Sterben (Novelle)

Sterben ist eine Novelle von Arthur Schnitzler, die, 1892 geschrieben,[1] Ende 1894 in der Literaturzeitschrift Neue Deutsche Rundschau in Berlin erschien. Im darauf folgenden Jahr brachte S. Fischer, ebenfalls in Berlin, den Text als Buch heraus.[2]

Der Titel ist zweideutig. Mit dem Dahinsiechen und Sterben des jungen, höchstwahrscheinlich schwindsüchtigen Wieners Felix stirbt auch die Liebe zu Marie.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Felix, Patient bei seinem Freund, dem Arzt Alfred, hält sich für todsterbenskrank. Also will er Gewissheit und holt noch die Diagnose von Professor Bernard ein. Marie, seine junge Geliebte, kann die Feststellung des Professors kaum fassen. Felix habe noch ein Jahr zu leben. Zunächst erfährt der Leser weder den Namen der Krankheit noch die Art der Beschwerden. Felix könnte durchaus ein Hypochonder sein, wenn nicht das Urteil des Professors wäre. Marie verzweifelt; will sich sogleich zusammen mit Felix das Leben nehmen. Der Kranke winkt ab. Man genießt das bisschen Leben noch ein wenig. Felix vermag das allerdings nur auf verhaltene Art. Immer muss er an sein Ende denken. Hingegen Marie kommt auf einmal zu einer neuen Erkenntnis. Gern möchte sie sich ihres Daseins weiter erfreuen. Bernard stirbt plötzlich. Triumphierend überlebt der todgeweihte Felix den Professor.

Felix begehrt Marie. Er will seinem Leben ein Ende machen und Marie kurz zuvor ermorden. Unsinn. Er verwirft den Gedanken. Felix möchte Marie noch ein Weilchen besitzen. Der Mordgedanke erfüllt ihn mit heimlichem Stolz. Nur eines stört noch. Marie wird nicht freiwillig gehen. In seiner Phantasie hat Felix diese Klippe bald umschifft: Seine Mörderhand küssend, stirbt die Begehrte dahin. Felix hat grenzenlose, wütende Todesangst. Obwohl Marie den bettlägerigen Kranken aufopferungsvoll pflegt, fällt ihr das Mitfühlen schwer und immer schwerer. Vergeblich versucht Alfred, Marie zum zeitweiligen Verlassen des Krankenzimmers zu überreden. Sie spürt, Felix verlangt, auch sie solle mit leiden. Als Felix eingeschlummert ist, schleicht sich Marie aus dem muffigen Krankenzimmer hinaus. Auf einer Parkbank sitzend, ist sie sich sicher, Felix will sie mit in den Tod reißen. Sie will aber nicht; atmet die frische Luft in vollen Zügen ein. Felix ängstigt sich ohne Marie. Symptome der Krankheit wie Mattheit, Atemnot und Schwindelgefühl werden genannt und lassen auf Tuberkulose schließen. Felix, der von Alfred Morphium erhält, wirft Marie und dem Freunde vor, beide ließen ihn verkommen. Der Kranke setzt gegen den Willen des Arztes eine Reise in den Süden durch. Auf der nächtlichen Bahnfahrt will er gemeinsam mit Marie sterben. Sie sträubt sich. Felix ist die Kraft zur Tat inzwischen abhandengekommen. In Meran dann hat der Kranke einen Blutsturz. Marie ruft Alfred telegraphisch. Felix wiederholt, er wolle Marie mit in den Tod nehmen. Ein Mordversuch scheitert. Marie kann fliehen und läuft dem ankommenden Alfred in die Arme. Felix bleibt alleine zurück, erleidet währenddessen einen zweiten Blutsturz und stirbt.

Rezeption

  • Brandes[3] am 11. März 1906 an Schnitzler: „Sie sind ein Grübler über den Tod, wie schon Ihr Sterben zeigte.“
  • Bei Schnitzler, der den Text in der tiefsten Friedenszeit schrieb, kommen auf den Protagonisten gewöhnlich zwei todbringende Gefahren zu - entweder das Duell oder die Krankheit.[4] Übrigens hielt sich Schnitzler 1886 in Meran zu einer Kur wegen Lungenbeschwerden auf.[5]
  • Der Erzähler, allwissend wie er ist, kennt selbst die verborgensten Gedanken des Paares.[6]
  • Scheffel bemerkt an Schnitzlers Prosa-Erstling unbeholfenen Ausdruck und einzelne Klischees.[7]
  • Nach Sprengel veranstaltet Schnitzler so etwas wie ein naturwissenschaftliches Experiment. Der Leser beobachte die Liebenden gleichsam in der Retorte und erfährt nichts über das soziale Umfeld der beiden.[8]
  • Arnold[9] gibt drei weiter führende Literaturstellen zu der Novelle an (Brigitta Schader 1987, Hubert Ohl, 1989 und Claudia Sonino 1995).
  • Das Fazit: Gegen den Tod als unausweichliche Tatsache helfe keine Liebe. Gefühle seien keine Konstanten. Wenn alles zerfalle, dann könnten wir nur noch Komödie spielen.[10]

Verfilmung

Eintrag 31 in: Verfilmungen

Hörspiel

Eintrag 81 in: Hörspiele

Weblinks

Literatur

Quelle
Erstausgabe in Buchform
  • Arthur Schnitzler: Sterben. Novelle. S. Fischer Verlag, Berlin 1895. 148 Seiten. Rote Leinwand. Erste Ausgabe von Schnitzlers erster Prosaveröffentlichung, zugleich das erste Werk des Autors bei S. Fischer, Berlin.
Sekundärliteratur
  • Michaela L. Perlmann: Arthur Schnitzler. Sammlung Metzler, Bd. 239. Stuttgart 1987. 195 Seiten, ISBN 3-476-10239-4
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Arthur Schnitzler. Verlag edition text + kritik, Zeitschrift für Literatur, Heft 138/139, April 1998, 174 Seiten, ISBN 3-88377-577-0
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870 - 1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende. C. H. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44104-1
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A - Z. S. 555, rechte Spalte, 13. Z.v.u. Stuttgart 2004. 698 Seiten, ISBN 3-520-83704-8
  • Carl Pietzcker: Eine nouvelle expérimentale S. 31 - 45 in Hee-Ju Kim und Günter Saße (Hrsg.): Interpretationen. Arthur Schnitzler. Dramen und Erzählungen. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 17352. Stuttgart 2007. 270 Seiten, ISBN 978-3-15-017532-3
  • Jacques Le Rider: Arthur Schnitzler oder Die Wiener Belle Époque. Aus dem Französischen von Christian Winterhalter. Passagen Verlag Wien 2007. 242 Seiten, ISBN 978-3-85165-767-8
  • Burkhard Meyer-Sickendiek: Die Entdeckung des Grübelns als kognitiver Form. Arthur Schnitzlers Sterben, in: Ders.: Tiefe. Über die Faszination des Grübelns, München Paderborn 2010, S. 240ff.

Einzelnachweise

  1. Quelle, S. 509, 13. Z.v.o.
  2. Quelle, S. 521, erster Eintrag
  3. Brandes, zitiert bei Le Rider, S. 83, 15. Z.v.u.
  4. Perlmann, S. 137, 18. Z.v.u.
  5. Perlmann, S. 137, 6. Z.v.o.
  6. Perlmann, S. 138, 15. Z.v.o.
  7. Quelle, S. 513, 17. Z.v.u.
  8. Sprengel, S. 285, 8. Z.v.o.
  9. Arnold, anno 1998, S. 165, rechte Spalte, Absatz 3.5.28
  10. Pietzcker, S. 44, 12. bis 20. Z.v.o.