Tötungsanstalt Hartheim

Schloss Hartheim 2005
Abholbus mit Fahrer

Die Tötungsanstalt Hartheim war eine „Euthanasie“-Anstalt der Aktion T4. Sie war im Schloss Hartheim in der Gemeinde Alkoven bei Linz untergebracht.

Inhaltsverzeichnis

Hartheimer Statistik

Im Juni 1945 wurde bei Untersuchungen des amerikanischen Untersuchungsoffiziers Charles Dameron in der ehemaligen Vergasungsanstalt Hartheim ein Stahlfach aufgebrochen, in dem sich die so genannte „Hartheimer Statistik“ befand. Es handelte sich um eine für interne Zwecke der Aktion T4 gefertigte 39-seitige Broschüre mit monatlichen statistischen Angaben zu den in den sechs T4-Tötungsanstalten im damaligen Reichsgebiet erfolgten Vergasungen von Behinderten und Kranken (hier als „Desinfektionen“ bezeichnet)[1]. Ein Verwaltungsangestellter bekannte 1968 und 1970 als Zeuge, er habe das Zahlenmaterial Ende 1942 zusammenstellen müssen.[2] Zur Hartheimer Statistik gehört auch ein Blatt, auf dem berechnet wurde, dass „bei 70.273 Desinfizierten und einer Lebenserwartung von 10 Jahren“ Lebensmittel im Werte von 141.775.573,80 Reichsmark eingespart worden seien[3].

Opferzahlen der 1. Tötungsphase in Hartheim

Nach dieser Statistik wurden in der Tötungsanstalt Hartheim in den 16 Monaten zwischen Mai 1940 und 1. September 1941 insgesamt 18.269 Menschen in einer Gaskammer ermordet:[4]

1940 1941 Summe
Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug.
633 982 1.449 1.740 1.123 1.400 1.396 947 943 1.178 974 1.123 1.106 1.364 735 1.176 18.269

Diese Statistik umfasst lediglich die erste Mordphase der Aktion T4, die auf eine Anordnung Hitlers hin mit dem Datum 24. August 1941 abgeschlossen wurde.

Insgesamt wird die Anzahl der im Schloss Hartheim Ermordeten auf über 30.000 geschätzt. Unter den Ermordeten waren kranke und behinderte Menschen, Häftlinge aus Konzentrationslagern und ausländische Zivilarbeiter. Die Tötungen erfolgten mit dem farb-, geruch- und geschmacklosen, giftigen Gas Kohlenmonoxid.

Sonderbehandlung 14 f 13

Bereits drei Tage nach dem förmlichen Ende der Aktion T4 traf ein Transport aus Mauthausen mit 70 jüdischen Häftlingen in Hartheim ein, die dort umgebracht wurden.[5] Die Tötungsanstalt Hartheim gewann eine Sonderstellung, da dort nicht nur die höchste Anzahl von Kranken vergast worden war. Im Rahmen der Aktion 14f13 wurde Hartheim außerdem die Anstalt, in der die meisten KZ-Häftlinge ermordet wurden. Ihre Anzahl wird auf 12.000 geschätzt.[6]

Besonders aus den Steinbrüchen in Mauthausen wurden nicht mehr Arbeitsfähige, aber auch politisch Unliebsame nach Hartheim zu ihrer Ermordung gebracht. In den Papieren wurde die Verbringung mit Begriffen wie Erholungsurlaub getarnt. In den Angaben zur Krankheit stand unter anderem Deutschenhasser, Kommunist oder Polenfanatiker. Ab 1944 wurden die Häftlinge nicht mehr von Ärzten der T4 selektiert; es ging nur darum, schnellstens Platz im Lager Mauthausen zu schaffen.[7] Weitere Transporte stammten aus Gusen und vermutlich auch aus Ravensbrück. Mit dem letzten Häftlingstransport nach Hartheim am 11. Dezember 1944 endete die Aktion 14f13.

Von Dezember 1944 bis Jänner 1945 bauten Insassen des KZ Mauthausen die Anlagen ab und stellten den Bauzustand von 1939 weitgehendst wieder her. Ab März 1945 war im Schloss eine „Gauhilfsschule“ untergebracht.

Tötungsärzte

Die T4-Organisatoren Viktor Brack und Karl Brandt ordneten an, dass die Tötung der Kranken ausschließlich durch das ärztliche Personal erfolgen durfte, da sich das Ermächtigungsschreiben Hitlers vom 1. September 1939 nur auf Ärzte bezog. Die Bedienung des Gashahns war somit Aufgabe der Vergasungsärzte in den Tötungsanstalten. Allerdings kam es im Laufe der Aktion auch vor, dass bei Abwesenheit der Ärzte oder aus sonstigen Gründen, der Gashahn auch vom nichtärztlichen Personal bedient wurde. Manche Ärzte traten im Schriftverkehr nach außen nicht mit ihrem richtigen Namen auf, sondern verwendeten Tarnnamen. In Hartheim waren als Tötungsärzte tätig:

  • Rudolf Lonauer, vom 1. April 1940 bis April 1945 als Leiter
  • Georg Renno, vom Mai 1940 bis Februar 1945 als stellvertretender Leiter

Im Oktober 1940 zeigte ein Vater den mysteriösen Tod seines Sohnes in Hartheim bei der Staatsanwaltschaft an. Er hegte den Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Die Behörden in Oberdonau ersuchten dazu den Generalstaatsanwalt Ferdinand Eypeltauer in Linz, das Verfahren einzustellen. Eypeltauer entschied anders, er ordnete an, den verantwortlichen Arzt im Schloss Georg Renno auszuforschen und als Beschuldigten vernehmen zu lassen. Im September 1941 erhielt Eypeltauer die Anordnung, das Verfahren einzustellen. Er stellte das Verfahren ein und legte sein Amt zurück.

Zwischenanstalt Niedernhart

Die Tötungsanstalten der Aktion T4 hatten vorgelagerte Zwischenanstalten. So wurden viele Transporte der Opfer für die Endstation Hartheim über die Landesirrenanstalt Niedernhart in Linz durchgeführt, wo Rudolf Lonauer als Arzt, wie auch in Hartheim, als Leiter tätig war. Tötungen erfolgten dort hauptsächlich durch Unterernährung und Überdosis von Medikamenten. Immer wieder wurden Selektionen und Zusammenstellungen durchgeführt. Mit den ausgewählten Opfern wurde dann ein Bus gefüllt, der nach Hartheim fuhr.

T4-Zentrale ab August 1943 in Hartheim und Weißenbach am Attersee

Aufgrund des Luftkrieges übersiedelte die Zentrale der NS-Euthanasie von der Tiergartenstraße 4 in Berlin in die Ostmark, welche damals spöttisch gerne als der Luftschutzkeller des Reiches bezeichnet wurde. Die Statistik sowie die Akten von Paul Nitsche[8] – Korrespondenz, Notizen und Berichte – gelangten vermutlich als Teil dieser Übersiedlung der T4-Zentrale nach Hartheim (Büroabteilung, Kostenverrechungsstelle) und ins Erholungsheim „Schoberstein“ bei Weißenbach am Attersee (Medizinische Abteilung).[9]

Todesopfer

Bekannte Todesopfer

  • Friedrich Crusius (1897-1941), deutscher Altphilologe und Lehrer
  • Bernhard Heinzmann (1903–1942), deutscher katholischer Priester
  • Friedrich Karas (1895–1942), österreichischer katholischer Priester
  • Jan Kowalski (1871–1942), polnischer Bischof der Altkatholischen Kirche der Mariaviten
  • Ida Maly (1894–1941), österreichische Malerin
  • Gottfried Neunhäuserer (1882–1941), österreichischer Benediktinerpater
  • Werner Sylten (1893–1942), evangelischer Theologe

Zu den Geistlichen

Insgesamt ermordete man 310 polnische, sieben deutsche, sechs tschechische, vier luxemburgische, drei niederländische und zwei belgische Priester. Zahlreiche von ihnen waren aus dem Pfarrerblock des Lagers Dachau abtransportiert worden.[10] Auch der Geistliche Hermann Scheipers war in den Invalidenblock verlegt worden, um nach Hartheim verbracht zu werden. Scheipers Schwester – die in Briefkontakt mit ihrem Bruder stand – wandte sich an einen gewissen Dr. Bernsdorf, Mitarbeiter des RSHA Berlin-Oranienburg, der für die Priester im Pfarrerblock zuständig war. Angeblich konfrontierte sie ihn, im Münsterland sei es ein offenes Geheimnis, dass inhaftierte Priester ins Gas geschickt würden. Bernsdorf sei bei dem Gespräch angeblich nervös geworden und telefonierte mit der Kommandantur von Dachau. Scheipers berichtet, es sei noch am selben Tag, dem 13. August 1942, eine Reaktion erfolgt: Er und drei weitere deutsche Geistliche wurden vom Invalidenblock (hier sammelte die SS Häftlinge für den Abtransport) zurückverlegt in den Pfarrerblock.[11]

Hartheimer T4-Personal


Hauptverantwortlich für die Rekrutierung des untergeordneten Personals waren, bestätigt durch spätere Zeugenaussagen, die beiden Gauinspekteure Stefan Schachermayr (1912–2008[14]), Franz Peterseil (1907–1991) sowie Adolf Gustav Kaufmann (1902–1974), Leiter der Inspektionsabteilung der Zentraldienststelle der T4 in Berlin. [15]

Aufarbeitung und Gedenken

Literatur

  • Henry Friedlander, Johanna Friedmann (Übers.): Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-8270-0265-6. – Inhaltsverzeichnis online (PDF).
  • Heinz Eberhard Gabriel (Hrsg.), Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Vorreiter der Vernichtung? Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien, Band 2. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3-205-99325-X. – Inhaltsverzeichnis online (PDF).
  • Mireille Horsinga-Renno, Martin Bauer (Übers.): Der Arzt von Hartheim: Wie ich die Wahrheit über die Nazi-Vergangenheit meines Onkels herausfand. rororo paperback. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-62307-3. – Inhaltstext online.
  • Brigitte Kepplinger: Die Tötungsanstalt Hartheim 1940–1945. 21 Seiten. o. J., o. O. – Volltext online (PDF).
  • Brigitte Kepplinger (Hrsg.), Gerhart Marckhgott (Hrsg.), Hartmut Reese (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim. 2., erweiterte Auflage. Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus, Band 3. Oberösterreichisches Landesarchiv, Linz 2008, ISBN 978-3-900313-89-0. – Inhaltsverzeichnis online (PDF).
  • Ernst Klee (Hrsg.): Dokumente zur „Euthanasie“. (Originalausgabe von 1985). Fischer-Taschenbücher, Band 4327. Fischer, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-24327-0.
  • Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4. (Kapitel 10: Österreich).
  • Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat: die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Ungekürzte Ausgabe, 12. Auflage. Fischer-Taschenbücher, Band 4326. S. Fischer, Frankfurt am Main 2009, ISBN 3-596-24326-2.
  • Ernst Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Vollständig überarbeitete Neuausgabe. Fischer-Taschenbücher, Band 18674, Die Zeit des Nationalsozialismus. Fischer, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-596-18674-7. – Inhaltstext online. (Früher unter dem Titel: „Euthanasie“ im NS-Staat).
  • Walter Kohl: Die Pyramiden von Hartheim. „Euthanasie“ in Oberösterreich 1940 bis 1945. Edition Geschichte der Heimat. Steinmaßl, Grünbach 1997, ISBN 3-900943-51-6. – Inhaltsverzeichnis online (PDF).
  • Walter Kohl: “Ich fühle mich nicht schuldig”. Georg Renno, Euthanasiearzt. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2000, ISBN 3-552-04973-8.
  • Kurt Leininger: Verordnetes Sterben – verdrängte Erinnerungen. NS-Euthanasie in Schloss Hartheim. Verlagshaus der Ärzte, Wien 2006, ISBN 978-3-901488-82-5.
  • Tom Matzek: Das Mordschloss. Auf den Spuren von NS-Verbrechen in Schloss Hartheim. 1. Auflage. Kremayr & Scheriau, Wien 2002, ISBN 3-218-00710-0. (Inhaltsbeschreibung).
  • Johannes Neuhauser (Hrsg.): Hartheim – wohin unbekannt. Briefe & Dokumente. Publication P No 1 – Bibliothek der Provinz. Bibliothek der Provinz, Weitra 1992, ISBN 3-900878-47-1.
  • Franz Rieger: Schattenschweigen oder Hartheim. Roman. (Zeitkritischer Roman). Styria, Graz (u.a.) 1985, ISBN 3-222-11641-5. (Ausgabe 2002: ISBN 3-85252-496-2).


Weitere Literaturhinweise siehe im Hauptartikel: Die Euthanasiemorde in der NS-Zeit oder Aktion T4

Audio, Video

  • Tom Matzek: Das Mordschloss. Eine Dokumentation über die Gräuel in Schloss Hartheim. Fernsehmitschnitt ORF, 2001, Brennpunkt. 1 Videokassette (VHS, ca. 45 Minuten). S. n., s. l. 2001. [16]

Weblinks

 Commons: Aktion T4 in Hartheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Blatt aus der Hartheimer Statistik (Abgerufen am 22. November 2010)
  2. Zur Fundgeschichte siehe: Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 478 mit Anmerkung 23. Zum Verbleib der Originale siehe auch: Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid, S. 518 f. in Anmerkung 99.
  3. Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 24.
  4. Klee: Dokumente zur „Euthanasie“, S. 232 f.
  5. Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich, S. 266.
  6. Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich, S. 290.
  7. Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich, S. 292.
  8. Siehe auch: Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid, S. 518 f. in Anmerkung 99.
  9. Organisationschema der NS-Euthanasie. Auslagerung der Aktion T4 nach Hartheim im August 1943. – Nach einer Vorlage in: Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 168 f.
  10. Stanislav Zámečník, Comité International de Dachau (Hrsg.): Das war Dachau. Fischer-Taschenbücher, Band 17228, Die Zeit des Nationalsozialismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-596-17228-4, S. 219–222.
  11. Hermann Scheipers: Gratwanderungen. Priester unter zwei Diktaturen. 3. Auflage. Benno-Verlag, Leipzig 1997, ISBN 3-7462-1221-9.
  12. Peter Schwarz: Der Gerichtsakt Georg Renno als Quelle für das Projekt Hartheim. In: Jahrbuch. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien 1999, S. 80–92. – Volltext online.
  13. a b Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich, Kapitel 10: Österreich.
  14. Barbara Tóth: Der Handschlag – die Affäre Frischenschlager-Reder. Dissertation. Universität Wien, Wien 2010, S. 43. – Volltext online (PDF).
  15. Josef Goldberger: „Euthanasieanstalt“ Hartheim und Reichsgau Oberdonau. Involvierung von Verwaltungs- und Parteidienststellen des Reichsgaues Oberdonau in das Euthanasieprogramm. In: Mitteilungen des Oberösterreichischen Landesarchivs, Band 19. Oberösterreichisches Landesarchiv, Linz 2000, S. 359–373. – Volltext online (PDF).
  16. Permalink Österreichischer Bibliothekenverbund, Inhaltsbeschreibung.

48.28115833333314.11375Koordinaten: 48° 16′ 52″ N, 14° 6′ 50″ O