Tabakfabrik (Linz)

Areal der Tabakfabrik mit Kraftwerks- und Zigarettenfabrikationsgebäude
Das Hauptgebäude der Zigarettenfabrikation

Die Tabakfabrik Linz ist ein von 1929 bis 1935 nach Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp in Linz errichteter Gebäudekomplex. Bis Ende September 2009 wurden in der Tabakfabrik Zigaretten hergestellt. Im Jahr 2010 hat die Stadt Linz das 38.148 Quadratmeter große Fabriksareal und den Gebäudebestand zum Preis von 20,4 Mio. Euro von Japan Tobacco International gekauft und es zum Gebiet der Stadtentwicklung erklärt.

Inhaltsverzeichnis

Zigarettenerzeugung am Standort Linz

Nachdem die Linzer Wollzeugfabrik ihren Betrieb 1850 eingestellt hat, wurden Teile der Wollzeugfabrik für die Erzeugung von Rauch- und Kautabaken genutzt. 1859 waren dafür bereits mehr als 1000 Personen beschäftigt. Nachdem die Erzeugung von Kautabak 1903 eingestellt wurde, führte man 1904 an der Unteren Donaulände Zigarren- und Zigarettenproduktion der österreichischen Tabakregie ein.[1]:28 Die Belegschaft bestand dabei zu 90 Prozent aus Frauen.[2] Die „industriefeindliche, ländliche Bevölkerung“ brachte der Tabakfabrik Anfangs keine große Wertschätzung entgegen. Vor allem kirchliche Würdenträger und das Linzer Bürgertum befürchteten „sittliches Verderben“ durch die Fabrik.[1]:26

Bis 1918 wurden aufgrund der stetig steigenden Produktion und aufgrund des technologischen Fortschritts (Dampfmaschine) diverse Um- und Ausbauten der ehemaligen Wollzeugfabrik durchgeführt.[1]:29f. Während des Ersten Weltkriegs wurde jährlich rund eine Mrd. Zigaretten hergestellt. Stieg zu Beginn des Krieges die Produktion aufgrund des großen Bedarfs der Armee noch an, machten sich bald Probleme mit der Rohstoff-Versorgung bemerkbar. Die Tabakregie sah 72 approbierte Streckmittel vor; darunter vor allem Buchenlaub, Hanf und Hopfen.[1]:30 1928 waren die Gebäude der alten Wollzeugfabrik schließlich nicht mehr nutzbar und ein Neubau wurde beschlossen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1938 mutierte der Betrieb der Tabakfabrik zum „nationalsozialistischen Musterbetrieb“: 1942 wurde der Fabrik aufgrund der „Verfügung des Führers vom 29. August 1936 über den Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ ein Gaudiplom für hervorragende Leistungen verliehen. Außerdem errang der Betrieb das Leistungsabzeichen für vorbildliche Sorge um die Volksgesundheit.[1]:34 Besuche von hochrangigen Nationalsozialisten wie Gauleiter August Eigruber, DAF-Leiter Robert Ley oder Reichsfinanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk sollte die Verbundenheit zum Regime stärken. Die Tabakfabrik war durch Arbeiter wie Josef Teufl aber auch ein Ort des Widerstands.[1]:35 Das Produkt Zigarette galt als kriegswichtig und das Unternehmen Tabakfabrik Linz war ein wehrwirtschaftlicher Betrieb. Während des Zweiten Weltkrieges wurden im Neubau der Fabrik rund fünf Mrd. Zigaretten produziert.[3]

Soziale Wohlfahrt

Während der Zigarettenproduktion durch die Österreichische Tabakregie war die Tabakfabrik Linz aufgrund von verschiedenen Einrichtungen der sozialen Wohlfahrt ein begehrter Arbeitsplatz. Die Arbeitsräume waren mit ausreichend Entstaubungs-, Wasch- und Toilettanlagen, Handtüchern, Seife und Wandspucknäpfen ausgestattet.[4]:66 Eigene Betriebsärzte ordinierten täglich in entsprechend ausgestatteten Räumlichkeiten in der Fabrik. Der Wohlfahrtsverein der Tabakregie betrieb Erholungsheime für Beamte in Bad Aussee und Bad Schallerbach sowie für Arbeiter in Kärnten (Sattendorf, St. Urban und Mallnitz).[4]:67 Den Arbeiterinnen wurde zusätzlich zum gesetzlichen Mutterschutz ein zweiwöchiger bezahlter Urlaub gewährt. Andere Sicherheitsmaßnahmen im Arbeitsschutz betrafen Verschalungen von Maschinen, Arbeitsschutzkleidung sowie diverse plakatierte Warnungen.[4]:68 Für die Arbeiterinnen an den Lösetischen entwarf Architekt Behrens eigene Stahlrohrsessel. Die Rollo für den Sonnenschutz sind aktuell im ursprünglichen braun-weiß gestreiften Design noch teilweise funktionstüchtig.[5]:64 und [6]:105

Eine eigene Werksküche erhielt die Linzer Tabakfabrik im Vergleich zu anderen Werken der Tabakregie erst relativ spät. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Mittagspause im Ausmaß von zwei Stunden so lange bemessen, um „nach Hause zu gehen und dort zu essen“. Nach Kürzung der Pause auf 30 Minuten mit der Ausweitung der Arbeitszeit im Zweiten Weltkrieg war diese Argumentation nicht mehr aufrechtzuerhalten und 1943 wurden werkseigene Küche und Speisesaal von Gauleiter Eigruber eröffnet.[4]:69

Bereits 1918 wurde ein „Säuglingsheim“ eröffnet, in dem Kinder bis zu einem Alter von nur einem Jahr „unter Aufsicht der Fabrikärzte von fachkundigen Wartefrauen kostenlos beaufsichtigt, gebadet und gepflegt“ wurden. Dies hatte zur Folge, dass viele Arbeiterinnen ihre Kinder entgegen der Vorschriften nach Beendigung des ersten Lebensjahres mit an den Arbeitsplatz nahmen. Der Betriebskindergarten für Säuglinge und Kinder bis zum Alter von sechs Jahren wurde 1939 eröffnet. 1952 übersiedelte der Kindergarten in einen Neubau im baulichen Anschluss an das einzige von der alten Linzer Wollzeugfabrik erhaltene Gebäude der ehemaligen Zwirnerei, dem „Zwirnerstöckl“. Dort bestand der Kindergarten mit Hort als betriebliche Einrichtung bis 1977.[4]:70

Wohnhäuser in der Gruberstraße 65 und 67

Bis 1910 hat die Tabakregie ein alle Fabriken umfassendes Wohnbauprogramm ausgearbeitet. Dabei entstanden in Linz 1923 ein Beamtenwohnhaus sowie später zwei Arbeiterwohnhäuser in der heutigen Gruberstraße[4]:71 an deren Fassaden Tabakpflanzen als Relief eingearbeitet wurden.[4]:87 Im Jahr 1941 erwarb die Tabakregie das gemeinnützige Wohnungsunternehmen Riedenhof.[7]

Ab 1918 erhielten alle beschäftigten Männer Rauchdeputate in erheblichem Ausmaß: Angestellte erhielten im Jahr 1940 750 Stück Zigaretten pro Monat, Arbeiter 600 Stück. Jungarbeiter im Alter von 16 bis 20 Jahren erhielten die Hälfte. Um einen Weiterverkauf der Deputate zu erschweren, wurden die Zigaretten in Packungen mit dem Aufdruck „Personal“ abgegeben.[4]:70f.

Neuere Unternehmensgeschichte

Hauptartikel: Austria Tabak

1997 übertrug die Republik Österreich ihre Anteile an den Austria Tabakwerken, und damit auch an der Tabakfabrik Linz, an die ÖIAG. Ab 1997 erfolgte die Privatisierung der Austria Tabakwerke durch die ÖIAG und 2001 ein Verkauf an die Gallaher Group. Diese Gruppe wurde 2007 durch JTI übernommen, 2008 wurde die Schließung des Werks beschlossen.

Geschichte und Design des Gebäudekomplexes

Wandgemälde von Herbert Dimmel mit Uhr in der Lösehalle (Zigarettenfabrikationsgebäude)

Alexander Popp war ein Schüler Behrens an der Wiener Akademie und führte später mit ihm ein Architekturbüro in Wien. Die Tabakfabrik Linz war nach Arbeiten für Hoechst und AEG der letzte Industriebau Behrens'. Im Nachlass von Alexander Popp im Inventar des Museums Nordico befindet sich ein zwischen Behrens und Popp geführter Schriftwechsel. Diesen führten sie zwischen August 1928 und April 1936 zu ihrem gemeinsamen Bauprojekt in Linz (Bauakten, Raumprogramm und andere Baudetails), allgemeinen Angelegenheiten ihres gemeinsamen Arteliers in Wien sowie privaten Dingen.[8]

Der Neubau der Fabrik fand in den wirtschaftlich schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise statt. 1934 konnte der Bau nur durch vom damaligen Finanzminister Karl Buresch zur Verfügung gestellte monatliche Zuschüsse zum Investitionskredit fortgesetzt werden.[1]:33

Die Eröffnung der Tabakfabrik Linz fand im November 1935 im Beisein von Bischof Johannes Maria Gföllner, Bürgermeister Wilhelm Bock, Landeshauptmann Heinrich Gleißner und den Ministern Ludwig Draxler und Karl Buresch statt.[1]:35

Einheitlich aus dem kostenintensiven Grundstoff Tombak, einer hoch Kupferhaltigen Messinglegierung, sind Handläufe in Stiegenhäusern, Innen-, Aufzug- und Außentüren gestaltet.[5]:64 Der charakteristische Türkis-Farbton ist als „Linzer Blau“ bekannt.[6]:105

Im Jahr 1969 wurden von der Austria Tabak zwei weitere Magazine und 1982 ein Zubau im Westen des Areals errichtet (nicht denkmalgeschützt, geplant vom ehem. Schweizer Architekturbüro Suter + Suter). Im neueren Zubau (Verwaltungsgebäude) befindet sich ein Glasbild von Robin Christian Andersen und Josef Raukamp. Die Skulptur „Zigarettenturm“ aus Cortenstahl an der Kreuzung Gruberstraße/Untere Donaulände stammt von den beiden Künstlern Karl-Heinz Klopf und Gerhard Knogler.[9]:171

Zigarettenfabrikation

Das seit 1981 unter Denkmalschutz stehende Hauptgebäude der Fabrik[10] gilt als Markstein der Industriearchitektur der österreichischen Zwischenkriegszeit und verläuft gebogen am südlichen Grundstücksrand zur Ludlgasse auf einer Länge von 226,8 Metern.[11] Dieses Gebäude war der erste Stahlskelettbau dieser Dimension in Österreich. Das Stahlgerippe wog 3.000 Tonnen und wurde von der Firma Waagner-Biro errichtet.[6]:103 und 106 Die vorgemauerten Holzblockziegel, durchlaufende Fensterbänder und alle weiteren konstruktiven Bedingungen dieses Bauwerks (Aussenhaut: Holzsteinmauerwerk und Kork) waren der Notwendigkeit geschuldet, dass zur Zigarettenerzeugung eine konstante Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent und gleichbleibende Temperatur sowie ausreichend Helligkeit nötig war.[6]:103f.

Detail der Gedenktafel von Robert Obsieger

Das Gebäude verfügt über eine Nutzfläche von rund 24.000 Quadratmeter und eine Gedenktafel von Robert Obsieger. An die Zigarettenfabrikation angeschlossen ist die Lösehalle.

Kraftwerk

Das Kraftwerk befindet sich im Innenhof des Gebäudekomplexes. Der oben auskragende Teil ist das Kohlesilo, welches die Beschickung der Hochdruck-Dampfanlage anfangs mit dem Brennstoff Kohle im freien Fall ermöglichte.[5]:63 Später wurde das Kraftwerk mittels Öl- und Gasanlage geführt. Der Anschluss an das Fernwärmenetz erfolgte im Jahr 2010.[6]:104

Pfeifentabakfabrikation

Im Inneren des Pfeifentabakfabrikationsgebäudes

Das Gebäude der Pfeifentabakfabrikation verläuft mit 60 Metern Länge am nördlichen Grundstücksrand und umfasst sechs, der Nebentrakt sieben Geschosse. Wie das Zigarettenfabrikationsgebäude ist es ein Stahlskelettbau und verfügt über durchgehende Fensterbänder.

Fries aus dem Jahr 1934

Der Fries aus gebranntem Klinker am ehemaligen Haupteingang an der Unteren Donaulände von Wilhelm Frass wurde dem 150-jährigen Jubiläum der Österreichischen Tabakregie im Jahr 1934 gewidmet und zeigt einen Tabakarbeiter mit Tabakballen, einen Maschinenarbeiter mit Zahnrad sowie mittig Merkur.[5]:69 Umgesetzt wurde das Relief von der Ziegelfirma Wienerberger.[9]

Magazine

1930 wurde mit dem Bau eines Magazins begonnen. Zwei Uhren von Karl Hauk mit Darstellungen von Jahreszeiten (Richtung Nord) und Tierkreiszeichen (Richtung West) sind an diesem Gebäude an der Unteren Donaulände angebracht. Ursprünglich ein Teil der Pfeifentabakfabrikation, wurde es später als Rohstoffspeicher genutzt.

Nicht errichtete Gebäude

Ein Wohlfahrts- und ein Werkstättengebäude sowie ein Verschleißmagazin und ein Verwaltungsgebäude im Westen des Areals waren im Jahr 1935 noch geplant, sind jedoch nicht errichtet worden.[6]:113

Aktuelle Nutzung

Ars Electronica 2010 mit „Zigarettenturm“

Die Stadt Linz hat nach dem Kauf die Tabakfabrik Linz Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft mbH gegründet, deren künstlerischer Leiter Chris Müller ist. Die Nutzung der Gesamtnutzfläche von 80.250 Quadratmetern wurde einem „Zwischennutzungsausschuss“ übertragen. Dieser Ausschuss besteht aus Klaus Pruenster, Gerhard Haderer und Robert Bauer (JKU).

Seit dem Kauf der Tabakfabrik durch die Stadt Linz wurde unter anderem das Ars Electronica Festival 2010 und ein Open-air Konzert mit Parov Stelar auf dem Gelände veranstaltet sowie eine Porsche-Ausstellung gezeigt.

Literatur

  • Andrea Bina: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, ISBN 9783702506339.
  • Hermann Steindl: Architekt Prof. Peter Behrens. Die Tabakfabrik Linz Eine Ikone der modernen Industriearchitektur. Trauner Druck, Linz 2010, ISBN 9783200019034.

Weblinks

 Commons: Linz Austria Tabakwerke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Sabine Fellner, Georg Thiel: Die Geschichte der Tabakfabrik Linz. In: Andrea Bina: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, S. 24-63, ISBN 9783702506339.
  2. Andrea Bina: Skizze einer 159-jährigen Linzer Industriegeschichte, PDF S. 10, abgerufen am 10. Juni 2012.
  3. Tabakfabrik, öffentliches Gebäude auf linz.at, abgerufen am 10. Juni 2012.
  4. a b c d e f g h Sabine Fellner, Georg Thiel: Austria Tabak als Arbeitgeber - Soziales und Wohlfahrt. In: Andrea Bina: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, S. 66–88, ISBN 9783702506339.
  5. a b c d Hermann Steindl: Architekt Prof. Peter Behrens. Die Tabakfabrik Linz Eine Ikone der modernen Industriearchitektur. Trauner Druck, Linz 2010, ISBN 9783200019034.
  6. a b c d e f Andrea Bina: Die Neue Tabakfabrik: Erweiterungs- und Umbau in: Dies.: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, S. 102-127, ISBN 9783702506339.
  7. Vgl. zum Weiterverkauf des Wohnungsunternehmens: Abatec-Chef Niederndorfer kauft Wohnbaufirma in: OÖN vom 21. Dezember 2010, abgerufen am 21. Juli 2012.
  8. Andrea Bina: „Hochverehrter Herr Professor“: Die Korrespondenz zum Bau der Fabrik Linz in: Dies.: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, S. 146-151, ISBN 9783702506339.
  9. a b Andrea Bina: Kunst (am Bau): Die Fabrik Linz / Zeitgenössische Kunst zu Fabrik und Produkten. In: Dies.: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, S. 168–187, ISBN 9783702506339.
  10. Zur Verhängung des Denkmalschutzes über die Fabrik vgl. Klaus Kohout: Die Linzer Tabakfabrik - Karriere eines Architekturdenkmals in: Andrea Bina: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Verlag Anton Pustet, Museen der Stadt Linz 2010, S. 190-193, ISBN 9783702506339.
  11. Vgl. Plan Fabrikareal, JPG, abgerufen am 10. Juni 2012.