode schwer verschuldete.Die Gemeinde Wien hatte vergeblich reklamiert, einen Anteil am Erlös der Grundstücksverkäufe zu erhalten. Auch ein Mitspracherecht bezüglich des Verbauungsplans wurde ihr verweigert. Am 29. April 1860 wurde die Beteiligung der Gemeinde endgültig abgelehnt. Diese hatte sich vergeblich darauf berufen, Stadterweiterungsgründe im 16.Jahrhundert für die Errichtung von Befestigungsanlagen zur Verfügung gestellt zu haben. Die Kommune konnte lediglich die im Stadterweiterungsbereich geplante befristete Befreiung der privaten Bauherren von städtischen Abgaben reduzieren. Der Aufgabenbereich der Gemeinde beschränkte sich auf die Durchführung und Finanzierung der Kanalisation, der Gasversorgung (für Heizung und Beleuchtung) und der Pflasterarbeiten der Ringstraße.Zur Stimulierung der private Bautätigkeit in der Stadterweiterungszone wurde Steuerfreiheit für Neu-, Um- und Zubauten innerhalb eines Zeitraumes von bis zu 30 Jahren gewährt [1].

Aus der konflikthaften Konstellation zwischen Staat und Gemeinde entstanden und entstehen bis heute gewisse Probleme und Reibereien mit der Gemeinde Wien, aber auch unerwartete positive Effekte. So setzte sich die Gemeindeverwaltung, gerade weil sie von der Verwertung der Immobilien der Ringstraßenzone ausgeschlossen blieb, umso energischer für die Erhaltung größerer Grünflächen ein. Aktuell existiert ein Streit um eine etwa 3000 m2 große Restfläche im Bereich der Mölker Bastei, außerdem gab es Proteste gegen die vom Fonds durchgeführte Veräußerung der Immobilie des Wiener Eislaufvereins.[2]

Einzelnachweise

  1. Vgl Bernd Fahrngruber, a.a.O. S 174
  2. Zeitung Österreich vom 13. Februar 2008

Literatur

  • Renate Wagner-Rieger (Hsg): Die Wiener Ringstraße. Bild einer Epoche, Wiesbaden 1969–79, davon speziell Band 5:
  • Franz Baltzarek, Alfred Hoffmann, Hannes Stekl (Hsg): Wirtschaft und Gesellschaft der Wiener Stadterweiterung, Wiesbaden 1975
  • Bernd Fahrngruber: Bauwirtschaftliche Aspekte der Wiener Stadterweiterung unter Kaiser Franz Joseph I.: Die Schleifung der Wiener Stadtmauer 1858 bis 1864. Dissertation, Wirtschaftsuniversität Wien, Wien 2001 (Online-Version)
  • Gottfried Pirhofer, Kurt Stimmer: Pläne für Wien. Theorie und Praxis der Wiener Stadtplanung von 1945 bis 2005, Wien MA 18, 2006, speziell S 13 (auch im WEB)

Weblinks

 Wikisource: Die Erweiterung der Stadt Wien – Quellen und Volltexte