Ulrich Seidl

Ulrich Seidl (* 24. November 1952 in Wien) ist ein österreichischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Seidl wuchs im niederösterreichischen Horn in einer streng religiösen Ärztefamilie auf, er sollte Priester werden.[1] Sein filmischer Stil erinnert oft an TV-Doku-Dramen. Dabei soll ein inszeniertes (Laien-)Schauspiel wie die dokumentierte Realität wirken. Doch ist Seidl in seinen oft langen und distanzierten Einstellungen weit poetischer und zurückhaltender.[2] Sein Zugang zum Film ist der Dokumentarfilm bzw. das Dokumentarische im Film. Zentrale Begriffe: Wahrheit, Authentizität; Seidl erhielt Auszeichnungen für Dokumentarfilme wie Good News, Tierische Liebe, Models, Jesus, du weißt (2003), produzierte 2001 mit Hundstage seinen ersten und bislang erfolgreichsten Spielfilm. Er wurde in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und erzielte international rund 250.000 Kinobesuche.[3] Mit Import Export war er 2007 im Wettbewerb der 60. Filmfestspiele von Cannes vertreten. Seidl gilt vielen als Extremfilmer, weil er mit radikaler Aufgeschlossenheit Einsame, Hässliche, Außenseiter und Deformierte porträtiert.[1]

Seidl arbeitet mit formal z. T. verstörenden Mitteln – lange, starre Einstellungen, harte Schnitte, Distanz. Interessant ist sein Spiel mit dem Zuseher als Voyeur und den Mitteln (semi-)dokumentarischer Filmproduktion.

Models stellt den Alltag zweitklassiger österreichischer Models dar, die zwischen Club, Wohnung und Katalog-Shooting versuchen, ein Leben voller Glamour zu führen und mit betonter Oberflächlichkeit und Kokainkonsum auf sexistische Fotografen und enttäuschende Beziehungen reagieren. In Slowenien wurde der drastische Film beschlagnahmt.

Tierische Liebe porträtierte Tierfreunde, die mit ihren Haustieren seltsam intime emotionale Beziehungen pflegen.

2012 stellte Seidl mit Paradies: Liebe den ersten Teil seiner geplanten Paradies-Trilogie fertig, die von drei Frauen einer Familie erzählen soll, die getrennt voneinander ihre Urlaube verbringen. Im ersten Teil ist Margarethe Tiesel als Sextouristin zu sehen, die von Österreich nach Kenia reist, um dort von jungen schwarzen Männern Liebe zu erfahren. Die weiteren Teile sollen von einer missionierenden Katholikin (Paradies: Glaube) und einer Jugendlichen in einem Diät-Camp (Paradies: Hoffnung) handeln. Für Paradies: Liebe erhielt Seidl 2012 seine zweite Einladung in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.[4] Im selben Jahr wurde Seidl für den zweiten Teil seiner Trilogie, Paradies: Glaube, in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig eingeladen. In dem Film ist Maria Hofstätter als alleinstehende Frau zu sehen, die ihren Urlaub damit verbringt, mit einer „Wandermuttergottes-Statue“ von Haus zu Haus zu gehen, um Österreich katholischer zu machen. Es entwickelt sich ein Kleinkrieg um Ehe und Religion, als ihr an den Rollstuhl gefesselter Ehemann, ein ägyptischer Moslem (Nabil Saleh), nach Jahren der Abwesenheit wieder zu ihr zurückkehrt.[5] Der Film brachte Seidl den Spezialpreis der Jury sowie den CinemAvvenire Award ein. 2013 wurde Paradies: Liebe bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises als beste Filmproduktion sowie in den Kategorien Regie und Darstellerin (Margarethe Tiesel) ausgezeichnet. Gleichzeitig erhielt der letzte Trilogie-Teil Hoffnung eine Einladung in den Wettbewerb der 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Filmografie

Ulrich Seidl bei der Premiere seines Films Import Export in Linz (2007)
  • 1980: Einsvierzig, Regie/Buch
  • 1982: Der Ball, Regie/Buch
  • 1990: Good News, Regie/Buch
  • 1992: Mit Verlust ist zu rechnen, Regie/Buch
  • 1994: Die letzten Männer, TV, Regie/Buch
  • 1995: Tierische Liebe, Regie/Buch
  • 1996: Bilder einer Ausstellung, TV, Regie/Buch
  • 1997: Der Busenfreund, TV, Regie/Buch
  • 1998: Spaß ohne Grenzen, TV, Regie/Buch
  • 1998: Models, Regie/Buch
  • 2000: Hundstage, 140 min., Regie/Buch (mit Veronika Franz)
  • 2001: Zur Lage (Situation Report), 105 min., Regie/Buch: Ulrich Seidl, Barbara Albert, Michael Glawogger, Michael Sturminger
  • 2003: Jesus, Du weißt (Jesus, you know), 87 min.
  • 2007: Import Export, 135 min., Drehbuch, Regie, Produktion
  • 2012: Paradies: Liebe, 120 min., Drehbuch, Regie, Produktion
  • 2012: Paradies: Glaube, 113 min., Drehbuch, Regie, Produktion

Auszeichnungen

Literatur

Das Logo von Seidls Produktionsfirma
  • Stefan Grissemann: Sündenfall. Die Grenzüberschreitungen des Filmemachers Ulrich Seidl, Sonderzahl Verlagsgesellschaft, Wien 2007.
  • Florian Lamp: Die Wirklichkeit, nur stilisiert. Die Filme des Ulrich Seidl, Büchner-Verlag, Darmstadt 2009.

Weblinks

 Commons: Ulrich Seidl – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Martina Knoben: Verstörung ist auch eine Form der Berührung - Eine Expedition in die Welt des Ulrich Seidl, in Süddeutsche Zeitung vom 28. Juni 2010
  2. Weniger freundlich beschreibt Rüdiger Suchsland den Stil: Rassismus für die Gebildeten unter seinen Verächtern - Rezension in: Telepolis, 3. Januar 2013
  3. lumiere.obs.coe.int, Lumiere – Datenbank über Filmbesucherzahlen in Europa (Seite abgerufen am 8. November 2007)
  4. PARADIES: LIEBE Im Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Cannes bei ulrichseidl.com (abgerufen am 25. April 2012).
  5. PARADIES: Glaube im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig bei ulrichseidl.com (abgerufen am 29. Juli 2012).
  6. Jürgen Haberleithner: Film als soziale Dimension: Luis García Berlanga und Ulrich Seidl als Exponenten sozialer Filmkultur. Wien, September 2003 (abgerufen am 28. Jänner 2012)
  7. Gala: Ulrich Seidl mit Spezialpreis der Jury ausgezeichnet im Standard vom 8. September 2012 abgerufen am 22. Dezember 2012