Vindobona

Dieser Artikel behandelt die keltische Siedlung und das römische Legionslager, auf die das heutige Wien zurückgeht. Weitere Bedeutungen unter Vindobona (Begriffsklärung).
Lageplan von Vindobona um 250 n. Chr.

Vindobona war eine keltische Siedlung an der Donau, wo sich die heutige Stadt Wien befindet. Um 15 v. Chr. wurde das Königreich Noricum dem römischen Reich einverleibt und die Donau wurde damit zur Reichsgrenze. Vindobona wurde als römisches Legionslager adaptiert, als die Römer entlang der Donau Befestigungen und Siedlungen zum Schutz des Limes Pannonicus anlegten.

Inhaltsverzeichnis

Erwähnung

Die heutige Naglergasse bildete einst die südwestliche Grenze des römischen Legionslagers

Der Geograph Ptolemäus erwähnt Vindobona in seiner Geographike Hyphegesis. Der Geschichtsschreiber Aurelius Victor berichtet, dass Kaiser Mark Aurel, der hier während der Markomannenkriege eines seiner Hauptquartiere hatte, am 17. März 180 in Vindobona starb. Die „Marc-Aurel-Straße“ in der Nähe des Hohen Marktes erinnert noch heute daran. Vindobona gehörte zur römischen Provinz Pannonia. Das regionale Verwaltungszentrum war hingegen Carnuntum südöstlich von Wien.

Name

Der Name Vindobona lässt sich aus dem Keltischen ableiten, vgl. *uindo-, „weiß“ (bretonisch gwenn, walisisch gwynn und irisch finn) und bona, „Quelle ?, Gründung, Stadt“. Die römischen Ortsnamen von Windisch (Vindonissa), Regensburg (Ratisbona) und Lillebonne (Iuliobona) enthalten dieselben Elemente. Vindobona lässt sich auch durchaus als "Gut des Vindos" übersetzen, wo "Vindos" ein gängiger keltischer Name ist. Mangels Nachweisen für die Existenz einer unmittelbar vorrömischen Siedlung in diesem Gebiet bietet sich die Erklärung an, dass die Römer sich den Namen Vindobona einfach von einem wohl in der Nähe gelegenen Gutshof geholt haben[1].

Der Name „Vindobona“ diente auch in nachrömischer Zeit bis in die heutige Zeit als Namensgeber. 1882 wurde der Asteroid Vindobona vom Astronomen Johann Palisa nach der alten Siedlung benannt. Verschiedene Züge und Lokomotiven, ein Schiff der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft und eine Kleinkunstbühne tragen beziehungsweise trugen den Namen.

Entwicklung

Das Fundgut aus Vindobona deutet auf eine Gründung in claudisch-neronischer Zeit hin.[2] Geringe Mengen an aufgefundenen norditalischen Gefäßfragmenten, die ab der claudischen Zeit hergestellt wurden, sind Indikatoren für diese Annahme. Gleichzeitig gilt ein Großteil dieser Scherben – Teller mit Appliken – als hilfreicher Nachweis für die Lokalisierung römischer Hilfstruppenverbände im 1. Jahrhundert n. Chr.[3]

Vindobona wurde später ein Militärlager mit angeschlossener Zivilstadt (Canabae). Auf dem linken Donauufer ist ab dem 2. Jahrhundert eine germanische Siedlung mit einem großen Handelsplatz nachweisbar. Die Legion Legio X Gemina war vom Jahr 103 bis ins 5. Jahrhundert in Vindobona stationiert.

Der für ein römisches Lager ungewöhnlich asymmetrische Grundriss des Lagers zeichnet sich heute noch im Straßenverlauf ab: Graben, Naglergasse, Tiefer Graben, Salzgries, Rabensteig, Rotenturmstraße. Der schräge Verlauf im Bereich Salzgries dürfte darauf zurückzuführen sein, dass im 3. Jhdt. ein gewaltiges Donau-Hochwasser die Nordecke des Lagers unterspülte[4] und einen Neubau der nördlichen Mauer am nunmehr verkleinerten Lager erforderte. Die Bezeichnung Graben soll auf den Befestigungsgraben des römischen Lagers zurückgehen. Man vermutet, dass zumindest Teile der Mauern noch im Mittelalter standen, als diese Straßen angelegt wurden, und damit den Verlauf der Straßenzüge vorgaben. In einer der Ecken des Lagers entstand später der Berghof.

Vindobona wurde von römischen Gutshöfen (Villae rusticae) aus der Umgebung mit Nahrung versorgt.

Römische Funde in Wien

Römische Ausgrabungen am Michaelerplatz
Römische Riesenquader von der Badeanlage des Legionslagers, an der Sterngasse
Römische Bodenheizung, am Hohen Markt
Am Hof gefundener Marmorkopf einer Geniusstatuette, 2.-3. Jhr. n. Chr.

An vielen Stellen der Wiener Innenstadt wurden Überreste des römischen Legionslagers nachgewiesen. Das Zentrum des Michaelerplatzes wurde großflächig archäologisch untersucht. An dieser Stelle wurden unter anderem Spuren der römischen Lagervorstadt (canabae legionis) und einer Straßenkreuzung gefunden.[5] Das Herzstück der heutigen Platzgestaltung durch Hans Hollein ist ein rechteckiger offener Schnitt, der an die Ausgrabung erinnern soll und konservierte Mauerreste verschiedener Epochen zeigt. Unter der Feuerwehrzentrale am Hof befindet sich ein Teil der römischen Kanalisation.[6] Am Hohen Markt (auf der Höhe des Vermählungsbrunnens) ist der Eingang zu einem Schauraum mit römischen Fundamenten, die zu den Offiziersquartieren gehörten.[7]

Militär

Keramikreste aus dem 1. Bezirk sprechen auf alle Fälle für eine Anwesenheit römischer Truppen ab Mitte 1. Jahrhundert n. Chr. Die erste gesichert nachweisbare militärische Einheit ist die Ala Britannica, die gegen Ende des 1. Jahrhunderts in Vindobona stationiert wurde. Die erhaltenen Bauinschriften erwähnen die 13. und 14. Legion, die zwar nur kurze Zeit in Vindobona lagerten aber den Hauptanteil des Lagerbaues trugen. Die 10. Legion, die dann schließlich Vindobonas Hausregiment bis zum Ende der Römerzeit war, hat wahrscheinlich nur noch abschließende Arbeiten im Lager erledigt. Diese Legio X gemina war eine sehr alte Einheit, die schon unter Caesar in den Gallischen Kriegen diente und einen Stier als Wappentier trug. Um 63 n. Chr. wurde die 10. Legion aus Hispanien abgezogen und an der Donaugrenze vorübergehend in Carnuntum stationiert. Kaiser Trajan teilte noch vor 107 n. Chr. Pannonien in Pannonia superior und Pannonia inferior auf. Die Legio X gemina wurde nun als Armee für Pannonia superior in Vindobona stationiert. Eine andere römische Militäreinheit, die Ala I Flavia Milliaria, wird durch Funde von drei Grabsteinen nachgewiesen. Sie belegen die Existenz eines Lagers für etwa 1000 Reiter in der späteren flavischen Zeit. Archäologische Nachweise für die Position dieses Lagers konnten allerdings noch keine gefunden werden.

Siehe auch

Literatur

  • Herwig Friesinger u. a. (Hrsg.): Der römische Limes in Österreich. Führer zu den archäologischen Denkmälern. Zweite, korrigierte Auflage. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2002, ISBN 3-7001-2618-2
  • Michaela Kronberger: Siedlungschronologische Forschungen zu den canabae legionis von Vindobona. Die Gräberfelder (Monographien der Stadtarchäologie Wien Band 1). Phoibos Verlag, Wien 2005.
  • Michaela Müller, Ingrid Mader, Rita Chinelli u. a., Entlang des Rennwegs. Die römische Zivilsiedlung von Vindobona (Wien Archäologisch 8). Phoibos Verlag, Wien 2011.
  • Christine Ranseder et al., Michaelerplatz. Die archäologischen Ausgrabungen. Wien Archäologisch 1, Wien 2006. ISBN 3-901232-72-9

Neue Medien

  • Vindobona. Die Reise in das antike Wien. DVD-Rom, 2004.
  • Vindobona II. Wassertechnik des antiken Wiens. DVD-Rom, 2005.

Einzelnachweise

  1. Csendes, "Wien, Geschichte einer Stadt", Band I, S. 27 f
  2. Vladimir Vlasak: Das römische Lager von Rusovce-Gerulata. Ein Beitrag zu Lokalisierung und Anfängen. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 43. Verlag des Römisch-germanischen Zentralmuseums, 1998. S. 531-589, hier: S. 587.
  3. Ingrid Weber-Hiden: Die Reliefverzierte Terrasigillata aus Vindobona. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 1996. S. 25.
  4. Rekonstruktion des antiken Geländes in der Wiener Innenstadt
  5. Wien Museum | Archäologisches Grabungsfeld Michaelerplatz
  6. Wien Museum | Römische Baureste Am Hof
  7. Wien Museum | Römermuseum am Hohen Markt

Weblinks

 Commons: Vindobona – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien



48.21083333333316.370277777778Koordinaten: 48° 12′ 39″ N, 16° 22′ 13″ O