Ungargasse

Die Ungargasse ist eine Straße im 3. Wiener Gemeindebezirk, Landstraße, die sich auf einer Länge von rund 1.150 Metern von der zum Wiener Stadtpark führenden Großen Ungarbrücke bis zum Rennweg erstreckt. Sie ist auch Namensgeberin des gleichnamigen, zehn Zählsprengel umfassenden Landstraßer Zählbezirks.

Haus Portois & Fix in der Ungargasse 59–61

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die heutige Ungargasse verband in der Römerzeit das Militärlager Vindobona mit der Zivilstadt, deren Hauptachse nach Czeike etwa am heutigen Rennweg anzunehmen ist. Bereits im Jahre 1444 wurde sie unter ihrem damaligen Namen Hungargasse erwähnt. (Die Schreibung Hungarn für Ungarn war bis ins 19. Jh. in Gebrauch.) Namensgebend war der Umstand, dass sich entlang der Straße Gaststätten und Herbergen befanden, die vor allem von aus Ungarn anreisenden Kaufleuten und Viehhändlern, die Wien über Simmering und den Rennweg erreichten und in die Ungargasse einbogen, frequentiert wurden.

Verkehr

Die Ungargasse ist eine relativ schmale Verkehrsader, in der neben beidseitig geparkten Fahrzeugen nur eine Fahrspur pro Fahrtrichtung zur Verfügung steht; diese wird von der Straßenbahn mitbenützt. Rund zehn Seitengassen münden in die Ungargasse oder kreuzen sie; die wichtigste ist die Neulinggasse (Bus 4A).

Durch die Ungargasse verkehrte, von der Invalidenstraße kommend, seit Ende 1890 eine Pferdetramway, deren Strecke 1891 durch die südwärts anschließende Fasangasse zum Südbahnhof verlängert wurde. Ende 1899 wurde die Strecke auf elektrischen Betrieb umgestellt und kurz darauf kommunalisiert. Seit 1907 das heutige Linienschema eingeführt wurde, fahren hier Garnituren der Linie O (heutige Strecke: PratersternRaxstraße / Neilreichgasse). 1907–1941 fuhren außerdem Züge der Linie 4 (Südbahnhof–Hauptallee) durch den südlichen Teil der Ungargasse; sie bogen ostwärts in die Rochusgasse ab bzw. kam von Osten aus der Sechskrügelgasse. In der Ungargasse befinden sich drei Haltestellen: bei der Sechskrügelgasse, bei der Neulinggasse und unmittelbar vor dem Ende der Ungargasse an der Kreuzung mit dem Rennweg.

An Schnellverkehrsmittel ist die Ungargasse an beiden Enden angebunden. Unweit des nördlichen Gassenendes befindet sich der Bahnhof Wien Mitte / Landstraße (U3, U4, S-Bahn), beim südlichen Gassenende die Station Rennweg der S-Bahn Wien.

Bauwerke

Nr. 5 (links) / Beatrixgasse 8 (rechts), erbaut 1801: Hier vollendete Ludwig van Beethoven 1824 seine 9. Symphonie.
Nr. 13: Sünnhof, ein „Durchhaus“ zur Landstraßer Hauptstraße
Nr. 43: Palais Sternberg, Italienisches Kulturinstitut
Nr. 60–62: Erhaltener Trakt des ehem. Militär-Reitlehrer-Instituts, Teil eines Hotels
Nr. 63–67: Das nicht mehr bestehende Palais Althan in den 1730er Jahren
Nr. 67a–69: Das nicht mehr bestehende Palais Harrach um 1750
Nr. 69: Das Schulzentrum Ungargasse anstelle des Palais Harrach

Die ungeraden Hausnummern befinden sich an der östlichen, vom Stadtzentrum ausgehend linken Straßenseite, die geraden an der westlichen, rechten Straßenseite. Zum Theater, das sich an der Ungargasse befunden hat, liegen keine genauen Orts- und Zeitangaben vor.

Nr. 5: Beethoven

In diesem 1801 errichteten Haus (siehe Abb.) vollendete Ludwig van Beethoven 1824 seine 9. Symphonie, deren Schlussteil heute die Hymne der EU ist. Der slowakische Dichter Ján Kollár wohnte hier von 1849 bis zu seinem Tod 1852.

Nr. 8: Eichendorff

Der Schriftsteller Joseph von Eichendorff wohnte hier.

Nr. 9

Das Haus kann auf eine Liste an prominenten Bewohnern zurückblicken. Es beherbergte einst die Architekten Carl Wilhelm von Doderer und Camillo Sitte sowie die Schauspieler Hermann Thimig, Hans Thimig und Vilma Degischer.

Nr. 13: Sünnhof

Der Sünnhof ist ein Biedermeier-Durchhaus (siehe Abb.), das die Ungargasse mit der Landstraßer Hauptstraße verbindet. Aus einem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Baukern entstand 1837 im Auftrag von Rudolf Sünn diese Passage, die Architekten waren Joseph Dallberg und Peter Gerl. 1845 wurde sie ausgebaut und 1983 restauriert.[1] Seit damals befindet sich hier unter anderem ein Hotel.

Nr. 25: Ehem. Polizeibezirksdirektion

Bis 1884 war hier die k. k. Polizey Bezirks Direktion (Schreibung um 1830) zu finden.

Nr. 27: Neuer Streicherhof

Johann Baptist Streicher, dem 1833 als Erbe der Alte Streicherhof Ungargasse 46 zugefallen war, ließ 1837 anstelle des Hauses Zum goldenen Karpfen den großzügig konzipierten Neuen Streicherhof mit einem Konzertsaal im 1. Stock des rechten Hoftrakts errichten. Von der Jahrhundertwende an spielte der Saal im Konzertleben allerdings keine Rolle mehr. Seit 1935 ist er Kirchenlokal der Neuapostolischen Kirche.[2]

Nr. 39: Emilie Flöge

Emilie Flöge wohnte hier. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verbrannte hier nicht nur ihre Trachtensammlung, sondern auch Wertvolles aus dem Nachlass Gustav Klimts.

Nr. 43: Palais Sternberg

Das 1821 erbaute Palais Sternberg auf Nr. 43 (siehe Abb.), von der Straße etwas zurückgesetzt, ist das einzige in der Ungargasse noch erhaltene; es beherbergt heute das Italienische Kulturinstitut.

Nr. 46: Ehem. Alter Streicherhof

Die Klavierfabrikanten Andreas Streicher (1761–1833) und Nannette Streicher (1769–1833) erwarben vor 1802 das 1788 von Paul Piker erbaute Gebäude als Betriebsstätte und erweiterten es bis 1812 um eine Werkstatt und einen Konzertsaal für Kammermusik, der sich über Jahrzehnte großer Beliebtheit erfreute. Er verlor an Bedeutung, als auch im 1837 errichteten Neuen Streicherhof Ungargasse 27 ein Konzertsaal eingerichtet worden war. Der im Zweiten Weltkrieg beschädigte Alte Streicherhof wurde 1959 abgerissen und durch ein modernes Bürohaus ersetzt.

Nr. 51–59: Ehem. Fuhrwesenkaserne

Bis etwa 1900 stand hier die Fuhrwesenkaserne.

Nr. 59–61: Portois & Fix

Das in Architekturführern erwähnte Haus Portois & Fix (siehe Abb.) wurde 1899–1901 nach Entwürfen von Max Fabiani als Wohn- und Geschäftshaus errichtet und diente ursprünglich dem Unternehmen Portois & Fix als Sitz. Prominenter Bewohner dieses Hauses war der Kabarettist Karl Farkas.[3]

Nr. 60–62: Ehem. Reitschule und Stallungen

Hier befanden sich Reitschule und Stallungen des auf Nr. 69 bestehenden Militär-Reitlehrer-Instituts. Später war hier ein Kino untergebracht. Ein historischer Eingangstrakt (siehe Abb.) ist erhalten und seit 1990 Teil eines Hotels.

Nr. 63–67: Ehem. Palais Althan

Hier befand sich das 1732 erbaute Palais Althan (siehe Abb.), das mit Magistratsgenehmigung von 1840 abgerissen wurde, um Platz für neu zu errichtende Wohnhäuser zu schaffen; nach dem letzten Eigentümer, Michael von Barich, ist die hier von der Ungargasse auf ehemaligem Palaisgrund abzweigende Barichgasse benannt.

Nr. 67a–69: Ehem. Palais Harrach

In dem 1727–1735 errichteten Palais Harrach (siehe Abb.) befand sich von 1850 bis 1918 das Militär-Reitlehrer-Institut. An Stelle dieses 1945 von Bomben zerstörten Bauwerks befindet sich heute das Schulzentrum Ungargasse (siehe Abb.).

Kulturelle Rezeption

Ingeborg Bachmann wohnte während ihres Wien-Aufenthalts von 1946 bis 1953 zwar an der die Ungargasse kreuzenden Beatrixgasse und an der Gottfried-Keller-Gasse beim Modenapark, sie setzte aber der Ungargasse in ihrem 1966 / 1967 geschriebenen und 1971 veröffentlichten Roman Malina, in dem die Hauptfiguren an der Ungargasse wohnen, mit der Beschreibung der Straße und der Gegend, die im Buch Ungargassenland genannt wird, ein Denkmal.[4]

Einzelnachweise

  1. ADAC Reiserführer Wien - Sünnhof
  2. Straßenfassade - Kirchenlokal
  3. Bezirksmuseum Landstraße - Das Portois & Fix-Haus in der Ungargasse
  4. Bezirksmuseum Landstraße - Ingeborg Bachmann im "Ungargassenland"

Literatur

  •  Dehio Wien. II. bis IX. und XX. Bezirk. Anton Schroll, Wien 1993, ISBN 3-7031-0680-8, S. 132–134.

Weblinks

 Commons: Ungargasse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.19944444444416.387416666667Koordinaten: 48° 11′ 58″ N, 16° 23′ 15″ O