Viri Mathematici

Viri Mathematici quos inclytum Viennense gymnasium ordine celebres habuit (deutsch: Mathematiker, welche die ruhmreiche Wiener Universität als berühmte Vertreter ihres Standes hatte) ist der Titel einer 1514 gedruckten Darstellung der bis dahin in Wien tätigen Astronomen und Mathematiker durch Georg Tannstetter. Dieser frühe Ansatz einer Wissenschaftsgeschichte bringt wertvolle Informationen zu ungefähr 30 Gelehrten, zum Teil mit umfangreichen Listen ihrer Werke.

Obere Hälfte der ersten Seite der Viri Mathematici

Inhaltsverzeichnis

Geschichtsdarstellung als Teil einer Edition

Der Rückblick auf die Viri Mathematici erschien nicht als eigenes Buch, sondern als Kapitel innerhalb eines größeren Buches, nämlich einer Edition astronomischer Tabellen. Der an der Wiener Universität lehrende Astronom Georg Tannstetter[1] ließ im Jahr 1514 astronomische Tabellen von Georg Peuerbach und Regiomontanus drucken. Diese beiden Astronomen waren bis dahin die wohl bedeutendsten Vertreter ihres Faches in Wien. Aus Anlass dieser Edition stellte Tannstetter ein eigenes Kapitel Viri Mathematici voran, worin er umfassende Werkverzeichnisse dieser beiden Astronomen – und auch aller anderen bis dahin in Wien wirkenden Astronomen und Mathematiker, von denen Tannstetter Kenntnis hatte – präsentierte. Er ergänzte jeweils einige Nachrichten über ihr Leben; es handelt sich also um eine Kombination von Bibliographie und Biographie. Hier wirkt wohl die alte, in Werken De viris illustribus (über berühmte Männer) sichtbare Tradition nach, wie etwa in dem Buch De scriptoribus ecclesiasticis (über Kirchenschriftsteller) von Johannes Trithemius verwirklicht (1494 erschienen, also 20 Jahre zuvor). Allerdings ist Tannstetters Darstellung der Viri Mathematici nicht umfangreich – sie umfasst nur etwa 3000 Worte.

Auf dem Titelblatt heißt es:

„Tabulae Eclypsium Magistri Georgii Peurbachii. Tabula Primi mobilis Joannis de Monte regio.“

Dann wird in kleinerer Schrift fortgesetzt:

„Indices praeterea monumentorum, quae clarissimi viri Studii Viennensi alumni in Astronomia et aliis Mathematicis disciplinis scripta reliquerunt.“

Die weiteren Angaben zum Buch:

Druck bei Joannes Winterburger, in Wien am 13. April 1514. Format: 2°, 132 Blätter.[2]

Die Titelseite verweist also bereits auf diese einem Katalog ähnelnde Geschichtsdarstellung, mit etwas anderen Worten: Listen der Werke berühmter Männer der Wiener Universität zu Astronomie und anderen mathematischen Disziplinen. Hier, am Beginn, wird also das Bibliographische hervorgehoben. Diese Geschichtsdarstellung ist im Buch den astronomischen Tabellen vorangestellt.

Eine Darstellung der Geschichte erfolgt oft aus einem Erfolgsbewusstsein heraus. Ein solches wäre angesichts der Weltgeltung, die Wien in Astronomie in der Mitte des 15. Jahrhunderts erreicht hatte, verständlich.

Mathematiker und Astronomen in Wien bis 1514

Die Namen der präsentierten Gelehrten folgen nun in der Überschrift dem Originalwortlaut; die der jeweiligen Überschrift folgende Beschreibung gibt Tannstetters Bemerkungen sinngemäß und verkürzt wieder. In den 19 Überschriften werden 21 Astronomen und Mathematiker genannt, darüber hinaus in den Beschreibungen bei der Nennung fortgeschrittener Studenten weitere 11 Namen. Insgesamt geht es also um 32 in Wien tätige Astronomen und Mathematiker, das ist für den Zeitraum von 1384 (als Heinrich von Langenstein nach Wien kam) bis 1514 eine recht große Anzahl.

Henricus de Hassia Germanus

Der Deutsche Heinrich von Hessen kam von der Universität Paris und führte bald nach der Gründung der Universität Wien hier die Theologie und die Astronomie ein. In seinen Kommentaren zum Buch Genesis werden seine gründlichen Astronomiekenntnisse sichtbar. Er schrieb über Planetentheorien, aber vor allem über Theologie. Darin war Heinrich von Oyta sein Kollege. Er starb am 11. Februar 1397.

Joannes de Gmunden

Johannes von Gmunden wurde in Wien 1406 Magister der Artes liberales[3] und lehrte danach Astronomie und Theologie. Er starb 1442. Tannstetter listet acht Werke von ihm auf, beginnend mit „Tabulas de planetarum motibus: et luminarium eclypsibus verissimas ad meridianum Viennensem.“

Zu seinen bedeutenden Schülern gehörte Georg Pruner aus Ruspach, der die Sterne eifrig beobachtete und wunderschöne Instrumente hinterließ.

Damals wirkten hier noch weitere Magister, nämlich Georg, der Propst von (Kloster-?)Neuburg, Johannes Schinttel sowie Johannes Feldner.

Georgius ex Peurbach

Georg von Peuerbach wurde an der Grenze zwischen Bayern und Österreich geboren. Er wurde an der Wiener Universität Magister und lehrte an der Bürgerschule zu St. Stephan. Regiomontanus war sein Schüler. Er stand in Beziehung zu Kaiser Friedrich III., zu Erzherzog Sigismund und zu Kardinal Bessarion. Er starb noch nicht 40-jährig am 8. April 1462.[4] Tannstetter zählt von ihm etwa 20 Werke auf, gestützt auf eine bereits von Stiborius zusammengestellte Liste. Darin ist u.a. das bekannte Werk „Theoricae planetarum opus insigne“ enthalten.

Joannes de Monteregio Francus

Regiomontanus stammte aus Königsberg in Franken. Tannstetter nennt ihn „Germaniae decus“ (Zierde Deutschlands). Er wurde Magister und zeichnete sich in Astronomie und Mathematik derart aus, dass man ihn als den „princeps artis“ (Fürsten der Kunst) ansah. Er hatte enge Kontakte zum ungarischen König Matthias Corvinus sowie zu dortigen Bischöfen. Danach wirkte er in Nürnberg, bis er zur Kalenderverbesserung von Papst Sixtus IV. nach Rom gerufen wurde, wo er starb – entweder an der Pest oder weil er von den Söhnen des Georg von Trapezunt vergiftet wurde.

Tannstetter listet mehr als 20 Werke anderer Autoren auf, die Regiomontan drucken ließ (etwa die „Cosmographia“ des Ptolemäus in neuer Übersetzung), sodann mehr als 20 Bücher Regiomontans selbst, u.a. seine Ephemeriden.

Georg von Peuerbach und Regiomontanus stellten durch ihr Wirken die Astronomie wieder her. Sie hatten bedeutende Schüler: Mag. Heinrich Seldner, Mag. Eberhard Schleisinger, Mag. Johannes von Pforzheim (Philosoph, Astronom und Theologe), Mag. Johannes von Kupfersberg und Johannes Dorn, einen Dominikaner, der Instrumente aus Metall sowie drei große Himmelsgloben herstellte und 1509 starb.

Christiannus Molitoris ex Clagenfurt

Er wurde in Wien Magister und verfasste vielbeachtete astrologische „Prognostiken“. Er starb 1495 an der Pest. Zu seinen Schülern gehörte Mag. Johannes Fabri aus Weyssenburg und wohl auch dessen Verwandter Mag. Christoph Fabri.

Joannes Muntz ex Plabeirn

Mag. Johannes Muntz aus Blaubeuren, Bakkalaureus der Theologie, schrieb hochgeschätzte astrologische „Prognostiken“. Er starb in Wien am 3. Dezember 1503.

Joannes Stabius Austriacus

Hier gibt Tannstetter an, dass Johannes Stabius ein Österreicher gewesen sei.[5] Ein Dichter, kaiserlicher Kosmograph und Historiker sowie Erfinder. Kaiser Maximilian I. stiftete in Wien Vorlesungen für Astronomie und Mathematik, gehalten durch Stabius und Stiborius.[6] Tannstetter, der sich als Stabius' Schüler bezeichnet, zählt mehr als 10 geographische, astronomische und astrologische Werke von Stabius auf, beginnend mit „Horoscopion universale in lineis helicis“.

Andreas Stiborius Boius

Mag. Andreas Stöberl, ein Bayer, Philosoph und Theologe, jahrelang öffentlicher Professor für Mathematik, auch Lehrer von Tannstetter, der mehr als zehn Werke von ihm auflistet, u.a. „Liber instrumentorum astronomicorum primi et secundi mobilis“. Nur hier, bei Stiborius, führt Tannstetter darüber hinaus die in dessen Besitz befindlichen – wohl teilweise handschriftlichen – Bücher an, und gibt damit einen Eindruck von einer damaligen Gelehrtenbibliothek. In diesem „Index vetustissimorum exemplarium“ (Liste der sehr alten[7] Ausgaben) listet er die Bücher thematisch auf: Mehr als zwanzig Bücher über Astronomie, je ca. zehn über Perspektive, Geometrie und Arithmetik, und je ca. fünf über Metaphysik und Magie.

Stephanus Rosinus

Mag. Stefan Rösel, Bakkalaureus der Heiligen Schrift und Lizenziat der Dekrete, kam aus Augsburg. Er lehrte lange Zeit Astronomie und berechnete eine Tabelle der Deklinationen der Fixsterne sowie „Prognostiken“.

Joannes Angelus

Johannes Engel stammte aus Aichen in Bayern, wurde nach Absolvierung der „artes“ auch Doktor der Medizin.[8] Er konzentrierte sich auf die Verbesserung bereits vorhandener Bücher und Tabellen (etwa solcher von Georg von Peuerbach), schrieb ein eigenes Büchlein zur Kalenderkorrekur, und berechnete Ephemeriden und „Prognostiken“. Er starb in Wien am 29. September 1512.[9]

Georgius Ratzenperger

Dieser Magister kam aus Reb (Bayern) und war ein vielseitiger Gelehrter, auch Astronom.

Dominus Paulus

Mönch in Melk, Astronom und Kosmograph.

Joannes Epperies und Erasmus Ericius

Sie lehrten Mathematik.[10]

Jacobus Lateranus und Joannes Fabricius

Jakob Ziegler war Philosoph, Astronom und Poet; Johannes Fabricius aus Reifling, Philosoph und Astronom, war der Kollege von Tannstetter und Inhaber der zweiten Professur.[11]

Joannes Tzerte

Ratsherr der Stadt Wien, befasste sich mit Mathematik im Hinblick auf Architektur (Berechnung von Plänen etwa für Gebäude).

Andreas Kuenhofer

Er kam aus Nürnberg, studierte in Wien unter Stabius und Stiborius Mathematik, insbesondere Kosmographie. Nun in Italien tätig, wo er hochangesehen ist.

Georgius Strolin

Patrizier aus Ulm, eifriger Student der Medizin, vertraut mit der Astronomie, unterstützte Tannstetter als dessen Schüler bei der Verbesserung der Tabellen dieses Bandes.

Joannes Kolpeck ex Ratisbona

Aus Regensburg stammender Student von Medizin und Astronomie, geschickt bei der Herstellung von Instrumenten aus Metall und anderem Material.

„und ich“

Tannstetter nennt hier seinen Namen nicht.[12] Er bezeichnet sich als Inhaber einer von Kaiser Maximilian eingerichteten Lehrkanzel für mathematische Fächer.

Edition mit Übersetzung (lateinisch/deutsch)

  • Franz Graf-Stuhlhofer: Humanismus zwischen Hof und Universität. Georg Tannstetter (Collimitius) und sein wissenschaftliches Umfeld im Wien des frühen 16. Jahrhunderts. Wien 1996, S. 156–171 (übersetzt unter maßgeblicher Mitarbeit von Hubert Reitterer).

Weblinks

Anmerkungen

  1. Dass Tannstetter alleine (und nicht etwa Andreas Stiborius, wie in der Fachliteratur manchmal irrtümlich angegeben) der Herausgeber war, zeigt Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 91–94: Das Impressum auf der letzten Seite sagt: „Ausgearbeitet und überprüft von Tannstetter“, die Widmungsbriefe haben Tannstetter als Autor, und ein im Buch enthaltener Brief sowie zwei Gedichte nennen Tannstetter als Herausgeber dieser Tabellen.
  2. Die Viri Mathematici kommen auf S. aa3v bis aa6v.
  3. Der akademische Grad eines Magisters („Magister artium“ oder „Magister artium et philosophiae“ genannt) wurde damals an der grundlegenden, die „Artes liberales“ lehrenden Artistenfakultät erworben. Diese „facultas artium“ vermittelte mehrere Fähigkeiten („artes“), nämlich 3 sprachliche (im Trivium, wie z.B. lateinische Grammatik) und 4 mathematische (im Quadrivium, wie Arithmetik und Astronomie).
  4. Die Historiker vermuten in dieser Jahresangabe einen Irrtum Tannstetters, und halten 1461 für korrekt. Siehe z.B. Helmuth Grössing: Humanistische Naturwissenschaft. Zur Geschichte der Wiener mathematischen Schulen des 15. und 16. Jahrhunderts (Saecula Spiritalia; 8). Baden-Baden 1983, S. 83.
  5. Tatsächlich war das etwas Seltenes unter den in Wien tätigen Gelehrten, die vor allem aus Süddeutschland kamen.
  6. Damit sind wohl zwei neugegründete Lehrstühle für diese Fächer gemeint, und zwar an der Universität Wien. Ob diese zur Artistenfakultät gehören sollten oder zum Poetenkolleg von Konrad Celtis, ist unter Historikern umstritten.
  7. Statt sehr alten könnte auch wörtlich ältesten übersetzt werden; daher wäre es möglich, dass Tannstetter hier nur eine Auswahl bringt, also die besonders alten oder wertvollen Bücher nennt. So Grössing: Humanistische Naturwissenschaft, S. 174.
  8. Tannstetter schreibt, wie damals üblich, ungenau von „artium et medicine doctor“. Genau genommen, war der Abschluss bei den „artes“ der Grad eines Magisters, während der Grad eines Doktors erst anschließend an einer der drei höheren Fakultäten, Theologie, Recht oder Medizin, erworben wurde.
  9. Die Angabe dieses Datums zeigt, dass Tannstetter seinen Geschichtsbericht bis knapp an das Erscheinungsjahr 1514 heranführen wollte, dass also kein langer Zeitraum zwischen der Fertigstellung dieses Berichtes und dem Druck liegt.
  10. Beide kamen wohl aus dem Osten nach Wien, aus Eperies bzw. aus Horitz.
  11. Diese Aussage erinnert daran, dass Kaiser Maximilian zwei Professuren gestiftet hatte. Da Tannstetter in der Vergangenheit spricht, war Fabricius im Jahr 1514 wohl nicht mehr Inhaber seiner Professur (aber Tannstetter weiterhin).
  12. Dass mit diesem anonymen „Ich“ nicht Stiborius – der in der Fachliteratur manchmal als Herausgeber dieses Bandes genannt wird – gemeint sein kann, ergibt sich daraus, dass Stiborius bereits vorher behandelt wurde, und dieser „Ich“ sich als Schüler von Stiborius bezeichnet.