Turnerschaft Wolfurt

Die Turnerschaft Wolfurt ist ein auf ehrenamtlicher Basis geführter Sportverein mit den Schwerpunkten Kunstturnen, Team-Turnen, österreichisches Breiten-Turn-Programm Turn10 sowie Fitness und Gesundheit. Insgesamt 500 Mitglieder (davon 360 in diversen Turngruppen aktive, darunter 240 Kinder) gehörten dem Verein im Jahr 2012 an.

Überregionale Bedeutung hat die TS Wolfurt als erfolgreichster österreichischer Turnverein der 60er-Jahre, als Veranstalter nationaler und internationaler Turnwettbewerbe sowie als bedeutender Verein im Breitensport mit vier Weltgymnaestrada-Teilnahmen. Das größte Ereignis der Vereinsgeschichte war die Weltgymnaestrada 2007, bei der Wolfurt sowohl als Gastgeber für 660 Aktive aus Norwegen sowie als Veranstaltungsort fungierte. Innerhalb der Marktgemeinde Wolfurt hat die Turnerschaft vor allem Bedeutung als Jugendförderer sowie Fitnessanbieter für Erwachsene jeder Altersstufe.

Inhaltsverzeichnis

Turnsport in Wolfurt vor 1946

Die besten Turner des katholischen Turnerbundes Wolfurt wurden wie damals üblich mit einem Kranz ausgezeichnet. Das Bild stammt aus dem Jahr 1932.

In ihrer heutigen Konstellation besteht die TS Wolfurt seit 1946, doch die Ursprünge des Turnsports in Wolfurt reichen bis ins Jahr 1886 zurück. Damals wurde der deutsch-liberale „Turnverein“ Wolfurt gegründet, der neben der sportlichen auch eine politische Ausrichtung hatte. Auch die zweite wichtige politische Kraft der damaligen Zeit gründete einen Sportverein: 1909 wurde im Katholischen Arbeiterverein eine christlichsozial ausgerichtete Sektion Turnen gebildet, 1919 entstand daraus der katholische „Turnerbund“. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Turnverein den Betrieb aufgrund einer personellen Schwäche und der Konkurrenz des erfolgreicheren Turnerbundes nicht mehr auf.

Somit war nach dem Ersten Weltkrieg der christlichsoziale Turnerbund der einzige Anbieter im sportlichen Freizeitsektor in Wolfurt. Im Angebot des Turnerbundes stand sowohl das klassische Gerätturnen und die Leichtathletik, es wurden aber auch Disziplinen wie Skilauf, Ringen oder Tanzen betrieben. Der Turnerbund war somit ein Sammelbecken verschiedener Sportarten. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 wurde der Turnerbund auf Weisung der Nationalsozialisten aufgelöst; ihnen war die christlichesoziale Ausrichtung des Vereines ein Dorn im Auge.

Aus dem ehemaligen Turnerbund ging 1946 die Turnerschaft als einziger Turnverein der Gemeinde hervor. Die Vereinsbezeichnung -schaft wurde eingeführt, um die politisch belegten Bezeichnungen "Turnverein" und "Turnerbund" zu vermeiden. Die Gründer des neuen Vereines hatten aus den negativen Auswirkungen politischer Einflussnahme vor dem Zweiten Weltkrieg gelernt. Die Turnerschaft hat seit damals ausschließlich sportliche Ziele und keine politische Ausrichtung.

Geschichte der TS Wolfurt

Das Vereinshaus Wolfurt (hier bei einer Ball-Einlage im Jahr 1968) war bis 1964 Trainingsstätte der TS Wolfurt.

Die ersten Turnstunden des Turnvereines im Jahr 1886 fanden in zwei Klassen des alten Schulhauses statt. Erwähnt wird auch ein leerstehendes Stickereilokal in dem vor 1913 trainiert wurde. Von 1913 bis 1921 stand der kleine Saal des Wolfurter Vereinshauses für das Training des Turnerbundes zur Verfügung, ab 1932 wurde auch auf der Wiese neben dem Schulhaus Strohdorf geturnt.

Als die Turnerschaft Wolfurt im Jahr 1946 nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet wurde, diente weiterhin das Vereinshaus als Trainingsstätte. Die Bodenübungen turnte man auf dem harten Bretterboden, im Winter war es bitterkalt, man turnte um den selbst angeheizten Vereinshausofen herum.

Im Jahr 1964 baute die Gemeinde Wolfurt eine Turnhalle im Areal der Hauptschule. Sie war ganzjährig geheizt und mit neuen Matten ausgestattet. Die guten Trainingsbedingungen führten dazu, dass in Wolfurt das erste Vorarlberger Leistungszentrum für Kunstturner angesiedelt wurde. Die besten Turner Vorarlbergs kamen nach Wolfurt, wo in der neuen Halle unter der Leitung des vierfachen Olympiateilnehmers und 43-fachen österreichischen Staatsmeisters Hans Sauter trainiert wurde. Eine Serie von nationalen Erfolgen machte in dieser Zeit die Gemeinde Wolfurt als österreichweit als Turnzentrum bekannt.

Nachdem im Jahr 1970 in Dornbirn der erste Bauabschnitt der Landessportschule (heute: Landessportzentrum) abgeschlossen wurde, fand ab diesem Zeitpunkt das Training des Landeskaders in Dornbirn und nicht mehr in Wolfurt statt. Die TS Wolfurt setzt seither die Schwerpunkte im Bereich der Nachwuchsförderung und entsendet eine Auswahl ins Landessportzentrum, wo Training mit professioneller Ausstattung und Profi-Trainern stattfindet.

Im Jahr 1984 wurde nach nur 20 Jahren Bestand die Turnhalle abgerissen und durch die große Hofsteig-Sporthalle mit Tribüne und dreifacher Abteilungsmöglichkeit ersetzt. Die Turnerschaft zog noch einmal um. Sie trainiert seit 1984 in einer kleinen Hauptschulturnhalle, die Hofsteigsporthalle wird für Wettkämpfe genutzt. Während 1984 noch 15 Riegenleiter mit 100 Jugendlichen und 50 Erwachsenen trainierten, hat sich Anzahl der Turnsportler in Wolfurt bis zum Jahr 2008 verdoppelt: 30 Trainer bzw. Übungsleiter betreuten im Jahr 2008 insgesamt 320 Aktive. Daraus resultierte ein akuter Platzmangel, auf den mit dem Ausweichen einiger Trainingsgruppen in die Hallen der Volksschulen Bütze und Mähdle reagiert wurde.

Veranstaltungen

Show-Auftritt der TS Wolfurt bei der Gymnaestrada 2007 auf der in Wolfurt situierten Außenbühne.

National und international machte sich die TS Wolfurt einen Namen durch die Organisation bedeutender Wettkämpfe wie Länderkämpfe und Schauturnen mit Ungarn, des Europacup-Finales der Junioren 1990 mit den besten vier Nationen der Welt, des Headcups der Kunstturner, von Landes- und Staatsmeisterschaften oder des Vierländer-Kampfes 2004 zwischen Weißrussland, Rumänien, der Schweiz und Österreich.

Der Höhepunkt in der Geschichte der TS Wolfurt war die Weltgymnaestrada 2007, die neben dem zentralen Veranstaltungsort im Dornbirner Messegelände auch auf sogenannten „Außenbühnen“ in acht Vorarlberger Gemeinden bzw. Städten stattfand; ein Außenbühne war in einem Festzelt an der Wolfurter Weberstraße situiert. Insgesamt 60 bejubelte Turn-Shows für rund 1000 Aktive aus 16 Nationen fanden wurden in Wolfurt vorgeführt.

Kunstturnen

Lukas Wüstner bei seiner Reckübung, mit der er 2006 österreichischer Vize-Staatsmeister wurde.

Einige Wolfurter Kunstturner erreichten die Spitze des österreichischen Turnsports. Auch diverse Einsätze bei internationalen Großveranstaltungen finden sich in der Bilanz, hier gab es jeweils Platzierungen im Mittelfeld.

Die erfolgreichsten Athleten der TS Wolfurt im Kunstturnen sind:

  • Johann König (24-facher Staatsmeister, Olympiateilnehmer in Rom 1960, eine WM- und fünf EM-Teilnahmen)
  • Egon Waibel (4-facher Staatsmeister, Olympiateilnehmer in Rom 1960, zwei WM-Teilnahmen)
  • Heidrun König (3-fache Staatsmeisterin, eine WM- und eine EM-Teilnahme)
  • Ilonka König (einmalige Staatsmeisterin, eine WM-Teilnahme)
  • Claudia Herburger (3-fache Staatsmeisterin, eine EM-Teilnahme)
  • Sibylle Meusburger (7-fache Staatsmeisterin, eine WM und eine EM-Teilnahme)
  • Mathias Mohr (Pauschenpferd-Vizestaatsmeister, Pauschenpferd ÖM-Dritter)
  • Lukas Wüstner (4-facher Mannschafts-Staatsmeister, Reck-Vizestaatsmeister, 3x ÖM-Dritter, zwei EM-Teilnahmen)

Team-Turnen

Neben dem Turnen als Einzelsport wird in Wofurt auch das Gruppenturnen praktiziert. Das Sektionsturnen ist eine ausschließlich in der Schweiz und dem Bundesland Vorarlberg bekannte Sportart, bei der Mannschaften an mehreren Turngeräten wie z. B. Barren oder Minitrampolinen gleichzeitig turnen. Im Sektionsturnen ist die TS Wolfurt mehrfacher Vorarlberger Meister. Seit 2001 wird in der TS Wolfurt auch eine zweite Form des Mannschaftsturnens betrieben, das aus Skandinavien stammende Team-Turnen. In dieser Disziplin wurde das Juniorinnen-Team der TS Wolfurt im Jahr 2006 Österreichischer Meister. Den größten Erfolg im Mannschaftsturnen erreichte die TS Wolfurt im Oktober 2008 bei den Europameisterschaften im Team-Turnen in Gent (Belgien). Die Mixed-Formation belegte als bestes von drei österreichisches Team Rang 13 im Feld der stärksten 22 europäischen Mannschaften.

Breitensport

Bei der Gymnaestrada 2003 in Lissabon zeigte die TS Wolfurt eine humorvolle Show zum Thema „Untergang der Titanic“.

Große Erfolge waren Beteiligungen der TS Wolfurt an der Weltgymnaestrada 1999 in Göteborg und 2003 in Lissabon. Die Showvorführung der TS Wolfurt in Lissabon wurde vom Österreichischen Fachverband (ÖFT) als beste österreichische Darbietung eingestuft. Auch bei der Heim-Gymnaestrada 2007 war die TS Wolfurt mit einer Vorführung vertreten. Bei der 2009 in der Dornbirner Messegelände ausgetragenen 1. Gym for Life Challenge wurde die TS Wolfurt mit der zweithöchsten Kategorie "Silber" ausgezeichnet. Gerätturnen auf Basis einer umfassenden Ausbildung der Schüler wird in der TS Wolfurt besonders gefördert. Es bildet den Schwerpunkt der Aktivitäten und die Grundlage der Erfolge im Gruppen- und Showturnen.

Literatur

  • Doris Rinke: Come together. be one. Dokumentation der 13. Weltgymnaestrada 2007. Hrsg. Weltgymnaestrada 2007 Management gemeinnützige GmbH Dornbirn
  • Hubert Waibel (Hrsg.): Festschrift anlässlich der Eröffnung der Hofsteig-Sporthalle am 26. Oktober 1984. Veröffentlicht von der Marktgemeinde Wolfurt.
  • Walter Reis: 100 Jahre Turnen in Wolfurt. Festschrift anlässlich des Jubiläums. Veröffentlicht im August 1986 von der Turnerschaft Wolfurt.
  • Wolfgang Weber: Von Jahn zu Hitler. Politik- und Organisationsgeschichte des Deutschen Turnens in Vorarlberg. Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs, herausgegeben vom Vorarlberger Landesarchiv. Universitätsverlag Konstanz 1995
  • Otto Gratt (u. a.): 50 Jahre Vorarlberger Turnerschaft, 1946–1996. Jubiläumsschrift. Veröffentlicht im April 1996

Weblinks