Stefan Hulfeld

Stefan Hulfeld (* 22. März 1967) ist ein Schweizer Theaterwissenschaftler.

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Biografie

Stefan Hulfeld absolvierte das Grundstudium Germanistik, Philosophie und Latinum an der Universität Bern. Neben dem darauffolgenden Studium der Theaterwissenschaft (ebenso in Bern) ging er theaterpraktischen Tätigkeiten in Berlin, Graz und Avignon nach. 1999 folgte die Promotion (summa cum laude) und 2006 reichte Stefan Hulfeld seine Habilitationsschrift Theatergeschichtsschreibung als kulturelle Praxis? Ein Beitrag zur Geschichte des Wissens über Theater ein. Seit Oktober 2006 ist Stefan Hulfeld Universitätsprofessor für Theater- und Kulturwissenschaft an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und seit Oktober 2010 stellvertretender Vorstand des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft.[1]

Lehre und Wissenschaft

Mit dem Fokus auf Ältere europäische Theatergeschichte, Theatertheorie, Commedia all'improvviso, Theatergeschichte und Dramaturgie des 18. Jahrhunderts, Geschichte der Theatergeschichtsschreibung und Gegenwartsdramatik beschäftigt sich Stefan Hulfeld mit grundlegenden theatertheoretischen und -historiografischen Fragestellungen. Dabei gelten mitunter die Forschungen von Rudolf Münz (1931-2008) über Theatralität und Theatralitätsgefüge (vgl. Theatralität und Theater. Zur Historiographie von Theatralitätsgefügen) als Basis seiner Auseinandersetzungen, die eine theaterhistoriografische Reflexion über begriffliche Verwendungen bzw. Konstruktionen unabdingbar machen; d.h., wie über Theater gesprochen werden kann, was es bedeuten kann, wenn über 'das' Theater gesprochen wird :

«Das» Theater: ein terminologisches Kuckucksei, welches die Wahrnehmung der Vielfalt sowie das Nachdenken über die verschiedenen Erscheinungsformen und Funktionen theatraler Interaktionen im Keim erstickt. «Das» Theater ist auch, dem wegen seiner edlen Absichten im Bereich des Menschlichen vom 19. Jahrhundert an staatliche Subventionen zuflossen und das somit als einzige Theaterform kulturpolitischen Artenschutz genoss. Die Debatten um eine Einheit der Handlung oder eine Einheit des Ortes im Drama scheinen aus heutiger Sicht geradezu als gezieltes Ablenkungsmanöver beim Versuch, die «Einheit des Theaters» zu realisieren. So wenig Erfolg diesem Ansinnen in der Theaterpraxis beschieden war, so dauerhafter scheint der Triumph auf terminologischer Ebene. «Das» Theater als Signatur dafür, dass es bis heute nicht gelungen ist, dem Mythos von der «Theatergeschichte der Aufklärung» die Aufklärung von Theatergeschichte entgegenzusetzen.[2]

In diesem Zusammenhang stellt Hulfelds Konzept von "theatralen Interaktionen"[3] ein wesentliches Modell dar, um über unterschiedliche Theatertypen (in einem Gefüge von "Theaterspiel", "Lebenstheater", "Kunsttheater" und "Nicht-Theater"[4]) denken und sprechen zu können, ohne sich dabei nur auf institutionalisierte Theaterformen beschränken zu müssen.

Die Relevanz historischer sowie historiografischer Bezugnahmen und Kontextualisierungen hinsichtlich 'zeitgenössischer' Theaterformen zeigt Hulfeld mit dem Begriff "Gegenwartstheatergeschichte"[5], der als eine Alternative zu einer sonst stark vorherrschenden Konzentration auf die Performativität in theaterwissenschaftlichen Diskursen gelesen werden kann. "Theatrale bzw. kulturelle Praktiken" als Theorien zu verstehen, stellt für Hulfeld eine Möglichkeit dar, einseitige Sichtweisen zu vermeiden, "indem das die Kultur Prägende nicht auf einen Nenner gebracht werden muss, im Umgang mit dem «Theatralen» in der Praxis als auch in der Reflexion, im Lebensprozess wie in dem als Kunst definierten Bereich, im laienhaften und im professionellen Theater."[6] Und zu einer "kulturellen Praxis" zählt Hulfeld sowohl Theatergeschichte als auch Historiografie:

Eines ist allerdings klar: es werden weiterhin Bücher mit Titeln wie «Theatergeschichte Europas», «Weltgeschichte des Theaters» etc. geschrieben und verkauft werden. Damit wird weiterhin kommuniziert, dass «die» Theatergeschichte als Serie von paradigmatischen Innovationen oder epochenspezifischen Leistungen existiert, wie sehr in Vorreden etc. das auch immer relativiert werden mag. Dieser Sichtweise können nur Publikationen entgegentreten, denen das Versprechen der Synthese auch im Titel eingeschrieben ist, die es aber mit ganz anderen Konstruktionen einlösen und dadurch auf die Verfasstheit von Theatergeschichte und Historiographie als kulturelle Praxis aufmerksam machen.[7]

Diese Problematik beachtend führt Hulfeld explizit in seinen Betrachtungen zur Commedia all'improvviso und deren unterschiedlichen Erscheinungsformen sowie Transformationen aus, die die Subsumierung unter den Begriff Commedia dell'arte relativiert; d.h. von welcher 'Commedia' wird bei solchen Normierung und Vereinheitlichung gesprochen: "Jener von Ciarlatano Monferino? Oder jener von Ser Maphio, Zan Ganassa, Tristano Martinelli, Giovan Battista Andreini, Antonio Riccoboni, Domenico Biancolleli, Evariste Ghérardi, Louis Riccoboni, Joseph Felix von Kurz, Carlo Goldoni, Maurice Sand?"[8]

Publikationen

Autor

  • '…riesige Jetztzeit, die triumphierend ihre vier Monate gegen zwei Jahrtausende in die Wagschale wirft…'. Krähwinkel 1848 oder Theatergeschichte aus der Perspektive eines unzeitgemäßen Komödianten. In: Gerda Baumbach (Hrsg.): Auf dem Weg nach Pomperlörel - Kritik »des« Theaters. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-86583-422-5, S. 254-279.
  • Sprechtheater. Genese einer historischen Kategorie, Aporien der Praxis. In: Ulrike Landfester, Caroline Pross (Hrsg.): Theatermedien. Theater als Medium - Medien des Theaters. Haupt Verlag, Bern/Stuttgart/Wien 2010, ISBN 978-3-258-07562-4, S. 71-91.
  • Schauspieltechniken der Commedia all'improvviso. In: Thomas Drescher (Hrsg.): Basler Jahrbuch für Historische Musikpraxis. Improvisatorische Praxis vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert. Band 31. Amadeus-Verlag, Winterthur 2009, ISBN 978-3-905786-07-1, S. 95-106.
  • Imaginäre Öffentlichkeit. Das Theatrum der Humanisten und jenes der Medici-Feste. In: Erika Fischer-Lichte, Matthias Warstat (Hrsg.): Staging Festivity. Theater und Fest in Europa. Francke, Tübingen 2009, ISBN 978-3-7720-8318-1, S. 245-259.
  • Paris 1697/1716. Neue Szenen des alten Théâtre Italien. In: Stefan Hulfeld, Andreas Kotte, Friedmann Kreuder (Hrsg.): Theaterhistoriographie. Kontinuitäten und Brüche in Diskurs und Praxis. Francke, Tübingen 2007, ISBN 978-3-7720-8212-2, S. 89-114.
  • Theatergeschichtsschreibung als kulturelle Praxis. Wie Wissen über Theater entsteht. Chronos, Zürich 2007, ISBN 978-3-03-400848-8.
  • Ein Buch mit fünf Siegeln. Überlegungen zum Bildcodex Ms. 180 der Spencer Collection. (gemeinsam mit Andreas Kotte), In: Michael Stolz, Adrian Mettauer, Yvonne Dellsperger, André Schnyder, Hendrik Kuschel (Hrsg.): Buchkultur im Mittelalter. Schrift - Bild - Kommunikation. de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018922-4, S. 295-312.
  • Bertolt Brecht und die Schweiz. (gemeinsam mit Werner Wüthrich) Chronos, Zürich 2003, ISBN 3-03-400564-4.
  • Das eingebildete Ganze in der Theatergeschichte. Überlegungen zur Rezeption Molières Malade imaginaire. In:Hans-Peter Bayerdörfer (Hrsg.): Stimme, Klänge, Töne. Synergien im szenischen Spiel. Narr, Tübingen 2002, ISBN 978-3-8233-5230-3, S. 507-518.
  • Zähmung der Masken, Wahrung der Gesichter. Theater und Theatralität in Solothurn 1700-1798. Chronos, Zürich 2000, ISBN 3-905314-11-8.
  • Öffentliches Zutrinken zum Trotz und als Strafe. Theoretische Probleme der Suche nach Theater in Ratsprotokollen des 18. Jahrhunderts. In: Gabriele Brandstetter, Helga Finter, Markus Weßendorf (Hrsg.): Grenzgänge. Das Theater und die anderen Künste. Narr, Tübingen 1998, ISBN 3-8233-5224-5, S. 351-360.
  • Bürgerliches Theater in Solothurn 1753 bis 1755. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Sondierungen zum Theater. Zehn Beiträge zur Theatergeschichte der Schweiz. Enquêtes sur le théâtre. Theaterkultur-Verlag, Basel 1995, ISBN 3-908145-24-4, S. 143-196.

Herausgeber

  • Maske und Kothurn. Internationale Beiträge zur Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Theater/Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Beiträge zur Fachgeschichte. (gemeinsam mit Birgit Peter) 55. Jahrgang, Heft 1/2, Böhlau, Wien 2009, ISBN 978-3-205-78338-1.
  • Theaterhistoriographie. Kontinuitäten und Brüche in Diskurs und Praxis. (gemeinsam mit Andreas Kotte und Friedmann Kreuder) Francke, Tübingen 2007, ISBN 978-3-7720-8212-2.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Biographie Hulfelds
  2. Stefan Hulfeld: Zähmung der Masken, Wahrung der Gesichter. Theater und Theatralität in Solothurn 1700-1798. Chronos, Zürich 2000, S. 563.
  3. Stefan Hulfeld: Zähmung der Masken. 2000, S. 379-397.
  4. Stefan Hulfeld: Zähmung der Masken. 2000, S. 397-401.
  5. Vgl. Stefan Hulfeld: Theatergeschichtsschreibung als kulturelle Praxis. Wie Wissen über Theater entsteht. Chronos, Zürich 2007, S. 350-357.
  6. Stefan Hulfeld: Theatergeschichtsschreibung. 2007, S. 357.
  7. Stefan Hulfeld: Theatergeschichtsschreibung. 2007, S. 354.
  8. Stefan Hulfeld: Theatergeschichtsschreibung. 2007, S. 323.