Stanacum

Stanacum
Alternativname Stanacum
Limes Noricum
Abschnitt Strecke 1
Datierung (Belegung) spätes 2. Jahrhundert n. Chr.
bis 5. Jahrhundert n. Chr. (?)
Typ Kleinkastell/Burgus/Badegebäude (?)
Größe 12,5 × 17 m
Bauweise Steinbauweise
Erhaltungszustand SW-Mauer ist z.T. noch oberirdisch sichtbar.
Ort Engelhartszell-Oberranna
Geographische Lage 48° 30′ 0″ N, 13° 44′ 0″ O48.513.733333333333302Koordinaten: 48° 30′ 0″ N, 13° 44′ 0″ O
Höhe 302 m ü. A.
Vorhergehend Kastelle von Passau (westlich)
Anschließend Kleinkastell Schlögen (östlich)
Limes3.png
Engelhartszell an der Donau
Grabungsskizze nach Eckhart, 1960

Stanacum wird in der Forschung mehrheitlich als römischer Hilfstruppenstützpunkt (Burgus?) und Bestandteil der Festungskette des Donaulimes in der Provinz Noricum angesehen. Es liegt auf dem Gebiet der Marktgemeinde Engelhartszell, Ortsteil Oberranna, im Bezirk Schärding, Innviertel, Bundesland Oberösterreich.

Das – vermutlich aus der mittleren Kaiserzeit stammende – Gebäude lag direkt an der Limesstraße. Die Interpretation als Befestigung ist zweifelhaft, möglicherweise handelte sich bei den Bauresten in Wahrheit um die Reste einer Thermenanlage.[1][2] Über die historische Entwicklung und die Besatzungseinheiten dieses Stützpunktes ist nichts bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Lage, Name und Funktion

Die Fundstelle liegt ca. 11 km flussaufwärts von Schlögen, wo sich das Donautal wieder weitet. Die Lage des Kleinkastells an der via iuxta Danuvium, der heute die Bundesstraße 130 folgt, am rechten Donauufer, ermöglichte die Kontrolle der gegenüberliegenden Mündung der Ranna und der durch Niederterrassen gebildeten Flussniederungen (Hans Jüngling).[3] Richard Trampler hielt es für den westlichen Flankenschutz des Kastells Iovacum. Über dem Nordteil des Areals steht heute ein ehemaliges Gasthaus.

Die Identifizierung dieses Wachtpostens als das antike Stanacum, das nur im Itinerarium Antonini (249, 4), einem Reisehandbuch aus dem 3. Jahrhundert, überliefert ist, ist nicht gänzlich gesichert, aber sehr wahrscheinlich. Laut diesem Verzeichnis war diese Straßenstation 20 Meilen (29,6 km) von Boiodurum (Passau) und 18 Meilen (26,7 km) von Iovacum (Schlögen) entfernt. Diese Entfernungsangaben treffen genau auf Oberranna zu.[4] In den beiden anderen antiken Hauptquellen des Donaulimes, Notitia Dignitatum und Tabula Peutingeriana, wird der Standort nicht erwähnt.

Forschungsgeschichte

Das Gelände wurde nur wenig untersucht. 1840 wurden die Mauerreste vom Schlögener Grabungsverein entdeckt und unter der Leitung Josef Gaisbergers 1840-1842 freigelegt. Sie wurden als Südostmauer (mit zwei runden Ecktürmen) eines Kleinkastells angesehen. Die Grabungen wurden nicht dokumentiert, es existieren nur zwei zeitgenössische Federzeichnungen der Südfront mit den beiden Rundbauten an den Ecken.[5] Bei Nachgrabungen 1842 wurden weitere Kleinfunde wie „Keramikgefäße, Varia-Metall, Fragmente von eisernen Sporen, rothirdene Geschirre und Mauerbekleidung“ geborgen. Hans Jüngling berichtete 1953 vom Fund eines Kellers, Ziegel und Keramik (Mitteilung von Rudolf Fattinger). Das Fundmaterial wurde 1958 von Rudolf Noll katalogisiert.

In einer im aller Eile durchgeführten Notgrabung anlässlich der Erweiterung der Bundesstraße wurde 1960 erneut die südwestliche Außenmauer zwischen Haus Oberranna Nr. 5 und der 13 m südlich davon verlaufenden Bundesstraße 130 freigelegt, die dem Verlauf der antiken Limesstraße entsprach. Der Ostturm konnte nicht untersucht werden. Bei der Abtragung einer Geländestufe durch einen Bagger stieß man auf eine massive Mauerkonstruktion, die teilweise zerstört bzw. ausgerissen wurde. Die verbliebenen Reste des rund 1,6 m hohen aufgehenden Mauerwerks wurden von Lothar Eckhart (OÖLM) untersucht und konserviert, stellenweise wurden auch noch Nachuntersuchungen vorgenommen. An Kleinfunden wurden Keramikgefäße und Ziegel sichergestellt.

Die letzte Grabung fand 2005 auf Initiative des Bundesdenkmalamtes (Leitung: Andrzej Karbinski) statt. Anlass war die Errichtung eines Neubaus auf dem Nachbargrundstück. Die Parzelle umgibt die unter Denkmalschutz stehende Parzelle 135/1, den Fundort des Kleinkastells. Hier stand von den 1950er bis zu den 1960er Jahren eine Tankstelle. Insgesamt wurden vier Suchschnitte angelegt; im Westteil des Grundstücks kam in 0,6 m Tiefe eine Steinlage zutage, die als mittelkaiserzeitlich datiert wurde; weiters konnten Planierschichten in 0,4 m bis 0,5 m Tiefe festgestellt werden, die Fragmente von römischen Dachziegeln (tegulae) und Keramik enthielten.

Befunde und Datierung

Die hier vermutete, mehrphasige Befestigungsanlage war mit ihrer Schmalseite NO-SW orientiert, hatte die Innenmaße von 12,5 × 17 m hatte und war möglicherweise an drei ihrer Ecken (NO, NW, SO) mit abgerundeten Wehrtürmen versehen (quadriburgium). Die 9,75 m lange SW-Mauer war noch ca. 1,60 m hoch erhalten und maß in der Mitte 1,50 m. Sie bestand aus heißvermörtelten Bruchsteinen. Ein Mörtelestrich bildete den Innenboden. 0,85 m darunter stieß man auf eine zweite Mörtelschicht, was auf eine Fußbodenheizung schließen lässt.

  • Im Norden wird das Areal von einem modernen Gebäude (ehemaliger Gasthof Wagner) überlagert, in dessen Keller sich die Überreste des in der Nordecke gelegenen Turmes erhalten haben.
  • Der Südturm hatte einen Durchmesser von 4,80 m, die Mauer war 1,60 m breit, die hier ansetzende SO-Mauer war gleich stark wie ihr südwestliches Gegenstück.
  • Der SW-Turm war aufgrund seiner Verwendung als Badehaus erheblich größer dimensioniert und wurde im Innenbereich von einer 7,80 m langen und 0,75 m breiten Mauer in zwei Räume abgetrennt.
  • Der SO-Turm wurde nicht untersucht.[6]

Die Ecktürme sprechen für eine militärische Nutzung und dürften erst in der Spätantike zugebaut worden sein. Sollte es sich hierbei tatsächlich um ein Kastell oder einen Burgus handeln, dann lässt sich die Wehranlage noch am ehesten mit dem – allerdings erheblich größeren – pannonischen Kleinkastell von Visegrád–Gizellamajor vergleichen in dessen NW-Turm ebenfalls ein Heißbad eingebaut worden war.

Laut Thomas Fischer (2002) liegt hingegen bei diesen Mauerresten kein Festungsbau vor, sondern vielmehr die Thermenanlage eines nahegelegenen Kastells. Der Turm in der Südwestecke ist seiner Meinung nach eine Apsis, in der ein kleines Heißwasserbecken (caldarium) mit Hypocaustum und Hohlziegelwänden eingebaut war, auch zwei Mauerzungen des außen an der Südseite anliegenden Praefurniums (Heizraum) waren teilweise noch erhalten. Die Beschickung erfolgte über einen teilweise mit Ziegeln ausgelegten Kanal. Die Doppelböden lagen wiederum 0,85 m auseinander. Der nicht untersuchte Nordostraum war vermutlich ebenfalls für Badezwecke adaptiert. Beide Räume waren durch eine 1,5 m breite Türe verbunden. An der sich anschließenden 1,5 m starken SW-Mauer ist eine kleine, 1,5 m breite Nische ausgespart, die ursprünglich entweder eine Kaiser- oder Götterstatue aufnahm oder aber als Aussparung zur Verlegung von Hohlziegeln (tubuli) diente, die die Rauchgase der Fußbodenheizung in einen Kamin ableiteten. Der SO-Eckturm, der größtenteils gar nicht untersucht werden konnte, sondern im Grabungsplan nur aufgrund von Vermutungen zeichnerisch ergänzt wurde, besaß im Norden einen 1,50 m breiten Durchlass, der vermutlich zum Hauptraum (tepidarium?) führte, und könnte aufgrund des Nachweises von wasserbeständigen Mörtelresten ebenfalls als Apsis eines Schwitzbades (laconicum oder sudatorium) gedient haben.[2][7]

Unter dem heutigen Befund konnten noch die Reste eines älteren, zweiphasigen Gebäudes nachgewiesen werden, dessen Ausmaße und Funktion aber bislang ungeklärt blieb. Das spärliche Fundmaterial lässt keine eindeutige Datierung zu, jedoch eine Nutzung in der Zeit vor 300 n. Chr. annehmen. Auch über die Entstehungszeit des Gebäudes lässt sich aufgrund der mäßigen Fundlage nichts genaues aussagen. Vermutlich wurde es größtenteils in der Spätantike errichtet oder evt. modernisiert.[8]

Meilenstein

Von den zahlreichen römischen Meilensteinen, die für Oberösterreich vorauszusetzen sind, haben nur sechs bekannte Exemplare (Wels, Mösendorf, Vöcklabruck, Weiterschwang bei Gampern, Timmelkamm) die Jahrhunderte überdauert (Gerhard Winkler). Einer davon wurde in der Nähe des Kleinkastells, beim Jochenstein, gefunden. Er konnte in die Regierungszeit des Kaisers Caracalla datiert werden und gilt heute als verschollen. Auf seiner Inschrift war als caput viae (lateinisch „Kopf“ = Ausgangspunkt) Boiodurum (Passau) angegeben. Der Name des 15 milia passum von Boiodorum entfernten Ortes war nicht mehr identifizierbar (Saloato?).[9] Die Formulierung „…viam iuxta amnem Danuvium fieri iussit..." bedeutet, dass die Straße zu Beginn des 3. Jahrhunderts nicht völlig neu errichtet, sondern nur zur Vorbereitung eines Feldzuges gegen die Alamannen (213 n. Chr.) großflächig saniert wurde. Von ihren Ausgangspunkt Boiodurum verlief dieser Abschnitt der Limesstraße über Stanacum nach Ioviacum, Ad Mauros nach Ovilavis (Wels). Die Inschrift lautet nach Gerhard Winkler wie folgt:[10]

Imp(erator) Caesar
M(arcus) Aureliu/s Antoni-
nus Pius Fe-
lix Aug(ustus) Par-
t(hicus) maximus
Brit(annicus) maxim-
us tr(ibunicia) p(otestate) X[V imp(erator) III co(n)s(ul) design(atus) IIII]
viam iuxta
amnem Da-
nuvium fi-
eri iussit a
Boiioduru(!) in
SALOATO m(ilia) p(assuum)
XV

Übersetzung: „Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus, der fromme und glückliche Augustus, größter Sieger über die Parther, größter Sieger über die Britannier, Inhaber der tribunizischen Gewalt zum 15. Male, dreimal zum Imperator ausgerufen, zum 4. Mal zum Konsul designiert, ließ eine Straße entlang der Donau anlegen, von Boiodurum nach [...] 15 römische Meilen.“[11]

Hinweis

Die Anreise erfolgt über die Bundesstraße 130 (Nibelungenstraße), der Fundort liegt am östlichen Ortsausgang zwischen dem Donauufer und der Bundesstraße. Das konservierte Mauerwerk ragt noch etwa 1,6 m aus dem Erdboden.

Denkmalschutz

Die Anlagen sind Bodendenkmäler im Sinne des Österreichischen Denkmalschutzgesetzes. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden ohne Genehmigung des Bundesdenkmalamtes stellen eine strafbare Handlung dar. Zufällige Funde archäologischer Objekte sowie alle in den Boden eingreifenden Maßnahmen sind dem Bundesdenkmalamt (Abteilung für Bodendenkmale) zu melden.

Literatur

  • Thomas Fischer: Noricum. Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2829-X (Orbis Provinciarum, Zaberns Bildbände der Archäologie).
  • Christine Schwanzar: Der römische Grenzabschnitt zwischen Passau und Linz, Oberösterreich – Grenzland des Römischen Reiches. Sonderausstellung des OÖ. Landesmuseums im Linzer Schloss, 1986.
  • Christine Schwanzar: Oberranna – Stanacum?, Kleinkastell. In: Herwig Friesinger, Fritz Krinzinger: Der römische Limes in Österreich. Führer zu den archäologischen Denkmälern. Wien 1997.
  • Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Wien 1986 (Der römische Limes in Österreich, Nr. 33).
  • Manfred Kandler, Hermann Vetters (Hrsg.): Der römische Limes in Österreich. Ein Führer. Wien 1989.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Christine Schwanzar: 1997, S. 158.
  2. a b Thomas Fischer: 2002, S. 27.
  3. Rudolf Noll, Franz Pfeffer und Richard Trampler lehnen diese Ansicht ab, da es sich in diesem Fall um eine vom Rannafluss tief eingekerbte und dicht bewaldete Schlucht handelt, die für germanische Angreifer nur schwer als Sammelraum oder Zugangsweg zur Flussmündung genutzt werden konnte.
  4. Kurt Genser: 1986, S. 39.
  5. Christine Schwanzar: 1997, S. 157.
  6. Christine Schwanzar: 1997, S. 158–159.
  7. Kurt Genser: 1986, S. 41.
  8. Christine Schwanzar: 1997, S. 159.
  9. milia passus – 1000 Doppelschritte = 1,48176 km.
  10. CIL 3, 5755. Abbildungen.
  11. Christine Schwanzar: 1997, S. 159–160.